Efeu - Die Kulturrundschau

Szenische Wahrheitskristalle

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.10.2026. Die FAZ beobachtet im Kölner Kolumba-Museum eigentümliche Symbiosen zwischen der Kunst von Polyklet und den Fotografien von Duane Michals. Außerdem besucht sie Botho Strauß auf seinem Anwesen in der Uckermark. Monopol erlebt bei Joanna Lewickas Inszenierung von Senecas "Thyestes" in Schwerin, dass das Private nicht vor politischem Wahnsinn schützt. Die NZZ versucht sich einen Reim auf den Erfolg von Rapper Haftbefehl zu machen. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2026 finden Sie hier

Literatur

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Für die FAZ hat Andreas Kilb Botho Strauß, der gerade seinen neuen (in der FAS von Jürgen Kaube besprochenen) Band "Bleiben und Blicken" veröffentlicht hat, auf dessen Anwesen in der Uckermark besucht. Dort wandert und lebt der Schriftsteller mit einem Garten in Südhanglage und bereitet seine Notizbücher für Marbach vor. Von den kulturpessimistischen Interventionen vergangener Tage ist Strauß heute weit entfernt, vieles habe er vergessen, zitiert Kilb ihn. "Die Randlage im Grünen verbindet ihn mit Peter Handke, dem anderen Klausner der deutschen Literatur, der mit der Erschließung seiner Notizbücher schon ein ganzes Stück weiter ist. Mag sein, dass ihn Strauß einmal als Konkurrenten empfunden hat; inzwischen jedoch betrachtet er den Dichter aus Kärnten, den er vor Jahren öffentlich gegen seine politischen Kritiker in Schutz genommen hat, als verwandten Antipoden. Mit Handke, sagt er, habe die Nachkriegsliteratur geendet: 'Er hat einen neuen Anfang gesetzt.' Tatsächlich denkt man, wenn man die Beschreibungen der Natur im Wandel der Jahreszeiten in 'Bleiben und Blicken' liest, gelegentlich an die Waldpilze, Obstwiesen und Steinbrüche des Peter H. - und sehnt sich dabei zurück nach den präzise konturierten Zeitbildern, den szenischen Wahrheitskristallen, den unvergleichlichen Paaren und Passanten des bundesrepublikanischen Chronisten Botho Strauß."

Weiteres: Es spreche "alles dafür, dass es sich beim Bann für Sally Rooneys Bücher (unser Resümee) um eine Verabredung zwischen Verlag und Autorin handelt, um die Bedrohung der Meinungsfreiheit besonders drastisch darzustellen", kommentiert Andreas Platthaus in der FAZ, denn "auch wenn es seit dem Verbot 2800 Festnahmen von Palestine-Action-Unterstützern in Großbritannien gab, ist keine bekannt, die mit der bloßen Weiterleitung von Honoraren oder Tantiemen an Sympathisanten der Organisation begründet worden wäre". In seiner in der FAZ dokumentierten Rede zur Auszeichnung mit dem Uwe-Johnson-Preis erzählt Ingo Schulze unter anderem davon, wie "regelrecht aufgewertet" er sich "als Einwohner der DDR" fühlte, als er in den Achtzigern Johnsons DDR-Roman "Mutmaßungen über Jakob" las: "Dass hier einer auf Deutsch und in der Sprache der Moderne von jenem Land sprach, in dem ich lebte", war "außerordentlich". Mara Delius erzählt in der WamS von ihrem Besuch in der Pariser Buchhandlung von Sophie Semin-Handke. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert Andreas Platthaus' Laudatio auf Lukas Rietzschel zur Auszeichnung mit dem Rheingau-Literaturpreis. Paul Jandl schreibt in der NZZ zum Tod des Schweizer Schriftstellers Gerold Späth.

Besprochen werden unter anderem Martina Hefters "Nach der Sonne schauen" (taz), Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders" (FR), Christian Neefs Biografie des Reporters Gerd Ruge (FR), Eric Ehrhardts "Im Klauhof" (taz), Paulina Borsooks Sachbuch "Cyberselfish. A Critical Romp through the Terribly Libertarian Culture of High Tech" (taz), Hanns Zischlers "Yumikos Paravent" (FAZ), Zemaites Autobiografie "Und ich dachte für mich" (NZZ) und Ilija Matuskos Romandebüt "Jugo" (FAS). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Thomas Combrink schreibt in der Frankfurter Anthologie über Guntram Vespers "Erbschaft":

"Achtzehnhundertvierundreißig
im hessischen Dorf Steinheim
am Wintermorgen eilig ..."
Archiv: Literatur

Kunst

Chris Newman, Me in a no-time state, 1994/95, Acryl, Gouache und Tusche auf ungespanntem Nessel / Dreigesicht (Hl. Dreifaltigkeit), Süddeutschland (?), 17. Jh., Lindenholz mit Resten alter Fassung © Chris Newman © Foto: Mareike Tocha/Kolumba, Köln

Interessiert spaziert Paula Jänig für die FAZ durch die Ausstellung "Have you ever fallen in love with a clock?" im Kölner Kolumba Museum. Einmal jährlich wird eine Ausstellung aus dem eigenen Bestand des Museums kuratiert, lesen wir. Das heißt: Kunst aus einem Zeitraum von über zweitausend Jahren, die die kuriosesten Verbindungen eingeht: "Norm und Abweichung - hier stellt sich neben das Zeit- ein Körperbild. Der antike Doryphoros tritt auf. Polyklets Speerwerfer aus dem 5. Jahrhundert vor Christus steht, noch über 2500 Jahre später, für einen Typus eines männlichen Körperideals. In der Ausstellung wurde ihm eine Fotoarbeit aus dem Jahr 1998 gegenübergestellt: Duane Michals 'Dr. Heisenberg's Magic Mirror of Uncertainty'. Ein gewölbtes Spiegelbild, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, lässt keine Vergewisserung, keine Sicherheiten des eigenen Bildes zu. Das Bild sei 'wie ein Maßstab an die Wirklichkeit herangelegt', schrieb Martin Heidegger."

Weitere Artikel: Johanna Adorján trifft sich für die SZ mit dem Direktor der Neuen Nationalgalerie, Klaus Biesenbach, zum Gespräch. Für "Bilder und Zeiten" der FAZ besucht Anja-Rosa Thöming das Künstlerhaus des Malers Lodovico Pogliaghi am "Heiligen Berg" bei Varese. Carolin Gasteiger besucht für die SZ George Lucas' Museum of Narrative Art in Los Angeles. Besprochen werden die Ausstellung "Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960" im Berliner Gropius-Bau (FAZ), die Ausstellung "Lovis Corinth. Dann kam Berlin!" in der Berlinischen Galerie in Berlin (Tsp), eine Ausstellung von Alexandra Bircken mit dem Titel "Silver Lining" in der Langen Foundation Neuss (taz).
Archiv: Kunst

Architektur

Niklas Maak spaziert für die FAZ über die Pariser Île Seguin in der Seine: Früher Standort der Renault-Fabrik, war lange unklar, was hier gebaut werden sollte, bis sich der Immobilien-Tycoon Laurent Dumas einen Teil des Areals sicherte. Hier gibt es unter anderem das Ausstellungshaus "Le Large", wo Maak in der Ausstellung "Moteur Imaginaire" durchaus sehenswerte Gegenwartskunst entdecken kann. Der Rest beeindruckt ihn weniger: "Wenn der Staat ein solches Gelände nicht für sich reklamiert, kommt eben der übliche deprimierende Nutzungsmix aus Kino, Gastro und Büro heraus, mit angedockter wertsteigernder Kultur: Von den rostigen Büroriegeln setzt sich das Ausstellungshaus Le Large mit einer schimmernden Schuppenhaut aus rosé-goldenen, eloxierten Aluminiumkacheln ab. Es türmt sich über einem eher dunklen, haushoch mit Beton überbauten und zugigen Vorplatz mit anschließender Freitreppe zur Seine auf, wo riesige Betonflächen, viel Stahl und viel Glas dominieren und trotzdem ein Gefühl von Enge entsteht. Der zwischen den Büroriegeln und einem nichtssagenden Hotel an der Inselspitze eingezwängte, schimmernde Large-Bau sieht aus, als habe man einer KI befohlen, Teile von Gehrys Bilbao-Bau mit einem rosé-goldenen iPad und einer hochglanzpolierten Autokarosserie zu irgendwas Skulptural-Interessantem zu verwursten."

Außerdem: Christiane Brosius, Professorin für Visuelle und Medienanthropologie, und Axel Michaels, Seniorprofessor für Klassische Indologie, stellen in der FAZ das Projekt "Nepal Heritage Documentation Project (NHDP)" vor, dass es sich zur Aufgabe gemacht hat, das durch Umweltkatastrophen stets bedrohte nepalesische Kulturerbe zu dokumentieren und zu schützen.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Dumas, Laurent, Paris

Bühne

Szene aus "Thyestes" am Staatstheater Schwerin. Foto: Gábor Hollós

Mit einem "harten, komplexen und archaischen Stück" gelingt der Regisseurin Joanna Lewicka am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin ein kleines Theaterwunder, staunt Oliver Koerner von Gustorf in seiner Monopol-Kolumne. Lewicka bringt "Thyestes" auf die Bühne, ein eher unbekanntes Stück von Seneca, in dem sich die beiden Brüder Atreus und Thyestes mit solcher Grausamkeit bekriegen, dass es sie am Ende den Verstand kostet: "Das Bühnenbild hat den Tempel der Herrscher in eine Art Kellerloch transformiert. Durch eine aufgebrochene Wand blickt man in eine behelfsmäßige, zusammengestückelte Küche, darunter ein improvisiertes, dystopisches Thronzimmer (...) Der Gedanke, dass die Tyrannei an unseren Küchentischen, in unseren dysfunktionalen Familien entsteht, dass Tyrannen aus unserem Umgang miteinander, unserem Sprechen und Handeln geboren werden, dass ein Rückzug ins Private keine Erlösung vom politischen Wahnsinn ist, ist zentral für diese Inszenierung. Es heißt, dass nicht nur Kriege und Morde am Küchentisch beginnen, sondern auch politischer Wandel."

Außerdem: In der FR stellt Sarah Tekath das Theaterprojekt "Psst, hé schatje" der niederländischen Theatermacherin Lous van Noordwijk vor, das das Thema Catcalling im öffentlichen Raum behandelt. Besprochen wird Karin Beiers Inszenierung von "Die Argonauten" am Deutschen Schauspielhaus (Welt).
Archiv: Bühne

Musik

Haftbefehl ist zwar noch nicht gestorben, sondern musste lediglich einige Konzerte seiner Comebacktour wohl wegen eines Drogenrückfalls absagen, Daniel Haas schreibt in der NZZ aber trotzdem schonmal einen Nachruf auf den Offenbacher Rapper mit kurdischen Wurzeln, den er vor allem für seine sprachliche Fertigkeiten lobt: "Türkisch, Arabisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, alle diese Sprachen werden in Haftbefehls Lyrik verwurstet und 'haftiisiert', das heißt, in den Mahlstrom einer genial nuschelnden Abkürzungsrhetorik eingespeist. ... Das Bildungsbürgertum tat Haftbefehls Songs lange als die Volksmusik des kleinen Mannes ab, der sich mit dem Größen-Ich eines Moguls ausstattet. Übersehen wurde dabei, dass Haftbefehl von Anfang an zu schlau war, um nicht zu wissen, dass man die Kids nicht mehr mit verkniffener Ghettolyrik lockt." Haftbefehls Erfolg hängt maßgeblich zusammen mit "seiner einmaligen Rhetorik, die inklusiv war und exklusiv zugleich. Inklusiv, weil sie sich durch die Nationalsprachen sämtlicher Migrantengruppen in Deutschland fräste" und "ein Slang war, der Slangformen verwurstete, das heißt, Hyperslang, Metasprache wurde."

Julian Weber hat für die taz die Musikbiennale in Venedig besucht. Dort wurde auch der japanische Noisekünstler Keiji Haino geehrt, der es bei seinem Auftritt buchstäblich krachen ließ: "Schon im Anmarsch auf die Bühne lässt der Kobold mit dem schlohweißen Haar das Publikum entgeistert sein, indem er vor der Bühne zwei Becken kurz und trocken über den Köpfen der Sitzenden aufeinandercrasht. ... Dazu jault er auf, später tut er das auch am Mikrofon in längeren halb sprachlichen Jeremiaden. Schwingt die Becken in die Luft, schmeißt sie auf den Boden, hebt eines wieder auf, rührt gründlichst darin mit einem Klöppel. Hainos Krach hypnotisiert. ... Hingabe und Ernst - geradezu befreiend. Wo jeder anständige Lesebrillenträger mit leiser Stimme Gelassenheit predigt, ist das Konzert von Keijo Haino die reinste Anspannung mit erfrischend cholerischem Dauerlärm. Er erhält den Goldenen Löwe fürs Lebenswerk, überfällig, für die körperliche Schwerstarbeit, aber auch für die großartige Verwirrung, die den 74-jährigen Keiji-San umgibt."

Hier eine (etwas weniger drastische) Performance vom März dieses Jahres in Toronto: 



Außerdem: Jakob Thaller spricht im Standard mit der Austropop-Sängerin Stefanie Werger, die "das Leben" eigener Aussage nach "einfach am Arsch gepackt" hat, aber "trotzdem scheu war, das glaubt mir im Nachhinein ja keiner". Rico Bandle plaudert in der NZZ mit dem Schweizer Rocker Chris von Rohr, der nächste Woche 75 wird.

Besprochen werden Team Dreschs neues Album "Furthermore" (FR, mehr dazu bereits hier), ein von Franz Welser-Möst dirigiertes Konzert des Cleveland Orchestra in Wien (Standard), ein Konzert in Wien der Jazzmusikerin Esperanza Spalding (SZ) und das neue Album von Fontaines D.C. (Standard, SZ).
Archiv: Musik

Film

Mit einem mulmigen Gefühl nimmt Jan Wiele in der FAZ zur Kenntnis, dass öffentlich-rechtliche Dokus zu historischen Themen immer häufiger mit von KI erstellten Szenen durchsetzt sind. Aktueller Fall: "Staatsgeheimnis RAF - Terroristen in der DDR", in dem man etwa Silke Maier-Witt als junge Frau vermeintlich durch die DDR reisen sieht als wäre die Kamera damals schon dabei gewesen - aber auch abseits davon reiht sich KI-Sequenz an KI-Sequenz, um historisches Kolorit in den Film zu tragen. Den entsprechenden Warnhinweis - klein in einer Ecke - übersieht man rasch. "Wie verträgt sich das mit dem Ethos des Dokumentarfilmers? Und ist es inzwischen gar erwünschter Standard im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, KI zur Dramatisierung historischer Szenen zu verwenden, die nie gefilmt wurden?" Die unbekümmerte Selbstverständlichkeit, die sich hier Bahn bricht, findet Wiele "befremdlich" - "zum einen, weil KI-Szenen das Vertrauen in Authentizität nicht stärken; sie geben jenen Munition, die überall Fake News wittern. Und zum anderen, weil die Fiktionalisierung und Dramatisierung von Geschichte in diesen KI-Szenen einem Genre Hohn spricht, das teils vor Jahrzehnten mit weitaus geringeren technischen Mitteln weitaus seriöser wirkte als heute."

Außerdem: Tobias Sedlmaier porträtiert in der NZZ den Schauspieler August Diehl: "Wenigen Schauspielern gelingt die Verbindung zwischen diabolisch und charmant, sardonisch und elegant so gut wie Diehl." Jenni Zylka fragt sich in der taz, warum Alejandro González Iñárritus "Digger" (unser Resümee) an den Kassen so floppt. Das Standard-Team gibt Viennale-Tipps.

Besprochen werden Sebastian Brameshubers "London" (ZeitOnline, unsere Kritik), Georgia Oakleys Neuverfilmung von Jane Austens "Sinn und Sinnlichkeit" (Tsp, FAZ, SZ) und Lee Chang-dongs südkoreanisches Drama "Possible Love" ("Arbeit und Kapital - eine abstrakte Beziehung wird bei Lee Chang-dong so konkret wie möglich, und die Vermittlung leistet sein Medium, das Kino", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ).
Archiv: Film
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