9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Der Wert eines Menschenlebens

08.08.2024. Das war kein Gefangenenaustausch, sagt der russische Oppositionelle Wladimir Kara-Mursa im Zeit-Interview, sondern eine "lebensrettende Mission". Die Sowjetunion war um ihr Image im Westen besorgt, Putin ist es völlig egal, liest Konstantin Akinscha in der FAZ an der Kleidung der von Russland Freigelassenen ab. Die FAZ fragt außerdem: wird es in Großbritannien einen Bürgerkrieg geben? Die Welt konstatiert dort eine schleichende Entfremdung zwischen Bürgertum und Politik.

Das gläserne Schlachtfeld

07.08.2024. In der FAZ schildert der Philosoph Olivier Del Fabbro, wie brutal die Russen gegen die Rettung von verletzten Ukrainern vorgehen. Im Perlentaucher mahnt Richard Herzinger, den Warschauer Aufstand in deutsches und westliches Gedenken einzubeziehen. Palästinenser, die sich in Deutschland gegen die Hamas stellen, werden sofort als Verräter beschimpft, erzählt der Journalist Sebastian Leber der Jüdischen Allgemeinen. Auf Zeit Online stellt der Soziologe Danila Medwedew fest: Die Globalisierung hat wenig dazu beigetragen, dass sich der Westen und der Rest der Welt in ihren Werten annähern.

Siegerinnenpose im Plisseerock

06.08.2024. In der FAZ und im Spiegel verteidigt der Politikwissenschaftler Philip Manow die Demokratie gegen Verfassungsschutz, Justiz und Klimaaktivisten. Der Schriftsteller Kamel Daoud fragt, warum die Gold-Olympionikin Kaylia Nemour in Algerien ihre Beine nicht zeigen darf. Persuasion berichtet, wie Russland mit Fake News die britische Rechte anfeuert. In Venezuela fehlt es Nicolas Maduro an der mathematischen Intelligenz, um eine erfolgreiche totalitäre Demokratie zu errichten, meint Hector Abad in der NZZ. Compact heißt jetzt Näncy, sonst ist alles beim Alten, bemerkt die SZ.

Interessanter als Fußball

05.08.2024. Welt und taz beleuchten das linke Schweigen zum Wahlbetrug des venezolanischen Caudillos Nicolás Maduro, der unterdessen den Zionismus beschuldigt, ihm die Herrschaft stehlen zu wollen. Die FAZ stürzt mit dem Historiker Julius Wilm das Denkmal des deutschen Demokraten Carl Schurz, der in Amerika eine rassistische Politik betrieben habe. Die Kosten für den Krieg könnten Russland in die Bredouille bringen, schreiben die Experten Thomas Lattanzio und Harry Stevens in der NZZ. Im Standard ruft Nino Haratischwili zum Kulturboykott gegen die georgische Regierung auf.

Eindeutig zu viel Peng!

03.08.2024. Nach zehn Jahren scheint man einen Schlussstrich unter den Genozid an den Jesiden ziehen zu wollen, beklagen in der FAS Ronya Othmann und in der taz Düzen Tekkal und Hakeema Taha. "Deutsche Opfer außerhalb Europas, sind offenbar nur Opfer zweiter Klasse", ärgert sich der Historiker Jürgen Zimmerer im Tagesspiegel mit Blick auf den Genozid an den Herero und Nama. Die Stärke westlicher Demokratien ist die Wertschätzung des Einzelnen, verteidigt Deniz Yücel in der Welt den Gefangenenaustausch mit Russland. In der FAS erzählt der ungarische Schriftsteller Dénes Krusovszky, wofür Orban siebensitzige Familienautos spendiert. Die taz fragt, warum Litauen so queerfeindlich ist.

Ein Präzedenzfall nach dem anderen

02.08.2024. Das Wall Street Journal erzählt die Hintergründe des spektakulären Gefangenenaustauschs zwischen Russland, Amerika und Deutschland und verschweigt das moralische Dilemma nicht. In der Berliner Zeitung erzählt Jens Balzer, wie der Antisemitismus in den Antirassismus kam. In Deutschland wurde der Warschauer Aufstand lange ignoriert, in Polen war er lange tabu, erzählt der Historiker Stephan Lehnstaedt in der NZZ. Queernations.de fragt am Beispiel eines Boxkampfs bei den Olympischen Spielen, wie weit Inklusion gehen kann.

Altherren-Waterloo

01.08.2024. In der Zeit erklärt der Politologe Ivan Krastev, warum die Neue Rechte Migration fördert und es ihre Wähler gar nicht stört. In der FAZ skizziert Bülent Mumay die immer schwierigere Lage in der Türkei, vor allem für die jungen Türken. Auch in Deutschland sind junge Menschen erheblich unterrepräsentiert, konstatieren in der SZ der Soziologe Aladin El-Mafaalani und die Juristin Baro Vicenta Ra Gabbert. Im Hamburger Abendblatt hat die Autorin Necla Kelek Zukunftsideen für die Blaue Moschee in Hamburg. 

Mögliche Zukunftsszenarien

31.07.2024. In der FAZ befürchtet der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch eine "globale Katastrophe", wenn der Westen nicht gegen Russland mobil macht. In der NZZ setzt sein Kollege Sergej Gerassimow dabei ganz auf Kamala Harris. Indes sind in Russland sechs politische Gefangene, darunter Oleg Orlow, verschwunden, meldet Spon. Übermedien entdeckt in der Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen zu viel Spekulation. In der FR spricht sich der israelische Schriftsteller Dror Mishani gegen die Besatzung und für Referenden in Israel aus. Auf Zeit Online fordert der Politologe Basil Kerski eine Erneuerung der Demokratie nach polnischem Vorbild.

Vision einer neuen Brüderlichkeit

30.07.2024. Auf Zeit online erklärt der Historiker Onur Erdur, warum die Vertreter der "French Theory" nichts mit heutiger Identitätspolitik zu tun haben. Im Interview mit der SZ erklärt Fanon-Biograf Adam Shatz, warum auch Frantz Fanon sich schlecht für eine identitätspolitische Vereinnahmung eignet. Hubertus Knabe erinnert in seinem Blog an die Opfer der kommunistischen Justiz in der DDR. Wenn sich die israelische Armee aus Gaza zurückzieht, würde das auch den Konflikt mit der Hisbollah beenden, glaubt in der FR der Historiker Tom Segev. Die taz überlegt, ob man eventuell doch mit Assad reden sollte.

Auslöschung

29.07.2024. Vor fast genau achtzig Jahren brachten Deutsche in einem "genozidalen Exzess" wohl 180.000 Einwohner Warschaus um, Stalin schaute genüsslich zu. Die Historiker Daniel Brewing und Stephan Lehnstaedt erinnern in der FAZ an den Warschauer Aufstand. Die Welt am Sonntag zeichnet ein Porträt Björn Höckes, dessen Stern in der AfD sinkt und in Thüringen steigt. Wie gefährlich der Rechtsextremismus in den neuen Ländern ist, macht auch die taz klar. Im Spiegel plädiert Christoph Möllers gegen eine Antisemitismusklausel.