9punkt - Die Debattenrundschau
Fatal ist mir das Lumpenpack
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.10.2026. Es kommt nicht darauf an, die Gewalt zu verurteilen, sondern sie zu verstehen, schreibt Edouard Louis in Libération. Sein Artikel wird diskutiert - Louis spricht sich in einem TV-Interview sehr deutlich für Gewalt aus. Die taz erklärt deutschen Jugendlichen, die jetzt auch demonstrieren wollen, sie müssten sich nicht von Gewalt distanzieren, weil die eh vom Staat ausgehe. Es sind Hunderttausende AfD-Mails geleakt worden - wird es nun einfacher, die Partei zu verbieten, fragen Zeit und taz. Ebenfalls in Zeit online fragt der Ökonom Dominic Rohner, ob sich KI verstaatlichen lässt.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
23.10.2026
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Europa
Es kommt nicht darauf an, die Gewalt zu verurteilen, sondern sie zu verstehen, schreibt der bekannte linke Schriftsteller Edouard Louis in einem viel kommentierten Artikel für Libération: "Es ist nicht eine Frage der Moral: Es geht nicht darum, ob das, was sie tun, richtig oder falsch ist. Es ist eine Frage der Politik: Warum tun sie es, und was sagen ihre Taten über den Zustand Frankreichs und die soziale Gewalt von heute aus? Was sagen uns diejenigen, die randalieren - manchmal wider Willen -, über die Vernachlässigung bestimmter Bevölkerungsschichten, über Leben, die auf Ausgrenzung und Gewalt reduziert sind?"
Auf diesen Artikel antwortet in Le Point der Reporter Saïd Mahrane. Louis reduziere die Plünderer zu Marionetten ihrer Gewalterfahrung, dabei sei er, Louis, das lebende Gegenbeispiel: "Edouard Louis fragt sich: 'Inwiefern führen Leid und soziale Gewalt dazu, dass manche Menschen keine andere Sprache mehr kennen als die der Gewalt?' Es ist verblüffend festzustellen, dass diese Frage von einem Mann stammt, der durch Schule, Lesen und literarisches Schaffen einen sozialen Aufstieg erlebt hat. Hat er, Edouard Louis, der Jugendliche aus der Picardie, der wegen seiner Homosexualität ausgegrenzt wurde und darunter litt, dass seine Eltern in ihrer bescheidenen Lebenssituation feststeckten, jemals ein Rathaus in Brand gesteckt, ein Geschäft verwüstet oder Schaufenster geplündert?"
In einem Fernsehinterview äußerte sich Louis übrigens noch um einiges klarer: "Ich finde diese Gewalt absolut legitim. Ich bin dafür, die Straßen von Paris in Brand zu stecken, dass man die Sachen kaputt macht. Denn das System muss verändert werden. Politik machen heißt, Blut an den Händen zu haben oder nicht. Es gibt keine große Revolution ohne Ausschreitung. Man hat Königreiche schleifen können, weil es Ausschreitungen gab und weil das leider die einzige Art ist, um von der Macht wahrgenommen zu werden."
Auch Edouard Louis' Freund und Kampfgefährte Didier Eribon ist zu dezidierten Äußerungen in der Lage. Der linke jüdische Politiker Jérôme Guedj hat die Szene auf Twitter aufgezeichnet - inklusive Video. Als sich Guedj mit einem Freund auf der Straße unterhält, wird ihm zugerufen "Hau ab, Du Arsch." Guedj fällt aus allen Wolken, als er Eribon als Urheber dieser Äußerung erkennt: "Nach der ersten Fassungslosigkeit weigere ich mich, zuzulassen, dass Straflosigkeit Einzug hält. Ich steige auf mein Fahrrad, hole ihn ein und spreche ihn ironisch und bestimmt an: 'Herr Eribon, gehen Sie so mit Meinungsverschiedenheiten um?'" Dieser antwortet laut Guedj "mit erbärmlicher Überheblichkeit: 'Ja, ich bin Didier Eribon, ich bin weltberühmt und Sie sind ein dreckiger Arsch.'" Und Eribon fährt fort: "'Aber mein Leben ist großartig! Heute Abend esse ich mit meiner Freundin Annie Ernaux zu Abend, der Literaturnobelpreisträgerin... 'Ich hätte Ihnen auch sagen können, und tue es auch: Verschwinden Sie, Sie dreckiger Zionist!' 'Nur zu', antwortete ich ihm. 'Versuchen Sie es doch, das richtige Wort liegt Ihnen doch schon auf der Zunge.'"
Christine Longin wünscht sich in der taz ein Bekenntnis der Republik zu den migrantischen Jugendlichen. "Ein solches Bekenntnis wäre heute dringend nötig. Stattdessen machen Rechtsextreme wie Eric Zemmour 'Horden von Barbaren aus dem Maghreb und Afrika' für die Ausschreitungen verantwortlich. Marine Le Pen, die derzeit alle Umfragen zur Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr anführt, geißelt eine 'anarchische Einwanderung'... Den Schülerinnen und Schülern aus der Banlieue haben sich inzwischen viele Altersgenossinnen und -genossen aus den besseren Vierteln der Großstädte angeschlossen. Diese Solidarität ist neu. Sie zeigt, dass ein genereller Unmut die 18- bis 25-Jährigen erfasst. Egal ob in Neuilly oder Saint-Denis: Sie finden keine bezahlbaren Wohnungen, schlagen sich mit Zeitverträgen durch und sorgen sich ums Klima."
Der Soziologe Fabien Truong wundert sich nicht über die Gewalt bei den Schülerdemos in Frankreich. Gerade die ärmeren Schüler würden in einem permanenten Ausnahmezustand leben, erzählt er im Interview mit dem Tagesspiegel: "Zusammen mit meinem Kollegen Jérôme Truc habe ich zehn Jahre lang in Grigny recherchiert, der ärmsten Stadt Frankreichs. Bei vielen Menschen in prekären Verhältnissen geht es täglich darum, etwas zu essen zu bekommen und eine Arbeitsmöglichkeit zu haben. In den Schulen ist es ähnlich. Tag für Tag geht es darum: Habe ich heute einen Lehrer oder nicht? Habe ich Tische? Habe ich einen Stuhl? Es geht immer nur um das Überleben im Hier und Jetzt. Das nennen wir 'permanenten Ausnahmezustand'. Die Beziehung zur Zukunft ist in gewisser Weise ausgelöscht. Dazu kommen die Klimakrise, die geopolitische Unsicherheit und vieles mehr. Es entsteht ein enormer Druck, ähnlich wie in einem Schnellkochtopf."
In der FAZ erklärt die von Lena Bopp befragte Historikerin Hélène Miard-Delacroix, wie das französische Wahlsystem mit seiner Stichwahl zwischen den beiden bestplatzierten Kandidaten die Sache noch zuspitzt: "Das Land polarisiert sich, weil das Wahlsystem das tendenzielle Schrumpfen des sozialliberalen Mittelfelds und die Polarisierung verschlimmert. Das macht es auch für das mittlere Feld, das vom sozialdemokratischen Raphaël Glucksmann bis zum stramm konservativen Bruno Retailleau reicht, schwierig, überhaupt ein gemeinsames Projekt zu entwickeln."
Nochmal in der taz wünscht sich Amira Klute ein bisschen mehr Eier in der Hose bei der Jugendinitiative "Gen Z regelt", die in Deutschland für den 31. Oktober zur Demo aufruft, beflügelt von den Franzosen, aber mit klarer Distanzierung von Gewalt. "'Gen Z regelt' will auch Leute ansprechen, die zum ersten Mal auf eine Demo gehen, die Bilder aus Frankreich gesehen haben und berechtigterweise Angst haben, auf die Fresse zu bekommen. Dass sie sich deswegen von Gewalt distanzieren, ist naiv, weil die Gewalt am Ende von der Polizei ausgehen wird. Gerade die Palästina-Soli-Proteste, die erst zusammengeprügelt und dann verboten wurden, sind ein Beispiel dafür, dass friedlich bleiben nicht vor Gewalt schützt."
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Es sind Hunderttausende Mails der AfD durch einen Hackerangriff an die Öffentlichkeit geraten - "die Mails reichen von 2026 bis ins 2013 zurück, also tief in die Parteigeschichte", erzählt Friedrich Kraft in der taz. Diese Mails könnten bei einem Parteiverbotsverfahren von Nutzen sein, so Kraft, der mit dem Anwalt Chan-jo Jun gesprochen hat: "So können interne Strategiepapiere zeigen, ob hinter öffentlichen Äußerungen eine gemeinsame politische Absicht steht. Bisher habe man Planung häufig aus dem öffentlichen Verhalten ableiten müssen, sagt er, dies sei nun anders. Hinzukommen müssen gewichtige Anhaltspunkte dafür, dass die Partei mit ihrem Vorhaben Erfolg haben könnte. Bleibt die Frage, ob gehackte Mails überhaupt juristisch verwendet werden dürfen. Jun unterscheidet dazu zwischen Strafverfahren und einem Parteiverbotsverfahren. Die rechtswidrige Beschaffung führe nicht automatisch dazu, dass Erkenntnisse unbrauchbar seien."
Die Zeit hat die Hacker kontaktiert, die die AfD-Mails geleakt haben, und mit dem Sprecher der Gruppe ein Interview geführt. Er ist nach eigenen Angaben ein in den USA lebender Ukrainer, der den Angriff mit einer zweiten Person durchgeführt hat: "Ich habe als Softwareentwickler und Datenwissenschaftler gearbeitet. Meine Branche hat sich komplett verändert, und mein Wohnsitz bietet mir nicht mehr das, was ich mir einst davon versprochen hatte. Deshalb habe ich beschlossen, 'wirkungsvollere Dinge' zu tun. Hier in den USA sind das Justizsystem und vieles andere völlig kaputt. Und es lässt sich nicht reparieren. Aber vielleicht ist das anderswo möglich." Möglich werden soll offenbar ein Verbot der AfD: "Wir haben die Dateien veröffentlicht, weil wir überzeugt sind, dass es Transparenz und öffentlicher Rechenschaft bedarf. Die Dokumente enthalten besorgniserregende Hinweise auf finanzielles Fehlverhalten, und die Öffentlichkeit hat ein Recht, davon zu erfahren. Korruption geht alle etwas an, egal, wo man politisch steht. Wir wollten etwas tun, das laut genug ist, um wirklich eine Veränderung anzustoßen."
Der Schriftsteller Artur Becker fragt sich in der FR, was die AfD und ihre Wähler eigentlich antreibt. Er weiß, wie sich frischer Wind anfühlt, und die AfD hat für ihn nichts Frisches: "Man sollte vor dem Wähler Respekt haben, man darf das Prekariat, den einfachen Menschen von der Straße, nicht beleidigen. Genau das passierte im stalinistischen Polen und auch in den Siebzigern, als die Arbeiter wegen Brot und Freiheit auf die Straße gingen und dabei zahlreich umkamen, weil sie von den Regierungsmilizen erschossen wurden. ... Erst nach 1990 wurde deutlich, dass die Solidarność den wichtigsten Beitrag zur europäischen Wende von 1989 geleistet hatte." Dabei war sie "keineswegs homogen. Ihre viel gepriesene Einheit ist ein Mythos - bis heute streiten Rechte, Linke und Liberale in Polen über die Deutung ihres Erfolgs. Fest steht jedoch: Lech Wałęsa und Anna Walentynowicz sind die Helden dieser Zeit. Doch man muss fragen: Welchen kollektiven Geist repräsentiert die AfD? Was soll in Deutschland erneuert und verbessert werden? Wo zeigt sich bei der AfD jener große humanistische und freiheitsorientierte Kampfgeist der Solidarność, der Mittelosteuropa und dem Westen so viel Hoffnung gab - auch wenn die SPD in den Siebzigern und Achtzigern aus Angst vor einer Konfrontation mit der Sowjetunion nicht ihre Freundin war?"
Ein betrügerischer Fonds hat investierende Türken um 150 Milliarden Euro gebracht. Der Skandal zieht in der Türkei weite Kreise, auch weil natürlich Erdogans AKP an der Korruption beteiligt war. Erdogan antwortet mit bewährten Mitteln, erzählt FAZ-Kolumnist Bülent Mumay: "Um aus der Sackgasse herauszukommen, greift Erdogan wieder einmal zur bekannten Methode. Er lässt Journalisten bestrafen, um zu verhindern, dass Einzelheiten des Skandals an die Öffentlichkeit dringen. In erster Reihe wurden jetzt Journalisten verhaftet oder mit elektronischer Fußfessel in Hausarrest gesetzt, die Behauptungen über AKP-Mitglieder in Umlauf gebracht haben, die in den Skandal verwickelt sind. Vor wenigen Wochen war die größte unabhängige Nachrichtenplattform T24 gesperrt worden. Letzte Woche übernahm der Staat den Nachrichtensender Halk TV, der viel über den Fondsskandal berichtet hatte."
Auf diesen Artikel antwortet in Le Point der Reporter Saïd Mahrane. Louis reduziere die Plünderer zu Marionetten ihrer Gewalterfahrung, dabei sei er, Louis, das lebende Gegenbeispiel: "Edouard Louis fragt sich: 'Inwiefern führen Leid und soziale Gewalt dazu, dass manche Menschen keine andere Sprache mehr kennen als die der Gewalt?' Es ist verblüffend festzustellen, dass diese Frage von einem Mann stammt, der durch Schule, Lesen und literarisches Schaffen einen sozialen Aufstieg erlebt hat. Hat er, Edouard Louis, der Jugendliche aus der Picardie, der wegen seiner Homosexualität ausgegrenzt wurde und darunter litt, dass seine Eltern in ihrer bescheidenen Lebenssituation feststeckten, jemals ein Rathaus in Brand gesteckt, ein Geschäft verwüstet oder Schaufenster geplündert?"
In einem Fernsehinterview äußerte sich Louis übrigens noch um einiges klarer: "Ich finde diese Gewalt absolut legitim. Ich bin dafür, die Straßen von Paris in Brand zu stecken, dass man die Sachen kaputt macht. Denn das System muss verändert werden. Politik machen heißt, Blut an den Händen zu haben oder nicht. Es gibt keine große Revolution ohne Ausschreitung. Man hat Königreiche schleifen können, weil es Ausschreitungen gab und weil das leider die einzige Art ist, um von der Macht wahrgenommen zu werden."
Auch Edouard Louis' Freund und Kampfgefährte Didier Eribon ist zu dezidierten Äußerungen in der Lage. Der linke jüdische Politiker Jérôme Guedj hat die Szene auf Twitter aufgezeichnet - inklusive Video. Als sich Guedj mit einem Freund auf der Straße unterhält, wird ihm zugerufen "Hau ab, Du Arsch." Guedj fällt aus allen Wolken, als er Eribon als Urheber dieser Äußerung erkennt: "Nach der ersten Fassungslosigkeit weigere ich mich, zuzulassen, dass Straflosigkeit Einzug hält. Ich steige auf mein Fahrrad, hole ihn ein und spreche ihn ironisch und bestimmt an: 'Herr Eribon, gehen Sie so mit Meinungsverschiedenheiten um?'" Dieser antwortet laut Guedj "mit erbärmlicher Überheblichkeit: 'Ja, ich bin Didier Eribon, ich bin weltberühmt und Sie sind ein dreckiger Arsch.'" Und Eribon fährt fort: "'Aber mein Leben ist großartig! Heute Abend esse ich mit meiner Freundin Annie Ernaux zu Abend, der Literaturnobelpreisträgerin... 'Ich hätte Ihnen auch sagen können, und tue es auch: Verschwinden Sie, Sie dreckiger Zionist!' 'Nur zu', antwortete ich ihm. 'Versuchen Sie es doch, das richtige Wort liegt Ihnen doch schon auf der Zunge.'"
Christine Longin wünscht sich in der taz ein Bekenntnis der Republik zu den migrantischen Jugendlichen. "Ein solches Bekenntnis wäre heute dringend nötig. Stattdessen machen Rechtsextreme wie Eric Zemmour 'Horden von Barbaren aus dem Maghreb und Afrika' für die Ausschreitungen verantwortlich. Marine Le Pen, die derzeit alle Umfragen zur Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr anführt, geißelt eine 'anarchische Einwanderung'... Den Schülerinnen und Schülern aus der Banlieue haben sich inzwischen viele Altersgenossinnen und -genossen aus den besseren Vierteln der Großstädte angeschlossen. Diese Solidarität ist neu. Sie zeigt, dass ein genereller Unmut die 18- bis 25-Jährigen erfasst. Egal ob in Neuilly oder Saint-Denis: Sie finden keine bezahlbaren Wohnungen, schlagen sich mit Zeitverträgen durch und sorgen sich ums Klima."
Der Soziologe Fabien Truong wundert sich nicht über die Gewalt bei den Schülerdemos in Frankreich. Gerade die ärmeren Schüler würden in einem permanenten Ausnahmezustand leben, erzählt er im Interview mit dem Tagesspiegel: "Zusammen mit meinem Kollegen Jérôme Truc habe ich zehn Jahre lang in Grigny recherchiert, der ärmsten Stadt Frankreichs. Bei vielen Menschen in prekären Verhältnissen geht es täglich darum, etwas zu essen zu bekommen und eine Arbeitsmöglichkeit zu haben. In den Schulen ist es ähnlich. Tag für Tag geht es darum: Habe ich heute einen Lehrer oder nicht? Habe ich Tische? Habe ich einen Stuhl? Es geht immer nur um das Überleben im Hier und Jetzt. Das nennen wir 'permanenten Ausnahmezustand'. Die Beziehung zur Zukunft ist in gewisser Weise ausgelöscht. Dazu kommen die Klimakrise, die geopolitische Unsicherheit und vieles mehr. Es entsteht ein enormer Druck, ähnlich wie in einem Schnellkochtopf."
In der FAZ erklärt die von Lena Bopp befragte Historikerin Hélène Miard-Delacroix, wie das französische Wahlsystem mit seiner Stichwahl zwischen den beiden bestplatzierten Kandidaten die Sache noch zuspitzt: "Das Land polarisiert sich, weil das Wahlsystem das tendenzielle Schrumpfen des sozialliberalen Mittelfelds und die Polarisierung verschlimmert. Das macht es auch für das mittlere Feld, das vom sozialdemokratischen Raphaël Glucksmann bis zum stramm konservativen Bruno Retailleau reicht, schwierig, überhaupt ein gemeinsames Projekt zu entwickeln."
Nochmal in der taz wünscht sich Amira Klute ein bisschen mehr Eier in der Hose bei der Jugendinitiative "Gen Z regelt", die in Deutschland für den 31. Oktober zur Demo aufruft, beflügelt von den Franzosen, aber mit klarer Distanzierung von Gewalt. "'Gen Z regelt' will auch Leute ansprechen, die zum ersten Mal auf eine Demo gehen, die Bilder aus Frankreich gesehen haben und berechtigterweise Angst haben, auf die Fresse zu bekommen. Dass sie sich deswegen von Gewalt distanzieren, ist naiv, weil die Gewalt am Ende von der Polizei ausgehen wird. Gerade die Palästina-Soli-Proteste, die erst zusammengeprügelt und dann verboten wurden, sind ein Beispiel dafür, dass friedlich bleiben nicht vor Gewalt schützt."
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Es sind Hunderttausende Mails der AfD durch einen Hackerangriff an die Öffentlichkeit geraten - "die Mails reichen von 2026 bis ins 2013 zurück, also tief in die Parteigeschichte", erzählt Friedrich Kraft in der taz. Diese Mails könnten bei einem Parteiverbotsverfahren von Nutzen sein, so Kraft, der mit dem Anwalt Chan-jo Jun gesprochen hat: "So können interne Strategiepapiere zeigen, ob hinter öffentlichen Äußerungen eine gemeinsame politische Absicht steht. Bisher habe man Planung häufig aus dem öffentlichen Verhalten ableiten müssen, sagt er, dies sei nun anders. Hinzukommen müssen gewichtige Anhaltspunkte dafür, dass die Partei mit ihrem Vorhaben Erfolg haben könnte. Bleibt die Frage, ob gehackte Mails überhaupt juristisch verwendet werden dürfen. Jun unterscheidet dazu zwischen Strafverfahren und einem Parteiverbotsverfahren. Die rechtswidrige Beschaffung führe nicht automatisch dazu, dass Erkenntnisse unbrauchbar seien."
Die Zeit hat die Hacker kontaktiert, die die AfD-Mails geleakt haben, und mit dem Sprecher der Gruppe ein Interview geführt. Er ist nach eigenen Angaben ein in den USA lebender Ukrainer, der den Angriff mit einer zweiten Person durchgeführt hat: "Ich habe als Softwareentwickler und Datenwissenschaftler gearbeitet. Meine Branche hat sich komplett verändert, und mein Wohnsitz bietet mir nicht mehr das, was ich mir einst davon versprochen hatte. Deshalb habe ich beschlossen, 'wirkungsvollere Dinge' zu tun. Hier in den USA sind das Justizsystem und vieles andere völlig kaputt. Und es lässt sich nicht reparieren. Aber vielleicht ist das anderswo möglich." Möglich werden soll offenbar ein Verbot der AfD: "Wir haben die Dateien veröffentlicht, weil wir überzeugt sind, dass es Transparenz und öffentlicher Rechenschaft bedarf. Die Dokumente enthalten besorgniserregende Hinweise auf finanzielles Fehlverhalten, und die Öffentlichkeit hat ein Recht, davon zu erfahren. Korruption geht alle etwas an, egal, wo man politisch steht. Wir wollten etwas tun, das laut genug ist, um wirklich eine Veränderung anzustoßen."
Der Schriftsteller Artur Becker fragt sich in der FR, was die AfD und ihre Wähler eigentlich antreibt. Er weiß, wie sich frischer Wind anfühlt, und die AfD hat für ihn nichts Frisches: "Man sollte vor dem Wähler Respekt haben, man darf das Prekariat, den einfachen Menschen von der Straße, nicht beleidigen. Genau das passierte im stalinistischen Polen und auch in den Siebzigern, als die Arbeiter wegen Brot und Freiheit auf die Straße gingen und dabei zahlreich umkamen, weil sie von den Regierungsmilizen erschossen wurden. ... Erst nach 1990 wurde deutlich, dass die Solidarność den wichtigsten Beitrag zur europäischen Wende von 1989 geleistet hatte." Dabei war sie "keineswegs homogen. Ihre viel gepriesene Einheit ist ein Mythos - bis heute streiten Rechte, Linke und Liberale in Polen über die Deutung ihres Erfolgs. Fest steht jedoch: Lech Wałęsa und Anna Walentynowicz sind die Helden dieser Zeit. Doch man muss fragen: Welchen kollektiven Geist repräsentiert die AfD? Was soll in Deutschland erneuert und verbessert werden? Wo zeigt sich bei der AfD jener große humanistische und freiheitsorientierte Kampfgeist der Solidarność, der Mittelosteuropa und dem Westen so viel Hoffnung gab - auch wenn die SPD in den Siebzigern und Achtzigern aus Angst vor einer Konfrontation mit der Sowjetunion nicht ihre Freundin war?"
Ein betrügerischer Fonds hat investierende Türken um 150 Milliarden Euro gebracht. Der Skandal zieht in der Türkei weite Kreise, auch weil natürlich Erdogans AKP an der Korruption beteiligt war. Erdogan antwortet mit bewährten Mitteln, erzählt FAZ-Kolumnist Bülent Mumay: "Um aus der Sackgasse herauszukommen, greift Erdogan wieder einmal zur bekannten Methode. Er lässt Journalisten bestrafen, um zu verhindern, dass Einzelheiten des Skandals an die Öffentlichkeit dringen. In erster Reihe wurden jetzt Journalisten verhaftet oder mit elektronischer Fußfessel in Hausarrest gesetzt, die Behauptungen über AKP-Mitglieder in Umlauf gebracht haben, die in den Skandal verwickelt sind. Vor wenigen Wochen war die größte unabhängige Nachrichtenplattform T24 gesperrt worden. Letzte Woche übernahm der Staat den Nachrichtensender Halk TV, der viel über den Fondsskandal berichtet hatte."
Kulturpolitik
Die AfD wollte in Düsseldorf einen kulturpolitischen Abend veranstalten und bezog sich ausgerechnet auf Heinrich Heine - Galerien und andere Repräsentanten der Kulturszene lassen sich da lieber nicht vereinnahmen. Peter Ansmann berichtet bei den Ruhrbaronen: "Wer Heine schon als patriotischen Ehrengast herbeizitiert, könnte ihn zur Abwechslung auch lesen. In 'Deutschland. Ein Wintermärchen', Caput XXIV (1844), steht eine Strophe, die sich für den angekündigten Kulturabend als Diskussionsgrundlage anbietet:
'Fatal ist mir das Lumpenpack,
Das, um die Herzen zu rühren,
Den Patriotismus trägt zur Schau
Mit allen seinen Geschwüren.'
Heine als Namenspatron ist bequem. Heine als Autor macht mehr Arbeit. Vielleicht sollte die AfD vor dem nächsten Kulturspaziergang einen Lesekreis einschieben."
'Fatal ist mir das Lumpenpack,
Das, um die Herzen zu rühren,
Den Patriotismus trägt zur Schau
Mit allen seinen Geschwüren.'
Heine als Namenspatron ist bequem. Heine als Autor macht mehr Arbeit. Vielleicht sollte die AfD vor dem nächsten Kulturspaziergang einen Lesekreis einschieben."
Digitalisierung
Der Neurobiologe Wolf Singer hat kürzlich in der FAZ internationale Kontrollorgane gefordert, die die Entwicklungen von Künstlicher Intelligenz überwachen sollen (unser Resümee). In der Zeit plädiert der Volkswirtschaftler Dominic Rohner jetzt sogar für eine internationale Verstaatlichung von KI, denn "im Großen und Ganzen gilt: Eine winzige, nicht gewählte Elite kontrolliert weitgehend die Technologie, die die Zukunft unserer Spezies gestalten wird und gefährden könnte". Eine Regierungsbeteiligung an KI-Firmen, wie sie Bernie Sanders vorgeschlagen hat, reicht ihm zur Kontrolle nicht aus, sie "entschärft nicht das internationale Wettrüsten zwischen Amerika und China, das die Risiken der KI überhaupt erst antreibt, und sie lässt den Rest der Menschheit außen vor", meint er. Nötig sei deshalb "eine internationale Verstaatlichung. Und diese könnte wie folgt aussehen: Die KI-Unternehmen behalten ihre bestehenden privatrechtlichen Strukturen. Das Völkerrecht würde jedoch vorschreiben, dass ein neu geschaffener KI-Fonds der Vereinten Nationen mindestens 51 Prozent der Anteile (und Stimmrechte) jedes KI-Unternehmens hält - ob amerikanisch, chinesisch, europäisch oder anderswo ansässig. Als KI-Unternehmen gälten Firmen, die KI-Modelle auf dem neuesten Stand der Technik entwickeln, wie OpenAI, Anthropic oder DeepSeek."
Geschichte
In der FR erinnert Arno Widmann an den ungarischen Volksaufstand 1956, der genau heute vor siebzig Jahren begann und 13 Tage später von russischen Panzern zusammengeschossen wurde: "Ohne die Ereignisse in Polen, die gegen den ausdrücklichen Willen der sowjetischen Führung Gomulka an die Spitze brachten, hätten die Ungarn es wohl kaum gewagt, so weit zu gehen, wie sie es dann doch taten. Aber gerade das brachte Chruschtschow von seinem nachgiebigen Kurs ab. Allerdings erst, nachdem er sich bei Gomulka, Tito und Mao versichert hatte, dass sie nichts gegen eine militärische Niederschlagung der Regierung Nagy unternehmen würden. Nicht einmal verbal. Die Chinesen änderten daraufhin eine bereits veröffentlichte Erklärung innerhalb weniger Stunden. Jetzt war in dem Abschnitt, in dem es um die Gleichberechtigung aller Staaten ging, von Ungarn nicht mehr die Rede. Womit wir das Grundproblem jener Zeit berühren. Churchill beschreibt in seiner Geschichte des Zweiten Weltkriegs die Szene, wie er am 9. Oktober 1944 in Moskau mit Stalin aufteilt, wer was übernehmen wird: Rumänien, Griechenland, Jugoslawien, Ungarn und Bulgarien. Keinem der beiden fällt ein, die betroffenen Nationen bei dem Spiel auch nur zu Rate zu ziehen. Das ist der Geist von Jalta. Gegen ihn richteten sich die Demonstranten vor 70 Jahren. Das ist ihre welthistorische Mission."
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