9punkt - Die Debattenrundschau

Granate des Boulevards

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.03.2014. Die russische Regierung hat die "unverzeihliche Gemeinheit" begangen, zwei Brudervölker gegeneinander aufzuhetzen, schreibt Michail Schischkin in der NZZ. BHL befürchtet die Sudetisierung Europas. Andere Stimmen geben dem Westen die Schuld an Moskaus Invasion in der Ukraine. Die Welt schreibt einen Nachruf auf die Abendzeitung. Auch amerikanischen Politikern werden die Geheimdienste laut NYTimes langsam unheimlich.

Europa

Die russische Regierung hat die "unverzeihliche Gemeinheit" begangen, zwei Brudervölker gegeneinander aufzuhetzen, schreibt der russische Schriftsteller Michail Schischkin in einem engagierten Beitrag in der NZZ. Offenbar fürchtet sich das Regime davor, dass das zivilgesellschaftliche Aufbegehren in der Ukraine in Russland Nachahmung finden könnte: "Man schätzte die Lebensfreude, den Humor und die Selbstironie des 'jüngeren Bruders'. Doch er blieb immer der Jüngere in der Familie, musste also dem Älteren gehorchen, von ihm lernen, ihm nacheifern. Die letzten Monate indes haben den Russen ganz andere Ukrainer offenbart. Der 'jüngere Bruder' war plötzlich erwachsener als der ältere. Die Ukrainer haben es geschafft, ihre Verbrecherbande zu verjagen, wir noch nicht. Natürlich ist das beneidenswert."

BHL spricht in seiner jüngsten Kolumne der Berufung auf die russischsprachige Bevölkerung, die zum Vorwand für die Annexion der Krim dient, jegliche Legitimität ab. Der ethnische statt des zivilen Bürgerbegriffs habe stets nur zu Blutvergießen geführt: "Stellen wir uns vor, dass sich die Flamen auf Putins Beispiel beziehen. Oder die Lega Nord in Italien. Oder die Serben der Republika Srpska. Oder eine jener ungarischen, rumänischen oder mazedonischen Minderheiten, die Istvan Bibo in seinem Buch 'Das Elend der kleinen Staaten Osteuropas' als die Wunden des Kontinents bezeichnete. Das gesamte regionale Gleichgewicht würde zerstört. Es wäre die Sudetisierung unserer Nationalstaaten."

Wolfgang Michal sieht dagegen in Carta eine Symmetrie der Illegitimität zwischen dem Westen und Russland: "Ost und West zerren erneut an der Ukraine. Das nützt nicht dem Land, sondern nur den jeweiligen Clans."

Eine bisschen symbolische Sanktionen sind ja ok, aber Großbritannien will auf keinen Fall die Bestrafung der Oligarchen im Finanzdistrikt, weiß die BBC nach Lektüre eines zufällig fotografierten Insiderdokuments der Regierung.

Der britische Historiker Orlando Figes, Autor eines einschlägigen Buches über den Krimkrieg (1853-1856), erläutert Michael Hesse in einem Gespräch in der FR die Parallelen zwischen damals und heute: "Ähnlich wie am Vorabend des Krimkrieges findet sich in der russischen Rhetorik und Propaganda der Zorn über die westliche Doppelmoral. Es wird als Heuchelei des Westens angesehen, dass dieser Russland vorschreiben will, was es zu tun habe. Russland soll nicht in der Ukraine intervenieren, während der Westen selbst im Irak und Afghanistan militärisch eingefallen ist. Dieser Zorn auf den Westen geht bis in die 1850er Jahre zurück, diese Wut ließ Nikolaus I. im Jahr 1853 den Krieg führen."

Im Interview mit Dorothea Hahn in der taz sieht der in Washington lehrende Historiker Anton Fedyashin die Schuld für die Eskalation in der Ukraine beim Westen: "Im November hat Putin Verhandlungen gemeinsam mit der Ukraine angeboten. Er wollte über das Land als Brückennation diskutieren - weder in der EU noch in der Zollunion, aber mit beiden assoziiert. Die USA und EU haben abgelehnt. Die Europäer dachten, Janukowitsch würde unterzeichnen. Heute bewegen wir uns auf eine solche Lösung zu. Mit dem Unterschied, dass inzwischen Blut geflossen ist."
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Medien

Manuel Brug schreibt in der Welt einen Nachruf auf die Abendzeitung, die der Familie Friedmann, einer der Herausnehmerfamilien der ebenfalls abgestoßenen SZ, gehört und nun in die Pleite geschickt wird: "Michael Graeter war als Klatschreporter mit seiner oft schonungslosen 'Leute'-Kolumne die Granate des Boulevards. Im Lokalteil kürte man alljährlich die 'Schöne Münchnerin'. Im Feuilleton waren die Texte lang und qualitätsvoll, und bei der langsamen Süddeutschen wurde man nicht selten blass ob der Investigativqualitäten der Kollegen im Betonbau nebenan."

Eric Fottorino, ehemaliger Chefredakteur von Le Monde, gründet eine neue Wochenzeitschrift, Le 1, in der er jeweils immer nur ein Thema vertiefen wird - umgeben von einer jungen und kleinen Equipe aus Philosophen, Statistikern, Politologen und Lektoren, aber offenbar nicht Journalisten. Das Internet scheint in seiner Strategie nicht vorzukommen, er redet in Le Monde nur von Print: "Da man in letzte Zeit nur noch Medien für Anzeigenkunden oder Aktionäre macht, hat man den Leser vergessen. Wir reichen neuen Eliten die Hand. Zeitungen informieren, wir inspirieren." Finanzier ist ein der Sozialistischen Partei nahestehender Immobilien-Tycoon.

Ein Vorbild für Deutschland? Israel schafft das Staatsfernsehen ab, meldet turi2 unter Bezug auf verschiedene Quellen.

"In den Niederlanden bieten alle maßgeblichen Tageszeitungen und Magazine ihre Inhalte über eine einzige Webseite mit Bezahlmodus an - eine Art virtueller Kiosk", meldet Konrad Lischka in der verdienstvollen Morgenkolumne von Spiegel Online.
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Internet

Irgendwie scheint das Internet doch noch subversives Potenzial zu haben: "Der gegen Korruptionsvorwürfe kämpfende türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan droht mit einer Sperrung von Facebook und YouTube in seinem Land", melden faz.net und viele andere Medien.
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Überwachung

Die USA werden von einem Überwachungsskandal erschüttert, den ausnahmsweise mal nicht Edward Snowden enthüllt hat. Demnach soll die CIA einen Senatsausschuss ausgespäht haben, der die fragwürdigen Verhörmethoden der CIA unter der Bush-Regierung aufarbeiten sollte. Wie Mark Mazzetti in der New York Times berichtet, wurde der demokratische Senator Mark Udall aus Colorado darauf aufmerksam, dass eine interne CIA-Studie offenbar Einzelheiten aus dem unveröffentlichten Abschlussbericht des Ausschusses enthielt. In einem Brief an Barack Obama bezeichnet Udall das Vorgehen der CIA als "hochgradig beunruhigend für die Arbeit des Aufsichtsausschusses und für unsere Demokratie".

Johannes Boie trifft für die Seite 3 der SZ die Unternehmerin Yvonne Hofstetter, deren Software-Firma die ganz komplizierten Sachen macht (künstliche Intelligenz für Börsen und Militär) und der langsam selbst mulmig zumute wird: "Hofstetter erzählt von Banken, die ihre Kunden mit derselben Technik analysieren, mit der das Bundeskriminalamt kriminelle Netzwerke untersucht. Sie erzählt von Fernsehern mit Kameras, die ihre Besitzer im Bett filmen und die Daten an Firmen versenden. Versicherungen warten darauf, die Fahrdaten, die Autos speichern, auswerten zu dürfen, um Tarife individuell anzupassen. Geheimdienste betreiben seit Jahren offenbar ohnehin, was sie wollen, nämlich jede denkbare Form von digitaler Überwachung." Ihre Konsequenz? "Für den Anfang fordert sie, dass Unternehmen, die Daten von ihren Kunden nutzen, den Kunden dafür Geld geben sollen." Am Ende kommt dann seltsamer Weise die Rede auf den Journalismus und seinen Schmerzensmann in Krisenzeiten, Frank Schirrmacher.
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Weiteres

In seinem noch nicht übersetzten Thriller "Command Authority" aus dem letzten Jahr hat der inzwischen verstorbene Autor Tom Clancy die Ukraine-Krise vorweggenommen, schreibt Dietmar Dath in der FAZ. Christian Lindners Antwort auf Martin Schulz inklusive der Forderung, die EU solle die Datenlieferabkommen mit den USA kündigen, steht nun online. In der NZZ schildert Mona Naggar, wie die zunehmende Instabilität und aus Syrien geflohene Künstler das kulturelle Leben im Libanon verändern.
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