9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

An der Nase herumgeführt

02.04.2025. Ist das Urteil gegen Marine Le Pen nun gut für die Demokratie oder nicht? Einerseits ist es ein wichtiges demokratisches Symbol, andererseits könnte es auch Verschwörungstheorien Aufschub geben, überlegt die taz. In der NZZ hegt der Schriftsteller Ismail Güzelsoy leise Hoffnungen, dass sich durch die massiven Proteste in der Türkei etwas am Status quo ändert. Erdogan diplomatisch die kalte Schulter zu zeigen, wird nicht helfen, denken derweil die Ruhrbarone. Die FAZ berichtet über das israelische "Katargate". 

Ein echter Realist

01.04.2025. Marine Le Pen wurde schuldig gesprochen und darf nun fünf Jahre nicht mehr bei einer Wahl antreten. Die Partei könnte dadurch weiter radikalisiert werden, fürchtet die taz. Die Verurteilung zeigt, dass der Aufstieg des Rechtsextremismus vom Rechtsstaat aufgehalten werden kann, glaubt derweil die SZ. Bei Zeit-Online erklärt der Politikwissenschaftler Stephen Walt, warum er Donald Trump für einen "Neandertaler-Realisten" hält. Der amerikanische Imperialismus gegenüber Grönland ist eine strategische Katastrophe für die USA, ruft Timothy Snyder im Guardian.

Der Mensch, der die richtige Frage stellt

31.03.2025. Künstliche Intelligenz denkt nicht, aber sie hilft beim Denken, sagt KI-Forscher Thomas Wolf in der Welt. In Le Point erklärt Kamel Daoud, warum die Islamisten gerade Frankreich so hassen. In taz und Zeit online würdigt Ilko-Sascha Kowalczuk den Bürgerrechtler Gerd Poppe. Und in allen Zeitungen reiben sich die Journalisten den Kopf: Einerseits wollen deutsche Behörden Palantir-Software des Gaga-Trumpisten Peter Thiel einsetzen, andererseits soll das Informationsfreiheitsgesetz abgeschafft werden?

Nun aber

29.03.2025. Florian Illies rät uns Europäern, Amerika die kalte Schulter zu zeigen, "um es wieder selbst mit dem Weltgeist zu versuchen". Das Selbstvertrauen, zu dem er rät, müssten wir aber auch nach innen erarbeiten, fürchtet Julia Encke in der FAS. Vielleicht hilft es, wenn der nunmehr achtzigjährige Daniel Cohn-Bendit sein Lächeln anmacht, denn damit verkörperte er "das ganze Positive von 1968", sagt er voller - genau - Selbstvertrauen in der taz.

Die Situation ist asymmetrisch

28.03.2025. Russland rüstet, stellt die SZ fest, und zwar auch für einen Krieg, der über die Ukraine hinausgeht. Und Deutschland rüstet sich für eine Regierung mit Demokratieförderung, aber Ausweitung des Volksverhetzungsparagrafen und Abschaffung des Informationsfreiheitsgesetzes, fürchten die Zeitungen. Kamel Daoud schildert in Le Point die Rolle der sozialen Medien in den franko-algerischen und inneralgerischen Scharmützeln. Und die SZ beleuchtet die Rolle von Tiktok im Medienkonsum der Amerikaner.

Alles muss nun neu gedacht werden

27.03.2025. Seit zwei Tagen gibt es größere Proteste gegen die Hamas im Gaza-Streifen: Oppositionelle Gazaner im Ausland begrüßen die Proteste, kritisieren aber sowohl die westliche als auch die arabische Berichterstattung. Die NZZ führt vor Augen, wie viel Mut dazu gehört, sich gegen die Hamas aufzulehnen. In der FAZ ruft der Philosoph Omri Boehm in der Nahost-Debatte dazu auf, sich auf das "Nachkriegsprojekt des kosmopolitischen Rechts" zurückzubesinnen. In Istanbul erleben wir derweil gerade den "Aufstand der Generation Z", ruft die SZ

Dass es nachts keine Bären gibt

26.03.2025. Europa muss sich nicht nur praktisch, sondern auch geistig auf den Krieg vorbereiten, hält der Politologe Ivan Krastev im Zeit-Online-Gespräch fest. Garri Kasparow fordert in der Welt den Abbruch der wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland. In der FAZ fragt Bülent Mumay, wann der Westen endlich sein Schweigen zu den Ereignissen in der Türkei bricht. Donald Trump ist eine Antwort auf den Neoliberalismus der neunziger Jahre, glaubt die taz.

Das sagt er freilich nicht laut

25.03.2025. In der NZZ will der Völkerrechtler Thomas Cottier die Hoffnung auf die regelbasierte Ordnung nicht aufgeben. Erdogan hat nun endgültig eine Diktatur errichtet, konstatiert die Welt. Aber spätestens ab jetzt könnte es für Erdogan gefährlich werden, glaubt die SZ. In der FR rät die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr zu "klugem Pazifismus".

Das in Wahrheit Unkontrollierbare

24.03.2025. Die Zeitungen berichten aus Istanbul - zeigt die Festnahme Ekrem Imamoglus nicht vor allem Erdogans Schwäche, fragt die SZ. Dort denkt auch Norbert Frei mit Habermas darüber nach, wie ein Westen ohne Amerika funktionieren soll: offenbar unter Verzicht auf Osteuropa? Wie schlimm kommt es in Amerika? "Das Land ist Chaos, und genau das hat hier sein Gutes", hofft Jonathan Lethem in der NZZ.  In Le Point ruft Pascal Bruckners die Mühseligen und Beladenen Amerikas auf, ins französische Exil zu kommen.

Die Unberechenbarkeit ist kein Zufall

22.03.2025. In der SZ beharrt Jürgen Habermas darauf, dass man in Sachen Ukraine mit Russland hätte verhandeln müssen - ein europäisches Verteidigungsbündnis brauche es aber in jedem Fall. Polen bereitet sich währenddessen militärisch auf den Ernstfall vor, dokumentiert die taz. Selbst die Pessimisten waren noch zu optimistisch, was Donald Trump angeht, ruft der Historiker Thomas Zimmer auf Zeit Online. Und auch der Politologe Steven Levitsky konstatiert im Spiegel-Interview: Die Gewaltenteilung in den USA versagt gerade.