9punkt - Die Debattenrundschau

Bessere Mischung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.02.2014. Warum kriegen die Muslime eine Islamkonferenz, während alle anderen Einwanderer keine Konferenz kriegen?, fragt Monika Maron in einem Text, den Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner in letzter Minute kippte und den dann die Welt am Sonntag brachte. Der Tagesspiegel interviewt Olivier Roy zur Verführungskraft des Salafismus. Im Guardian attackiert Timothy Garton Ash die britische Ukraine-Politik. Andrew Sullivan denkt in The Daily Dish über die Vorwürfe Dylan Farrows gegen ihren Adoptivvater Woody Allen nach. Alice Schwarzer beklagt in ihrem Blog die Verletzung ihres Steuer(hinterzieh)geheimnisses.

Religion

Warum bekommen die Muslime eine Islamkonferenz, die Buddhisten aber keine Buddhistenkonferenz, fragt Monika Maron in einem Text, den Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner in letzter Minute kippte, und den jetzt die Welt am Sonntag brachte. Sie benennt allerdings auch, dass der Status von Religion in Deutschland an sich problematisch ist: "Wenn die religiösen Ansprüche der Muslime mit dem Gleichheitsgebot des Grundgesetzes kollidieren sollten, müsste man, wie der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel Samad es schon vorgeschlagen hat, die Privilegien der christlichen Kirchen womöglich beschränken, um den Zugriff des Islam auf das öffentliche Leben von uns allen zu verhindern."

Dass Büchner, der sich gerade noch gegen einsame Entscheidungen von Chefredakteuren ausgeprochen hatte, den Artikel gekippt habe, weil er ihm zu "sarrazinmäßig" gewesen sei, bestreitet der Spiegel laut Tagesspiegel. "Tatsächlich sei ihr Beitrag für die aktuelle Ausgabe eingeplant gewesen, dann aber zugunsten einer besseren Mischung aus dem Heft genommen worden, da es in einem Beitrag bereits um die Anhänger des türkischen Predigers Fetuhullah Gülen gehe."

Im Tagesspiegel interviewt auch Eren Güvercin den französischen Islamwissenschaftler Olivier Roy zur Attraktivität des Salafismus, den Roy als eine extreme Ideologie definiert, die sowohl die Kultur der islamischen Länder als auch die Werte der Moderne ablehnt: "Die RAF war ebenfalls das Phänomen einer Generation, die ihre Eltern als Faschisten bezeichnete oder als Menschen, die ihre Seele dem Konsum opferten. Der Fehler, der gerade in Europa gemacht wird, ist, dass man im Salafismus eine Art Kampf der Kulturen (sieht) statt eine eigenartige Radikalisierung einer westlichen oder verwestlichten Jugend. Dieses Missverständnis rührt daher, dass Europa die Rolle der Konvertiten einfach nicht versteht."

In der FAZ erzählt Emran Feroz, ein Österreicher afghanischer Herkunft, die Geschichte eines jungen, nach Österreich emigrierten Tschetschenen, der sich durch den Syrien-Konflikt radikalisiert.
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Europa

Im Guardian fordert Timothy Garton Ash vor allem von seinem Premierminister David Cameron etwas mehr Engagement für die Sache der Ukraine: "In seiner idealistischen Jugend waren die Deutschen die leisetreterischen Stabilitätsanhänger, und die Briten forderten Menschenrechte für Osteuropa. Jetzt erklärt Angela Merkel - unter Applaus - ihrem Parlament, dass die ukrainischen Behörden nicht 'all die Menschen ignorieren dürfen, die in mutigen Demonstration gezeigt haben, dass sie nicht gewillt seien, sich von Europa abzukehren. Deshalb müssen sie Gehör finden.' Während von den konservativen Bänke des britischen Parlaments die Rufe ertönen, sich von Europa abzuwenden und die zahllosen Horden von osteuropäischen Wohlfahrtsschnorrern draußen zu halten. Zu den wenigen Ukrainern, die hier willkommen sind, gehören die Oligarchen, die Großbritanniens Spezialvisa für die Superreichen bekommen und sich die schicksten Orte von London kaufen. Einer von ihnen, Rinat Achmatow zahlte 136 Millionen Pfunden für einen 25.000 Quadratfuß großen Zweitwohnsitz im luxuriösen Apartmentkomplex One Hyde Park."
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Politik

Der Völkerrechtler Michael Bothe prangert in der SZ die schikanöse Politik beider Konfliktparteien in Syrien gegenüber Hilfsorganisationen an. Dabei sind sie völkerrechtlich verpflichtet, diese Hilfe zuzulassen, erinnert er: "Die Grundregel ist einfach: Humanitäre, unparteiische Hilfsaktionen müssen durchgeführt werden... Die Konfliktparteien, die Gebiete kontrollieren, in denen Not herrscht, müssen solche Hilfe annehmen und ermöglichen. Parteien, durch deren Kontrollbereich Hilfsaktionen geleitet werden, um ihr Ziel zu erreichen, müssen den Transit erlauben und ermöglichen."
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Stichwörter: Michael Bothe, Syrien

Internet

Facebook wird zehn Jahre alt. Das New York Magazine präsentiert eine hübsche Grafik mit allerlei Statistiken. Wir werden uns Facebook wohl nicht abgewöhnen, meint Claudius Seidl in der FAZ am Sonntag: "Kein Mensch hat, als die erste Aufregung über das Wunder des Telefonierens vorüber war, seinen Anschluss wieder abgemeldet - und genau so funktioniert auch Facebook."
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Stichwörter: Facebook

Gesellschaft

Alke Wierth beschreibt in der taz die Zerstrittenheit der Jüdischen Gemeinde von Berlin, die sich seit Jahren in fruchtlosen Grabenkämpfen ergeht: "Die Aufteilung der Konfliktparteien in Alteingesessene und Zuwanderer sei nicht ganz falsch, meint Michal Bodemann, Soziologieprofessor, Autor von Büchern über die jüdische Gemeinschaft in Deutschland und Mitglied der Berliner Gemeinde. Es sei vor allem 'der ältere und ärmere Teil der Einwanderer', auf den sich Joffe stützen könne - von denen viele auf ökonomische und soziale Unterstützung der Gemeinde angewiesen sind. 'Sie hängen sich geradezu verzweifelt an Leute wie Joffe, die in der Gemeinde Macht haben. Und die haben dadurch Kontrolle über diese Mitgliedergruppe.' Das bringe viele Stimmen. 44 Prozent der Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sind über 60 Jahre alt. 'Patronagesystem' nennt das Lagodinsky."

Auf ihrem Blog empört sich Alice Schwarzer über die Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte, schließlich habe sie ja alle Steuern, plus Säumniszinsen, auf ihre Millionen in der Schweiz nachgezahlt: "Der Fall ist damit auch aus Sicht der Steuerbehörde bereinigt. Mit welchem Recht also jetzt diese Denunzierung? In meinem Fall wurde die Information von einem Informanten aus der Schweiz, wie es heißt, gleich mehreren Redaktionen gesteckt, nacheinander - damit es einer sicher bringt. Mehrere Medien hatten sich entschlossen, aus rechtlichen wie ethischen Bedenken, von einer Veröffentlichung Abstand zu nehmen. Der Spiegel allerdings mochte der Versuchung nicht widerstehen. Er pfeift darauf, dass er damit illegal handelt."

"Not so fast", ruft der Dokumentarfilmer in The Daily Beast zu Vorwürfen gegen Woody Allen, er habe Mia Farrows Tochter Dylan missbraucht. Dylan hat diese Vorwürfe in einem Brief in der New York Times jüngst wiederholt. "Die Behörden fanden nie irgendwelche Hinweise, um Mias und Dylans Vorwürfe zu stützen. Solche Vorwürfe ziehen automatisch eine Ermittlung der Polizei nach sich, die nach sechsmontiger Untersuchung schloss, dass Dylan nicht belästigt worden sei."

Andrew Sullivan (The Daily Dish) hält Dylan Farrows Vorwurf des Kindesmissbrauchs, den ihr Adoptivvater Woody Allen an ihr verübt haben soll, dagegen für plausibel. Aber er meint: "Dylan Farrow wird in diesem Fall scheitern. Nicht ganz. Die Lektüre dieses Briefes beieinflusst meinen Blick auf Allen insgesamt. Er erinnert mich daran, wer dieser Mann ist. Es das gleiche, wie wenn wir einen Polanski- oder Gibson-Film ansehen: Es wird für die meisten von uns immer eine Spur von Schuld bleiben, eine Art Komplizenschaft, wenn wir die Kunst eines Mannes bewundern, der Frauen am liebesten unter seine totalitäre Kontrolle stellte. Aber die brutale Wahrheit ist: Wir werden damit weitermachen." Mehr zum Thema auch bei Spiegel Online.
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