9punkt - Die Debattenrundschau

Auf der Gruselskala bis 10 ist es die 11

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.04.2014. Im Fall des mutmaßlichen Raubkunst-Gemäldes im Büro von Hermann Parzinger offenbart sich ein Mangel an Sensibilität, meint der Tagesspiegel. Ina Hartwig warnt im Perlentaucher vor einem zensierten Blick aufs Kind. Ein Leck in der Sicherheitssoftware "OpenSSL" versetzt die Welt in Alarmbereitschaft. Und Florian Coulmas berichtet in der NZZ von Kenchu-zokan, Japans neuem Nationalsport: China verabscheuen und Südkorea hassen.

Gesellschaft

In einem kleinen Perlentaucher-Essay zur Edathy-Affäre zeigt sich Literaturkritikerin Ina Hartwig recht beunruhigt über einen neuen moralischen Rigorismus, der einen Mann dafür ächtet, dass er legale Bilder betrachtet, die niemand kennt. Sie erblickt darin unter anderen auch eine heuchlerische Idealisierung des Kindes: "Man liebt das eigene Kind (und das Bild dieser Liebe), aber wehe, ein Fremder wirft auch nur einen Blick darauf. Der pädophile Mann ist der, der 'mein' Kind rauben möchte, seine Unschuld, seine Vollkommenheit. Tatsächlich teilen der pädophile Mann und die ums Kind tanzenden Eltern die Vorstellung kindlicher Unschuld, oder sagen wir ruhig Schönheit; nur gewissermaßen aus einander ausschließenden Perspektiven."

Im Aufmacher der FAZ unterhält sich Christina Hucklenbroich mit der 24-jährigen Medizinstudentin Giulia Enders über deren Buch "Darm mit Charme".
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Überwachung

"Auf der Gruselskala bis 10 ist es die 11", schlägt Zeit online Alarm über die gravierende Sicherheitslücke in der Verschlüsselungssoftware "OpenSSL". Mashable veröffentlicht eine erste Liste der betroffenen Seiten, deren Nutzer schleunigst ihre Passwörter ändern sollten. Andere forschen längst nach den Ursachen für die "Heartbleed" genannte Schwachstelle und vor allem die Frage, ob es sich um eine "Backdoor" handelt, also eine absichtliche eingebaute Hintertür, etwa zur Ausspähung durch Geheimdienste. "Aus meiner Sicht riecht das wie eine Backdoor, es schmeckt wie eine Backdoor, es hat die Konsistenz einer Backdoor, und es sieht aus wie eine Backdoor", schreibt der Hacker Felix von Leitner in seinem verschwörungstheoretisch ausgerichteten Blog. In einem Gastbeitrag in der FAZ äußert er sich zurückhaltender: "In Zeiten des Spähskandals liegt bei einem solchen Vorkommnis die Frage nahe, ob es sich um eine von den Geheimdiensten herbeigeführte Sabotage-Aktion handelt." Autor des betreffenden Codes ist ein deutscher Programmierer, der mittlerweile für die Telekom arbeitet. Gegenüber dem Sidney Morning Herald verwahrt er sich gegen den Verdacht der Sabotage, gibt aber zu, dass die Lücke in den letzten Jahren von Geheimdiensten genutzt worden sein könnte: "Das ist eine Möglichkeit, und in Sicherheitsfragen ist es immer besser, vom schlimmsten und nicht vom besten Fall auszugehen. Aber weil ich von diesem Fehler bis jetzt nichts wusste und mit keinem Geheimdienst in Verbindung stehe, kann ich darüber nur spekulieren."

Die Vorsitzende der Grünen, Karin Göring-Eckardt, kritisiert in der FAZ-Debatte über Snowden und die Folgen einen zu staatszentrierten Blick Martin Schulz' auf das Netz und will ihren Optimismus nicht ganz aufgeben: "Die Mittel der Kontrolle und Überwachung sind zugleich die Mittel der Freiheit. Es gibt nicht die eine große Verschwörung, denn die Macht muss nicht bei einer Gruppe liegen, sie muss weder oben noch unten konzentriert sein. Sie ist immer in Bewegung, wenn wir sie in Bewegung bringen. Diese Verflüssigung ist die große Möglichkeit an den neuen digitalen Verhältnissen."
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Kulturpolitik

Dass im Büro von Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die als Bundeseinrichtung bei der Provenienzforschung vorbildlich sein will, bis vor wenigen Tagen ein Kokoschka-Gemälde hing, bei dem es sich möglicherweise um Raubkunst handelt, schlägt hohe Wellen. "Da wir davon ausgingen, dass keine Verfolgungsbedingtheit vorlag, gab es keinen Grund, es nicht zu hängen", rechtfertigt sich Parzinger im Gespräch mit Christiane Peitz im Tagesspiegel. In der Berliner Zeitung referiert Nikolaus Bernau die Geschichte des Gemäldes: "1935 hatte es die Berliner Nationalgalerie aus Beständen erworben, die die Münchener Kunstsammlerin und Galeristin Anna Caspari in der Dresdner Bank als Pfand hinterlegt hatte... Anna Caspari gelang es gerade noch, ihre Söhne nach London in Sicherheit zu bringen, bevor sie selbst 1941 nach Litauen deportiert und am 25. November in Kaunas ermordet wurde." Diese Vorgeschichte ist seit Jahren bekannt und im Bildindex des Deutschen Dokumentationszentrums für Kunstgeschichte dokumentiert. Im Tagesspiegel wirft Christiane Peitz Parzinger einen "Mangel an Sensibilität" vor: "Was hat sich der oberste Hüter des kulturellen Preußen-Erbes beim täglichen Anblick eines Bildes gedacht, das einem Opfer des Holocaust gehörte, bevor es an den Staat ging? Einer Jüdin, deren Galerie 1939 von der Gestapo geplündert und geschlossen wurde?"

Weitere Artikel: Der bayerische Justizminister Winfried Bausback verteidigt im Interview mit der SZ das Vorgehen der Staatsanwaltschaft gegenüber Cornelius Gurlitt und stellt klar: Wenn Gurlitt seine Bilder zurückbekommt, kann er damit machen, was er will. Christine Dössel berichtet von einer gründlich schief gegangenen Münchner Debatte der Grünen über Diversität im Kulturbetrieb: Während Mark Terkessidis alles abzuwatschen schien, was irgendwie nach "Bildungsbürgertum" roch, glänzten die Politiker mit grauer Beamtenhaftigkeit.
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Politik

Florian Coulmas schickt der NZZ einen ziemlich deprimierenden Bericht aus Japan. Dort hat die von der Regierung Shinzo Abes propagierte Geschichtsfälschung zu einem Fremdenhass von besorgniserregendem Ausmaß geführt: "Lautsprecherangriffe mit Hasstiraden vor koreanischen Schulen und Läden haben geschäftsschädigende Ausmasse angenommen. Verunglimpfungen der südkoreanischen Präsidentin Park Geun Hye in der Boulevardpresse sind normal. Antikoreanische und antichinesische Bücher erscheinen in so grosser Zahl, dass es in manchen Buchläden dafür eine eigene Ecke gibt und eine Genrebezeichnung dafür entstanden ist: Kenchu-zokan, 'China verabscheuen und Südkorea hassen'. Selbst die Polizei weist in ihrem jüngst veröffentlichten Jahresbericht auf die vermehrten Aktivitäten rechtsextremer Gruppen hin."

Najem Wali schildert für die SZ seine Eindrücke einer Ägypten-Reise: "Die Sprengsätze und Autobomben, die mittlerweile in Kairo und anderen Städten explodieren, sind erste Symptome für Bagdader Zustände. Die Islamisten sprechen vom Faschismus des Regimes, die Säkularen vom Nazismus der Muslimbrüder und die Armee davon, dass nur sie allein der Garant von Sicherheit und Ordnung ist. Zwischen diesen Polen führt der Weg für Kairo direkt nach Bagdad."
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