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17.10.2026. In einem von der SZ veröffentlichten Briefwechsel träumen der russische Schriftsteller Michail Schischkin und der ukrainische Verfassungsrechtler Gennadiy Druzenko von einer Zeit nach dem Krieg. Claus Leggewie überlegt in der taz, wie die CDU noch zu retten ist. In der SZ sieht Herfried Münkler den mündigen Bürger in der Krise. Die FAS beobachtet, wie Marine Le Pen und Jean-Luc Melenchon den Hass auf Deutschland schüren. Die Rede vom "Tech-Faschismus" verschleiert die wahren Gefahren, warnt in der FAS die Politikwissenschaftlerin Asma Mhalla.
Die SZ bringt auf ihren Buch-Zwei-Seiten den drei Jahre währenden Briefwechsel zwischen dem russischen Schriftsteller Michail Schischkin und dem ukrainischen Soldaten und Verfassungsrechtler Gennadiy Druzenko, die auch immer wieder um Visionen für eine Zeit nach dem Krieg ringen. So schreibt Druzenko: "Wir müssen dem Narrativ, Ukrainer und Russen seien auf ewig Feinde, unbedingt etwas entgegensetzen. Der Krieg zerstört beide Länder. Und wir müssen alles tun, damit unsere Stimme gehört wird: Wir sind nicht zu einem ewigen Krieg verdammt. In der Ukraine spürt man ganz besonders, dass wir an einer Epochenschwelle leben. Die Ära der Pax Americana, die nach dem Zerfall der Sowjetunion begann, geht definitiv zu Ende. Wahrscheinlich geht auch das Zeitalter der Globalisierung zu Ende. Und vielleicht geht sogar die Ära der Vorherrschaft des Westens zu Ende. … Vielleicht ist das in Europa, insbesondere in der konservativen Schweiz, noch nicht so spürbar, aber glauben Sie mir: Wir leben an einem Wendepunkt der Geschichte."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Journalistin Christiane Hoffmann hat gerade ein Buch über ihre Zeit in Russland und der Ukraine veröffentlicht. Im FR-Gespräch mit Michael Hesse kommt sie auch auf mögliche verpasste Chancen des Westens zu sprechen: "Wir haben vielleicht nicht genau genug hingehört, als Russland sagte: Wir wollen diese Erweiterung nicht. Wir dachten: Russland wird sich schon damit abfinden. Natürlich war die NATO keine Bedrohung für Russland. Aber die Osterweiterung war aus russischer Sicht trotzdem ein Zeichen des Misstrauens. Die mittel- und osteuropäischen Staaten wollten in die NATO, weil sie aus sehr nachvollziehbaren historischen Gründen Angst vor Russland hatten. Gleichzeitig behaupteten wir, damit werde keine neue Trennlinie durch Europa gezogen. Das war widersprüchlich. Vielleicht gab es Anfang der neunziger Jahre ein Zeitfenster für eine gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur. Ob das funktioniert hätte, wissen wir nicht. Was ich heute aber sehr klar sehe: Wir hätten die Ukraine viel früher und viel stärker unterstützen müssen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In seinem aktuellen Buch erinnert sich der amerikanische Journalist Evan Gershkovich an seine 491 Tage in russischer Haft. In einem Interview mit El Pais, das die Welt übersetzt hat, erklärt er unter anderem, warum die Russen nicht protestieren: "In Russland Umfragen durchzuführen ist wirklich schwierig. Ich würde sagen, dass rund 15 Prozent der Bevölkerung für den Krieg sind und weitere 15 Prozent dagegen. Und dann sind da noch 70 Prozent, die einfach nur wollen, dass man sie in Frieden lässt. Es ist eine Gesellschaft, die nie eine wirkliche Atempause hatte, weder in der Zarenzeit noch in der Epoche der Sowjetunion oder heute unter Wladimir Putin. Für Außenstehende ist es einfach zu sagen, das sind alles Komplizen oder dass sie sich nicht gegen das Regime auflehnen. Doch damit würden sie riskieren, im Gefängnis zu landen. So wie ein Historiker, den ich kenne, der zu einer achtjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, weil er über die Kriegsverbrechen in Butscha geschrieben hat. Wenn man so etwas wie ein normales Leben führen will, darf man nicht auffallen - das ist die logische Konsequenz."
Im Tagesspiegel-Interview mit Maria Kotsev ergänzt er: "Gleichzeitig spricht sich eine große Mehrheit für ein Ende des Krieges aus - egal, ob Putinbefürworter oder -gegner. Für die Zukunft bedeutet das, dass es eine Chance gibt. Russland kann sich eines Tages reformieren."
Es ist nicht nur die Ablehnung der EU und der NATO, die Le Pen und Mélenchon in Frankreich eint und Deutschland zu denken geben sollte, warnt Nikolai Ott in der FAS. Beide eint auch ihr Hass auf Deutschland: "Ein Feindbild, das sie in der Finanzkrise als Erfolg versprechende Wahlkampfstrategie entdeckten. ... Überall wird das allmächtige Deutschland vermutet, das heimlich die EU kontrolliere. (…) Deutschland habe Europa seine 'islamistische Migrationspolitik' aufgezwungen, wie Le Pen seit 2015 immer wieder betont. Dazu kämen eine linke Energiepolitik und eine Exportindustrie, die die französische Industrie zerstöre. Auf verteidigungspolitischer Ebene könne man Deutschland nicht vertrauen, denn seine transatlantische Beziehung und die mitteleuropäische Lage machten es zu einem illoyalen Partner. Obendrein sei der deutsche Wohlstand nur ein Produkt beständiger Exportüberschüsse, die Deutschland durch seine europäische Hegemonie über den Binnenmarkt und die gemeinsame Währung absichere. Es sind jene wirtschaftlichen und souveränistischen Argumente, die sich auch bei Mélenchon finden."
Herfried Münkler geht in der SZ der Krise des "mündigen Bürgers" nach, der im politischen System Deutschlands von den Volksparteien vertreten und in seiner "Urteilsfähigkeit" geschult wird: "Am wirksamsten ist das auf kommunal- und regionalpolitischer Ebene, wo die Entscheidungen sich in ihrer Reichweite wie in ihren Folgen am ehesten überschauen lassen. Doch die Gebietsreformen der 1970er-Jahre und die schleichende Juridifizierung der Kommunalpolitik haben das Feld dieser Entscheidungen immer weiter eingeengt. Je mehr vorgegeben ist, sei es durch gesetzliche Regelungen, sei es durch Fachgutachten, desto dürftiger wird die Arbeit an der Urteilsfähigkeit der Bürger. Der Imperativ der Effizienz hat den Quellgrund der bürgerschaftlichen Urteilskraft als wichtigste Voraussetzung einer funktionierenden Demokratie verschlossen. Damit haben auch die Volksparteien ihre Attraktivität für politikinteressierte Bürger eingebüßt. Sie wurden erst zur bloßen Mobilisierungsreserve in Wahlkämpfen. Anschließend waren die Parteimitglieder nur noch Abnickende des von oben Vorgegebenen."
"Kaum ein sprechfähiger CDUler kann einem erklären, wozu die Partei jetzt gut ist, außer dass sie als altes Möbel herumsteht", schreibtClaus Leggewie in der taz und überlegt, wie die CDU noch zu retten ist - und zwar indem sie sich auf einen "christlichen Sozialismus" besinnt: "Sie glauben allen Ernstes, die kulturelle Hegemonie zurückgewinnen zu können, wenn Automobil-, Stahl- und Chemiebranchen den Status des Exportweltmeisters restaurieren und die Digitalisierung auch in Deutschland endlich klappt, mit Hoffnungen auf die Blackbox künstliche Intelligenz. Es war doch die Bräsigkeit CDU-geführter Koalitionen, die alternative Pfade versperrt hat. Und vom Sozialismus müsste heute übrig bleiben, dass bestimmte Güter - Wasser, Luft und ja: auch Wohnen und Daten - Gemeingüter sind oder werden müssen. Hier ist auch Platz für soziale Bewegungen. Der Protest gegen wasser- und energiefressende Rechenzentren, der in den USA selbst konservative MAGA-Anhänger erreicht hat, könnte in Europa eine Dimension annehmen, die dem Anti-AKW-Protest der 1970er Jahre nahekommt."
Robert Misik denkt ebenfalls in der taz derweil über Erfolgsrezepte der Linken in aller Welt nach. Ein paar Muster kann man erkennen, meint er: "Progressive Parteien müssen eher nach links als 'in die Mitte' oder gar nach rechts rücken, wenn sie Erfolg haben wollen. Sie gewinnen dann, wenn sie soziale Gerechtigkeit, die Leistbarkeit des Lebens, die Leistbarkeit des Wohnens ins Zentrum rücken, die Klimakatastrophe, überhaupt die Endzeitgefühle, die fast in allen Bevölkerungsteilen grassieren, und wenn sie diesen Ängsten und auch der Wut eine Stimme geben. Rücken sie dagegen nach rechts, stärken sie ihrerseits rechte Narrative. … Auch das Rücken 'in die Mitte' ist häufig nur eine Chiffre für Konzeptionen maßvoller Balanciertheit, was besonders bei Menschen über sechzig beliebt ist."
Die WamS gibt dem französischen Philosophen und Schriftsteller Renaud Camus eine ganze Seite, um, immerhin sanft widersprochen von Martina Meister, seine Theorie vom "Großen Austausch" auszubreiten. Immerhin ist ihm zu entlocken, dass er kein Freund der AfD ist: "Erstens, weil ich keinerlei Sympathie für neonazistische Tendenzen habe, die von den Medien womöglich übertrieben werden, zweitens, weil die Partei prorussisch ist. Ich hingegen bin auf leidenschaftliche Weise pro-ukrainisch."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Jörg Burger und Nina Pauer führen ein episches Gespräch mit Götz Aly, das ZeitOnline mit 39 Minuten Lesezeit angibt. Aly erklärt unter anderem, wie es zu einem derartigen Gewaltrausch im Nationalsozialismus kommen konnte: "Das politische Gewaltniveau in der Weimarer Republik war zu Anfang sehr hoch gewesen. Nach einer ruhigeren Zwischenphase stieg es in der Endphase wieder stark an. Bei Straßen- und Saalschlachten zwischen Rechts- und Linksradikalen kamen 1932 etwa 300 Menschen zu Tode. Deswegen wurden die mit der Machtübernahme Hitlers verbundenen politisch motivierten Morde von 500 bis maximal 1.000 Menschen im Jahr 1933 weniger stark empfunden, als wir uns das heute vorstellen. Die Gewöhnung an die später ungebremst ausufernde Gewalt fand dann schrittweise statt: Die Leute gewöhnten sich an die Etablierung einer neuen Moral - mit dem Mord an einem Teil der SA-Führung und an einigen Konservativen von 1934, den Zwangssterilisierungen von 350.000 Deutschen bis 1939, den anschließenden 'Euthanasie'-Morden, die bis August 1941 rund 70.000 Angehörige deutscher Familien betrafen, und natürlich mit der massiven Gewalt gegen Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, die von der Parteiführung der NSDAP organisiert wurde. Wer nicht dazugehörte, war seines Lebens nicht mehr sicher."
Weitere Artikel: In der tazempfiehlt Andreas Fanizadeh die Ausstellung "Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt" im Deutschen Historischen Museum in Berlin, mehr hier. Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ erinnert Enrico Brissa an die deutsche Ärztin Eva Hoeck, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg moderne Medizin in entlegene Teile des Jemen brachte. Auf den Wirtschaftsseiten (!) der FAS erklärt der Historiker Bernd Roeck, der gerade ein Buch über Wallenstein geschrieben hat, weshalb die Beschäftigung mit dem Feldherrn und dem Dreißigjährigen Krieg gerade heute bedeutsam ist.
Nach dem Durchsuchungsbeschluss des Landgerichts Hamburg für die Zeit-Redaktion (unser Resümee) unterhält sich Götz Hamann für Zeit Online mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der 2005 Chefredakteur des Cicero war, als dort die Redaktionsräume von Polizei und Staatsanwalt durchsucht wurden. Er verfolge die aktuelle Debatte mit "Unbehagen", so Weimer.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die französisch-tunesische Politikwissenschaftlerin Asma Mhalla geht in ihrem aktuellen Buch "Cyberpunk" der Vermischung von Macht und Digitalisierung nach. Im FAS-Gespräch mit Harald Staun erklärt sie, weshalb sie nicht von "Tech-Faschismus" sprechen will: "Der historische Faschismus strebte danach, eine Einparteiendiktatur zu errichten, politische Opposition auszuschalten und die Gesellschaft durch einen zentralisierten Parteistaat und organisierte Gewalt zu mobilisieren. Hypermoderne Regierungsführung funktioniert nach einem ganz anderen Muster: Wahlen, konkurrierende Institutionen und eine beispiellose gegenseitige Abhängigkeit zwischen Regierungen und privat kontrollierten technologischen Infrastrukturen. Und ich würde behaupten, dass dies sogar noch toxischer, noch heimtückischer und noch perverser sein kann. Deshalb spreche ich vom Faschismus als einem Simulacrum. (...) Die Institutionen sind immer noch da. Und doch wird die Macht unter der Oberfläche neu organisiert. Sie ist viel hybrider, viel fließender, viel schwerer zu fassen und in gewisser Hinsicht brutaler. Und genau deshalb glaube ich, dass die historische Analogie so irreführend sein kann, da sie uns dazu verleitet, nach den alten Formen des Autoritarismus zu suchen und die neuen zu übersehen."
Weitere Artikel: Jan Küveler fragt sich in der Welt nach einem kleinen Streifzug durch die Kulturgeschichte der Maschinen, ob sich künstliche Superintelligenzen nicht doch erziehen lassen. Ann-Kathrin Nezik berichtet in der SZ von ihrem Selbstversuch mit dem neuen Meta-KI-Assistenten Muse. Richard Blättel erinnert auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ an ELIZA, den ersten Chatbot, geschaffen 1966 von dem Mathematiker Joseph Weizenbaum. In der FAS skizziert Mark Siemons, wie China mit den Gefahren von KI umgeht.
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