9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.07.2024. Die Mehrheit der Ostdeutschen sehnt sich nach einem autoritären Staat, darauf setzen AfD und BSW, glaubt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in der taz. Die Darstellung, dass nur der Osten extremistisch wählt, dient nur der AfD, widerspricht die Historikerin Christina Morina in der SZ. Die Welt erinnert daran, wie lange Politik und Kulturbetrieb das Islamische Zentrum Hamburg hofierten. In der taz denkt die Kuratorin Ken Aïcha Sy darüber nach, Kunstwerke aus den Museen zu holen und auf der Straße zu zeigen, um den Senegalesen Kunst näher zu bringen. Außerdem mahnt die taz die "Queers for Palestine", lieber dafür einzustehen, dass Schwule nicht getötet werden.
26.07.2024. In einem düsteren Text für die NZZ schildert Viktor Jerofejew, wie in Russland unter der Ägide Putins Glück und Gewalt verschmelzen. Die FAZ liest die Begründung des Innenministeriums für das Verbot des rechtsextremen Magazins Compact, das mehr war als ein publizistisches Organ. Morgen feiert Berlin den Christopher Street Day. Woher kommen die israelfeindlichen Tendenzen in der queeren Bewegung, fragen einige Medien. Gestritten wird auch über den Ullstein Verlag, der J. D. Vances "Hillbilly-Elegie" nicht weiter verlegen will.
25.07.2024. Die USA sind bereit für eine Präsidentin, glaubt die Historikerin Jill Lepore in der Zeit. In der FAZ berichtet die Schriftstellerin Irina Rastorgujewa, wie in Russland der Sportunterricht zum Kampftraining wird. Was nützt der Gesellschaft die schnelle Entwicklung von KI, wenn sie nur für schlechte Musikvideos und "intelligente" Waffensysteme zum Einsatz kommt, fragt die Künstlerin Hito Steyerl in der SZ. Die Welt fordert mit Blick auf pro-palästinensische Proteste die Gesellschaft dazu auf, Antidemokraten nicht weiter die Türen offenzuhalten.
24.07.2024. In der FR belehrt der Historiker Manfred Berg Kamala Harris, was sie besser machen muss als Hillary Clinton: Sie muss tough sein, aber nicht woke. So schlecht war Joe Biden auch nicht, erinnert Zeit Online. In der FAZ erzählt Ariel Porat, Präsident der Universität Tel Aviv, wie die israelische Regierung versucht, die Universitäten zu unterwerfen. Die israelische Gesellschaft ist indes gespalten wie nie zuvor, sekundiert Zeit Online. SpOn setzt wenig Hoffnung in die russische Opposition. Außerdem: Nancy Faeser hat das Islamische Zentrum Hamburg verboten, melden die Zeitungen.
23.07.2024. FAZ und SZ hoffen, dass Kamala Harris auch durch eine Abkehr von Bidens Israel-Politik die Linke zurückerobern kann. Der Hannah-Arendt-Preis wird nach dem Masha-Gessen-Skandal in diesem Jahr nicht verliehen, meldet die taz. SZ und taz denken außerdem über Künstliche Intelligenz und Urheberrecht nach. Wir wollen nicht wahrhaben, wie kaputt unsere Welt ist, glaubt der Philosoph Alexander Garcia Düttmann, der in der Welt auch die Gewalt durch Cancel Culture skizziert. Im Tagesspiegel klärt die Politologin Liya Yu auf: Unsere Gehirne können liberale Werte kaum aushalten.
22.07.2024. Joe Biden zieht sich zurück. Die New York Times zeigt sich in einem ersten Leitartikel erleichtert und unterstützt Kamala Harris, wenn auch unter Vorbehalt. In der taz erinnert der Politologe Alexander Rhotert an die Nato-Einsätze im Bosnien-Krieg - die wenigen waren gut, mehr wären besser gewesen. Die FAZ sieht die israelischen Unis unter Druck, von außen und von innen. Die SZ fragt nochmal, warum das Neuköllner Kulturzentrum Oyoun nicht mehr gefördert wird.
20.07.2024. Achtzig Jahre 20. Juli, und der Streit um den Widerstand und die Nazizeit an sich stecken uns nach wie vor tief in den Knochen, befindet Andreas Kilb in der FAS. Wie umstritten der 20. Juli noch lange Zeit in der Bundesrepublik war, erzählt der Historiker Martin Sabrow im Tagesspiegel. In der FR zeichnet Valerie Riedesel nach, wie sich ihr Großvater Cäsar von Hofacker vom überzeugten Nazi zum Widerstandskämpfer wandelte. Die Aktualität heißt Donald Trump, um den nun laut FAZ ein sektenartiger Kult entsteht. In der NZZ fragt Chaim Noll, ob die Palästinenser überhaupt fähig seien, einen zur Koexistenz fähigen Staat zu bilden.
19.07.2024. Achtzig Jahre danach: In der NZZ versucht der Historiker Ulrich Schlie zu erklären, weshalb sich die Deutschen so schwer mit dem 20. Juli tun. NZZ und SZ malen sich ein Amerika unter Präsident Trump 2.0 aus. Die feministische Organisation "Terre des Femmes" hat eine Umfrage zum Kinderkopftuch an deutschen Schulen in Auftrag gegeben und kommt zu beunruhigenden Ergebnissen. "Kunstfreiheit" ist eine deutsche Spezialität, meint Christoph Möllers laut Tagesspiegel - Woanders reicht die Meinungsfreiheit. Und: Wohin läuft Adidas (mit)?
18.07.2024. "Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos", glaubt der Politologe Mark Lilla in der Zeit mit Blick auf die USA. Mit J.D. Vance' Ernennung zum Vize zeigt Trump, dass man seinem Make America Great Again-Kult auch noch verspätet beitreten kann, bemerkt Zeit Online. Im Tagesspiegel kritisiert Juli Zeh das Klischee vom ländlichen Protestwähler. In der FAZ legt der Ökonom Philipp Lepenies dar, warum wir uns von der Zeit des "süßen Konsums" verabschieden sollten. In der taz macht die Autorin Ruth Hoffmann klar, dass beim Stauffenberg-Attentat mitnichten nur militärische Akteure beteiligt waren.
17.07.2024. Die Zeitungen diskutieren über das von Nancy Faeser geplante Verbot von Compact: Die Welt wirft Faeser "moralischen Rigorismus" vor, Spon meint hingegen: Ein Magazin wie Compact muss den Rechtsstaat aushalten. In der Welt wirft Michael Wolffsohn den Geisteswissenschaften und den Öffentlich-Rechtlichen "totale Parteilichkeit" mit Blick auf Israel vor. Zeit Online warnt, dass die neue geplante Bundestagesresolution gegen Antisemitismus in die Freiheit der inneren Meinungsbildung eingreift. Und die FAZ überlegt, warum Sahra Wagenknechts "putinophile Saat" im Osten auf so fruchtbaren Boden fällt.