9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Nach anderen Maßstäben beurteilt

20.08.2024. Edward Said müsste sich angesichts des Orientalismus' der propalästinensischen Aktivisten im Westen im Grabe umdrehen, meint der Politikwissenschaftler Hanns W. Maull in der SZ. Der Soziologe Armin Nassehi denkt in seinem Blog über den modischen Generalzweifel an allem Etablierten nach. In Zeit online erklärt der Soziologe Rainald Manthe, was wir an der S-Bahntür über unsere Gesellschaft lernen können - und was im Baumarkt. Endlich werden Frauen im Widerstand in einer Ausstellung gewürdigt, freut sich die SZ.

Der Ernstfall aus sicherer Entfernung

19.08.2024. "Putins Krieg richtet sich nicht nur gegen die Ukraine, sondern gegen ganz Europa", ruft die taz nach der Meldung, dass sich die Bundesregierung aus Budget-Gründen gezwungen sieht, die Ukraine-Hilfe einzustellen. In der Welt stellt Garri Kasparow den Bundeskanzler zur Rede. Hubertus Knabe fragt in seinem Blog, "warum der Osten keinen Streit mit Putin will". Der Politologe Manès Weisskircher warnt in der FAZ vor einer isolierten Betrachtung der Neuen Länder beim Thema Rechtsaußen-Parteien. Der Spiegel fragt, ob der Faschismus zurückkehrt.

Galoppierende Unsicherheitsbedingungen

17.08.2024. Im Observer fragt sich Kenan Malik, was die rechtsextremen Ausschreitungen in Britannien mit Identitätspolitik zu tun haben. Tim Walz verkörpert eine heitere Männlichkeit, darum ist er so beliebt, glaubt die SZ. Die Anti-Israel-Demonstranten sind genauso naiv, wie die Demonstranten gegen den Vietnamkrieg, meint Claus Leggewie in der FAZ. In der FAS erklärt Kate Crawford, warum KI-Systeme nie neutral, sondern immer politisch sind. Der Standard liest noch einmal Pierre-Héli Monots surrealistisches Revolutionspamphlet "Hundert Jahre Zärtlichkeit" und staunt: Eine so ausgefuchste Hasspredigt gegen die Mittelschichten hat er lange nicht mehr gelesen.

Tageslichtverhältnisse

16.08.2024. In den USA feiern Republikaner wie propalästinensische Aktivisten den Rücktritt der Präsidentin der Columbia University Minouche Shafik, berichten FAZ und taz. Angesichts der Drohungen gegen den den CSD in Bautzen wünscht sich die Autorin Anne Rabe in der SZ mehr queere Sympathien in der CDU. Afghanistan ist auf dem Weg, sich in einen religiösen Polizeistaat zu entwickeln, diagnostiziert die entwicklungspolitische Gutachterin Hannelore Börgel im Tagesspiegel. Daran ist der Westen schuld, meint Zeit online. Über Kolonialismus debattieren nur die Alten, meint die NZZ mit Blick auf die Europäer.

Die Regel oder die Ausnahme

15.08.2024. Das Verbot des rechtsextremen Compact-Magazins ist vorerst gerichtlich aufgeschoben. Aber nicht aufgehoben, informiert die SZ. Die taz freut sich, dass "der Pressefreiheit ein großes Gewicht zugemessen wurde". Die Wirtschaftskrise in der Türkei zerstört die Chance der Kinder auf Bildung, fürchtet Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Die Völkerrechtlerin Monika Polzin schildert in der NZZ, wie China und andere Demokratien die Idee der Menschenrechte  untergraben.

Hier ist der Bauch des Monsters

14.08.2024. In der Zeit rechnet Wolf Biermann mit den Ostdeutschen ab: "Die, die zu feige waren in der Diktatur, rebellieren jetzt ohne Risiko gegen die Demokratie." Die taz erzählt die Geschichte zweier Richter nach dem Krieg: einem Nazi, der nach dem Krieg aufstieg, und einem Demokraten, der gemaßregelt wurde, weil er es kritisierte. Wandel durch Handel hat doch funktioniert, nur andersrum, lernt die Welt bei Anne Applebaum: Er korrumpierte den Westen. Der Spiegel begibt sich in die tiefsten Keller des Pergamonmuseums und lernt dort, was Schweigen ist.

Unter gleich gepolten Partnern

13.08.2024. Der eine will die Verfassungsgerichte stärken, der andere hält genau diese Idee für eine Schwächung der Demokratie: In der SZ antwortet Maximilian Steinbeis auf Philip Manow. In der taz schildert der bolivianische Soziologe Hugo José Suárez, wie Linkspopulisten in Lateinamerika Wahlen manipulieren. Die russische Kultur ist eine "Kultur der absoluten Verantwortungslosigkeit", meint in der Welt der Slawist Joseph Wälzholz. taz und FAZ denken nochmal über die britischen Ausschreitungen nach.

Das harte Nein des Ostens

12.08.2024. Ines Geipel guckt sich für die FAZ die Wahlplakate von BSW und AfD in Sachsen und Thüringen an und findet überall den Begriff "Heimat" - eine "giftige Erzählung". Die SZ besucht die Kulturhauptstadt des nächsten Jahres, Chemnitz, und findet Tristesse und Ratlosigkeit. Der Fluch Afrikas ist der Tribalismus, schreibt Asfa-Wossen Asserate in der FAZ und denkt mit Nostalgie an die Kaiserdynastie von Äthiopien zurück.

Abschied von der Welt von gestern

10.08.2024. Die Olympischen Spiele haben die deutsche Presse bezirzt: "Paris ist das schönste olympische TV-Fest aller Zeiten", schwärmt die taz in einer vorläufigen Bilanz, ein "Sommermärchen", die FAZ, "etwas ästhetisch Ausdeutbares, künstlerisch Wertvolles" die SZ. Düsterer wird die Stimmung im Blick nach Osten: Putins Choreografie der Spaltung Europas wird bis heute unterschätzt, warnt Karl Schlögel in der Rheinischen Post. Und Putin hat keine Angst, versichert Viktor Jerofejew in der FAZ.

Zutiefst fehlgeleitete Reverenz

09.08.2024. In Le Point kommt Kamel Daoud auf den algerischen Bürgerkrieg zurück, von dem sein neuer Roman "Houris" handelt: Den Mördern wurde 2005 offiziell verziehen, sagt er, aber nicht den Frauen, die von ihnen vergewaltigt wurden. In Zeit online beschreibt Ilko-Sascha Kowalczuk die BSW-Caudilla Sahra Wagenknecht als eine leninistische Ideologin. Es reicht nicht, den Islamischen Staat als Urheber der Verbrechen gegen die Jesiden zu benennen, man muss auch den Islamismus benennen, findet Kurt Schmalle bei hpd.de.