9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Äußerst gefährlich für die Demokratie

19.10.2026. Die schockierende Gewalt bei den Demonstrationen in Frankreich wird die Medien in Frankreich und Europa noch länger beschäftigen - in Le Point weigert sich der  Philosoph Pierre-Henri Tavoillot, Plünderungen als Ausdruck eines berechtigten Zorns zu bezeichnen. Der Staat selbst wird in Frankreich attackiert, stellt die SZ fest. In der FAZ erklärt der Historiker Krisztián Ungváry, warum die "unblutige Revolution" in Ungarn 2026 in einer Linie mit Ungarn 1956 zu sehen ist. Die gescheiterte Hinrichtung einer Mörderin in den USA zeigt die Absurdität von Todesstrafe überhaupt, sagt die Anwältin Sandra Babcock in Zeit online.

Noch heimtückischer und noch perverser

17.10.2026. In einem von der SZ veröffentlichten Briefwechsel träumen der russische Schriftsteller Michail Schischkin und der ukrainische Verfassungsrechtler Gennadiy Druzenko von einer Zeit nach dem Krieg. Claus Leggewie überlegt in der taz, wie die CDU noch zu retten ist. In der SZ sieht Herfried Münkler den mündigen Bürger in der Krise. Die FAS beobachtet, wie Marine Le Pen und Jean-Luc Melenchon den Hass auf Deutschland schüren. Die Rede vom "Tech-Faschismus" verschleiert die wahren Gefahren, warnt in der FAS die Politikwissenschaftlerin Asma Mhalla.

Der Teufel zitiert gern aus den Evangelien

16.10.2026. Politikerinnen beweisen heute, dass sie kräftig stänkern können: Vanessa Emde von links, Alice Weidel von rechts. Nur Navi Pillay setzt sich in Le Monde für die Rechte einzelner ein. Wenn schon Antifaschismus, dann richtig, meint Pascal Bruckner in Le Point, denn es gibt zwei Prätendenten für einen neuen Faschismus in Frankreich. Mit ihrem Spaß am Barrikadenbau zeigen auch migrantische Jugendliche, wie gut sie sich in die französische Revolutionsfolklore integriert haben, konstatiert Thomas Chatterton Williams in Atlantic. Könnte "Digitale Demokratie" helfen, fragt die SZ.

Rassismus der gesenkten Erwartungshaltung

15.10.2026. Die Zeit empfiehlt wärmstens die Ausstellung "Umstrittene Verwandtschaft" im DHM über koloniale und nationalsozialistische Gewalt. Die SZ überlegt, was ein Ende der Russland-Sanktionen, wie von BSW und die AfD gefordert, konkret bedeuten würde. Friedensverträge gelten in Russland nur so lange, wie sie nützlich sind, erinnert der estnische Völkerrechtler Lauri Mälksoo in der FAZ. Der Religionskritiker Hamed Abdel-Samad erklärt in der Zeit, warum er im Libanon viel freier lebt als in Deutschland. Und: NZZ, Zeit, taz und Welt schreiben zum hundertsten Geburstag Michel Foucaults.

Gefährlicher Präzedenzfall

14.10.2026. Die NZZ warnt vor einer "kalten Annexion" Belarus' durch Putin. Die Ukraine braucht Europas Unterstützung, insistiert Timothy Garton Ash Im Tagesspiegel. Netzpolitik fragt, warum die Behörden biometrische Gesichtsdatenbanken gewähren lassen, obwohl sie verboten sind. taz, SZ und netzpolitik sehen die Pressefreiheit in Gefahr, weil das LG Hamburg Zeit-Interviews mit den Töchtern von Christina Block beschlagnahmt hat. Nur die FAZ fragt, ob Interviews mit minderjährigen Verbrechensopfern nicht gegen den Pressekodex verstoßen. Zu Foucaults Hundertstem erscheinen laut FAZ seine Iran-Schriften in kritischer Ausgabe.

Der Katzenjammer der Postexzellenz

13.10.2026. SZ und Welt warnen vor dem AfD-Politiker Hans Thomas Tillschneider, den jüdische Studenten am Betreten der Synagoge von Halle hinderten - Tillschneider ist ein Anhänger der antisemitischen Theorie des "großen Austauschs". Die taz berichtet aus Gambia, wo fundamentalistische Kräfte das Verbot der Genitalverstümmelung bekämpfen - die ohnehin weiter praktiziert wird. In der FR fragt Navid Kermani: Gibt es noch Gründe, in Köln zu leben? 

Und es fängt ja immer mit Selbstzensur an

12.10.2026. Philippe Sands warf in seiner Friedenspreisrede nicht nur Israel Völkerrechtsverbrechen vor, er kritisierte auch scharf die deutsche Regierung. Die FAZ ist mit der Rede zufrieden, der Perlentaucher nicht so. Unterdessen wird weiter über den Friedensnobelpreis für Navi Pillay diskutiert - ihr werden schwere Vorwürfe in ihrem Verhalten gegenüber China und dem Völkermord an den Uiguren gemacht. Großes Aufsehen erregt die Rede der tschechischen Schriftstellerin Radka Denemarková auf Frankfurter Buchmesse - sie hat anwesende Ehrengäste der tschechischen Regierung attackiert. Die FAZ zeichnet ein düsteres Bild der "Mathocalypse".

Schmale Grenze zwischen Ordnung und Chaos

10.10.2026. Die südafrikanische Richterin und Völkerrechtlerin Navanethem Pillay hat den Friedensnobelpreis erhalten: Ein deutlicher Hieb in Richtung Donald Trump, notiert die FAZ. Zeit Online erinnert an Pillays steile Karriere, die im Apartheids-Südafrika begann, die Welt blickt kritisch auf Pillays Israel-Kritik. Auch skrupellose Machthaber wie Putin fürchten das Völkerrecht, erklärt im SZ-Interview der Schriftsteller Philippe Sands, der außerdem in der taz die Einführung des "Ökozids" als fünftes internationales Verbrechen fordert. Die FAS blickt auf die Schülerproteste in Frankreich, die  Jean-Luc Mélenchon für seinen Wahlkampf instrumentalisiert.  

Aus Nützlichkeitserwägungen

09.10.2026. Ein Linksbündnis in Berlin rückt näher, das Problem mit dem Antisemitismus will man durch bürokratische Prozeduren neutralisieren - aber es bleiben viele skeptische Stimmen. Wenn die Linken nun regieren, werden sie feststellen, dass sie die Mieten nicht senken können, sagt der Neuköllner Bürger Martin Hikel im Tagesspiegel. Die Welt erzählt unterdessen, wie in Britannien die Green Party gleich zum Zentralhub für linken Antisemitismus umgepolt wurde. Die FAZ bespricht eine Rudolf-Augstein-Biografie, in der sich herausstellt, dass der Spiegel-Gründer noch mehr alte Nazis beschäftigte als bisher bekannt.

Emotional ausgebürgert

08.10.2026. Wo steht die CDU, will die taz nach der Wahl des AfD-Abgeordneten Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten von Sachsen Anhalt wissen: Auf der Seite der liberalen Demokratie oder der Autoritären? Wo stehen SPD und die Grünen, fragt die FAZ: Auf der Seite der liberalen Demokratie oder der Antisemiten und Demokratieverächter? In der NZZ fürchtet Monika Maron, Berlin könne zum Fanal für Köln, Dortmund oder Gelsenkirchen werden. Die Jüdische Allgemeine kann es immer noch nicht fassen, wie ein Angriff auf Juden den Antisemitismus entfesseln konnte. Daran ist Israel schuld, meint Pankaj Mishra in der SZ.
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