9punkt - Die Debattenrundschau

Aus der Logik des Ortes heraus

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.05.2026. Die SZ fragt, nach den jüngsten Entwicklungen in der Türkei: "Wie Erdogan loswerden, wenn der keine demokratischen Mittel mehr zulässt?" Die taz fragt, warum die Stadt Hamburg bei der Aufarbeitung der NSU-Morde eine so blamable Rolle spielt. Auf Twitter attackiert die Exiliranerin Masih Alinedschad die Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez, der es Spaß macht, sich mit Kopftuch zu zeigen. Nichts gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes, so die Welt, aber es kommt drauf an, wie.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.05.2026 finden Sie hier

Europa

Auf der Seite 3 der SZ berichtet Raphael Geiger aus Ankara nach dem Sturm der Polizei auf die Zentrale der CHP, der größten Oppositionspartei der Türkei: "Das ist jetzt die Frage: Was sich noch tun lässt, was es überhaupt noch bringt, laut zu sein. Auf die Straße zu gehen. Sich zu wehren gegen einen Präsidenten, der den Staat kontrolliert, die Justiz. Demonstriert haben die Türkinnen und Türken oft, vergangenes Jahr über Wochen hinweg, nachdem Erdoğans Justiz den Oberbürgermeister von Istanbul hatte verhaften lassen, Ekrem İmamoğlu. Auch das war schon so ein Moment, in dem diese Sätze fielen: dass es so weit kommen würde, dass Erdoğan so weit gehen würde. Er war so weit gegangen." Das sagt auch die 23-jährige Irmak Bal, stellvertretende Präsidentin der CHP-Jugend. "Seit Recep Tayyip Erdoğan regiert, so lange ist sie auf der Welt. Sie ist groß geworden mit ihm. Und wie viele Türkinnen und Türken in ihrem Alter besitzt sie einen kaum zu fassenden Idealismus, selbst jetzt noch, zwei Tage nach dem Sturm. Wie Erdoğan loswerden, wenn der keine demokratischen Mittel mehr zulässt? Darum dreht sich das Gespräch. Dass es 'kein Zurück mehr' gebe, sagt Irmak Bal. 'Hören wir auf zu kämpfen, dann haben wir hier kein Leben mehr.'"

Wie es jemandem ergeht, der sich in der Türkei für Menschenrechte einsetzt, erfährt man aus einem Interview der FR mit der türkisch-kurdischen Anwältin und Menschenrechtlerin Eren Keskin, die gerade mit dem Gerhart-Baum-Preis für Menschenrechte ausgezeichnet wurde: "Insbesondere in den 1990er und 2000er Jahren bin ich sehr oft bedroht worden. Zweimal wurde ich Opfer bewaffneter Angriffe." Ingesamt 143 Verfahren wurden gegen sie angestrengt, auch das hat Folgen: "Seit zehn Jahren darf ich aufgrund eines Ausreiseverbots das Land nicht verlassen. Die Gesamtstrafe, die ich in diesen Verfahren erhalten habe, beträgt 26 Jahre und 9 Monate Haft. Alle diese Verfahren liegen derzeit beim Obersten Gerichtshof zur Entscheidung vor. ... Nur weil meine politischen Ansichten den Regierenden nicht gefallen, darf ich die Türkei nicht verlassen. So geht es nicht nur mir, sondern sehr vielen Regimekritikern. Das bedeutet in gewisser Weise, wie eine Geisel zu leben."

Vor 25 Jahren wurde der Hamburger Süleyman Taşköprü von den NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen. Die Polizei ermittelte dann weniger, als dass sie die Familie verdächtigte. Der Hamburger Senat wollte jetzt des Mordes gedenken, fand jedoch keine Form, bei der die Familie des Ermordeten mitmachen wollte, berichtet Andreas Speit in der taz. Die Stadt Hamburg spielt bei der NSU-Aufarbeitung eine besonders blamable Rolle, so Speit: "Bis heute ist Hamburg .. das einzige Bundesland, wo der NSU mordete, aber kein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingerichtet wurde. Die rot-grüne Koalition wehrte ihn ab. Stattdessen beauftragte die Bürgerschaft die Ruhr-Universität Bochum mit einer Studie zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des NSU-Komplexes in Hamburg... Die Wissenschaftler um Constantin Goschler können aber nun nicht alle Akten einsehen. Der Generalbundesanwalt sperrte sich dagegen. Ein Widerspruch dagegen liegt beim Oberlandesgericht Karlsruhe."

Das Wort "Genozid" wird zum Gesslerhut, wenn man Matthias Rüb in der FAZ glauben darf. Die jüdische Verein Keshet Italia wollte an der römischen Pride-Parade teilnehmen, wurde von den Veranstaltern in Rom aber beschieden, dass zwar jeder mitmachen dürfe, die "Teilnahme eines Festwagens an der Roma Pride setzt aber - unabhängig von der sexuellen Orientierung, Identität, Religion, ethnischen Zugehörigkeit oder Nationalität der Beteiligten - eine klare und unmissverständliche Verurteilung des vom israelischen Regime verübten Völkermords voraus". Zum Glück gibt es nach Rübs Bericht auch ein paar Stimmen in Italien, die sich über diesen Beschluss empören.
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Gesellschaft

Ziemlich scharf kritisiert die prominente Exil-Iranerin Masih Alinedschad auf Twitter die New Yorker Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez (AOC), die zum Opferfest in New York mit Kopftuch auftrat: "Sie haben in New York freiwillig einen Hidschab getragen. Im Iran werden Frauen getötet, wenn sie ihn ablegen. Sie protestieren bei jeder Gelegenheit gegen Gewalt an Frauen, prangern die Geschlechtertrennung an und setzen sich sich für 'Inklusion' ein. Und doch stehen Sie hier, lächelnd und mit einem Hidschab bekleidet, bei einer Veranstaltung in New York, im Herzen des Westens, bei einer Veranstaltung, wo Männer und Frauen streng voneinander getrennt sind. Für mich und Millionen iranischer Frauen sieht das nicht nach freier Entscheidung aus. Plötzlich heißt es nicht mehr 'My Body, my choice'. Wenn der muslimische Bürgermeister sagt, 'Bedecke dich', heißt es 'My Body for votes'." AOC antwortete recht flapsig: "Mit am meisten Spaß macht mir als Vertreterin von NYC, die unterschiedlichen Bräuche so vieler verschiedener Gemeinschaften kennenzulernen. Cheers."

Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani, der am Opferfest in einer Adidas-Tunika teilgenommen hatte (mehr hier), teilt gleichzeitig mit, dass er nicht an der Israel Day Parade, wo sich New Yorker Bürgermeister bisher immer zeigten, teilnehmen wird.
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Kulturpolitik

Gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes in Berlin hat Marcus Woeller in der Welt nichts einzuwenden. Immerhin ist das Areal so groß, dass es "locker die gesamte Innenstadt von Wien aufnehmen" könnte, und Berlin braucht dringend bezahlbare Wohnungen. Doch auf den Plan von Kollhof und Nöfer (unsere Resümees) blickt er eher skeptisch: "Denn - und da wirkt ihr 'Großer Plan' doch nur klein gedacht - sie zäumen das Pferd von hinten auf, genauer gesagt: das Feld von den Säumen. Die Hälfte der Bebauung landet in einem Bereich, der von Autobahn, S-Bahn-Ring und Gewerbegebieten abgedrängt ist, der Rest auf Streifen, die so schmal sind, dass sich dort kaum ein Kiezgefühl einstellen dürfte. Gerade das aber war die eigentliche Stärke der Blockrandstadt des späten 19. Jahrhunderts, auf die sich beide Architekten fortwährend berufen. Es geht Kollhoff und Nöfer offenkundig weniger darum, ein neues Stadtviertel aus der Logik des Ortes heraus zu entwickeln, als dem Areal ihren Alt-Berliner Stempel aufzudrücken" mit einer "Blockstruktur der Gründerzeitviertel" und Hausnummern auf blauweißen Emailschildern.
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Wissenschaft

Früher hatte sie es noch mit Plagiaten zu tun, schreibt in der FAZ die Literaturwissenschaftlerin Anna Wolter aus ihrer Prüfungspraxis. Aber heute liefert die KI den Studenten fertige Hausarbeiten auf Knopfdruck, und die Fälschung ist nicht so leicht zu erkennen. Viele Kollegen resignieren, so Wolter, aber sie überlegt, ob nicht neue Arbeitsprozesse definiert werden müssen: "Solange wir versuchen, mit immer neuen Mitteln Täuschung aufzudecken, werden wir den technischen Entwicklungen stets hinterherlaufen. Vielleicht geht es weniger darum, Betrug zu verhindern, als darum, Formen des Prüfens zu finden, in denen sich Eigenleistung überhaupt noch zeigen muss. Das könnte bedeuten, stärker auf Prozesse statt nur auf Produkte zu schauen: auf Zwischenschritte, auf Gespräche, auf das gemeinsame Denken im Seminarraum. Es könnte bedeuten, schriftliche Arbeiten enger mit mündlichen Elementen zu verzahnen, spontane Vertiefungen einzufordern, Argumente im direkten Austausch zu erproben."
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Medien

Das Programm des Deutschlandfunks soll neu strukturiert werden. In der Redaktion herrsche Unruhe, berichtet Stefan Niggemeier bei den Uebermedien. Aber vielleicht fühlt man sich nur in seiner Routine aufgestöbert? "Die Fachmagazine werden nun überwiegend abgeschafft oder verschmolzen. In Zukunft sollen die Beiträge der Fachredaktionen verstärkt Platz in den allgemeinen Informationssendungen vor allem am Morgen, aber auch am Mittag und frühen Abend finden. Dort können sie ein größeres Publikum erreichen, weil die Hörerzahlen hier am größten sind. Sie müssen sich aber jeweils in einem internen Pitch um das beste Thema durchsetzen. Ein solcher interner Konkurrenzkampf ist Neuland für den Deutschlandfunk."
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Stichwörter: Deutschlandfunk

Geschichte

In der NZZ erinnert Lucien Scherrer an die Kulturrevolution, eines ihrer ersten Opfer, die Lehrerin Bian Zhongyun, und an westliche Linke, die das mörderische Spektakel zustimmend aufnahmen: Die RAF, aber auch der Philosoph Konrad Farner, Louis Althusser, Herbert Marcuse, Noam Chomsky oder Sartre. "Der linke amerikanische Influencer Hasan Piker, der von Leuten wie Bernie Sanders hofiert wird, hat kürzlich ein Bild aus Peking gepostet, auf dem er stolz eine rote Mao-Bibel in die Kamera hält. Piker ist ein typischer Vertreter jenes 'Wohlstandsmaoismus' (Markus Gabriel), der im Westen überall Rassismus und Polizeigewalt sieht, aber gleichzeitig mit antisemitischen Terroristen und sozialistischen Polizeistaaten sympathisiert. Bis heute gibt es im Westen auch Hardcore-Kommunisten wie die deutsche Partei MLPD, die regelmäßig an Klimastreiks und Demos 'gegen rechts' mitläuft. Für deren Anhänger ist bis heute klar, dass die Kulturrevolution eine Glanzleistung von Mao war. Die auch von Wissenschaftern recherchierten Opferzahlen bezeichnete die Partei 2016 als 'frei erfunden'."
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Stichwörter: Kulturrevolution