9punkt - Die Debattenrundschau
Undenkbares einmal zu durchdenken
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Europa
Das Attentat von Aschaffenburg und Friedrich Merz' Kursschwenk treiben Philipp Bovermann in der SZ ziemlich um. Er empfiehlt letztlich den "liberalen Milieus" sich aus der Komfortzone zu wagen und anderen (rechten) Argumentationssträngen zumindest mal unvoreingenommen zu begegnen. "Die Gegenwart zwingt einen geradezu, sich für neue Argumente zu öffnen, auch Undenkbares einmal zu durchdenken - sich mit den Gedanken von Menschen zu befassen, die man für unmöglich hielt. Vielleicht, weil sie es tatsächlich sind und immer bleiben sollten. (...) Schön wäre, wenn alle etwas mehr rutschten, nach links, nach rechts, im Kreis herum, gern auch mehrfach am Tag. In Zeiten des 'Filterclash' unterschiedlicher Lebenswelten im Internet, um einen Begriff des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen zu verwenden, ist es leichter geworden als früher, sich mehr als nur eine Meinung über die politischen Verhältnisse zuzulegen. Was für ein Luxus!"
Der Sieg von Calin Georgescu bei den rumänischen Präsidentschaftswahlen geht auf das Konto der etablierten Parteien in Rumänien, schreibt der Schriftsteller Jan Knoeffke in der NZZ. Trotz Versprechungen, die Korruption im Land zu bekämpfen, passierte nichts. "Mehltau legte sich über das Land. Sozialdemokraten und Liberale schworen sich ewige Treue. Der Verwaltungsapparat blähte sich mit Parteigängern weiter auf. Doch seit dem Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine zählte die strategische Lage des Landes mehr als alles andere. Brüssel übersah die endemische Korruption, europäische Gelder floßen nach Bukarest. Löhne und Pensionen stiegen, das Bruttosozialprodukt liegt mittlerweile über dem von Griechenland oder Ungarn, nie wurden so viele Kilometer Autobahn gebaut wie im vergangenen Jahr. Ungleich verteilt ist der Wohlstand allerdings weiterhin: Laut einer Studie lebt fast die Hälfte der Kinder auf dem Land in Familien, deren monatliches Einkommen nicht für das Nötigste reicht."
Weitere Artikel: Die NZZ gibt dem georgischen, prorussischen Präsidenten Micheil Kawelaschwili, der mit massiver Polizeigewalt gegen die täglichen Massenproteste gegen seine Regierung vorgeht (unsere Resümees), in einem bemerkenswert unkritischen Interview eine ganze Seite Raum, sich zu verteidigen. Und das klingt dann so: "Die Mehrheit der georgischen Bürger hat volles Verständnis für die Schritte der Regierung. Es ist nicht die Mehrheit, die auf die Straße geht. Gut, wir haben das zu berücksichtigen, aber wogegen protestieren diese Leute? Warum wieder Wahlen?"
Kulturpolitik
Ideen

Internet
Im SZ-Interview mit Andrian Kreye warnt der Tech-Kritiker Tristan Harris davor, dass Elon Musk jetzt auch noch TikTok übernehmen könnte. Dies würde nämlich zu einer massiven Konzentration der Kommunikationsplattformen in wenigen Händen führen. "Eigentlich sollte die amerikanische Verfassung dafür sorgen, dass es keine unkontrollierten, asymmetrischen Machtkonzentrationen gibt. Dafür hat man die checks and balances erfunden, die Gewaltenteilung. Ironischerweise hat sich Elon Musk einen anderen Grundwert der Verfassung auf die Fahnen geschrieben: die Meinungsfreiheit. Aber wir brauchen jetzt erst einmal checks and balances. Und deswegen können wir nicht zulassen, dass die reichsten Personen der Welt nicht nur eine, sondern gleich mehrere der wichtigsten Kommunikationsplattformen besitzen."
In der FR sieht Michael Hesse Parallelen zu dem "Sputnik-Schock" von 1957 und der Panik, die das chinesische Sprachmodell DeepSeek (unser Resümee) jetzt in den USA verbreitet hat.
Politik

Der ehemalige Premierminister von Großbritannien, Tony Blair, hat ein Buch über das Regieren geschrieben. Im Zeit-Gespräch legt er dar, warum die Politik viel massiver auf KI setzen sollte: "Der Staat ist ein gewaltiger Koloss geworden. Wenn man sich anguckt, was er kostet und was sein Output ist, dann sieht die Bilanz nicht gut aus. Im 19. Jahrhundert war der Staat noch ein Minimalist. Im 20. Jahrhundert ist er ein ziemlicher Maximalist geworden. Die gute Nachricht lautet allerdings, dass es heute ein Instrument gibt, das den notwendigen Wandel auf vernünftige Weise herbeiführen kann. Ich rede wieder von der technologischen Revolution, die wir gerade erleben. Wir müssen sie nutzen, um Regierung und Staat neu zu erfinden. So wie die industrielle Revolution den modernen Staat schuf, wird die KI-Revolution im 21. Jahrhundert einen neuen Typus von Staat schaffen, einen viel motivierenderen, weniger kontrollierenden, einen Staat, der anerkennt, dass er vor allem den Bürgern zu dienen hat."
Joe Biden hatte noch an die Allianz gegen China mit westpazifischen Staaten, wie Japan, Südkorea und Taiwan, geglaubt. Was jetzt unter Trump daraus werden soll, weiß niemand, konstatiert Patrick Zoll in der NZZ. Es sei vor allem die innenpolitische Schwäche der jeweiligen Staaten - zum Beispiel die Causa Yoon Suk-yeol in Südkorea (unsere Resümees) -, die China in die Hände spielten. "Die politische Spaltung in den demokratischen Ländern eröffnet der Kommunistischen Partei Chinas Möglichkeiten zur Einflussnahme, indem sie einzelne Gruppen umwirbt oder den lokalen Diskurs mit Fehlinformationen zu beeinflussen versucht. Gerade weil die führende Hand Washingtons gegenwärtig unstet ist, müssen sich die Politiker - und wenigen Politikerinnen - zusammenraufen und die Interessen ihrer Länder über ihre eigenen stellen."
Weiteres: In der FAZ stellt Simon Strauss den konservativen kanadischen Politiker Pierre Poilievr vor, der der nächste kanadische Premierminister werden könnte.
Gesellschaft
In der taz ärgert sich Lotte Laloire über journalistisches Kauderwelsch in der aktuellen Berichterstattung: "Den Wahlkampf prägen bestimmte Gewalttaten. In Berichten darüber belästigen Journalist:innen ihr Publikum oft mit sinnlosen Adjektiven. Besonders vernarrt sind sie zurzeit in 'geltendes Recht', gegen das abwechselnd Attentäter und Behörden verstoßen. Gegen welches Recht denn sonst, gegen ungültiges? Dass bei Adjektiven weniger mehr sein kann, gilt auch für Sätze wie diese: 'Die politischen Reaktionen auf den tödlichen Messerangriff mutmaßlich eines offenbar psychisch kranken …' Viele relativieren sich lieber tot, als eine Klage zu riskieren. Aber an vielen anderen Stellen könnten Journalist:innen das 'wohl' oder 'offenbar' einfach weglassen, würden sie über Fakten berichten, für die sie zwei Quellen haben."