9punkt - Die Debattenrundschau

Rassismus der gesenkten Erwartungshaltung

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.10.2026. Die Zeit empfiehlt wärmstens die Ausstellung "Umstrittene Verwandtschaft" im DHM über koloniale und nationalsozialistische Gewalt. Die SZ überlegt, was ein Ende der Russland-Sanktionen, wie von BSW und die AfD gefordert, konkret bedeuten würde. Friedensverträge gelten in Russland nur so lange, wie sie nützlich sind, erinnert der estnische Völkerrechtler Lauri Mälksoo in der FAZ. Der Religionskritiker Hamed Abdel-Samad erklärt in der Zeit, warum er im Libanon viel freier lebt als in Deutschland. Und: NZZ, Zeit, taz und Welt schreiben zum hundertsten Geburstag Michel Foucaults.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2026 finden Sie hier

Geschichte

In der Zeit empfiehlt Christian Staas wärmstens die von dem Historiker Stephan Malinowski kuratierte Ausstellung "Umstrittene Verwandtschaft" im DHM, die koloniale und nationalsozialistische Gewalt untersucht - in einem für Staas mustergültigen Balanceakt. Denn was man im DHM erkennt, ist "keine lineare Geschichtserzählung, sondern ein Beziehungsgeflecht voller loser Enden. Mal decken sich die historischen Muster, mal kontrastieren sie, und manchmal entziehen sie sich auch dem direkten Vergleich." So markiert die Ausstellung "zwar mit sachlichem Blick Differenzen, erzeugt aber nie den Eindruck, dass das eine Verbrechen 'weniger schlimm' sei als das andere, weil es sich strukturell unterscheidet oder in einem anderen Kontext begangen wurde... Die unterschiedslose Anerkennung des Leids enthebt nicht der genauen Beschreibung seiner Ursachen. Hier, aufseiten der Täter und der Situation ihres Handelns, liegen Unterschiede, die benannt sein wollen, um zu verhindern, dass im Namen der Empathie mit den Opfern gleichgesetzt wird, was nicht gleichzusetzen ist. Die viel beschworene Singularität des Holocausts steht im DHM außer Frage. Doch statt den Singularitätsbegriff moralisch aufzuladen, verleiht die Ausstellung ihm einen präzisen analytischen Gehalt und zieht damit Grenzen für einen sinnvollen Vergleich. Sie setzt den Holocaust in Relation, ohne ihn zu relativieren. So ist der vorletzte Raum der Schau - zum Thema 'industrielle Vernichtung' - der einzige ohne koloniales Pendant."
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Europa

Wolodimir Selenski warf Donald Trump gestern abend bei seinem Besuch in London vor, die Ukraine durch die Zurückhaltung wichtiger Satellitendaten "verraten" zu haben, schreibt die Daily Mail heute morgen. Offenbar hat Trump den Zugang der Ukraine zum Satellitenabwehrsystem "Starshield", das Musks "Starlink"-Netzwerk nutzt, eingeschränkt. "Trump hatte in den letzten Tagen Selenskis Rücktritt als Staatschef gefordert, ein Abkommen mit Wladimir Putin über den Kauf von russischem Diesel unterzeichnet, Selenski für die eskalierenden Energiepreise verantwortlich gemacht und ihn mit einem angeblichen Waffenstillstand überrascht - den Russland inzwischen gebrochen hat. Das ukrainische Militär gab gestern bekannt, dass sein Zugang zum SpaceX-Satellitensystem 'gedrosselt' worden sei, was die Luftabwehr lahmgelegt und wichtige ukrainische Angriffe auf russische Militärziele verhindert habe." Hintergrund ist der Absturz der Umfragewerte des US-Präsidenten "aufgrund steigender Kraftstoffkosten, die größtenteils durch seinen katastrophalen Krieg mit dem Iran verursacht wurden, doch stattdessen hebt er Kiews Angriffe auf russische Ölraffinerien hervor". Trump möchte, dass die Ukraine die Angriffe einstellt.

Kritiker einer militärischen Unterstützung für die Ukraine fordern immer wieder Friedensverhandlungen mit Russland, das daran selbst kein Interesse zeigt. Und selbst wenn: "Was können wir aus der Vergangenheit über Friedensverträge unter Beteiligung Russlands und über das russische Denken in Bezug auf Verträge lernen", fragt in der FAZ der estnische Völkerrechtler Lauri Mälksoo. "Diese Frage muss gestellt werden, weil die Russische Föderation nach dem Zerfall der Sowjetunion zunächst die Staatsgrenze der Ukraine in ihrem Verlauf von 1991 anerkannte - im Budapester Memorandum von 1994 und im bilateralen russisch-ukrainischen Grenzvertrag von 2003. Darüber hinaus liefern auch die russischen Argumente zu den Minsker Vereinbarungen von 2014 und 2015 weitere wichtige Hinweise auf die russische Praxis und Haltung gegenüber internationalen Verträgen." Mälksoo führt aus, dass es vom Russischen Kaiserreich bis heute eine Kontinuität des Gedankens gibt, bei Veränderung der Umstände dürften Verträge einseitig gekündigt werden: "Kaum ein anderes Element dürfte das völkerrechtliche Denken der sowjetischen und russischen Eliten stärker geprägt haben als die Tatsache, dass Moskau seine zunächst auf dem Molotow-Ribbentrop-Pakt beruhenden Eroberungen während des Zweiten Weltkriegs im Wesentlichen zurückgewinnen und behalten konnte."

Das BSW und die AfD haben in Sachsen-Anhalt also gemeinsam einen Antrag verabschiedet, der ein Ende der Russland-Sanktionen fordert. Was würde das konkret für Deutschland bedeuten, überlegt Gustav Seibt in der SZ: "Deutschland würde in aller Form die Seiten wechseln und de facto zu einem Verbündeten Russlands. Die Aufhebung der Sanktionen würde Russland einen frischen Kapitalstrom zu seiner Kriegsfinanzierung eröffnen, ja, es wäre seine Finanzsorgen erst einmal los. Umgekehrt würde die Einstellung der deutschen Hilfen für die Ukraine das Land in höchste Gefahr bringen, denn ob die anderen europäischen Länder, die nach dem Rückzug der USA noch blieben, die deutsche Lücke schließen könnten, ist sehr fraglich."

Heinrich August Winkler warnt in der FAZ vor einem Verbot der AfD, was die Rechten am Ende stärken würde. Statt dessen plädiert er für eine sehr viel offensivere Auseinandersetzung mit den Forderungen der AfD (und der Linken): "Die CDU und die CSU wären gut beraten, den Begriff 'konservativ' positiv, als 'wertkonservativ' und nicht als 'strukturkonservativ' (Erhard Eppler), auszulegen und dem Anspruch der AfD, die einzig wahre konservative Partei Deutschlands zu sein, offensiv entgegenzutreten. Die Unionsparteien können niemals nur konservativ sein. Sie müssen stets auch ihrer liberalen und christlich-sozialen Wurzeln eingedenk sein und entsprechend handeln. Aber dass sie sich auch als reformfreundliche, wertkonservative Demokraten verstehen, sollten sie mit größerem Selbstbewusstsein deutlich machen, als sie es bisher getan haben. Zu einer anderen Selbstkorrektur müsste die SPD bereit sein. Sie sollte sich zu einer sozialliberalen Partei weiterentwickeln, die sich von der Idee einer solidarischen Leistungsgesellschaft leiten lässt und sich den Prinzipien der Chancen- und Generationengerechtigkeit verpflichtet weiß."

Die Demokratie kommt bei allem Stolz auf funktionierende, personenunabhängige Verfahren nicht drumherum, auch überzeugende Repräsentanten in der ersten Reihe zu haben, erklärt die amerikanische Soziologin Kim Lane Scheppele, die seit den neunziger Jahren zur Demokratisierung und autoritärer Wende in Ungarn geforscht hat, im Interview mit der SZ. "Um einen autokratischen Staat zu überwinden, braucht es einen Politiker, der einen bestimmten Fokus hat und hoffentlich keine böse Person ist. Magyars Kampagne lautete: Man hat euch Geld gestohlen durch die Korruption, und wenn ihr mich wählt, wird es wieder einen funktionierenden Staat geben. (...) Was die AfD in Sachsen-Anhalt betrifft, reicht es aber nicht, einfach einer Person die Schuld zu geben, die bestehende Schwächen ausnützt. Wissen Sie, man muss nicht extrem schnell rennen, um dem Bären zu entkommen. Man muss nur schneller sein als die Person hinter einem. Will heißen: Man muss keine ideale Partei sein, nur besser als die AfD."

Dem stellvertretenden Landtagsvorsitzenden Hans-Thomas Tillschneider, Vordenker der rechtsextremen AfD in Sachsen-Anhalt, wurde am Jahrestag des Anschlags auf die Synagoge in Halle der Eintritt von Studierenden versperrt. Im Tagesspiegel-Interview mit Sebastian Leber verteidigt Ron Dekel, Präsident der jüdischen Studierendenunion Deutschland, dieses Vorgehen. "Ich denke, dass man sich nicht auf deren Spielchen einlassen darf. Am Ende geht es darum, eine wehrhafte Zivilgesellschaft zu sein. In diesem Fall war es wichtiger, ein würdiges Gedenken abzuhalten. Und dafür zu sorgen, dass die Menschen, die diesen Anschlag überlebt haben, nicht der Person in die Augen schauen müssen, deren Partei in den vergangenen Jahren rechtsextreme Narrative massiv gesellschaftsfähig gemacht hat. Das Schräge ist: Als Tillschneider versuchte, in die Synagoge zu kommen, war die Tür noch nicht einmal offen. Er war schlicht zu früh."

Wo die Grenzlinie zwischen Antisemitismus und legitimer Israelkritik verläuft, erklärt der Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow im Interview mit der FR seinen Linken-Parteikollegen aus Berlin. "Die Grenzlinie wird überschritten, wenn wir mit Kräften zusammenarbeiten, die sagen, Israel muss weg. Wer sagt, der 7. Oktober war ein Befreiungsschlag und damit den Massenmord an Jüdinnen und Juden verharmlost, gehört nicht zu uns. Ich war auf dem Nova-Festivalgelände, ich habe die Bilder der getöteten Frauen gesehen und ich habe mit den Leuten von der Armee gesprochen. Ich habe mir den Film angeschaut, in dem die Überlebenden berichten, was passiert ist. Wer das verharmlost oder relativiert, überschreitet alle Grenzen. Ich will es aber deutlich sagen, ich bin trotzdem und eindeutig dafür, dass Palästina jetzt anerkannt wird, und zwar auf der Basis des Teilungsbeschlusses."
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Kulturmarkt

Was ist im Zeitalter von KI eigentlich noch ein Buch (und damit ein verwertbares Produkt), fragt sich in der Zeit Leon Lindenberger. Die Verlage haben zur KI noch eine leicht schizophrene Einstellung: Einerseits nutzen sie KI für die Verlagsarbeit und teilweise auch schon für die Übersetzung. Von den Autoren erwarten sie jedoch eine gewisse Reinheit: "Ohne KI"-Sticker kleben jetzt auf vielen Jugendbüchern, bemerkt Lindenberger. "Am gelassensten äußern sich auch in den Gesprächen für diesen Text die Professorinnen und Professoren der führenden literarischen Schreibschulen. Ulrike Draesner vom Deutschen Literaturinstitut Leipzig und Guido Graf vom Literaturinstitut Hildesheim plädieren für einen produktiven Umgang mit der neuen Technologie. ... Man wolle in Leipzig ab dem Bewerbungslauf 2027 zwar eine KI-Grenze von fünf Prozent für die eingereichten Schreibproben vorgeben, es sei aber klar, dass kein Detektor mit dieser Präzision messen kann. Und dass ja ohnehin offenbleibt, was das genau bedeuten soll, fünf Prozent. Es sei, sagt Draesner, ein Appell. Meist sei beim Lesen der Texte sofort spürbar, ob ihre Tiefe echt oder vorgetäuscht ist."
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Ideen

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Der Religionskritiker Hamed Abdel-Samad lebt heute - ganz ohne Polizeischutz - in Beirut. Im Interview mit der Zeit erklärt er, warum er es in Deutschland nicht mehr ausgehalten hat: "Ich werde von vielen libanesischen Intellektuellen als Reformer und Aufklärer respektiert, obwohl ich dort keinen Deut vorsichtiger spreche. Ich kritisiere die Hisbollah, den christlichen und jüdischen Fundamentalismus, die blinden Flecke der arabischen Linken. Niemand muss meine Positionen teilen, aber ich muss mich auch nicht verstecken." Auf die Nerven geht ihm in Deutschland vor allem "die überhebliche Immunisierung meiner eigenen Religion und Kultur, all dessen, woher ich komme und womit ich mich auskenne, gegen Kritik - durch Nichtmuslime. Das ist Rassismus der gesenkten Erwartungshaltung. Damit erweist man Muslimen einen Bärendienst und stärkt ausgerechnet Akteure des politischen Islams, die für sich einen Sonderstatus beanspruchen und sich am Grundgesetz nicht messen lassen. Die offene Gesellschaft entwaffnet sich selbst, aus Angst vor Konflikten. Genau das führt zur Politisierung der Religion."

Im NZZ-Interview mit Marc Tribelhorn kommt der Kulturhistoriker Philipp Felsch zu Michel Foucaults hundertsten Geburtstag auf dessen Diskurstheorie zurück, die dieser maßgeblich geprägt hat und damit auch die Wahrnehmung von zeitgenössischen Debatten (hier unsere Resümees zum hundertsten Geburtstag Foucaults). "Foucault interessierte sich für die Möglichkeiten des Sagbaren und Denkbaren, die den Raum einer Wissenschaft und ihrer Wahrheit zu einer bestimmten Zeit definieren. Der Diskurs ist im Grunde ein historisch gewachsenes System der Erkenntnis und der Weltwahrnehmung, das zu einer bestimmten Zeit gilt. Er ist das strukturalistische Erbe bei Foucault. Das Subjekt ist, ohne es zu bemerken, den Regeln des Diskurses unterworfen und trägt zur Produktion des anonymen Diskurses bei. Foucault nennt als Beispiel die Vererbungslehre von Gregor Mendel, die heute als richtig gilt, von den Biologen des 19. Jahrhunderts aber nicht anerkannt wurde, weil sie nicht 'im Wahren' des wissenschaftlichen Diskurses jener Epoche war und damit keine Gültigkeit hatte."

Gerade jetzt lohnt sich die Foucault-Lektüre, ruft Jens Balzer in der Zeit. Das würde auch einige Missverständnisse aufklären: So sei Foucault keineswegs ein Verteidiger fester Identitäten gewesen, ganz im Gegenteil: "Für Foucault war 'Identität' nichts, wessen man sich zu vergewissern hat, sondern etwas, das überwunden werden muss. 'Identität' ist etwas, 'das uns begrenzt, und ich denke, dass wir das Recht haben (und haben können), frei zu sein', so sagt er es im Interview 1982." Wichtig war ihm die Suche nach der Wahrheit. Und dazu gehörte Mut in Form von Kritik an den Mächtigen ebenso wie Mut zur Selbstkritik. "Selbstkritik ist die Bedingung der Freiheit des Denkens, sie bewahrt vor der Ideologie: Daran sollten all jene sich dringend erinnern, die heute als linke Intellektuelle auftreten. Aber nicht nur sie. Für Foucault war Selbstkritik eine Bedingung für gerechtes Regieren: Wer das Gemeinwesen beherrschen will, der muss erst sich selber beherrschen, so zitiert er aus einem sokratischen Dialog in seiner Vorlesung über die Hermeneutik des Subjekts; wer Macht ausüben will, der muss bereit sein, sich der Wahrheit und der Suche nach ihr zu unterwerfen."

Außerdem: In der Welt erinnert sich der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, wie das so war, Foucaults Vorlesungen zu lauschen. Im letzten Beitrag der taz-Reihe zu Foucaults Hundertstem schreibt Diedrich Diederichsen über den Einfluss von René Char auf Foucault.
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