Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.06.2026. In der taz ist sich der Aktivist Arne Semsrott sicher - nur die Zivilgesellschaft kann gegen die AfD obsiegen. In der FAZ erzählt der Historiker Jochen Staadt die Geschichte des Antisemitismus in der DDR. "Es war nie wichtiger als heute, am Ideal der Gleichheit festzuhalten", betont die Philosophin Elizabeth Anderson im Zeit-Online-Interview mit Blick auf 250-Jahr-Feier der USA. Und eine knifflige Frage: Sind die Kommentare zu KI im Journalismus selbstgeschrieben?
Seit der Tagesspiegel seinen "Editor at large" Stephan-Andreas Casdorff gefeuert hat, weil er Meinungsbeiträge mit KI geschrieben hat (unser Resümee), fragt man sich bei jedem Artikel, ob er echt ist. Ann-Kathrin Leclère schreibt in der taz zum Thema. Unter anderem meint sie, so wie es hier steht: "Wir Leben in einer Zeit, in der KI in unser aller Alltag Einzug genommen hat und wir müssen einen Weg finden, mit ihr umzugehen. Auf manche Verwendung von KI können wir uns schon einigen. So etwa nutzt die taz ein KI-Transkriptionsprogramm, dass Interviews in Text umwandelt." In der taz wird die KI also nicht mal benutzt, um Korrektur zu lesen.
Der Netzpionier Peter Glaser hat seinen Kommentar auf Facebook dagegen gleich mit ChatGPTverfasst, und er besagt im Grunde das gleiche wie das, was alle schreiben: "Ein Meinungsartikel lebt nicht von den Wörtern allein. Er lebt von der Person, die hinter ihnen steht. Wer einen Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff liest, erwartet nicht bloß grammatikalisch korrekte Sätze oder eine plausible Argumentationskette. Er erwartet die Gedanken eines erfahrenen Journalisten, seine Urteile, seine Erfahrungen, seine Widersprüche. Die Autorenzeile ist kein dekoratives Namensschild. Sie ist ein Versprechen. Künstliche Intelligenz kann dieses Versprechen nicht einlösen. Sie hat keine Meinung." (Und kann auch nicht Korrektur lesen.)
In der FAZ enthüllt Ursula Scheer, dass nicht nur, wie bereits bekannt, Mario Voigt, sondern auch Bundesdigitalminister Karsten Wildberger für diese Zeitung mit KI schrieb, umsonst, denn in der FAZ "sollen nur von Menschen - also jenen biologischen Entitäten, die Elon Musk verächtlich 'Fleischcomputer' nennt - verfasste Originalbeiträge stehen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Aktivist Arne Semsrott, Gründer der Initiative "fragdenstaat.de" wäre neulich fast auf Druck der AfD in Magdeburg an der Lesung aus seinem neuen Buch gehindert worden - aber dann hat's doch noch geklappt, und er durfte sogar mit der Oberbürgermeisterin plaudern. Semsrott fordert die Öffentlichkeit auf, sich von der Fixierung auf die AfD zu lösen, "um wieder in die Offensive zu kommen. Nicht nur gegen die, sondern für etwas." Sein Rezept: die "Zivilgesellschaft". Im Gespräch mit Gareth Joswig von der taz erläutert er: "Zivilgesellschaft ist der Raum, wo abseits der Parteipolitik politische Auseinandersetzung stattfindet. Wenn wir uns das letzte Jahrzehnt anschauen, ist in Deutschland die Zivilgesellschaft so aktiv wie nie gewesen: Wir hatten mit dem Sommer der Migration 2015 eine riesige Bürgerrechtsbewegung, wir hatten 'Unteilbar', 'Fridays for Future', antirassistische Proteste und 2024 die größten Proteste überhaupt, auch die vielen CSDs zähle ich dazu. Aber natürlich sind auch Teile der Zivilgesellschaft von rechts mobilisiert und ebenso gibt es Versuche von Rechtsextremen, in den vorpolitischen Raum vorzudringen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Es war nie wichtiger als heute, am Ideal der Gleichheit festzuhalten", auch wenn dieses weit weg erscheinen mag, betont die Philosphin Elizabeth Anderson im Zeit-Online-Interview mit Blick auf den baldigen 250. Geburtstag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Die Demokratie kann nur gerettet werden, wenn Arbeit "demokratisiert" wird, so Anderson: "Ich halte etwa die Unternehmerin Hilary Cottam für eine wirklich visionäre Denkerin. Sie forscht heute zu Sozialarbeitern, die direkt mit Bürgern in wirtschaftlich zerstörten Regionen zusammenarbeiten, in denen Arbeitsplätze durch Deindustrialisierung verschwunden sind. Cottam stellte fest, dass viele dieser Sozialarbeiter desillusioniert sind, weil sie zwar alle bürokratischen Anforderungen erfüllen, aber zugleich sehen, dass sie den bedürftigen Menschen damit doch nicht helfen. Cottam brachte interdisziplinäre Teams zusammen, die von bürokratischen Vorgaben entlastet wurden (...) Gemeinsam mit den Betroffenen überwinden sie deren prekäre Lebenslage, indem sie nach lokalen Spielräumen für Beschäftigung suchen und sie schaffen. So beginnen Menschen wieder, ihr Leben selbst zu gestalten, so entsteht ein Gefühl von Handlungsmacht."
Außerdem: In der tazsetzt die Philosophin Petra Gehring die Serie zu Michel Foucaults hundertstem Geburtstag fort und fragt nach seinen Beiträgen zur Queer-Forschung.
Etwas Unheimliches tut sich in der Welt der Antiquariate. Es gibt einen Käufer! Dieser Käufer heißt Zoom Books und bestellt von USA oder Kanada aus so viele Bücher, dass sich die Händler wundern, berichtet Svenja Bergt in der taz. Die Befürchtung? Es könnte darum gehen, die KI zu füttern. "Kauft ein Unternehmen große Mengen günstiger Gebrauchtbücher, zerlegt sie und scannt sie ein, könnten die Texte anschließend zum Training von KI-Modellen genutzt werden. Dass dies keine abwegige Theorie ist, zeigt ein Gerichtsdokument aus dem Verfahren gegen Anthropic. Darin heißt es, das Unternehmen habe nicht nur Millionen Bücher aus dem Internet heruntergeladen, sondern auch gedruckte Werke gekauft, die Bindungen entfernt, die Seiten zugeschnitten, eingescannt und als durchsuchbare PDF-Dateien gespeichert. Zoom Books erklärt auf Anfrage, nichts über die Abnehmer der von ihnen gekauften Bücher sagen zu können."
Die Linkspartei ist nicht unbedingt diejenige politische Kraft in Deutschland, die sich durch Vergangenheitsbewältigung hervorgetan hat. In dieser Woche ist Parteitag, bei dem sich auch das Verhältnis der Partei zu Israel klären soll. Eine Gruppe von hundert Mitgliedern und 15 Bundestagsabgeordneten reicht einen Antrag zur "Solidarität mit Jüdinnen und Juden" ein. Andere Anträge beklagen den "Völkermord an den Palästinenser:innen". Der Historiker Jochen Staadt erzählt auf einer sehr instruktiven "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ die Geschichte des Antisemitismus in der Kommunistischen Partei und der DDR. Während man in der DDR zwei Millionen ehemalige NSDAP-Mitglieder leichthin integrierte, entwickelte man sehr früh einen DDR-typischen "Antizionismus": "Der DDR-Staatssicherheitsdienst definierte zu dieser Zeit Zionismus als 'die Erwartung, einmal in die alte Heimat Palästina zurückzukehren, wieder ein Volk zu werden und die Weltherrschaft anzutreten'. Für die SED war Antizionismus Staatsdoktrin. Wiedergutmachungszahlen an Israel lehnte sie strikt ab. Das ehemalige SED-Politbüromitglied Paul Merker, der bereits im Exil eine Entschädigung jüdischer NS-Opfer befürwortet hatte, wurde aus der Partei ausgeschlossen und 1952 unter Vorwänden im MfS-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen inhaftiert. Das DDR-Außenministerium bezeichnete 1953 die Forderung, ebenso wie die Bundesrepublik eine finanzielle Wiedergutmachung an Israel zu zahlen, als 'zügellose Hetze gegen die DDR'."
Die Schweizer haben beim gestrigen Referendum mit deutlicher Mehrheit gegen eine Begrenzung ihrer Bevölkerungszahl gestimmt. Ein Ja hätte auch die Beziehungen zur EU empfindlich gestört, schreibt Kai Vogt in der taz: "Der Plan hätte vor allem künftige Migrant:innen getroffen. Das betrifft besonders Deutsche, die die größte Zuwanderungsgruppe stellen: aktuell leben über 330.000 in der Schweiz. Statt offener Grenzen hätte der Staat die Zuwanderung rationieren müssen. Trotz des Neins am Sonntag ist der Abstimmungskampf als Gewinn für die rechtspopulistische SVP zu lesen. Sie hat es geschafft, ihre Kernanliegen - die Begrenzung der Migration und Herauslösung der Schweiz aus der EU - mit einer Vorlage zu verbinden, sodass wochenlang nur ihre Themen diskutiert wurden."
Noch längst ist nicht alles gesagt über die NS-Zeit, stellt Thomas Janßen im Leitartikel der FAZ mit Blick auf die NSDAP-Mitgliederkartei fest, die seit März online zugänglich ist (unsere Resümees): "Die früh geäußerte Sorge, der Nationalsozialismus könnte bald nur noch als ein fernes historisches Ereignis wahrgenommen werden, wie die Reichsgründung 1871, erscheint in diesem Licht vorerst übertrieben", meint er. Wohl ist die Betrachtung der Vergangenheit aber auf eine komplexere Ebene gerückt: "Eine Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit der eigenen Familie steht heute aber auch vor anderen Herausforderungen als früher. Dass Nazis liebevolle Familienmenschen sein konnten, ist seit mehr als achtzig Jahren bekannt. Hinzugekommen ist in den vergangenen Jahren die historische Erkenntnis, dass aus den meisten Nationalsozialisten - bei allem Fortwirken braunen Gedankenguts - Demokraten wurden, die wesentlich dazu beitrugen, die Bundesrepublik zum Erfolgsmodell zu machen. Das lässt sich nicht miteinander verrechnen, gehört aber auch zur Vergangenheitsbewältigung"
Das Kölner Comedia-Theater hat beschlossen, eine Lesung der jüdischen AutorinMirna Funk nicht in seinem Haus stattfinden zu lassen, meldet die Kölnische Rundschau. "Das teilte die Festivalleitung der 'phil.Cologne' mit. Demnach informierte die Comedia-Hausleitung die Veranstalter wenige Tage vor dem Termin und mehr als einen Monat nach Veröffentlichung des Programms über die Entscheidung. In der Geschichte der phil.Cologne sei das ein einmaliger Vorgang, 'der unserem Verständnis eines kontroversen, aber offenen Debattenraumes diametral entgegensteht'. Das Theater begründet seine Entscheidung mit angeblichen "pauschalisierenden" Äußerungen Funks, die "aus Sicht der Hausleitung bestimmten Menschengruppen gegenüber diskriminierend" seien.
Auf ihrer Website enthält sich die phil.Cologne einer Stellungnahme und belässt es bei der trockenen Mitteilung:
In der FAZ erklärt Eva Goldbach, was es mit dem modischen Begriff des "Heterofatalismus" auf sich hat, nämlich dass stimmt, was vermutet wird und die üblichen Verdächtigen tatsächlich die Schuldigen sind: "Viral ging auch ein Satz des Kriminalbeamten Dirk Peglow im 'heute-journal' des ZDF in einem Beitrag über die Statistik der Gewalttaten in Deutschland und die steigende Zahl häuslicher Gewalt. Als Antwort auf die Frage nach einem Rat an Frauen empfahl er, besser keine Beziehung mit einem Mann einzugehen. Wenn ein staatlicher Funktionär das öffentlich rät, dann hat freilich nicht der Feminismus versagt, sondern das System."
Die USA und der Iran haben sich auf ein Rahmenabkommen geeinigt. Jörg Lau resümiert für Zeit Online die wichtigsten Punkte: Während einer Waffenruhe von sechzig Tagen soll der Persische Golf von Minen befreit und für die Schifffahrt geöffnet werden. Außerdem verpflichten sich die Iraner grundsätzlich auf einen Verzicht auf Atomwaffen, zumindest laut Aussagen Trumps. Die brauchen sie jetzt aber auch gar nicht mehr, meint Lau: "Das Atomprogramm - ein paradoxer Effekt dieses Kriegs, der es doch beseitigen sollte - ist für das Teheraner Regime jetzt unmittelbar weniger wichtig, weil man mit der Straße von Hormus über eine geopolitische Waffe verfügt, mit der man jederzeit wieder die ganze Welt erpressen kann. Die Meerenge ist mit geringen Mitteln beherrschbar, ein paar Schnellboote und Minen reichen. Ein Atomprogramm kann man aus der Luft vernichten. Doch keine noch so starke Bombe kann die Geografie des Persischen Golfs verändern."
Im Tagesspiegel sammelt Viktoria Bräuner Stimmen zum Thema: "Experten warnen vor verfrühtem Optimismus. 'Selbst wenn es Bestand hat, bleiben die schwierigen Fragen bestehen: das iranische Atomprogramm, die Unterstützung von Stellvertretern, Raketen und Drohnen sowie die Unterdrückung im Inland', gab Richard Fontaine von der Denkfabrik Center for a New American Security zu bedenken. Die im Rahmenabkommen ausgesparten Punkte seien genau die, die erst zum Krieg geführt hätten, schrieb er auf der Plattform X. Das Rahmenabkommen sei deshalb keinesfalls das Ende des Krieges, nicht einmal 'der Anfang vom Ende'. Es könne aber ein erster Schritt in die richtige Richtung sein, meint Fontaine."