9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Flucht zu ihren inneren Dämonen

22.11.2024. taz und SpOn begrüßen die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofes, Haftbefehl gegen Benjamin Netanjahu zu erlassen. Durch Waffenexporte leiste Deutschland unter Umständen Beihilfe zu Verbrechen, warnt der Völkerrechtler Kai Ambos auf SpOn. In der Jüdischen Allgemeinen hält Volker Beck die Entscheidung für doppelte Täter-Opfer-Umkehr. Nichtamerikaner haben nie das Ausmaß des Rassismus in den USA verstanden, erklärt der Soziologe Richard Sennett in der FR die Trump-Wahl. In Teheran wurde eine "Klinik zur Überwindung der Kopftuchlosigkeit" eröffnet, meldet die FAZ.

Die Zungen reden gegeneinander

21.11.2024. Die Russen lernen nicht aus ihrer blutigen Vergangenheit, hält der ukrainische Schriftsteller Sergej Gerassimow in der NZZ fest. Die immer noch in Russland lebende russische Journalistin Katerina Gordeeva kritisiert in der SZ die russische Opposition in Europa. In der FR kann es Wolf Biermann kaum fassen, dass Parteien wie die AfD und das BSW auf dem Vormarsch sind. Die Zeit fragt: Ist Trump ein Faschist? Die Antwort lautet: "Jein." Der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg ruft in der NZZ angesichts der Debatte über die Amsterdam-Ausschreitungen zur Beruhigung auf. 

Abgekapselt von der Welt

20.11.2024. In der FR erkennt der Historiker Jürgen Kocka eine Parallele zwischen dem gegenwärtigen Rechtspopulismus und dem Aufstieg des Nationalsozialismus: Es sei eine Reaktion auf vorangehende Demokratisierung, die alte Werte verletzt hat. In der Berliner Zeitung hält Jens Bisky vorschnelle historische Vergleiche für "frivol", denn: "Im Vertrauen auf historische Analogien übersieht man leicht das Neue, das Entscheidende." Im Tagesspiegel wirft die demokratische Parteistrategin Julie Roginsky den Demokraten vor, sich bezüglich der Themen Nahostkonflikt und Transgender nicht klar positioniert zu haben.

Selbst Deutschland ist nicht mehr Avantgarde

19.11.2024. Bei Zeit-Online blickt die indische Umweltschützerin Sunita Narain mit Sorge auf die Wahl Trumps, die auch Jahre der Untätigkeit in der Klimapolitik bedeuten wird. Die Medizinerin N. Sydney Jemmott zeichnet in der taz derweil die düstere Lage für Frauen in den USA. Die etablierten Parteien dürfen dem BSW nicht die Verhandlung von schwierigen Themen überlassen, warnt die SZ. Der Politologe Mitchell Cohen erzählt in einem "Brief aus New York" für den Perlentaucher, wie der 7. Oktober New York verändert hat. Die NZZ porträtiert den General Waker-uz-Zaman, der Bangladesch nach dem Sturz der Regierung wieder stabilisieren soll.

Kampf mit ungleichen Waffen

18.11.2024. Die Ukraine und der 7. Oktober bestimmen die Debatten. Joe Biden erlaubt der Ukraine quasi als letzte Amtshandlung den Einsatz weitreichender Raketen, allerdings fragt sich der Militärexperte Greg Melcher im Tagesspiegel, ob der Westen durch seine zögerliche Unterstützung nicht längst schon mit verantwortlich sei für die hohe Zahl ukrainischer Kriegsopfer. Der Schriftsteller Michel Bergmann beschreibt in der FAZ den Mangel an Empathie mit den Juden und Israelis nach dem 7. Oktober. Der Hass auf die Juden, erklärt Eva Illouz ebenfalls in der FAZ, speist sich in seiner heutigen Form aus dem "Ressentiment gegen den Holocaust".

Postimperiale Bescherung

16.11.2024. Irgendwie steht alles unter dem Zeichen Donald Trumps. Der Historiker Brendan Simms in der FR und der Politologe Alexander Libman in der taz spekulieren über die Frage, wie ein "Deal" Trumps für die Ukraine aussehen könnte und wie kümmerlich die Rolle Europas dabei ausfiele. Wird Trump sich an den Medien rächen, fragt die FAZ, Joshua Cohen behauptet in der SZ, dass manche Medien in den USA schon anfangen, sich mit den neuen Machtverhältnissen zu arrangieren. So ist der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk nicht drauf, er fordert in einem offenen Brief den Rücktritt von Frank-Walter Steinmeier.

Hauptgegner in der Kulturkampfarena

15.11.2024.  Die iranische Aktivistin Masih Alinejad erklärt in der Welt, warum das iranische Regime so viel Angst vor Frauen hat. Die NZZ blickt nach Mexiko: Droht das Land mit der neuen Präsidentin Claudia Sheinbaum, in den Autoritarismus abzurutschen? Die SZ schaut sich ein Tattoo-Motiv an, dass bei radikalen Christen und Rechtsextremen immer beliebter wird: Das Tempelritter-Kreuz. Ebenfalls in der SZ erklärt die Althistorikerin Mary Beard, dass auch Römische Kaiser früh aufstehen mussten.

Sternstunde der Demokratie

14.11.2024. Die Zeit versucht, die Ereignisse in Amsterdam zu rekonstruieren. Die Jüdische Allgemeine berichtet über Nervosität vor dem Spiel Frankreich-Israel in Paris heute Abend, zu dem auch Präsident Macron erscheinen will. Die taz legt Verbindungen der Berliner CDU zum Rechtsextremismus offen: Burschenschaften spielen eine Rolle. In Zeit online erklärt die Philosophin Lisa Herzog, was sie heute unter Liberalismus versteht.  In seiner FAZ-Kolumne erklärt Bülent Mumay, wie Erdogan seine "mobile Guillotine" einsetzt.

Der Kern der Finnlandisierung

13.11.2024. Die Lage ist nicht gut, aber einen Weltkrieg wird es nicht geben, tröstet Timothy Garton Ash in der FR. Der Donnerhall von Trumps triumphaler Wiederwahl hat bisher vor allem eine eher komische Verzweiflung ausgelöst, findet Susanne Klingenstein in der FAZ. Im Tagesspiegel erklärt Marko Martin, warum er Männern, die sagen "Wir Männer in den Hinterzimmern regeln das", nicht über den Weg traut.

In der Nachspielzeit

12.11.2024. Die Deutschen sind nicht gut vorbereitet auf eine weitere Amtszeit von Donald Trump, sie sind ganz generell schlecht vorbereitet auf die Zukunft, meint der britische Ökonom Adam Tooze im Interview mit der FR. Ökologie und Liberalismus passen sehr gut zusammen, versichert der französische Philosoph Gaspard Koenig in der Welt. In der FAZ hofft David Wagner, dass der Bundestag Organspenden erleichtert. Der Krieg der Narrative um die Amsterdamer Ereignisse tobt weiter.