9punkt - Die Debattenrundschau

Nun aber

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.03.2025. Florian Illies rät uns Europäern, Amerika die kalte Schulter zu zeigen, "um es wieder selbst mit dem Weltgeist zu versuchen". Das Selbstvertrauen, zu dem er rät, müssten wir aber auch nach innen erarbeiten, fürchtet Julia Encke in der FAS. Vielleicht hilft es, wenn der nunmehr achtzigjährige Daniel Cohn-Bendit sein Lächeln anmacht, denn damit verkörperte er "das ganze Positive von 1968", sagt er voller - genau - Selbstvertrauen in der taz.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.03.2025 finden Sie hier

Ideen

Florian Illies antwortet in Zeit online mit einem Essay auf Jürgen Habermas' "Für Europa"-Artikel, (unser Resümee) dem er dann aber doch nicht allzu viele Zeilen widmet (Habermas sei doch recht alt, halte an seinen Marotten aus den Siebzigern fest). Aber Illies hat selbst was zu sagen: Die Europäer sollen die Amerikaner mit "Aufmerksamkeitsentzug" bestrafen. Gegen das Testosteron-Gehabe der religiös Wahnsinnigen in Washington empfiehlt er: "Humanismus statt Menschenverachtung, Gewaltenteilung statt Willkür, Respekt statt Einschüchterung. Die Amerikaner könnten das gerade gut gebrauchen, dringender jedenfalls als unsere Autos." Und wir könnten ein neues Selbstvertrauen gebrauchen: "Der Weltgeist ließ sich in Amerika nieder, und der Westwind blies uns von dort verlässlich alle Segnungen und Verwerfungen des Kapitalismus herüber, jeden neuen Musikstil, jede neue Kunstrichtung, jede neue Studentenbewegung, jede neue Weltdeutung. Nun aber, wo sich der Wahnsinn in Washington für vier Jahre häuslich eingerichtet hat, ist endlich der richtige Moment für Europa gekommen, um es wieder selbst mit dem Weltgeist zu versuchen. Das hat in den 2000 Jahren vor Hemingway und dem Big Mac eigentlich auch ganz gut geklappt."

Aber dieses Selbstvertrauen müssten wir dann auch nach innen erarbeiten und gegen mindestens einen weiteren Gegner, fürchtet Julia Encke in der FAS: "Wenn die politische Mitte immer mehr Teile der Bevölkerung an die rechtsextreme AfD verliert, die, wie etwa Alice Weidel, nicht nur Elon Musk hörig ist, sondern auch Putin ergeben; wenn 'pazifistische Sozialisten' die Folgen einer russischen Besatzung in naiver oder mutwilliger Weise verharmlosen - dann braucht Putin Deutschland womöglich gar nicht anzugreifen, um es gefügig zu machen. Er könnte darauf warten, dass die Dinge sich von selbst zu seinen Gunsten entwickelten, und mit seinen Geheimdiensten weiter daran arbeiten, die Demokratie auszuhöhlen und unser System zu destabilisieren."
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Europa

Die Idee des Westens wird unterdes ganz weit im Osten hochgehalten. Wir sind "Verteidiger einer Weltordnung", sagt der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch im Gespräch mit Boris Pofalla in der Welt. Die"Friedensgespräche" in Saudiarabien sind für ihn eine Farce: "Das ist völlig absurd. Auch nur ein kleines Stück der Ukraine abzutreten, bedeutete, dass Russland weiter und weiter gehen und immer mehr von unserem Territorium abspalten würde. Ich denke, dass weder die ukrainische Regierung noch die ukrainische Gesellschaft das in irgendeiner Form akzeptieren können. Und das wiederum bedeutet erst einmal eine weitere Eskalation des Krieges. Wir werden alles tun, um unsere Territorien zu behalten - umso mehr jene, die überhaupt nie okkupiert wurden."

Daniel Cohn-Bendit wird achtzig. Im taz-Gespräch mit Peter Unfried erzählt er seine Geschichte, die in Frankreich und in Deutschland spielt - und in beiden Ländern war er durch die Geschichte seiner Eltern alles andere als typisch. Über 1968 sagt er: "Man muss sich das so vorstellen: Ich war ein netter Typ. Ich wollte gemocht werden. Ich war lustig, angenehm, sprachgewandt. Ich hatte in der Uni einen Freundeskreis von Anarchos bis Libertären. Und innerhalb von drei Monaten wurde ich eine weltbekannte Ikone. Und das alles wegen eines Lächelns auf einem Foto mit einem französischen CRS-Polizisten." Cohn-Bendit spielt hier auf ein Foto an, das in Frankreich ikonisch für 1968 steht. Aber eine Fotoikone wie Che Guevara wollte er nicht sein, sagt er weiter: "Ich gebe ja immer gern an und sage, ich war die Sonne von 68. Das ganze Positive von 1968, dieser Aufbruch, dieses 'Wir wollen anders leben', was andere Bewegungen ermöglicht und initiiert hat, die danach kamen - Frauenbewegung, Schwulenbewegung, emanzipatorische Bewegung -, dieses Positive, das war mein Lachen." Hier ist das Foto zu sehen. Es gehört heute den Gettys.

Die Menschen in der Türkei protestieren gegen die Folgen von Erdogans "Neoliberalismus" ist sich der Politologe Olivier Roy im Gespräch mit Michael Hesse von der FR sicher: "Die Korruption, die Arroganz der Macht, der Zynismus nach dem Erdbeben - das alles hat Vertrauen zerstört. Erdogan hat nach dem Erdbeben nicht geliefert. Er hat den Menschen nach dem Beben gesagt, wählt mich und ich werde euch helfen, wählt ihr mich nicht, dann fahrt zur Hölle. Aber er hat nicht geholfen. Was blieb, waren Almosen, nicht Politik. Nur ein paar Familien erhielten Gelder. Erdogan ist aus wirtschaftlicher und sozialer Sicht am Ende seiner innenpolitischen Kraft, weil die Mittelschicht unter ihm in eine tiefe Krise geraten ist." Der Islamismus Erdogans spielt in dem Gespräch übrigens nicht die geringste Rolle.

Für Can Dündar, der in der FAS kommentiert, ist der Protest gegen Erdogan vor allem der Protest einer urbanen Jugend, die trotz Qualifikation keine Chance mehr für sich sieht: "Können die Proteste wie etwa in Serbien zu einem Regierungswechsel führen? Schwer vorstellbar, wenn man bedenkt, wie viel Macht Erdogan in Händen hält. Bestimmt aber sitzt er nicht mehr so seelenruhig in seinem Palast wie früher. Die Mauer der Furcht, hinter der sich jeder Autokrat verbirgt, ist überwunden."
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Medien

Ähem. Sehr stolz vermelden die Perlentaucher, dass Mitgründerin Anja Seeliger und Mitgründer Thierry Chervel gestern auf der Buchmesse Leipzig die Goldene Ehrennadel des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels erhalten haben - persönlich überreicht von Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs. Der Preis gilt Verdiensten um die Buchbranche. Ebenfalls ausgezeichnet wurde Michael Lemling, Geschäftsführer der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl. Schmidt-Friderichs sagte in ihrer Perlentaucher-Würdigung: "Thierry Chervel und Anja Seeliger leben mit ihrem gemeinsamen Projekt Perlentaucher nicht nur ihre eigenen Leidenschaften und Kompetenzen, sie treten auch den Beweis an, dass die digitalen Medien keineswegs Gegner des traditionellen Journalismus sein müssen, sondern dass sie ihn bereichern und erweitern können." Mehr auf den Seiten des Börsenvereins.

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Stichwörter: Perlentaucher, Börsenverein

Kulturpolitik

Recht aufschlussreich spekuliert Andreas Kilb in der FAZ über kulturpolitische Festschreibungen in der künftigen Koalition. Der Minister dürfte wohl aus der CDU stammen - wieviel Rückhalt er oder sie haben bei einem an Kultur desinteressierten Kanzler Merz, muss sich noch zeigen. Anderseits werden in den Papieren so viele Versprechungen gemacht, dass Kilb sich fragt, ob das Ministerium (das keins ist, sondern dem Kanzler untertan) "nicht weniger, sondern sogar mehr Geld bekommen" könnte. Besondere Sorge macht Kilb, dass Institutionen, "die sich der Geschichte der Deutschen in den ehemaligen Ostgebieten widmen", dem Innenministerium zugeschlagen werden könnten - auf Druck der Vertriebenenverbände, die sich hier mehr Einfluss erhoffen. "Für die strategische Partnerschaft von Deutschland und Polen, die angesichts der russischen Bedrohung wichtiger ist als je zuvor, könnte diese Revision zur Sprengfalle werden. Schon die Einrichtung der Dauerausstellung der Stiftung im Deutschlandhaus hat im Vorfeld zu Verstimmungen zwischen Berlin und Warschau geführt. Eine Renationalisierung der Vertreibungsgeschichte würde einen dauerhaften Keil zwischen beide Staaten treiben."

Auch der Presse soll Gutes getan werden, freut sich Harald Hartung zugleich auf der Medienseite der FAZ. Die ersehnten Subventionen sollen regnen.
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Stichwörter: Bundeskulturministerium

Geschichte

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Caroline Fetscher, Autorin einer zweibändigen Monografie zum Thema, erinnert in der taz an Albert Schweitzer, der in diesen Tagen 150 Jahre alt wurde. In der frühen Bundesrepublik wurde ein wahrer, heute tief versunkener Kult um ihn betrieben, den sie so deutet: "Eben noch 'Herrenvolk' mit kolonialen Ambitionen, sahen sich die Deutschen nach der Niederlage zunächst selbst kolonisiert von den Alliierten. 1948 hielten Demonstranten in München ein Protestschild hoch, das klarstellen wollte: 'Wir sind Deutsche und kein Kolonial-Volk!' Zur Kompensation konnte man auf Schweitzers Miniaturkolonie in Afrika blicken, wo zwar Elende in primitiven Baracken auf Holzpritschen lagen, aber alles einem guten Zweck folgte. Hier entstand einer der ersten postkolonialen Shifts: Wie eine Kulisse ließ sich 'Afrika' vor den Holocaust schieben. Das war umso eher möglich, als Schweitzer öffentlich nie ein Wort über den Holocaust verlor. Wer an Lambarene spendete, konnte, wie beim Ablasshandel, an einer Wiedergutmachung mitwirken, die völlig entkoppelt war von jüdischen Opfern." Über den starken Anteil jüdischer Emigranten an Schweitzers Klinik in Lambarane war übrigens laut Fetscher lange Zeit so gut wie nichts bekannt.
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Stichwörter: Schweitzer, Albert

Politik

Durch das Gebaren Trumps steht die Nato für die Europäer zur Disposition, meint der Politikwissenschaftler Helmut Däuble in der taz, zumal auch nach Trump nicht mit einer Normalisierung in Amerika zu rechnen sei: "Spätestens wenn es zu einem Krieg kommen sollte, in dem die USA Bündnisverpflichtungen einfordern, die nur durch fabrizierte Gründe gedeckt sind, müssen die europäischen Staaten für ein klares Nein gerüstet sein. Der französische Staatschef Emmanuel Macron lag insofern nicht falsch, als er 2023 davor warnte, dass Europäer als 'Mitläufer' und 'Vasallen' bei einem militärischen Konflikt zwischen den USA und China zwischen die Fronten geraten könnten."

Israel hat bis heute keine Verfassung. Grund dafür waren ursprünglich der Konflikt David Ben-Gurions mit den Ultrareligiösen und der Status der arabischen Bevölkerung erläutert die Politikwissenschaftlerin Dahlia Scheindlin im Gespräch mit Nicholas Potter von der taz. Durch Netanjahu und seine rechtsextremen Bündnispartner wird der Status noch labiler. Dennoch sieht Scheindlin Hoffnung: "Es gibt das Potenzial und die Werkzeuge, um sich als Land in eine demokratischere Richtung zu entwickeln, um vielleicht sogar die Demokratie in Israel grundlegend wieder aufzubauen. Das größte Werkzeug dabei ist die Zivilgesellschaft, die seit dem 7. Oktober sehr aktiv gewesen ist. Aber ich sehe momentan nicht, wie dieser Prozess auf politischer Ebene in Gang gesetzt werden würde. Und die nächste Wahl soll erst Ende 2026 stattfinden. Fast zwei Jahre sind für mich zu weit im Voraus, um zu wissen, wie die Ergebnisse aussehen werden. Gleichzeitig heißt das Problem nicht nur Benjamin Netanjahu."
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