Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.08.2025. Die Pax Americana ist endgültig vorbei, konstatieren die Zeitungen heute einstimmig: Es kommt jetzt auf einen neuen Schulterschluss Europas gegen Russland an, ruft Herfried Münkler in der Welt. Auch der Westbalkan muss endlich politisch als Teil Europas betrachtet werden, ermutigt der serbische Schriftsteller Gojko Božović in der FAZ. Zehn Jahre nach Angela Merkels "Wir schaffen das" will die SZ von Migrationsforschern wissen: Haben wir es geschafft? In der FAZ schildert der Schriftsteller Hans-Christoph Buch den Niedergang Haitis. Und in der FR erklärt der Politologe Wolfgang Merkel den "Sultanismus" von Donald Trump.
Indem Trump die Verschärfung der Sanktionen gegen Russland ausschloss, hat er Putin im Grunde "Carte blanche" gegeben - "eine strukturelle Russifizierung der Ukraine und die geostrategische Dominanz der Russen am Schwarzen Meer" wird die Folge sein, konstatiert Herfried Münkler in der Welt. Nun kommt es auf einen Schulterschluss Europas an: "In Zukunft dürfte Polen Ostmitteleuropa und das Baltikum repräsentieren. Es sind die wichtigen Staaten, die für Europa agieren, was das Zeug dazu hat, die endlose Suche nach Kompromissen aller EU-Mitglieder oder der europäischen Nato-Staaten zu beenden und endlich Handlungsfähigkeit herzustellen. Es wäre zu wünschen, dass der geschlossene Auftritt der Europäer in Washington das Gegenstück zur Kapitulation Trumps vor Putin in Anchorage wird: Hier kann sich etwas herausbilden, das den Weg zu einem politisch handlungsfähigen Akteur ebnet, einem, der mehr ist als ein gemeinsamer Markt, der durch ein Gestrüpp bürokratischer Regeln zusammengehalten und gelähmt wird."
Das amerikanische Jahrhundert ist vorbei, begonnen hat das Ende der globalen US-Vorherrschaft mit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO 2001, konstatiert auch Stefan Reinecke in der taz: "Die Wohlstandsexplosion in China hat das globale Machtgefüge tiefer und radikaler verändert als jeder Krieg." Was aber bedeutet der "Rückzug der USA aus der Rolle des Weltpolizisten" für Europa? "Vielleicht aber ist das Ende des Westens nicht nur ein Verlust", glaubt Reinecke: "Zur Pax Americana gehörten auch ungerechte Kriege, brutale Machtpolitik, Putsche gegen demokratisch gewählte Politiker. Der Historiker Jürgen Osterhammel hat vor ein paar Jahren bemerkt, dass der Westen von Beginn an immer minderwertige Gegner brauchte: 'Kein Westen ohne Zivilisationsgefälle'. Europa nach dem Untergang des Westens ist auch die Möglichkeit, diese finstere Seite, die arrogante Überlegenheit, zu überwinden."
"Solange der europäische Raum nicht beginnt, sich als Ausdruck einer gemeinsamen gesellschaftlichen Erfahrung darzustellen, wird Europa nicht krisenfest sein", konstatiert der serbische Schriftsteller Gojko Božović in einem Vortrag, den er bei der vom slowenischen Literaturfestival Poesie und Wein begründeten Reihe "Offene Briefe an Europa" hielt und den die FAZ heute bringt. Vor allem müsse der Westbalkan endlich politisch als Teil Europas betrachtet werden, denn die dortige "Stabilokratie, der Aufstieg des Autoritarismus, der seit Jahrzehnten die Unterstützung der europäischen politischen Klasse genießt", sei "Produkt einer wenig durchdachten europäischen Politik, die zu keiner weiteren europäischen Integration bereit und nicht fähig ist, auf eine andere Art und Weise ihren Einfluss in diesem letzten unintegrierten Teil des politischen Europas künftig zu halten. Gerade da jedoch, in Serbien, existiert seit November 2024 eine antipopulistische, antiautoritäre Bewegung innerhalb des modernen Europas. … Diese massenhafte und hartnäckige Studentenbewegung, die derzeit für die eindrucksvollsten Bilder in Europa sorgt, erhielt keinerlei Unterstützung von der europäischen politischen Klasse und von den meisten europäischen politischen Institutionen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Dass Putins Krieg gegen die Ukraine völkerrechtswidrig ist, räumt Klaus von Dohnanyi, der mit dem früheren Bundeswehr-General Erich Vad gerade das Buch "Krieg oder Frieden - Deutschland vor der Entscheidung" veröffentlich hat, im Welt-Gespräch mit Florian Sädler immerhin noch ein. Ansonsten aber tritt er als Fürsprecher Putins auf, der dessen vorgeschlagen Deal keineswegs für schlecht hält. Die Krim sei ohnehihn immer "urrussisch" gewesen, behauptet er. Zudem fordert er friedenspolitische Gespräche, "an denen selbstverständlich auch die Russische Föderation beteiligt ist. Es wird keinen Frieden in Europa ohne Russland geben. Niemals! Und warum nicht? Ein Blick auf die Landkarte genügt. Wir sind ein Anhängsel des großen eurasischen Kontinents, der im Wesentlichen von der Russischen Föderation beherrscht wird. Wir müssen uns mit diesem Nachbarn vertragen."
Derweil geht die "Russifizierung" der ukrainischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten voran, berichtet Anastasia Magasowa in der taz, etwa durch die Zwangsausstellung russischer Pässe: "Personen ohne Pass sind praktisch in allem eingeschränkt. Sie haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, zu Sozialleistungen, Bildung, Arbeit und dem Recht auf Reisefreiheit. Selbst diejenigen, die alles versuchen, um die Erlangung der russischen Staatsbürgerschaft hinauszuzögern, sind früher oder später dazu gezwungen. So führt die Besatzungsbehörde nach der Eroberung eines Gebiets sofort russisches Recht ein und verlangt die Umschreibung aller Dokumente, einschließlich der Vermögenswerte. Wegen dieser Vorschriften haben viele Ukrainer, die entweder aus den besetzten Gebieten geflohen sind oder deren Häuser durch russische Bomben zerstört wurden, nicht nur ihr Eigentum verloren, sondern auch das Recht auf ihr Eigentum, wenn sie nicht in die besetzten Gebiete zurückgekehrt sind und rechtzeitig einen russischen Pass erhalten haben."
Von einem fairen Frieden, also der Befreiung der von Russland eroberten Gebiete und der Wiederherstellung der Ukraine innerhalb seiner verfassungsmäßigen geografischen Grenzen, träumen offenbar nur noch die Ukrainer, seufzt im Guardian der ukrainische SchriftstellerAndrej Kurkov, der auch nicht viel Hoffnung in das Treffen zwischen Putin und Selenskyi setzt: "Das Format eines solchen Einzelgesprächs wird daher eher aus zwei kurzen Monologen bestehen, aber sicherlich nicht aus einem Dialog. Ein Treffen mit drei Personen, bei dem Präsident Trump als Moderator fungiert, könnte produktiver sein, aber Trump wird dem sicherlich nur zustimmen, wenn er zuversichtlich ist, dass zumindest etwas erreicht werden kann."
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Wer behauptet, Russland wolle nur die Ukraine und im Kern Frieden, ignoriert die Fakten", glaubt im Zeit-Online-Gespräch der MilitärexperteFranz-Stefan Gady, Autor des Buches "Die Rückkehr des Krieges". Europa müsse daher an drei möglichen Angriffsachsen Präsenz zeigen: "Denkbar wäre eine UN-Mission mit Kontingenten aus dem Globalen Süden, etwa aus Indien oder Ägypten. Diese Truppen würden entlang der Demarkationslinie in der Ukraine stehen. Dahinter stünden die ukrainischen Streitkräfte - und dahinter wiederum europäische Brigaden, unterstützt von Luftwaffen. … Europa müsste drei bis fünf Brigaden stellen, die im Ernstfall bereit wären, einen russischen Vormarsch zu stoppen. Das ginge nicht allein mit Luftunterstützung oder Raketen, sondern nur mit Bodentruppen. Es bräuchte insgesamt mehr als 50.000 einsatzbereite europäische Soldaten, um die Rotationsfähigkeit dieser Truppe sicherzustellen, wobei nur circa 18.000 in der Ukraine stationiert wären."
Zehn Jahre ist es her, dass Angela Merkel ihren Satz "Wir schaffen das" sagte. Die SZ will auf Seite 2 von den Migrationsforschern Petra Bendel, Birgit Glorius, Yuliya Kosyakova, Naika Foroutan und Ruud Koopmans wissen: Haben wir es geschafft? Nein, meint Koopmans: "Die Versprechen, die Geflüchteten würden die demografischen Probleme und den Arbeitskräftemangel beheben, waren reine Schönmalerei. Zwar meldet die Bundesagentur für Arbeit aktuell 650 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus den acht wichtigsten Fluchtherkunftsländern, aber mehr als 900 000 Menschen aus diesen Ländern beziehen Sozialleistungen." Foroutan hingegen glaubt: "Deutschlands historisch sehr negatives Bild einer kalten, brutalen Nation hat sich stark verändert. Die humanitäre und moralische Verpflichtung, die Frau Merkel antrieb, hat Bewunderung ausgelöst und den Stellenwert Deutschlands erhöht." Und Glorius räumt ein: "Die Politik hat es nicht geschafft, eine nachhaltige Infrastruktur für Integration aufzubauen. Vieles ist bis heute nur von Jahr zu Jahr projektfinanziert. ... So richtig verbaselt aber haben es die politischen Parteien der Mitte, indem sie bei der Skandalisierung von Migration mitgemacht haben in der Hoffnung, rechtsradikalen Gruppen die Wähler zu entziehen."
Neben der chinesischen Sprachwissenschaftlerin Li Yuan und dem belgischen Autor David Van Reybrouck wird auch der türkische Kulturmäzen Osman Kavala, den Wolf Wittenfeld in der tazporträtiert, am 28. August die diesjährige Goethe-Medaille verliehen bekommen. Da Kavala seit bald acht Jahren im Gefängnis in Silivri bei Istanbul sitzt, wird seine Ehefrau Ayşe Buğra die Medaille in Empfang nehmen. Er sei guter Verfassung, sagt sie im taz-Gespräch mit Jürgen Gottschlich, bekennt aber ihre Enttäuschung darüber, dass "der Europarat, zu dem die Türkei ja seit 1949 gehört, nicht effektiver darin ist, die türkische Regierung dazu zu bringen, die Entscheidungen des europäischen Menschenrechtsgerichts umzusetzen. Ich tendiere dazu zu glauben, dass geopolitische Erwägungen dabei eine Rolle spielen. Es ist traurig, dass diese Erwägungen möglicherweise wichtiger sind als die Bedenken über die Verletzung der Menschenrechte."
Im Gazastreifen wird es kaum Palästinenserfamilien geben, die nicht über irgendwelche Verbindungen zu Hamas-Leuten verfügen, "aber das ist kein Grund für das fortgesetzte systematische Abschlachten von Zivilisten", schreibt in einem "Weltgewissen Palästina" betitelten FAZ-Plädoyer der Publizist und Thomas-Mann-Enkel Frido Mann. "Einige europäische Staaten haben sich zusammengetan, um aus Flugzeugen Carepakete auf palästinensisches Gebiet abzuwerfen. Das sind wohlgemeinte, aber ineffektive, gefährliche und kostspielige Aktionen. Als viel sinnvoller erwiesen hat sich, dass bisher schweigende Staaten verspätet umschwenken und ihrer Empörung Gehör verschaffen. Das hat den Druck auf das für die menschenverachtende und dilettantische israelische Kriegsführung verantwortliche Kabinett Netanjahu weltweit deutlich erhöht." In einem etwas wirren Absatz will Mann in Deutschland "Phobosemiten (als Vorstufe zum Antisemitismus)" erkennen. Das seien die, "die liberales Judentum, Zionismus und die heutige antipalästinensisch-ultraorthodoxe Partei in einen Topf werfen, jedoch aus Angst, sich den Vorwurf von Antisemitismus einzuhandeln, vor jeder Kritik an den ultraorthodoxen Umtrieben von Israels Regierungsspitze zurückschrecken..."
Der Niedergang Haitis ist unaufhaltsam, warnt in der FAZ der SchriftstellerHans Christoph Buch, dessen Familie aus Haiti stammt: "Die Arbeitslosigkeit liegt bei 60 Prozent, Sextouristen aus Kanada schleppten Aids ein, Blauhelmsoldaten aus Nepal die Cholera, und der Exodus der Boat People in die Karibik und nach Florida hält unvermindert an. Von dort werden sie nach Guantánamo verfrachtet und von der US-Küstenwache repatriiert. Ärzte, Anwälte und Architekten emigrierten nach Miami oder Montreal, wo es mehr Zahnärzte aus Haiti gibt als im Herkunftsland, und die einzige funktionierende Industrie ist die Hilfsindustrie: Wichtiger als Ministerien, die nur auf dem Paper existieren, sind Nichtregierungsorganisationen, die Straßen und Brücken instandsetzen, ein Minimum an Bildung und Gesundheitsdienst garantieren und in Naturkatastrophen die Not lindern. Selbst das Minimum wird infrage gestellt: Humanitäre Helfer verlassen das Land, seit von Oligarchen finanzierte Jugendbanden, aus Slums rekrutiert, in Haiti das Sagen haben und weite Teile des Landes zur No-go-Area machen mit Geiselgefängnissen, Waffen- und Drogendepots."
Im FR-Interview mit Bascha Mika will der PolitologeWolfgang Merkel mit Blick auf das System Trump weder von Faschismus noch von Plutokratie sprechen. Geeigneter scheint ihm der Begriff des "Sultanismus" im Sinne Max Webers, der von einer "Sphäre freier, traditionsungebundener Willkür" sprach. So ersetze Trump "formalen Institutionen durch informelle Loyalitätsbeziehungen" und hebe die Trennlinie zwischen dem Privaten und dem Staatlichen auf. Genau wie Viktor Orban betreibe Trump dieses hochkorrupte System nicht besonders versteckt. Aber: "Bei Trump kommt aber noch etwas hinzu: Er feiert dieses Verhalten geradezu als eine besonders potente Form des politischen Agierens. Daran zeigt sich auch das Sultaneske: Ihm sollen Geschenke gemacht werden, von Katar hat er sie ja schamlos offen eingefordert. Er glaubt, es stehe ihm zu. Was da sichtbar wird, hat nicht etwas verschwiegen Korruptes, es ist ein offen sultanisches Auftreten. Die Grenzen zwischen Staat und persönlichem Eigentum werden verwischt - ohne dass Trump Gefahr läuft, dafür vor Gericht zu landen. Verglichen mit seiner ersten Amtszeit geht es jetzt in der zweiten noch einmal in ganz andere Sphären der Bedrohung, der Patronage, des Nepotismus und der Korruption."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Sehr ausführlich rekonstruiert der HistorikerAndreas Rödder in der NZZ den Zusammenbruch der DDR, um schließlich zu dem Schluss zu kommen: "Aber wie hatte Michail Gorbatschow bereits im Mai 1990 gesagt? Niemand solle glauben, dass eine der Seiten den Kalten Krieg gewonnen habe. Die Revision der 'größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts', wie Wladimir Putin den Untergang der Sowjetunion später nannte, wurde vielmehr zum zentralen Antrieb der russischen Politik im 21. Jahrhundert. Auch China akzeptierte die liberale Ordnung von 1990 nur aus taktischen Gründen, um einen beispiellosen ökonomischen Aufstieg zu flankieren; unmittelbar nach seinem Amtsantritt erklärte Xi Jinping der westlichen Demokratie und universalen Werten den Kampf. Statt einer neuen Einheit war in der Ordnung von 1990 ein Ordnungskonflikt angelegt, den der globale Westen im Vollgefühl seines Sieges übersah und den der globale Osten im 21. Jahrhundert aktivierte, als der Westen das Hochgefühl seiner Überlegenheit längst verloren hatte. Aber das ist eine andere Geschichte, die 1989 noch niemand ahnte."
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