Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.05.2025. In der NZZ skizziert der Schriftsteller Michail Schischkin die radikale Verwüstung der russischen Kultur. Die FAS zitiert aus einem offenen Brief, in dem mehr als tausend israelische Akademiker der Regierung "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" vorwerfen. Auch immer mehr Militärs kritisieren Armeeführung und Politik, sekundiert Zeit Online. Der erste Araber, der zu Verhandlungen mit Israel aufrief, war der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser, entnimmt der Schriftsteller Najem Wali in der FAZ einer Aufzeichnung aus dem Jahr 1970. Kann Papst Leo XIV. im Krieg gegen die Ukraine vermitteln, fragt sich der Historiker Volker Reinhardt im Spiegel.
"Eine solche kulturelle Verwüstung wie heute hat Russland noch nie gekannt", seufzt in der NZZ der russische SchriftstellerMichail Schischkin: "Das einzige Gegenmittel zum Untertanentum ist kritisches Denken - und dieses entwächst einer Bildung, die sich aus der Aufklärung speist. Deshalb löscht das Regime Kultur zuerst aus. Kindergärten und Schulen sollen geistige Sklaven produzieren. Die Literatur, die das Regime braucht, soll zum 'Patriotismus' erziehen. Putin hasst alle, welche sich die Freiheit nehmen, frei zu denken und frei zu schreiben - denn sie untergraben das Machtmonopol, das auch die Sprache selbst vereinnahmt: Wer Russisch spricht, soll Untertan sein; wo Russisch gesprochen wird, sei Land, über das der Kreml verfügt. Doch unsere russische Sprache ist auch unser Widerstand. Heute befindet sich fast der gesamte 'kulturelle Humus' Russlands im Exil. Seit der Perestroika haben zwanzig bis dreißig Millionen Menschen das Land verlassen. Vor unseren Augen findet ein historisches Ereignis statt: Russlands Territorium und Kultur trennen sich zum zweiten Mal - radikal und wohl auf lange Zeit."
In seiner bei der Helsinki Debate on Europa gehaltenen Rede, die die FAZ gekürzt wiedergibt, warnt der Schriftsteller Durs Grünbein indes vor der Fragilität Europas angesichts der Bedrohung durch Russland, dessen Problem weder China noch Amerika, sondern allein die Europäische Union ist, wie er schreibt: "Die Rede von der Bedrohung Russlands durch den Westen ist dabei nur ein Ablenkungsmanöver, in Wahrheit geht es um die Eindämmung basisdemokratischer Bewegungen im eigenen Land wie in den Nachbarländern. Der Geheimdienststaat putinschen Zuschnitts fühlt sich bedroht, von außen wie von innen, eine Situation, die sich durch psychoanalytische Behandlung der Beteiligten vielleicht lösen ließe, aber Freud ist leider nie bis nach Moskau gekommen." Dabei "ist der Krieg das letzte Mittel, die militärische Intervention, um den Regimewechsel zu erzwingen, nachdem alle anderen Formen der Einflussnahme gescheitert sind. Ein Armutszeugnis, ein Zeichen der Rückständigkeit, es ist doch so: Nur Entwicklungsländer führen heute noch Krieg."
Die Stichwahl zwischen dem proeuropäischen Warschauer Oberbürgermeister Rafal Trzaskowski, Kandidat der Regierungskoalition Donald Tusks, und Karol Nawrocki, Kandidat der PiS-Partei, um das polnische Präsidentenamt wird knapp, fürchtet Viktoria Grossmann in der SZ. Denn Trzaskowski und sein Unterstützer Tusk fischten zu "tief am rechten Rand, übernahmen PiS-Positionen: kein Euro, kein Green Deal, keine Flüchtlinge. Ganz so, wie man es aus Deutschland im Umgang mit der AfD kennt. ... Statt eigene politische Pläne vorzustellen, verwiesen Trzaskowski und seine Unterstützer viel zu oft nur auf Fehler der PiS. Wie sie Polens Ansehen in Europa beschädigt, die Justiz ins Chaos gestürzt, sich selbst bereichert hat. Das ist den Polen hinlänglich bekannt. Sie fragen sich, warum davon in anderthalb Jahren Tusk nicht mehr aufgearbeitet ist."
Im SZ-Gespräch mit Daniel Brössler steht für Außenminister Johann Wadephul (CDU) plötzlich außer Frage, dass der Krieg in der Ukraine "durch eine Verhandlungslösung beendet werden wird. Denn eines stimmt schon - dass eine komplette Niederlage im Sinne einer Kapitulation des atomar bewaffneten Russland nicht erwartet werden konnte." Weniger deutlich wird er, wenn es um Waffenlieferungen aus Deutschland an Israel geht: "Israel ist ja auch ganz anderen ernsthaften Gefahren für seine Sicherheit und Existenz ausgesetzt - vonseiten der Huthi, von der Hisbollah, vom Staat Iran. Und dagegen muss Israel sich verteidigen können, auch mit deutschen Waffensystemen. Eine andere Frage ist, ob das, was im Gazastreifen geschieht, mit dem humanitären Völkerrecht in Einklang zu bringen ist. Das prüfen wir, und an dieser Prüfung ausgerichtet werden wir gegebenenfalls weitere Waffenlieferungen genehmigen."
Fast unbeachtet blieb der offene Brief, den mehr als tausend israelische Akademiker angesichts des Tötens in Gaza an die Hochschulen schrieben und in dem sie ein Ende des Schweigens forderten, schreibt Tania Martini in der FAS: "Im Aufruf 'An Urgent Call to the Heads of Academia in Israel' bezeichneten sie die Tötung von 53.000 Menschen, darunter mindestens 41 israelische Geiseln, die Verwandlung des Gazastreifens in ein unbewohnbares Gebiet sowie die Ideen zur Vertreibung der Palästinenser als 'Kriegsverbrechen und sogar Verbrechen gegen die Menschlichkeit'. Die israelische Gesellschaft trage Mitschuld daran. Das Wort Genozid sucht man im Aufruf vergeblich. An israelischen Universitäten scheint man den Unterschied zwischen einem 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit', was ein sehr schwerwiegendes ist, und einem Genozid noch zu kennen. Was nicht heißt, dass man einen solchen den Smotrichs und Ben-Gvirs in der korrupten Netanjahu-Regierung nicht auch zutraute."
Auch immer mehr aktive und ehemalige Militärs in Israel kritisieren Armeeführung und Politik, berichtet Thomas Krumenacker auf ZeitOnline: "In einem neuen Aufruf, der am Freitag in der Wochenendausgabe der auflagenstärksten Tageszeitung des Landes, Israel Hayom, veröffentlicht wurde, bezeichnen frühere Offiziere aus allen Bereichen der Armee den Krieg erstmals als unmoralisch und werfen sogar die Frage nach Kriegsverbrechen auf - ein Thema, das beim Militär bislang tabuisiert wurde. 'Der Krieg ist unmoralisch geworden, seine Fortsetzung widerspricht dem Willen einer überwältigenden Mehrheit der Öffentlichkeit, sie wird den Tod von Entführten, IDF-Soldaten und unschuldigen Zivilisten zur Folge haben und kann sogar zur Begehung von Kriegsverbrechen führen", heißt es in dem Schreiben, das Zeit Online vor Publikation vorlag."
Der erste Araber, der zu Verhandlungen mit Israel aufrief, war der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser, entnimmt der SchriftstellerNajem Wali in der FAZ der Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen Nasser und dem libyschen Oberst Muammaral-Gaddafi vom 3. August 1970, das kürzlich auf dem Youtubekanal von Nassers zweitem Sohn Hakim Abdel Nasser veröffentlicht wurde und das für Wali die "Utopie nach einer Zweistaatenlösung" wiederaufleben lässt. Nasser schlägt hier Gaddafi vor, "dass diejenigen, die gegen die ägyptische Annahme der Rogers-Initiative zur Beendigung des Abnutzungskriegs zwischen Israel und Ägypten Einwände erhoben hatten, doch eine Ostfront bilden und gegen Israel kämpfen mögen. Zugleich sollten sie aber bitte gegenüber Ägypten den Mund halten. Gemeint sind damit Syrien, der Irak, Algerien, die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) und der Südjemen, die sämtlich die Initiative des amerikanischen Außenministers abgelehnt hatten. Im Detail erörtert Abdel Nasser gegenüber Gaddafi die damalige Realität - und ironischerweise ist sie bis heute die gleiche geblieben! Dass nämlich Israel allen seinen arabischen Feinden militärisch überlegen ist und dass die Araber, einschließlich Ägypten, nicht die Macht haben, Israel zu besiegen, geschweige denn Palästina zu befreien."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Kann Papst Leo XIV. im Krieg gegen die Ukraine vermitteln, fragt sich im Spiegel der HistorikerVolker Reinhardt, der auch ein Buch über die Geschichte der Päpste geschrieben hat. Ausgeschlossen ist es nicht, vorab muss das Papsttum aber eine "ehrliche Aufarbeitung" der Geschichte anstreben, denn "erst ab 1958, mit Johannes XXIII., begann eine Öffnung hin zu Demokratie und Pluralismus. (…) Ob das Papsttum für weltweite Friedensdiplomatie geeignet ist, bleibt umstritten. Betrachtet man die gesamte Geschichte, müsste man - frei nach Voltaire - sagen: auf keinen Fall. Doch die Entwicklungen der letzten 67 Jahre lassen einen solchen Versuch durchaus vielversprechend erscheinen, nicht zuletzt durch das Profil des neuen Pontifex. (…) Bewiesen hat er sich mit diplomatischen Fähigkeiten, Gegensätze zu überbrücken und Kompromisse anzubahnen - eine Eigenschaft, die ihn mit seinem Namenspatron Leo XIII. (1878 bis 1903) verbindet."
Geradezu "fatal" findet der Schriftsteller Chaim Noll in der NZZ Lessings in "Nathan der Weise" bemühte Ringparabel, die von der Gleichwertigkeit der drei monotheistischen Religionen ausgeht, verschleiere sie doch das Gewaltpotenzial des Koran: "Der erst im sechsten Jahrhundert aufkommende Islam beutet das spirituelle Potenzial der beiden älteren Religionen systematisch aus, usurpiert ihre Gedanken als seine eigenen und bezichtigt ihre bisherigen Vertreter als Verräter der wahren Offenbarung. Aus ihrer Ablehnung leitet der Koran die Notwendigkeit ihrer Verfolgung und Vernichtung ab. Wodurch auch das Verhältnis zum Krieg ein ganz anderes ist als im Judentum und im Christentum: Er wird nicht, wie dort, ambivalent wahrgenommen, als unvermeidbares Übel, sondern als die eigentliche Erfüllung. Der Islam ist im Kern eine Religion des Krieges, da er seinen Anhängern bis zur völligen islamischen Befriedung der Welt den Glaubenskrieg gebietet. Entsprechend ist das Gottesbild des Koran mit dem der Bibel unvereinbar: Es weckt die Vorstellung eines Kämpfers und Kriegers."
Im Tagesspiegel-Gespräch mit Robert Kiesel und Rüdiger Schaper distanziert sich Berlins neue Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson zunächst von ihrem Vorgänger Joe Chialo. An den 130 Millionen Euro Kürzung für 2025 hält sie allerdings fest, Ziel sei es den aktuellen Status Quo aufrecht zu erhalten. Eine Privatisierung der staatlichen Theater schließt sie aus, Arbeiten im Verbund nach Vorbild der Opernstiftung hingegen nicht: "Ich wollte neulich mal wissen, was an einem Montagabend in Berlin los ist, und ich musste mich durch 25 Webseiten durcharbeiten. Das ist kein Zustand für eine Weltstadt."
Die amerikanischen Universitäten verdienen uneingeschränkte Solidarität gegen den Übergriff der Trump-Administration, schreibtClaus Leggewie in der FR. Aber sie haben auch mitgewirkt "an der Ausbreitung der epistemischen Krise", meint er: "Mit einem überschießenden Konstruktivismus, einem angeblich diversitätsfördernden Kulturrelativismus und der gleichermaßen ausgerichteten Kritik 'westlicher Werte'". Nun befinden sie sich "in der unangenehmen Lage, dass ihnen dies seitens weißer Suprematisten in hanebüchener Travestie zurückgespiegelt wird. Das sollte sie nicht hindern, vielmehr animieren, die epistemische Krise zu bearbeiten, also empirische Evidenz, politische Urteilskraft und humanitäre, andere Wesen einschließende Moral zu verteidigen. Dazu gehört, die selbstquälende Pauschalkritik der Eliten aufzugeben, statt selbstbewusst als eine solche zu agieren, die sich der zerstörerischen Anti-Eliten-Elite der republikanischen Rechten entgegenstellt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In ihrer FAS-Kolumne rät Ronya Othmann mit Blick auf den Antisemitismus "propalästinensischer Aktivisten" TheodorW. Adornos Vortrag mit dem Titel "Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute" zu lesen: "Dem Antisemitismus mit Argumenten (oder mit Dialog und offenen Debattenräumen, wie es heute gerne heißt) zu begegnen, hält er darin für zwecklos, da der Antisemitismus, das 'Gerücht über die Juden', nicht auf Tatsachen beruhe oder rational begründet sei. Zwar ließe sich im frühkindlichen Alter noch einiges mit pädagogischen Mitteln machen. Später sei es schon schwerer. 'Diesen Menschen gegenüber, die im Prinzip selber auf Autorität ansprechen und die sich in ihrem Autoritätsglauben auch nur schwer erschüttern lassen, darf auf Autorität auch nicht verzichtet werden', schreibt er."
Weitere Artikel: Ausladungen sind für die Politologin Saba-Nur Cheema und Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, in ihren jeweiligen Communities keine Seltenheit, wie sie in ihrer FAZ-Kolumne berichten: "Oft reicht schon eine vorsichtig formulierte Kritik an der eigenen Mannschaft, dass man dem Vorwurf des Verrats ausgesetzt wird."
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