9punkt - Die Debattenrundschau

Die Eisschmelze überdauern

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.06.2026. Die Historikerin Jill Lepore erklärt in der Zeit, warum die amerikanische Demokratie gerade zu scheitern droht und wie die Liberalen dazu beigetragen haben. Ihr Kollege Timothy Snyder zieht in der SZ eine bittere Bilanz des Irankriegs. Belarus ist nicht gleich Russland, versichert in der NZZ der belarussische Journalist Andrzej Poczobut mit Blick auf die EU. Die FAZ findet die Empfehlungen einer Expertenkommission zum digitalen Jugendschutz zu komplex und macht einen Gegenvorschlag. Auch in der DDR wurde die Marktwirtschaft als gerechter empfunden als der real existierende Sozialismus, erzählt im Tagesspiegel der Historiker Clemens Villinger.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2026 finden Sie hier

Politik

"Das passiert, wenn die Wähler einen Unterhaltungsstar mit Kriegsführung und Profiteure mit Friedensverhandlungen betrauen", ätzt der Historiker Timothy Snyder, der in der SZ eine bittere Bilanz des Irankriegs zieht: "Bis jetzt ging ich davon aus, Trumps geopolitisches Vermächtnis werde eine Fußnote im Ukraine-Krieg bleiben: als Möchtegern-Oligarch, der den Angriffskrieg eines echten Oligarchen künstlich verlängerte. Doch nun wird Trump auch als Architekt der Wiederauferstehung des brutalen iranischen Regimes in Erinnerung bleiben... Durch seine Niederlage gegen Iran hat er dessen Macht im Nahen Osten gestärkt. Und durch seine Kapitulation vor Iran hat er dessen Herrschern eine dauerhafte Einnahmequelle verschafft. Iran wird Gebühren für die Durchfahrt durch die Straße von Hormus erheben, und die USA werden iranische Vermögenswerte in Höhe von 24 Milliarden Dollar freigeben sowie 300 Milliarden Dollar an Wiederaufbauhilfen zahlen. Jeglicher Einfluss, den Amerika hatte, um Iran am Bau einer Atomwaffe zu hindern, ist dahin."

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Die USA feiern dieses Jahr ihren 250sten. Und ausgerechnet in diesem Geburtstagsjahr scheint ihre Demokratie zu scheitern. Das fürchtet jedenfalls die Historikerin Jill Lepore im Interview mit der Zeit. Der Kongress "kann nichts ausrichten, die Abgeordneten sind abhängig von ihren Wahlkampfspendern, und zwar in beiden Parteien. Den Parteien fehlt jede innere, philosophische Kohärenz. Die Gewaltenteilung ist weitgehend verkrüppelt. Das Ausmaß von Betrug und Korruption, über das die Trump-Regierung ganz offen spricht, hätte jede andere Generation von Amerikanern schockiert. Rechtswissenschaftler sprechen von einem Verfall der Verfassung, was etwas anderes ist als der Niedergang der Demokratie. Die Ignoranz, die Präsident Trump gegenüber der Verfassung zeigt, ist nur ein Beispiel dafür." Der Liberalismus habe bei der Verteidigung der demokratischen Institutionen kläglich versagt, zum Beispiel die Universitäten: "Die konservative Kritik am akademischen Betrieb ist zwar größtenteils maßlos überzogen, aber es ist zugleich töricht und unehrlich, wenn Progressive behaupten, dieser Kritik fehle jede Grundlage."
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Europa

Der belarussische Journalist Andrzej Poczobut saß fünf Jahre im Gefängnis, darunter einige Zeit in Isolationshaft. Im NZZ-Interview mit Paul Flückiger wirbt er dafür, Belarus nicht einfach als Teil von Russland zu betrachten. Es sei wichtig "zu verstehen, dass Weißrussland nicht gleich Russland ist. Und dass die weißrussische Gesellschaft keine Verantwortung für die jetzige Entwicklung hin zu einer Vereinigung mit Russland trägt. (...) Das Schicksal Weißrusslands war stets eng mit jenem Russlands verbunden. Immer wenn Russland in der Krise war, ergaben sich Möglichkeiten für Weißrussland, so etwa 1918 bei der weißrussischen Unabhängigkeitserklärung. Sobald Russland in eine Krise schlittert, öffnet sich für Weißrussland wieder ein 'Fenster der Möglichkeiten'. Ich hoffe sehr, dass die EU für diesen Moment einen Plan hat, so dass Weißrussland endlich nach Westen rücken kann."
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Digitalisierung

Die großen Tech-Firmen haben sich das Internet untereinander aufgeteilt, aus der EU ist dagegen nur noch wenig Widerstand zu erwarten, konstatiert Philipp Bovermann in der SZ. In Deutschland könnte es von der Rundfunkkommission im September Vorstöße gegen die Marktmacht von Tech-Giganten geben. "Allen sei, sagt ein Landesminister, bewusst, über welche Macht die Konzerne mit der fortschreitenden Digitalisierung der Öffentlichkeit verfügten. Es müsse jetzt schnell etwas auf den Tisch. Aber auch Befürchtungen gibt es - vor einer Debatte über angebliche Zensur, geschürt aus dem AfD-Milieu, von wo aus eine allgemeine Regulierungsmüdigkeit das Land erfasst hat. (...) Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt, die AfD könnte in die Staatskanzlei einziehen. Vielleicht sitzt dann beim Treffen der Kommission erstmals jemand von der internationalen politischen Schlägertruppe mit am Tisch, mit der die Digitalkonzerne ein stillschweigendes Bündnis eingegangen sind."

In der FAZ ist Piotr Heller wenig zufrieden mit den Empfehlungen einer Expertenkommission zum digitalen Jugendschutz: alles zusammen sehr löblich, aber zugleich viel zu komplex: Grundsätzliches Verbot sozialer Medien bis zu einem bestimmten Alter, danach eine Art gestaffelte Freigabe, so lauten grob gesagt die Vorschläge. "Die zentrale Frage dabei müsste lauten: Sollen Kinder und die Gesellschaft sich an riskante digitale Umgebungen anpassen? Oder sollte man vor allem die Umgebungen kindgerecht gestalten? Hier wirkt die Fixierung der Experten auf die Teilhabe fatal. Denn der Empfehlungskatalog bleibt eine Antwort auf die Frage schuldig: Teilhabe, woran eigentlich? Jugendliche nutzen im Internet vor allem soziale Medien. Teilhabe gibt es hier nur zu den Bedingungen der Plattformen. Wer mitmacht, wird vermessen, gelenkt und monetarisiert." Die Folgen des Medienkonsums sollen dann aber Eltern und Gesellschaft auffangen, kritisiert Heller. Er fordert eine Regulierung der Plattformen und bis dahin ein Moratorium: "Keine sozialen Medien für Jugendliche, bis die wichtigsten Empfehlungen der Experten nicht umgesetzt sind. Vielleicht könnte das die Sache beschleunigen."
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Gesellschaft

Es mag heute erstaunen, aber auch in der DDR wurde die Marktwirtschaft im Westen lange als gerechter empfunden als der real existierende Sozialismus, erzählt im Interview mit dem Tagesspiegel der Historiker Clemes Villinger, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat: "Auch in der DDR war bis in die 80er Jahre hinein die Idee prägend, dass die persönliche Leistung den materiellen Wohlstand prägt. Der Glaube an eine für alle Menschen gleichermaßen auskömmliche wie gerechte Planwirtschaft in der DDR ging immer mehr verloren - während die Marktwirtschaft zunehmend als gerechter empfunden wurde, weil sich viele Menschen in der DDR vorstellten, dass in diesem Wirtschaftssystem Leistung belohnt würde. Geld wurde als objektiveres Zugangskriterium zu Produkten gesehen. Im Westen spielte es keine Rolle, ob man jemanden kannte, der jemanden kannte, der Autos verkauft. Man brauchte nur das Geld, ging in einen Laden und beschaffte sich, was man haben wollte. Ohne zu jemandem nett sein, ohne verhandeln zu müssen."
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Wissenschaft

"Im Südpolargebiet entsteht ein Eis-Archiv", berichtet Petra Ahne in der FAZ. Hier werden bis zu 70 Meter lange Eisbohrkerne gelagert, um die Eisschmelze zu überdauern: "Denn Eis ist mehr als gefrorenes Wasser, es hat ein Gedächtnis. Ein Gletscher wie der Holtedahlfonna, auf einer der nördlichsten Landmassen der Erde gelegen, ist ein abgeschiedener Ort, fern von fast allem, was das Geschehen auf der Weltkugel beeinflusst, und gerade darum ein zuverlässiger Zeuge von Ereignissen, die Spuren in der Atmosphäre hinterlassen" und zeigt, wie "der menschengemachte Anstieg von Treibhausgasen" die Erderwärmung begünstigte. "In den Schichten des Holtedahlfonna-Gletschers, die sich vor Beginn der Industrialisierung bildeten, fände man eine CO2-Konzentration von 280 ppm, in der obersten Schicht eine von 430 ppm. An einer Stelle des Eiskerns ist wahrscheinlich ein dunkler Strich zu erkennen: Schwefelpartikel, beim folgenreichen Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora 1815 in die Stratosphäre geschleudert und wieder herabgesunken. In 60, 70 Jahre alten Schichten fände man radioaktive Nuklide, Spuren amerikanischer Atomtests."
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Stichwörter: Arktis, Eisarchiv

Geschichte

Es war eine Sensation, als 2020 zwei Sammler dem Pariser Memorial de la Shoah 98 Fotos der ersten Pariser Deportationen von Juden überreichten, denn von Frankreichs Judenrazzien sind kaum Bilder erhalten, erinnert Marc Zitzmann in der FAZ. Als Fotograf wurde der Presse- und Theaterfotograf Harry Croner, der damals Mitglied der Pariser Propagandakompanie war, identifiziert. Als Deutscher war es ihm erlaubt, Aufnahmen im Freien machen, so konnte sich Croner frei unter den Opfern und Tätern bewegen, wie Zitzmann auf den nun erstmals ausgestellten Bildern erkennt: "In der zweiten Phase der Razzia schaffen die Familien Koffer und Pakete herbei, wie ihnen befohlen wurde. Kinder schauen verständnislos drein, viele Mütter wirken verstört. Eine Frau mit Wickelkind im Arm verhandelt, in Tränen, mit einem Polizisten. Auf vier sukzessiven Bildern rückt ihr weißer Kinderwagen immer weiter in den Hintergrund der Warteschlange, die sich auf dem Trottoir bildet. Nunmehr auf der anderen Straßenseite von der Sporthalle weggerückt blicken die Begleiter in die Höhe: Ein paar Männer strecken den Kopf aus dem Fenster."



Die Feier zur Verlegung der sterblichen Überreste Marc Blochs und seiner Frau Simone ins Pantheon war leider überschattet von aktuellen Streitigkeiten. Die Nachfahren Blochs hatten darauf bestanden, dass keine rechtsextremen Politiker zugegen waren - statt dessen zeigten sich zwei Enkelinnen in Palästinensertüchern und posierten vor den Porträt von Bloch und seiner Frau ostentativ mit demLinkspopulisten Jean-Luc Mélenchon, der jüngst mehrfach durch antisemitische Äußerungen hervorgetreten ist. Den jüdischen Verband Crif, einen Dachverband jüdischer Organisationen in Frankreich, nannte er in einer Rede leichthin "so ein rechtsextremes Ding, wo die Minister einmal im Jahr antanzen um dort an einem Essen teilzunehmen. Sie gehen da alle hin, stehen unter dem Befehl." Zugleich lief im französischen Kultursender France Cultures eine Diskussion mit dem Historiker Patrick Boucheron, immerhin vom Collège de France, der sich auf wiederholte Nachfrage des Reporters weigerte, auf aktuelle Formen des Antisemitismus einzugehen, stattdessen antwortete er: "Da müssen Sie alleine weiterreden." 

In der Zeit stellt der Historiker Jan Burzlaff die Jüdin Margarete Pappenheimer vor, die 1933 als 11-Jährige aus der Münchner Wohnung ihrer Eltern direkt in Adolf Hitlers Wohnung gucken konnte. Pappenheimer überlebte den Holocaust, weil sie mit einem Kindertransport nach England geschickt worden war, wo sie sich später Margaret Lowe nannte. Ihre Eltern wurden in Litauen umgebracht. "Zweimal blickt sie in langen Gesprächen durchs Fernglas der Erinnerung zurück auf ihre Kindheit: das erste Mal vor 30 Jahren in New York für die von Steven Spielberg gegründete USC Shoah Foundation, das zweite Mal 18 Jahre später für das Fortunoff Video Archive der Yale University. Im Juli 2023 ist Margarete Pappenheimer gestorben, sie wurde hundert Jahre alt. Ihre Stimme aber ist noch immer zu hören, ihr lebendiges Bild noch immer zu sehen. Nur interessierte sich bislang so gut wie niemand für die beiden Mitschnitte. Sie schlummerten, wie so viele, im Archiv, konserviert, um nicht vergessen zu werden - und wurden doch jahrelang vergessen. Das erste Gespräch ist seit 2011 sogar auf YouTube zu finden. Doch bislang hat sich zumindest die historische Forschung nicht dafür interessiert."

Archiv: Geschichte