9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Kinder kosteten am meisten

29.11.2025. Zwar ist Trumps "Friedensplan" für die Ukraine nicht das Münchner Abkommen von 1938, stellt der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel in der FAZ klar, Putins Propaganda ähnelt aber sehr der von Hitler. Die FAS trifft den Schriftsteller Ezzio Gavazzeni, dessen Enthüllungen über Menschenjagd-Tourismus während des Jugoslawienkrieges für Entsetzen sorgen. In der SZ fragt die Schriftstellerin Nava Ebrahimi, warum Frauen in Japan und Deutschland keine Kinder mehr bekommen wollen. In der FAZ erinnert die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel daran, wie Hannah Arendt aus der Flüchtlings-Perspektive Einsichten für die europäische Geschichte gewann. 

Aber was wollen wir denn?

28.11.2025. Die Deutschen haben keine positive Zukunftsvision mehr, sie wissen nur, was sie nicht wollen, meint die Politikwissenschaftlerin Florence Gaub im Interview mit der Zeit. Im Interview mit der FR beschreibt der Osteuropahistoriker Martin Schulze Wessel das von Russland-Nostalgie geprägte Verhältnis Deutschlands zur Ukraine. Der Tagesspiegel überlegt, welche Folgen die Verurteilung des britischen Politikers Nathan Gill wegen Bestechlichkeit für die AfD-Mitglieder Peter Bystron und Maximilian Krah hat. Und eine gute Nachricht: Verschwörungstheorien sind in Deutschland längst nicht so populär wie in Ungarn, Polen oder den USA, meint in der SZ der Kulturwissenschaftler Michael Butter.

In Richtung Kapitulation

27.11.2025. Erbarmungslose Gewalt setzt sich durch, wenn es Russland am Ende mit Trumps Hilfe gelingt, der Ukraine Land zu rauben, kommentiert Reinhard Müller in der FAZ - dennoch hat man den Eindruck, dass sich viele Akteure mit einem Trumpschen "Friedensplan" arrangieren könnten, etwa der Soziologe Hartmut Rosa in der Zeit. Im Spiegel warnt der Historiker Andreas Wirsching die gegenüber Schurken stets knieweiche deutsche Wirtschaft vor einer Annäherung an die AfD. Der Hamburger Antisemitismusbeauftragte Stefan Hensel erklärt in der Jüdischen Allgemeinen, warum er hinschmeißt - kein Rückhalt in der Politik.

Die Welt weiß Bescheid

26.11.2025. Im Spiegel schildert die Uno-Mitarbeiterin Denise Brown die grausame Gewalt im Sudan. Der Tagesspiegel hört bei der Gründungsveranstaltung der "Bundesarbeitsgemeinschaft Shalom" haarsträubende Beispiele für linken Antisemitismus. Die taz geißelt die neu besetzte Taskforce Islamismusprävention als rechts, weil Islamkritiker wie Ahmad Mansour und Güner Balci beteiligt sind. Unterdessen steigt die Zahl der Selbstmorde im Iran, berichtet ebenfalls die taz. Die FAZ blickt auf das traurige Spektakel um die BBC.

Ein Grund, Verträge zu brechen

25.11.2025. FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube lässt kein gutes Haar an Kulturminister Wolfram Weimer. In der SZ stellt sich Claudius Seidl ebenfalls kulturpolitische Fragen: Sollte man die Subvention großer Häuser in Berlin nicht einfach reichen Leuten überlassen? Die taz zieht eine recht positive Bilanz des Kulturhauptstadtjahrs in Chemnitz. Die NZZ hat herausgefunden, warum es mit  den Tories und Labour parallel bergab geht. 

Die Realität hinter der Propaganda

24.11.2025. Der Witkoff-Dmitriev-Pakt steht in der Tradition des Hitler-Stalin-Pakts, notiert Anne Applebaum im Atlantic. Angesichts der "hybriden Kriegsführung" Russlands fordert Herfried Münkler im Tagesspiegel eine dezidiertere Gegenwehr. Im Spiegel empfiehlt sich der Politologe Daniel Marwecki als Abstiegsmanager für den Westen. Im Standard kritisiert Hanno Loewy linkes Identitätsdenken. Im Blog von Michael Miersch zieht Marko Martin eine Linie vom Antitotalitarismus zu den Dissidenten des Islam. Und die Erasmus-Uni Rotterdam entschuldigt sich bei Eva Illouz.

Zugang zu milliardenschweren Deals

22.11.2025. Die Ukraine muss entscheiden zwischen dem Verlust ihrer Würde oder dem Verlust ihres wichtigsten Alliierten, sagt Wolodimir Selenski in einer ersten Reaktion auf Trumps "Friedensplan", der eine notdürftig abgesicherte Kapitulation der Ukraine vorsieht. Kriegstreiber Putin wird von Trump belohnt, kommentieren Carlo Masala in Zeit online und Phillips Payson O'Brien im Atlantic. Die NZZ schildert die politische Macht der hindunationalistischen Bewegung RSS, die ihren hundertsten Geburtstag feiert.

Co-Autoren der Ordnung

21.11.2025. In der SZ sieht Jürgen Habermas schwarz für die Zukunft Europas. Vom Ukrainekrieg profitiert nur einer: Xi Jinping, meint Viktor Jerofejew in der FAZ. Xi ist allerdings von Paranoia geplagt, das lässt für China nichts Gutes erwarten, warnt in der NZZ der amerikanische Politikwissenschaftler Brahma Chellaney. Die Brandmauer muss bleiben, fordert in der SZ die Politikwissenschaftlerin Heike Klüver. Die nützt allerdings nichts mehr, wenn die AfD stärkste Partei wird. Die Zeit fragt: Wo sind eigentlich die anderen Parteien in Sachsen-Anhalt?

Eine neue Form von Widerstand

20.11.2025. Es sind Muslime, die ihre Kinder vor Islamisten schützen wollen, ruft Güner Balci Linken zu, die den Kampf gegen Islamisten rassistisch finden. In der FAZ schreibt Amir Hassan Cheheltan über die Selbstverbrennung des Studenten Ahmad Baldi im Iran, der nur eines wollte: leben. NZZ und taz erinnern an das Ende der Franco-Diktatur vor fünfzig Jahren: Die Vergangenheit wurde in Spanien bis heute nicht wirklich aufgearbeitet, kritisiert die NZZ. Immerhin gibt es heute eine Debatte, erklärt der Journalist Emilio Silva in der taz. In der Zeit erklärt George Packer, warum ein Roman heute die Welt realer macht als jeder politische Kommentar.

Gegen einige Zehntausend Euro

19.11.2025. Zeit online beleuchtet die frauenverachtenden Gesetze zu Vergewaltigung im Iran. In der FAZ erzählt die ehemalige Kulturkorresondentin Kerstin Holm, wie sie in Russland zur persona non grata wurde.  Die SZ fragt, warum die Kimabewegung den Klimawandel langweilig findet und sich lieber gegen Israel positioniert. Wolfram Weimers halbseidene "Summits" für Leistungsträger werden nun auch von den Qualitätsmedien unter die Lupe genommen.