Efeu - Die Kulturrundschau

Der große Ominöse

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13.02.2014. Die Welt lernt aus Annekatrin Hendels Doku "Anderson", warum so viele der damals Bespitzelten dem Dichter und IM Sascha Anderson so halb verziehen haben. Die NZZ verliebt sich in die Überraschungseffekte des Produktdesigners Richard Sapper. Im Tagesspiegel staunt Horst Bredekamp immer noch über die Fähigkeiten des Künstlers, der ihm gefälschte Galileo-Zeichnungen andrehte. Die taz schwebt eine Minuten mit "Die Nerven".

Design

In der NZZ schreibt Gabriele Detterer über den Produktdesigner Richard Sapper, dessen Transistorradios und Kaffeemaschinen sie für ihre elegante Schlichtheit und durchdachte Ergonomie schlicht bewundert. "Sapper ist ein Meister des Erfindens von zerlegbaren Geräten. Die sind platzsparend und sorgen für einen Überraschungseffekt. Was wird nach dem Auseinanderklappen des Objektes zum Vorschein kommen? Radio, Telefonapparat, Armlehnstuhl, Velo oder Klapproller? Wenn ein Möbel oder Gerät nach dem Gebrauch zusammengefaltet wird, werden Funktionsteile und Bedienungselemente unsichtbar. Das Ding verwandelt sich in ein ästhetisches Objekt."
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Film

Auf der Berlinale lernt Welt-Rezensent Michael Pilz in Annekatrin Hendels Doku "Anderson", warum so viele der damals Bespitzelten dem heute 60jährigen Kopf der DDR-Bohème und IM Sascha Anderson so halb verziehen haben: "Von "deutscher Milde" spricht der Küchenimpresario Ekke Maaß. Aber das ist es nicht. Er redet vom "Sascha-Prinzip", und das ist es schon eher. Da war einer in seiner Küche aufgetaucht, für den das Leben selbst Literatur war und die eigene Figur eine Fiktion. Der Dichter, der Sänger der Band Zwitschermaschine, der Kurator, Weiberheld und Pfau. Man weiß noch immer nicht, was man dem "Anderson", den er im Film spielt, glauben darf. "Seine Geschichte ist unsere Geschichte", sagt einer, den Anderson manisch bespitzelt hatte", der Lyriker Bert Papenfuß, in dessen Kneipe Anderson gelegentlich Gedichte vorliest. "Für Papenfuß war er immer der große Ominöse."

Außerdem zur Berlinale: Filme, die tatsächlich in der Lage sind, Debatten anzustoßen, findet man bei der Berlinale nicht im Wettbewerb, sondern in den Nebensektionen, lautet Matthias Dells Befund im Freitag: Vor allem die Dokumentarfilme "Anderson" über Sascha Anderson (eine weitere Kritik in der taz) und "Meine Mutter, ein Krieg und ich" (beide im Panorama), sowie Max Linz" "gallig-vergnüglichen" Forumsfilm "Ich will nicht künstlich aufregen" (unsere Kritik) könnten im besten Sinn "tatsächliche Aufregung" erzeugen. In der Welt ärgert sich Rezzo Schlauch nach Errol Morris" Dokumentarfilm "The Unknown Known" über Donald Rumsfelds Arroganz. Tilman Baumgärtel schreibt in der taz über Ken Loach, den die Berlinale mit einer Hommage und das Berliner Kino Lichtblick mit einer Filmreihe würdigt (mehr zu Loach auch im Perlentaucher und in der Welt). Für den Tagesspiegel trifft sich Kai Müller mit dem Schauspieler Stellan Skarsgard, der mit gleich zwei Filmen im Wettbewerb vertreten ist. Katja Lütghe vergleicht in der Berliner Zeitung die beiden Panorama-Filme "Through A Lens" und "Blind". Claudia Lenssen spricht in der taz mit der Regisseurin Maria Speth, deren Film "Töchter" das Forum zeigt. Das Berlinale-Blog des Perlentauchers finden Sie hier.

Außerdem: In der Zeit porträtiert Nina Pauer auf einer ganzen Seite den Filmproduzenten Nico Hofmann ("Die Flucht", "Rommel", "Unsere Mütter, unsere Väter"), dessen Dokudrama über Christian Wulff, "Der Rücktritt", drei Tage vor dem Urteilsspruch gegen den ehemaligen Bundespräsidenten ausgestrahlt wird. In der SZ versichert Catherine Deneuve im Interview zu ihrem neuen Film "Madame empfiehlt sich": "Ich möchte nicht so tun, als wäre ich jünger oder verführerischer. Ich versuche meinem Alter entsprechend zu leben, nicht nur physisch, sondern auch mental..." Besprochen wird David O. Russells neuer Film "American Hustle" (FR/NZZ, SZ, FAZ, Zeit).
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Musik

Für die taz porträtiert Elias Kreuzmair die Indie/Punk-Band Die Nerven, von der er sich gut vorstellen kann, dass sie - neben Bands wie Trümmer und Messer - die von Tocotronic in der hiesigen Popmusik hinterlassene Leerstelle füllen könnte. Auf Youtube finden wir ein aktuelles Video:



Ennio Morricone war in Berlin. Dazu gab es kürzlich schon ein Porträt in der Welt. Die Zeitungen entsandten zwei Kritiker zum Konzert: In der Berliner Zeitung beklagt Thomas Klein die ungünstige Akustik der O2-World und wundert sich über das eigenwillig zusammengestellte Potpourri. Versöhnlicher dagegen Thomas Mauch hier in der taz, der sich über einen "gediegenen Abend" freut: Er erlebte "einen Taumel aus Inbrunst, die delirierenden Schreie im Singen, wo Trash, Kitsch und veredelte Kunst zum Gospel zusammenkommen. Die großen Gefühle."

Außerdem: Daniel Bax stelllt in der taz den türkischen Musiker Mercan Dede vor, der im Berghain traditionelle Musik einem Update unterzieht. In der SZ porträtiert Wolfgang Schreiber den Dirigenten Herbert Blomstedt, der letzten Samstag mit den Berliner Philharmonikern eine fantastische "Symphonie Fantastique" aufgeführt hat.
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Literatur

In die von Florian Kessler angestoßene Debatte um den bildungsbürgerlichen Konformismus der deutschen Gegenwartsliteratur schaltet sich Marko Martin mit einer Wortmeldung in der taz ein, in der er das Netzwerkertum und Projektdenken unter deutschen Literaten beklagt: "Hatte man in den Jahren nach 1989 vor allem gewisse Ossis mit dieser Mischung aus intellektueller Bräsigkeit, provinzieller Verdruckstheit und schamlosem Antichambrieren assoziiert, so scheint diese Mentalität nun über die gesamte "Kulturnation" geschwappt zu sein. Ob es wohl helfen würde, wenn manche deutsche Autoren mal hören würden, was, sagen wir, zwischen Zagreb und Tel Aviv an mehr oder minder gutmütiger Spottrede im Schwange ist über ihren ebenso braven wie eilfertigen Funktionärshabitus?"
Besprochen werden unter anderem neue Bücher über die Geschichte des britischen Empires in Asien (NZZ), Jagoda Marinićs Roman "Restaurant Dalmatia" (NZZ) Sowohl FAZ als auch SZ besprechen groß Feridun Zaimoglus neuen Roman "Isabel".

Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Kunst

Im Standard spricht Eric Fischl anlässlich seiner Retrospektive in der Wiener Albertina über seine Kunst und vor allem über seine an den 11. September erinnernde Skulptur "Tumbling Woman", die er nach heftigen Diskussionen zwei Tage nach ihrer Aufstellung in New York wieder abbauen musste: "Ich hoffte naiverweise sogar, sie würde Teil eines großen Memorials werden. Das wird sie ja wohl nie. Tatsache ist: Tausende Menschen starben bei dem Unglück, wir sahen sie aus den Fenstern springen. Aber Sinnbild für das Leid, für unseren Schmerz und unser Entsetzen wurden die eingestürzten Türme. Wen kümmert die Architektur?!"

Nachdem aufgedeckt wurde, dass er bei der Präsentation angeblich echter Galilei-Zeichnungen geschickten Fälschungen aufgesessen ist, steht der Kunsthistoriker Horst Bredekamp Thomas de Padova im Tagesspiegel ausführlich Rede und Antwort: "Alte Bücher als Bleidruck zu fälschen, galt lange als so gut wie unmöglich. Die alten Materialien zusammenzubringen, das Papier zu schöpfen, die Wasserzeichen einzulassen, schon das ist sehr schwierig. ... Es bleibt nach wie vor ein Rätsel für mich, wie der Maler die stilistischen Finessen besitzen kann, Detailbeobachtungen umzusetzen, die ich nur nach langer Beschäftigung mit dem Original unter der Lupe habe wahrnehmen können und über die auch niemand sonst geschrieben hat."

Mit großem Enthusiasmus taucht Norbert Miller für die NZZ beim Besuch einer Frankfurter Ausstellung über den ästhetischen Niederschlag der Arabeske im 19. Jahrhundert in eine "neue und ganz und gar wunderbare Welt" ein. Man "geht von einer zur anderen Entdeckung und weiß gleich wie wichtig die Arabeske für das romantische Weltverständnis (und damit in Teilen wohl auch für das unsere) war und ist. ... Die Jenenser und Berliner Romantiker, die damals Goethe nachstrebenden Brüder Schlegel allen voran, wollten diese vorsichtige Aufwertung der Arabeske entschieden höher steigern, als das im Umkreis des Weimarer oder Berliner Klassizismus denkbar gewesen wäre. Für Friedrich Schlegel war sie "die älteste und ursprüngliche Form der Phantasie", tastende und nur in Hieroglyphen fassbare Aneignung der Welt."

Weiteres: Die FR meldet die Präsentation zweier angeblich authentischer Shakespeare-Porträts. Besprochen werden die Farocki-Schau im Hamburger Bahnhof in Berlin (Berliner Zeitung), eine Dresdner Ausstellung über die Shoah (Freitag) und eine Ausstellung über den italienischen Jugendstil im Musei San Domenico in Forlí (SZ).
Archiv: Kunst