Efeu - Die Kulturrundschau

Demokratiefeindliche Muppetshow unserer Tage

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.03.2014. Allgemeine Fassungslosigkeit über Sibylle Lewitscharoffs Dresdner Rede zur künstlichen Befruchtung. Im Gespräch mit der FAZ relativiert und insistiert die Autorin gleichzeitig: Darf ich nicht sagen, was ich denke? Auch wenn es nicht so gemeint ist? Im Art Magazin erklärt der polnische Künstler Pawel Althamer, wie man sein Ego tötet. Die SZ annonciert einen - überfälligen - postmigrantischen Aufstand an deutschen Theatern. Die NZZ hört Mark Andres Oper "wunderzaichen" und meint: Wunderbar, aber was will sie?

Literatur

Alle sind entsetzt über Sibylle Lewitscharoffs von Ekel und Abscheu gekennzeichnetem Plädoyer gegen künstliche Befruchtung (mehr dazu in unser gestrigen Kulturrundschau). Im Feuilleton der FAZ erhält die mit dem Büchner-Preis ausgezeichnete Autorin in Form eines Gesprächs viel Raum, um ihre Thesen zu relativieren, aber auch zu bekräftigen: Sie beruft sich im wesentlichen darauf, dass die Rede bloß einen Gedankengang protokolliere, nicht aber ohne weiteres als verbindliche Aussage zu verstehen sei. Den Ausdruck "Halbwesen" etwa will sie nicht zurücknehmen, aber ganz so gemeint war es auch nicht: "Ja, der Gedanke durchfährt mich, fast wie ein Blitz, das wird man doch sagen dürfen. Aber natürlich hat das für den Umgang mit einem solchen Kind keinerlei Folgen. Das Kind kann nichts dafür, das habe ich in meiner Rede gesagt. Man wird doch einmal einen schwarzen Gedanken äußern dürfen, oder nicht? Wie oft sagt einer 'Ich bringe meinen Nachbarn um' und tut es nicht."

Im heutigen ZDF-Morgenmagazin hat sie sich mittlerweile etwas deutlicher ausgedrückt: "Ich würde diesen Satz [zu den 'Halbwesen'] sehr gerne zurücknehmen. Es tut mir wirklich leid, der ist zu scharf ausgefallen."

Der Welt verrät sie unterdessen: "Meine Polemik richtete sich dagegen, die Männer bei der Erziehung von Kindern nicht zu beteiligen, in ihnen nur Samenspender zu sehen und nichts weiter."

"Willkommen zurück im Mittelalter", meint da nur Richard Kämmerlings in der Welt. Lewitscharoffs Rede hält er für menschenverachtend an der Grenze zur Volksverhetzung. Und er spannt die Perspektive weiter auf: "Es mehren sich die Anzeichen für einen neuen Kulturkampf ... Während Matussek auf der unbezweifelbaren Tatsache besteht, dass Schwule nun mal - auf 'natürliche Weise' - keine Kinder kriegen können, sekundiert Sibylle Lewitscharoff jetzt damit, dass auch die Lesben, die sich eine befruchtete Eizelle einpflanzen lassen, wider die (gottgegebene?) Natur des Menschen handeln. Die einen können nicht, die anderen sollen nicht."

Ihr Berufskollege John von Düffel erhebt in einem Brief in der Welt schwere Vorwürfe: "Genauso wie die Herkunft, das Geschlecht oder die Rasse eines Menschen nicht zu seiner Abwertung oder Diskriminierung führen darf, darf auch nicht die Art und Weise der Erzeugung und Entstehung menschlichen Lebens zu seiner Diskriminierung missbraucht werden. ... [Du] überschreitest in Deiner Widerwärtigkeitspolemik tatsächlich die Grenze des Respekts vor allem menschlichen Leben, die den zweifellos vorhandenen medizinischen Machbarkeitswahn als einzige im Zaum hält, und demontierst so die Werte, auf die Du Dich in Deiner 'Abscheu' berufst."

In ihrer Zusammenfassung der Rede für die Berliner Zeitung konstatiert Sabine Vogel: "Was ihre schräg verzwirbelten Romane mit religiöser Spinnerei und fantastischem literarischem Wahnsinn auflud, driftete in Lewitscharoffs Dredner Sonntagsrede (...) plötzlich in christlichen Fundamentalismus ab."

In der taz ist Jan Feddersen fassungslos darüber, dass Lewitscharoff ihre Rede in Dresden ohne Widerspruch halten konnte und erst gestern ein online veröffentlicher taz-Artikel von Dirk Knipphals den Skandal ins Rollen gebracht hatte.

Sehr fassungslos auch Georg Diez auf Spiegel Online: Für ihn ist Lewitscharoffs Auftritt symptomatisch für die "demokratiefeindliche Muppetshow unserer Tage, die immer mehr bevölkert wird von reaktionären Knallchargen." Konkret spricht er alle an, die die Autorin bislang mit Stipendien und Auszeichnungen versehen haben: "Wie stehen sie zu einer Schriftstellerin, die bestimmte Menschen als 'Halbwesen' bezeichnet?"

Sehr enttäuscht ist auch Lewitscharoffs englische Übersetzerin Katy Derbyshire. In ihrem Blog Love German Books schreibt sie: "Of course, every right-minded reader in Germany is up in arms that an award-winning writer could push such a fundamentalist agenda, and the kindest conclusion is that the writer herself is not in her right mind. Perhaps the only consolation, for me, is that said writer is one of the few of those I've translated who probably doesn't even remember my name."

In der FAZ meint Sandra Kegel, dass Lewitscharoff "tatsächlich Grenzen überschritten hat, die man in unserer Gesellschaft seit Gründung der Bundesrepublik für unüberschreitbar gehalten hatte: Zumindest darüber, was einen Menschen ausmacht, glaubte man nicht mehr diskutieren zu müssen, auch nicht darüber, wer ganz zu uns gehört und wer nur 'Halbwesen' ist, mit welchen Konsequenzen auch immer." Und in der SZ erinnert Andreas Bernard die Schriftstellerin daran, dass die Nazis künstliche Befruchtung "schroff ablehnten": "Es gehört zum Verhängnisvollen solcher Polemiken, dass ihre Verfasser oft nicht wissen, in welchen historischen Allianzen sie sich bewegen."

In der Zeit verspricht David Hugendick unterdessen gehorsam, "die Hände über der Bettdecke" zu lassen. Und nicht zuletzt wussten ja auch schon Monty Python einiges über die Heiligkeit des Samens und dessen Zweck zu sagen:



Außerdem: In der FAZ porträtiert Sandra Kegel mit gediegenen Worten Philipp Keel, den jungen Chef des Diogenes Verlags. Besprochen werden Ralf Königs Comic "Konrad & Paul: Raumstation Sehnsucht" (Welt), Sascha Arangos Krimi "Die Wahrheit und andere Lügen" (Welt), Marie Jalowicz Simons Buch "Untergetaucht" (Berliner Zeitung), ein Band über Emilie Linder (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Film

Die Krimkrise erinnert Inga Pylypchuk (Welt) an den 1960 entstandenen Film "Die Dame mit dem Hündchen", eine Tschechow-Verfilmung, in der die Krim noch ganz als "Sehnsuchtsoase" gekennzeichnet ist.

Besprochen werden "Saving Mr Banks" mit Tom Hanks als Walt Disney (Tagesspiegel, NZZ, Welt, Perlentaucher), Wes Andersons neuer Film "Grand Budapest Hotel" (Welt, mehr hier), der Dokumentarfilm "Verbotene Filme" über die sogenannten Vorbehaltsfilme aus der NS-Zeit (Berliner Zeitung) und der Fantasy-Reißer "300: Rise of an Empire" (Welt, Perlentaucher).


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Musik

Der Dröhn- und Düstersound von Forest Swords war beim Berliner Konzert für Jens Balzers Geschmack (Berliner Zeitung) letzten Endes doch nicht depressiv genug: "Diesen Restbestand einer hoffnungsvoll-positiven Haltung zur Welt kann man unter ethisch-moralischen Aspekten ganz angenehm finden; in musikalischer Hinsicht kann die Tiefenentspanntheit aber auch leicht zu einer ins Langweilige strebenden Schlaffheit absinken." Er sah "einen weichen, gelegentlich ins Lullige lappenden Auftritt, dessen Versuch der Verbindung von klanglicher Kälte und rhythmischer Wärme letztlich nur zu mitteltemperierter Melancholie führte." Hier einige Hörproben.

Weiteres: Klaus Walter reist in der taz mit Jon Savages neuem Bildband über Punk-Singles der 70er Jahre in eine Ur-Punkwelt, die heute nostalgisch verklärt wird. Im Tagesspiegel empfiehlt Martin Böttcher neue elektronische Musik aus Berlin. Peter Uehling meldet in der Berliner Zeitung den Fund eines Gemäldes von Johann Sebastian Bach. Markus Schneider porträtiert in der Berliner Zeitung die Musikerin Andrea Schroeder. Christoph Dieckmann schreibt in der Zeit über den Musiker Mitch Ryder.

Besprochen wird ein Konzert von Bonnie "Prince" Billy in Berlin (Welt), Miss Platinums Album "Glück & Benzin" (taz), ein Konzert von Max Raabe in New York (FAZ) und eine Neueinspielung von Mozarts "Le nozze di Figaro" mit dem Dirigenten Teodor Currentzis und seinem Ensemble Musicaeterna (NZZ).
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Kunst



Fürs art Magazin unterhält sich Claudia Bodin mit dem polnischen Bildhauer und Aktionskünstler Pawel Althamer, der mit Obdachlosen, kriminellen Jugendlichen oder Immigranten arbeitet und jetzt im New Museum seine erste Solo-Austellung in den USA hat: Er lädt die Besucher dazu ein, die Museumswände mit Kreide, Farbe und Pinseln zu attackieren. "Hier kann man Konflikte ausdrücken, ohne jemanden umzubringen", sagt er. "Man kann lediglich Egos töten. Und das passiert. Sehen Sie sich diese Stelle an, an der jemand die Arbeiten von jemand anders großflächig übermalt hat. Für mich sieht es so aus, als ob er dabei einen Regenbogen kreiert hätte. Ordnung und Chaos existieren nebeneinander." (Bild: Benoit Pailley, Paweł Althamer: The Neighbors, 2014. Exhibition view, New Museum)

Außerdem: In der SZ schreibt Peter Richter über die Biennale des Whitney Museums in New York. Frédéric Schwilden berichtet für die Welt von der Berliner Pressekonferenz zur Ai-Weiwei-Ausstellung in Berlin.
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Bühne

In der SZ annonciert Christine Dössel nach einer Münchner Diskussionsveranstaltung des "Göthe-Protokolls" über strukturellen Rassismus einen postmigrantischer Aufstand an deutschen Theatern. Und der ist überfällig, meint sie. So berichtete etwa der indischstämmige Schauspieler Murali Perumal von Reaktionen auf einen Offenen Brief, in dem er kritisiert hatte, "dass Schauspieler mit sichtbarem Migrationshintergrund, so wie er einer ist, auf den hiesigen Bühnen keine Rolle spielen. Wenn überhaupt, dann würden sie nur als Gast engagiert, für 'spezielle Migrantenstücke' auf Nebenbühnen oder explizite Ausländerrollen in Stücken wie 'Der Kampf des Negers und der Hunde' oder 'Das Fest'. Er selbst höre von Dramaturgen immer wieder, er sei 'zu speziell' - ein indogermanischer Schauspieler aus Bad Godesberg, der hervorragend Deutsch spricht, seine Muttersprache. Perumal vermutet, dass das Theater da sein Publikum unterschätzt. Im Fußball sehe es doch auch einen Boateng oder Sami Khedira ohne Verstörung. 'Was macht denn der Zuschauer, wenn ich auf die Bühne komme. Rennt er raus?'"

Großartige Aufführung, lobt in der NZZ Marco Frei die Uraufführung von Mark Andres Oper "wunderzaichen" an der Stuttgarter Oper, "allerdings muss sich Andre die Frage gefallen lassen, was diese Oper eigentlich will. Statt couragiert die Finger auf die zahllosen Wunden der Gegenwart zu legen, flüchtet sich die Mehrzahl der jüngeren Komponisten in abgehobene Sujets. Auch Andres 'wunderzaichen' ist weit entfernt von einer sozialkritischen Haltung, wie sie Luigi Nonos 'Prometeo', Lachenmanns 'Mädchen mit den Schwefelhölzern' oder Salvatore Sciarrinos 'Superflumina' prägt."

Weiteres: Melanie Suchy berichtet in der Welt von der Tanzplattform Deutschland 2014, wo Choreografen und Tänzer - mit Ausnahme von Antonia Baehr und Richard Siegal - eher "Fades" boten.

Außerdem gratuliert Manuel Brug der Opernsängerin Kiri Te Kanawa zum 70. Geburtstag. Hier singt sie Mozart:


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