9punkt - Die Debattenrundschau

Er klimpert so mit den Augen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.06.2026. Wer wird Frankreichs nächster Präsident? Jordan Bardella jedenfalls nicht, da ist sich der Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt im Welt-Interview ganz sicher. In der Türkei liegt die Nachfolgerin der CHP schon vor Erdogan, obwohl sie noch gar nicht gegründet wurde, berichtet Bülent Mumay in der FAZ. Ein Umzug der Zentralen Landesbibliothek an den Alexanderplatz könnte diesen verlorenen Ort vielleicht noch retten, ruft die taz. Und das Deutschland seinen Platz im UN-Sicherheitsrat wegen seiner Israel-Solidarität verloren hat, ist keine Schande, findet die Welt
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.06.2026 finden Sie hier

Europa

In der Welt unterhält sich der Schriftsteller Peter Stephan Jungk mit dem 98-jährigen französischen Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt über sein Leben, seine Übersetzertätigkeit und KI. Goldschmidt gibt auch eine Prognose für die kommenden Präsidentschaftswahlen ab, wer gewinnen wird: "Der rechtskonservative, ehemalige Innenminister Bruno Retailleau. Der ist intelligent, reaktionär, gegen die Trennung von Kirche und Staat, der macht genau das, was das Volk sich wünscht. Er wird massenhaft Ausländer abschieben und Ähnliches mehr. Die Franzosen möchten so eine Regierung haben." Das Rassemblement Nationale wird es hingegen nicht schaffen. "Bardella schafft es nicht. Zu unerfahren. Retailleau ist sehr intelligent. So französisch wie der Kollaborateur Philippe Pétain. Er ist schlau, streng, zynisch, machtbesessen. Und er klimpert so mit den Augen. Retailleau wird eher Präsident als alle anderen. Auch weil er diesen schönen, typisch französischen Namen trägt. Wie eine Figur von Balzac, der reaktionären Urprovinz entsprungen: Wie es die Bauern der Touraine eben sind. Der schafft das. Ich wette!"

Nach massiven Krawallen nach einem Sieg der Fußballmannschaft Paris Saint-Germain in französischen Städten, vor allem in Paris, herrscht in Frankreich "politische Ratlosigkeit", berichtet FAZ-Kritikerin Michaela Wiegel aus Paris. Trotz eines Großaufgebots von 22.000 Polizisten war die Lage nicht unter Kontrolle zu bekommen, die Täter sind zum Großteil männlich, viele minderjährig und stammen häufig aus den Vororten von Paris: "Die Polizeigewerkschaft verwies darauf, dass die Ordnungskräfte erschöpft seien, da die Gewalt 'durch politische Untätigkeit banalisiert wird'. Das zielt auf die Diskrepanz zwischen der Ankündigung 'unerbittlicher Strafen' und der Realität von Freisprüchen, Geldstrafen und weniger als zehn Verurteilungen zu Freiheitsstrafen nach den Ausschreitungen nach dem Champions-League-Finale 2025. Damals gab es zwei Tote, knapp 200 Verletzte sowie 559 Festnahmen."

"Dieses Land wird nicht die Wahlen abschaffen und die Herrschaft erneut einem Sultan überlassen", hofft Bülent Mumay inständig in seinem "Brief aus Istanbul" in der FAZ. Erdoğans Regierung verfolgt nun eine ganz klare Strategie: "vernichten, was es nicht kontrollieren kann." Mit der Zerschlagung der Oppositionspartei CHP geht er einen weiteren Schritt in dieser Richtung, indem er den Vorsitzenden Özgür Özel absetzen ließ (unser Resümee): "Özel und seine Parteigänger haben nun zwei Möglichkeiten: entweder die CHP zu einem neuen Parteitag drängen oder eine neue Partei gründen, um weiter politisch aktiv zu bleiben. Sie versuchen beides. Die erste Option dürfte, wie es scheint, die Palastjustiz unterbinden. Eine neue Partei indes bedeutete für Erdoğan einen neuen Albtraum. Die ersten Umfragen nach dem jüngsten Schlag des Palastes gegen die Opposition weisen eine mutmaßlich zu gründende neue Partei, die noch nicht einmal einen Namen hat, jetzt schon acht Punkte vor Erdoğan aus. Falls es überhaupt Wahlen gibt."

Die Bundesregierung tut so, als ginge der Iran-Krieg sie gar nichts an, schreibt der Grünen-Politiker Omid Nouripour in der Welt. Dabei müssen Deutschland und Europa insgesamt endlich eine Strategie entwickeln, wie sie mit diesem Konflikt umgehen, bevor es zu einer eklatanten Versorgungskrise kommt. "Was ist eigentlich unser Ziel gegenüber dem iranischen Regime? Wer nur reagiert, kommt zu spät. Das Regime in Teheran sichert sein Überleben durch Eskalation nach innen und außen. Ohne permanente Krise würde es die Kontrolle verlieren - und müsste sich den eigenen Problemen stellen: wirtschaftlicher Niedergang, Korruption und wachsender gesellschaftlicher Vertrauensverlust. Europas Passivität hat längst Konsequenzen. Wer jetzt weiter abwartet, macht aus einem regionalen Konflikt eine dauerhafte europäische Krise."

Der EU-Beitritt Montenegros ist auf einem guten Weg, berichtet Barbara Oertel in der taz. Es gibt allerdings immer noch innenpolitische Defizite - außerdem spielt der Nachbar Serbien eine Rolle: "Korruption, Defizite bei Rechtsstaatlichkeit und Demokratie - damit sind nur einige neuralgische Punkte benannt. Denn auch der Einfluss Belgrads stellt eine innenpolitische Herausforderung dar, die nicht zu unterschätzen ist. Laut der letzten Volkszählung von 2023 identifizieren sich 33 Prozent der Bevölkerung als SerbInnen. Ein politischer Satellit des serbischen Nachbarn ist die Partei 'Für die Zukunft Montenegros' (ZBCG), die die Regierung stützt und mit Andrija Mandić den Parlamentspräsidenten stellt. Der propagiert außenpolitisch ein Gleichgewicht: gute Beziehungen zur EU bei gleichzeitigen engeren Beziehungen zu Russland und Serbien."

Fast ein Drittel der 18 bis 29-Jährigen wünscht sich Angela Merkel als Bundeskanzlerin zurück, was auf TikTok zum Beispiel dazu führt, dass Influencer Merkel mit "Angie-Maus" anreden und darum bitten, zurückzukommen, staunt Sonja Zekri in der SZ. "Liebe Gen Z, ihr müsst jetzt sehr tapfer sein. Denn die bittere Wahrheit lautet: Auch damals hatten sich nicht alle lieb. Es hatten auch nicht alle Angela Merkel lieb. Sie hat die CDU sozialdemokratisiert, was nicht nur die CDU, sondern auch die Sozialdemokratie zerlegte. Sie hat mit Trump und Putin eine Gesprächsebene gefunden, aber es waren Trump und Putin jener Jahre, nicht die uneinhegbaren Zerstörer von heute."
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Politik

Deutschland hat die Abstimmung um einen Sitz im UN-Sicherheitsrat mutmaßlich wegen seiner Israel-Unterstützung verloren - dafür muss man sich nicht schämen, findet Welt-Autor Thomas Schmid in seinem Blog. "Es war richtig, dass die Bundesregierung Israels Kriegsführung zwar im Einzelnen kritisierte, den Gaza-Krieg aber immer als Reaktion auf das Massaker der Hamas ansah und dessen grundsätzliche Legitimität anerkannte. Wie es auch richtig war und ist, dass sie trotz Trump an dem schwierigen und oft peinigenden Versuch festhält, mit den USA in ein halbwegs gutes Benehmen zu kommen. Dass sich die Bundesregierung scheute, den Angriff der USA auf den Iran rundheraus zu verurteilen, war ebenfalls eine kluge Entscheidung. Das Beispiel des Irans hat ja gezeigt, dass das bedingungslose Bestehen auf dem Völkerrecht auch eine dunkle Seite haben kann. Denn es kann, wie sich gezeigt hat, ein an keine Regeln gebundenes Regime zu der Überzeugung kommen lassen, dass es ungestraft die eigene Bevölkerung terrorisieren und ermorden kann. Nicht das Völkerrecht hat dem Iran einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es waren Trump und Netanjahu."
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Geschichte

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Über das "rote Berlin" wird oftmals erzählt, dass die NSDAP hier bis zur Machtergreifung keinen Fuß fassen könnte - das ist so aber nicht richtig, erklärt der Historiker Arnd Bauerkämper im Tagesspiegel-Interview mit Mai Schulz. Das bürgerliche Milieu war schon früh der NSDAP verfallen. "Berlin ist nie ganz 'rot' gewesen. Zwar gab es Viertel, die sich bis zur Machtergreifung der NSDAP verweigert haben. Der Wedding war ganz eindeutig gegen die Partei. Sie hatte dort unterdurchschnittliche Wahlergebnisse. Doch auch in diesem Bezirk und in anderen Arbeitervierteln gewann die Partei bei den Wahlen 1932 und 1933 steigende Anteile." Doch diese Entwicklung traf nicht nur auf Berlin zu. "In anderen Großstädten blieb die Partei in den frühen 30er Jahren hinter dem Reichsdurchschnitt zurück. Das heißt nicht, dass sie nicht aufstieg, sondern nur, dass die Partei dort schlechter abschnitt als auf dem Land. Ihre ersten Hochburgen hatte die NSDAP in protestantischen, ländlichen Regionen. Aber 1932/33 hat sich das zunehmend ausgeglichen."
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Kulturpolitik

"Der Alex gilt als kriminalitätsbelasteter Ort, seit 2017 gehören Kameras, Polizeipräsenz und Kontrollen zur Kulisse", konstatiert Susanne Messmer in der taz. Vielleicht könnte ein Umzug der Zentralen Landesbibliothek Berlin in die bald leerstehenden Gebäude der Galeria Kaufhof den Standort ja aufwerten? Noch vor wenigen Monaten wurde darüber diskutiert, jetzt erlahmen die Gespräche wieder. Dabei hätte das große Vorteile, so Messmer, nicht nur für die Bibliothek selbst: "Genau darin läge die eigentliche Kraft des ZLB-Projekts. Die Bibliothek wäre am Alexanderplatz nicht bloß neuer Nutzer, nicht bloß Frequenzbringer, nicht bloß Rettungsanker für ein Warenhaus. Sie könnte dem Platz etwas geben, was er seit Langem vermissen lässt: ein Innenleben, eine Adresse, einen Anlass zu bleiben. Sie könnte Stadtreparatur betreiben. Wie stark so etwas wirken kann, zeigt Birmingham. Dort wurde die neue Zentralbibliothek zum Anker einer größeren Reparatur eines beschädigten Stadtraums: Verkehrsschneisen, Betonarchitektur und dunkle Unterführungen wichen besseren Wegebeziehungen, einem neuen Platz, Bäumen, Sitzkanten und einem flachen Wasserfeld. Die Bibliothek stand nicht einfach an diesem Platz. Sie half, ihn wieder zu einem Ort zu machen."
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