9punkt - Die Debattenrundschau

Funktionärshabitus

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.02.2014. Die Zeitungen sind sehr erschrocken: Über das Netz gibt es wirklich nichts Gutes mehr zu sagen. Jaron Lanier bestätigt es in der Zeit: Das Netz wird uns Hyperarbeitslosigkeit bringen. In der FAZ beklagt Shoshana Zuboff die willfährige Kooperation der Internetfirmen mit der NSA. In der taz mokiert sich Marko Martin über die Beflissenheit deutscher Literaten. Martin Schulz hat vor der Knesset ein paar sachliche Fehler gemacht, findet die Welt. Die FAZ verteidigt ihn. In der Zeit streiten Ulrich Beck und Alain Finkielkraut über Europa. Die jetzt bekannt gewordenen Gurlitt-Bilder sind die wertvollsten der Sammlung, sagen FAZ und SZ.

Europa

In einem (nicht online stehenden) Streigespräch in der Zeit diskutieren Ulrich Beck und Alain Finkielkraut sehr angeregt über Europa. Finkielkraut pocht auf die Souveränität der Nationen und fordert einen europäischen Protektionismus, während Beck für ein kosmopolitisches Europa und mehr Einwanderung plädiert: "Meine Vision für Europa will Nationen nicht überwinden, vielmehr sie im Zeitalter der Kosmopolitisierung erst wieder handlungsfähig machen. Das setzt Institutionen voraus, die über den Nationalstaat hinausgehen." Dazu Finkielkraut: "Die Institutionen, von denen Sie sprechen, verkörpern heute einen bürokratischen Prozess, in dem die Europäer gegen ihren Willen Gefangene sind."

Adolf Muschg rät in der Welt, nicht mit dem Finger auf die Schweiz zu zeigen: "Mit dem Votum gegen 'Masseneinwanderung' macht die Schweiz News. Weil man sie nicht versteht? Weil man sie nur zu gut versteht. Man hätte die Entscheidung, hätte man denn eine direkte Demokratie, nicht anders, und wahrscheinlich deutlicher, getroffen: gegen die eigene Regierung, gegen 'Brüssel', gegen den Euro, gegen alle gefühlten Lasten der Globalisierung."

Archiv: Europa

Überwachung

Shoshana Zuboff, Autorin des frühen Buchs "In the Age of the Smart Machine", beschreibt im Aufmacher der FAZ noch einmal, will willfährig die großen Internetfimen von Google bis Apple mit der NSA kooperieren und begrüßt die Intervention des EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz in der FAZ: "Präsident Obamas im Januar gehaltene Rede zur staatlichen Überwachung war für alle jene eine Enttäuschung, die das dringende Erfordernis eines Wandels erkennen. Jetzt richten sich die Augen der Welt auf Europa." Offenbar hat Zuboff ihren Text geschrieben, bevor sie wusste, dass ein Asylantrag für Snowden in der EU an Martin Schulz' Fraktion scheitern würde!

Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang noch einmal auf das große Gespräch mit Kevin Kelly in Edge, das wir gestern in der Spätaffäre resümierten. Das Tracken gehöre zum Internet wie das Kopieren, sagt Kelly, und man könne auf Überwachung nur reagieren, indem man die Überwacher überwacht.
Archiv: Überwachung

Internet

Die Nutzer profitieren nicht vom Internet, erklärt der Netzpionier Jaron Lanier in der Zeit (leider nicht online) im Interview mit Maximilian Probst und Kilian Trotier. Im Gegenteil: während sich einige wenige Unternehmer unverhältnismäßig bereichern, wird der Mittelschicht ihre Lebensgrundlage entzogen, argumentiert Lanier: "Mit 3D-Druckern und der Hochtechnisierung in Betrieben treten wir wahrscheinlich in ein Zeitalter der Hyperarbeitslosigkeit ein. Schauen Sie sich an, wie sich beispielsweise der Fotomarkt entwickelt hat: Die Firma Kodak hatte in den USA einst hunderttausend Angestellte, beim Netzfotodienst Instagram arbeiteten 13 Leute, als Facebook ihn 2012 kaufte. Das Gleiche passiert in der Musikindustrie, im Journalismus, auf dem Buchmarkt. So, wie sich die Digitalisierung bislang entwickelt hat, zerstört sie die Mittelschicht unserer Gesellschaft." Als Lösung schlägt Lanier ein Mikrobezahlsystem vor, mit dessen Hilfe alle Netzinhalte vergütet werden können.
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Archiv: Internet

Kulturpolitik

Bei den jetzt bekannt gewordenen Bildern aus der Gurlitt-Sammlung, die der Sammler in Salzburg lagerte, handelte es sich um die bei weitem wertvollsten seines Fundus, schreibt Stefan Koldehoff in einem kenntnisreichen Hintergrundartikel für die FAZ. "Ein Brückenbild von Monet und eine Seine-Ansicht von Pissarro, Porträts von Renoir und ein Meerbild mit Segelboot von Manet haben das Haus in Salzburg verlassen. Außerdem Werke von Courbet, Corot, Liebermann und eine Zeichnung von Picasso. Genaue Bildtitel nennen Gurlitts Helfer nicht." Gurlitts Anwalt sagte, es gebe keine Hinweise auf Raubkunst bei diesen Bildern - Koldehoff will das aber von einer Prüfung der Werke abhängig machen.

Ähnlich sehen es Catrin Lorch und Ira Mazzoni, die für die SZ recherchieren: "Die Mutmaßung des Anwalts widerspricht auch der Eigendarstellung Hildebrand Gurlitts im ungedruckten Vorwort zur Ausstellung 'German Watercolours' 1955: 'Längst bin ich kein Kunsthändler mehr, die 'Tausend Jahre' des Dritten Reichs waren mir genug.'"

Politik

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz hat vor der Knesset für einen Eklat gesorgt. Zwar habe er versucht, eine ausgewogene Rede zu halten, konzediert Clemens Wergin in der Welt, aber er habe auch eine Menge sachlicher Fehler gemacht, etwas als er die Blockade des Gaza-Streifens durch Israel anprangerte: "Schließlich war die israelische Abschottung eine Reaktion auf die Machtübernahme der Hamas und den zunehmenden Raketenbeschuss aus Gaza. Und ganz offensichtlich hatte ein israelisches Entgegenkommen - der vollständige Rückzug aus Gaza - eben keinen mäßigenden Effekt auf die Extremisten, ganz im Gegenteil."

FAZ
-Feuilletonchef Nils Minkmar hat Schulz, der im Moment im FAZ-Feuilleton ein großer Star ist, sogar nach Israel begleitet und nimmt ihn in Schutz gegen die Siedlerpartei, die in der Knesset gegen ihn protestierte.
Archiv: Politik
Stichwörter: Hamas, Israel, Martin Schulz

Weiteres

Weiteres: In der SZ schließt Adam Krzeminski aus Geschichtssatiren und kontrafaktischen Erzählungen auf die gegenwärtige Seelenlage Polens. Und Cathrin Kahlweit resümiert ebenfalls in der SZ ungarische Auseinandersetzungen über das Gedenken an den Holocaust im Land.
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