9punkt - Die Debattenrundschau

In dieser Front des globalen Südens

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.03.2025. Warum Pazifismus nicht funktioniert, bringt der Essayist Wolfgang Matz in der FAZ am Beispiel Simone Weils in Erinnerung. Die Historiker Agnieszka Pufelska und Felix Ackermann erklären bei geschichtedergegenwart.ch, was "Postpreußen" ist. In den Zeitungen wird diskutiert, ob die Ukrainer kriegsmüde sind. Beim RBB erklärt Claus Leggewie, warum sich Algerien obenauf fühlt. Mit Schrecken hört Le Monde bei den proputinistischen Medien der "Bollosphère" rein.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.03.2025 finden Sie hier

Geschichte

Wolfgang Matz erinnert in einem Essay für die FAZ an den radikalen Pazifismus der früh verstorbenen französischen Publizistin und Philosophin Simone Weil. Lange Zeit verfocht sie sogar die radikalst mögliche Idee einer vorauseilenden Kapitulation. Bis der Krieg tatsächlich vor der Tür stand und Weil nach London emigrierte, um sich De Gaulle anzuschließen: "Wer bisher nur von der Idee geredet hat, dem Gegner 'ohne Krieg das Äquivalent eines Sieges' zu überlassen, der muss genau das jetzt tatsächlich tun: Er muss kapitulieren, er muss der deutschen Wehrmacht die Grenze öffnen, jetzt. Und in diesem Augenblick, da der Gegner die Zeit des Redens beendet hat, weiß Simone Weil: Angesichts von Hitlers Krieg ist sie nicht mehr bereit, ihrer eigenen Maxime zu folgen."

Die Historiker Agnieszka Pufelska und Felix Ackermann schlagen bei geschichtedergegenwart.ch den Begriff "Postpreußen" vor, um Preußen historisch neu zu sehen - vor allem auch als ein Projekt innereuropäischer Kolonisierung, das ähnlich wie bei Russland durch territoriale Expansion funktionierte. Preußen war innerlich viel heterogener, als es bis heute in Deutschland gesehen wird, so die beiden Historiker: "Durch die bis in die Gegenwart reichende Gleichsetzung von Preußen mit einem deutschsprachigen, evangelischen und im Kern deutschen Berlin-Brandenburg bleiben die strukturellen Differenzen und Ungewissheiten der Geschichten einzelner preußischer Regionen gänzlich ausgeblendet. Dieses Verdrängen bedingt die Unsichtbarkeit der tatsächlichen Vielfalt eines katholischen, jüdischen, slawischsprachigen, polnischen, wendischen, sorbischen oder litauischen Preußens. Die Unsichtbarkeit von nicht deutschsprachigen Untertanen des Königs und später des Kaisers war die Folge langfristiger Assimilation und Akkulturation, die aktiv herbeigeführt wurden. Voraussetzung war die bewusste Nichtanerkennung des Anderen."
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Politik

Foto von der Solidaritätsveranstaltung für Boualem Sansal im Deutschen Theater Berlin am Freitagabend. Mit Kamel Daoud unterhält sich Perlentaucher Thierry Chervel. Die ganze Veranstaltung mit den Lesungen Herta Müllers, Daniel Kehlmanns können sie auf dieser Seite bei radio3 vom RBB hören. Foto. Anja Seeliger.


Am Samstag veranstaltete der Börsenverein zusammen mit dem RBB und dem Perlentaucher einen Solidaritätsabend für Boualem Sansal (unser Resümee). Schon vorher hatte sich Tomas Fitzel vom RBB mit Claus Leggewie unterhalten, einem der wenigen Algerien-Kenner in Deutschland (der auch im Perlentaucher zu Sansal geschrieben hat). Leggewie erläutert hier auch den politischen  Kontext der Verhaftung Sansals: "Algerien ist immer ein Regime gewesen, in dem die Armee die eigentliche Macht besaß. Während der Proteste 2019 wurden sie als Mumien bezeichnet. Dies spielte auf den todkranken Staatspräsidenten Abd al-Aziz Bouteflika an. Die Mumien sind sozusagen jetzt wieder aufgewacht und üben Druck aus. Und die internationale Lage ermuntert sie dazu: erstens wird Erdöl und Erdgas wieder sehr stark nachgefragt und zweitens ist Algerien auch ein Verbündeter Putins und Xi Jinpings. Das heißt, in dieser Front des globalen Südens gegen den Westen spürt man hier Morgenluft."

Daniel Ortega
war einmal eine Ikone der westlichen Linken auf der Suche nach revolutionären Subjekten. Da das Proletariat versagt hatte, wandte man sich der Dritten Welt zu und feierte die Revolution in Ländern wie Nicaragua. Ortega kam 1979 an die Macht, verlor sie wieder und riss sie wieder an sich, erzählt Laura Dahmer im Tagesspiegel. Und nun hat er seine Frau zur Co-Präsidentin erklärt und baut sein Regime in eine Familiendynastie um, Rosario Murillo ist nun gleichberechtigte Co-Präsidentin. "Ähnlich wie er war auch sie anfangs noch linke Freiheitskämpferin. In den Siebzigerjahren wurde sie mit ihren Gedichten gegen die Militärdiktatur von Anastasio Somoza bekannt, floh ins Exil, wo sie Ortega kennenlernte. Viele sagen: Sie ist skrupelloser als er."
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Europa

Ausgerechnet die von Trump angekündigten "Friedensgespräche" mit Putin haben die ukrainischen Soldaten gründlich demotiviert, meint der ukrainische Journalist und Soldat Stanislaw W. Assjejew im Interview mit der Berliner Zeitung. Der natürliche Gedanke sei ja: "'Moment mal, wenn der Krieg in zwei Wochen vorbei ist, warum sollte ich heute sterben? Wofür?' Und dann heißt es: 'Na gut, dann warten wir eben. Wir gehen nirgendwohin und kämpfen so wenig wie möglich.'" Insgesamt seien die ukrainischen Soldaten inzwischen sehr kriegsmüde - auch, weil sie so selten abgelöst werden: "Viele unserer Soldaten im Donbass kämpfen schon seit 2014, nicht erst seit Februar 2022. Emotional und psychisch, ganz zu schweigen von den physischen Verletzungen, zehrt das enorm an den Kräften. Zweitens: Viele verstehen, dass es für sie keinen Ersatz gibt. Es gibt einen gar nicht so kleinen Teil unserer Gesellschaft, der lieber in Restaurants und Cafés in Kiew, Poltawa, Lwiw, Dnipro und anderen Städten sitzt und nicht im Entferntesten daran denkt, sich den Streitkräften anzuschließen und denen, die seit Jahren kämpfen, eine Art Rotation zu ermöglichen. Das wirft Fragen der sozialen Gerechtigkeit auf."

Währenddessen hat sich Ivo Mijnssen für die NZZ mit dem ukrainischen Dichter Serhij Zhadan getroffen, der zur Zeit zwischen der Front und seiner Heimatstadt Charkiw pendelt. Er dient in der 13. Brigade der Nationalgarde, die Chartija heißt. "Es ist eine spezielle Einheit, gegründet durch Freiwillige, breit verankert in der Zivilgesellschaft von Charkiw. Zhadan schlug nicht nur den Namen vor, der eine Verpflichtung ausdrückt, die Menschen aus eigenem Willen eingehen. Er schrieb mit seiner Ska-Band Zhadan i Sobaky auch die offizielle Hymne. Chartija verteidigte 2022 zunächst als spontan gegründete Landwehr die Stadt. Auch nach ihrer Eingliederung in die Armee erhielt sie die engen Kontakte zur Kulturszene und zur Zivilgesellschaft aufrecht. Gleichzeitig hat die Brigade Nato-Standards bei der Ausbildung und im Kampf übernommen. Letztes Jahr schlug sie eine neue russische Invasion im Norden zurück und steht beim Ort Lipzi an vorderster Front. Zhadan ist ein zentrales Bindeglied zwischen der Brigade und seiner Heimatstadt. Auch er trägt eine Waffe. Doch wichtiger ist der Literat als Aushängeschild", um Spenden, Drohnen und Störsender zu organisieren.
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Gesellschaft

Warum wählen so viele Arbeiter und Arbeitslose die AfD? Es gibt in dieser Bevölkerungsschicht ein starkes Gefühl der Kränkung, erklärt im Interview mit der SZ der Industriesoziologe Klaus Dörre: Viele hätten das Gefühl, dass ihre Abstiegsängste nicht ernst genommen würden. Aber dieses Gefühl "betrifft auch so etwas wie Wertorientierung, kulturelle Prägungen, Lebensformen. Es geht natürlich auch um Geld, aber subjektiv wiegt es manchmal schwerer, wenn die eigenen Vorstellungen vom guten Leben gesellschaftlich missachtet werden. ... Arbeiter in den 1950er-, 1960er-, 1970er-Jahren hatten so etwas wie proletarischen Stolz, Klassen-Selbstbewusstsein, verbunden mit einer kollektiven Aufstiegshoffnung. Das gehört zur demokratischen Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, und das ist aus vielen Gründen massiv brüchig geworden."
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Stichwörter: AfD

Medien

Wie komplett vergiftet die Debatte in Frankreich ist, kann man dem Le-Monde-Artikel von Ariane Chemin et Ivanne Trippenbach über die "Bollosphère" entnehmen, das heißt das Medienimperium des rechtsextremen, katholisch-fundamentalistischen Milliardärs Vincent Bolloré. Zu diesen Medien gehören ehemals ehrenwerte Häuser wie etwa die Sontagszeitung Journal du Dimanche und der "Info"-Sender CNews. Die Medien sind jetzt auf ganzer Trump- und Putin-Linie, so die Autoren: "J. D. Vance sagte in München: 'Was mich beunruhigt, ist nicht Russland, sondern die Bedrohung von innen, der Rückschritt Europas' in Bezug auf seine Werte. In seiner Talkshow greift Pascal Praud diese Rhetorik auf und sagt, dass 'Russland eine unendlich geringere Bedrohung darstellt als der radikale Islam'. Lieber Putin als der Islamismus: Das hat François Fillon (der 2022 in der Berufungsinstanz in seinem Fall der Scheinbeschäftigung zu zehn Jahren Nichtwählbarkeit verurteilt wurde) zwei Tage zuvor in einem Interview mit seinem Biografen, dem Chefredakteur des rechtsextremen Magazins Valeurs actuelles, Tugdual Denis, erklärt."
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Stichwörter: Bollore, Vincent, Islamismus