9punkt - Die Debattenrundschau
Wir beobachten geistige Brandstiftung
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Geschichte
Darüber wie es nach den Reaktionen auf den 7. Oktober mit dem Antisemitismus in Deutschland steht, ist sich auch Reinhard Müller in der FAZ nicht sicher: "Unmittelbar nach diesem Angriff - lange vor der israelischen Reaktion - setzte besonders in universitären Milieus Jubel über das Massaker an Zivilisten ein. Mehr noch: Das Leben von Juden in Deutschland, deren Einrichtungen schon zuvor geschützt werden mussten, ist noch unsicherer, für manche unerträglich geworden."
"Es droht etwas verloren zu gehen, nicht nur der mühsam errungene Konsens in Deutschland, die historische Schuld von Auschwitz anzunehmen. Auch die Kraft der Lehren aus Auschwitz erlahmt", warnt in der SZ Joachim Käppner. "In der leider sehr reichhaltigen Geschichte des Bösen, zu dem der Mensch fähig ist, bleibt Auschwitz unerreicht. Aber was Deutsche dort verbrochen haben, muss dieses Land verpflichten, Freiheit und Demokratie unerschrocken zu verteidigen. Rechte Geschichtsklitterer und hysterische Israelhasser, die auf den Straßen schreien, 'Palästina von deutscher Schuld zu befreien', also faktisch vom jüdischen Staat, versündigen sich an den Opfern von Auschwitz."
Es ist ein wenig paradox, dass gerade Auschwitz zum Inbegriff des Holocaust wurde, denn das Lager diente zum größten Teil der Ausbeutung der Insassen, schreibt der Holocaust-Historiker Stephan Lehnstaedt auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ. Auschwitz war auch ein Konzentrationslager. Damit unterschied es sich von den reinen Vernichtungslagern Belzec, Sobibor oder Treblinka: "Die Deutschen verschonten dort nur die wenigen Häftlinge zeitweilig, die ihnen bei der Beraubung der Opfer und der Beseitigung ihrer Leichname helfen mussten. Das Lager in Treblinka kam dafür mit einer Fläche von 24 Hektar aus. Weil es bereits 1943 aufgelöst wurde, gelang den Tätern dort eine beinahe vollständige Beseitigung der Spuren. Es gibt dort keine sichtbaren Hinterlassenschaften, die dort den Genozid visualisieren oder symbolisieren könnten - außer den Kiefern, die die SS pflanzte, um wenn nicht Gras, so doch zumindest Bäume über die Sache wachsen zu lassen. Weil es dort so wenig zu sehen gibt, wird die Gedenkstätte Treblinka wenig besucht." In Treblinka, so Lehnstaedt, wurden mindestens ebenso viele Menschen ermordet wie in Auschwitz.
"Dieser Jahrestag ist absolut einzigartig", erklärt im Interview mit Spon Piotr Cywiński, der Leiter der Gedenkstätte Auschwitz. "Zum 60. Jahrestag kamen 1.500 Überlebende. Bei der Zeremonie vor zehn Jahren waren es 300. Dieses Jahr werden wir vielleicht noch 60 Überlebende dabeihaben. Und sie sind sehr, sehr alt. Vielleicht ist das der letzte runde Jahrestag mit einer bemerkenswerten Gruppe von Überlebenden. ... Im Juni habe ich mit einer Gruppe polnischer Überlebender über den Jahrestag diskutiert. Ich schlug vor, wieder Politiker auf die Bühne zu holen. Sie haben sich vehement dagegen gewehrt. Sie sagten, ihr Leben lang wünschten sie sich einen Moment, in dem kein Politiker sprechen würde."
Die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann wundert sich nicht, dass immer weniger Menschen wissen, was der Holocaust war. Das sei ein Versagen der "International Holocaust Remembrance Alliance" (IHRA) , meint sie in der FR, die 2016 ihre Orientierung geändert und "Antisemitismus" in den Vordergrund gestellt hat, wofür wiederum Benjamin Netanjahu verantwortlich sei. In einer Rede 2016 vor der UNO "baute er seine Allianzen mit der westlichen Welt neu auf, indem er die aktuellen Konflikte um seine Siedlungspolitik herunterspielte und zu einem großen Kampf der westlichen Welt gegen die islamische Welt aufruft. Dieses gemeinsame Feindbild, das die Palästinenser pauschal einschließt, war der Kontext für eine Israel-Politik, die konsequent auf die Sicherheit des Staates Israel setzt und gleichzeitig gegen mögliche Kritik an diesem Staat mit der Waffe des Antisemitismus vorgeht." Dass der Holocaust heute in Frage gestellt oder vergessen wird, liegt also nicht an europäischer Geschichtsvergessenheit oder arabischem Israelhass, sondern an dem israelischen Juden Netanjahu?
Der größte Skandal der Gedenkfeier in Auschwitz ist für die Autorin Erica Fischer, bekannt durch die dokumentarische Erzählung "Aimée & Jaguar", dass Benjamin Netanjahu wohl teilnehmen wird, obwohl Polen ihn wegen eines Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs festnehmen müsste. In der taz schreibt sie: "Der Verantwortliche für den Völkermord an bislang mindestens 47.000 palästinensischen Zivilist:innen, überwiegend Frauen und Kindern, oder ein Vertreter seiner Regierung werden also ihr Haupt beugen in Anerkennung der jüdischen Opfer eines beispiellosen Genozids. Seite an Seite mit deutschen Politiker:innen, die sich durch ihr Schweigen zum Genozid an den Palästinenser:innen und die Waffenlieferungen an Israel zu Kompliz:innen gemacht haben."
Auch der irische Präsident Michael D. Higgins ließ es sich nicht nehmen, bei einer Gedenkrede ausführlich über den Gazakrieg zu sprechen - obwohl ihn die winzige jüdische Gemeinde gebeten hatte, lieber zu schweigen.
The foul President of Ireland dragging criticism of Israel into his speech at a Holocaust memorial event. While Jewish ppl protest and are removed. If he wanted to connect the murder of 6 million Jews with Israel he could have talked about the survivors who built a country from… pic.twitter.com/Xq675w4Plb
- Heidi Bachram 🎗️ (@HeidiBachram) January 26, 2025
Eine protestierende Jüdin wurde abgeführt.
In der NZZ erinnert der Historiker Ernst Piper daran, dass die Alliierten spätestens 1941/42 wussten, dass die Deutschen gezielt Juden ermordeten. "Keines der alliierten Länder war bereit, Initiativen zugunsten der vom Tod bedrohten Juden zu ergreifen, sei es durch Bombardierung von Auschwitz oder durch die großzügige Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge." Piper hatte schon vor einigen Wochen im Perlentaucher über die Verhinderung des Gedenkens an den Holocaust unter dem kommunistischen Regime erinnert.I am a Jew from Ireland.
- James Esses (@JamesEsses) January 26, 2025
To watch Irish Jewish people being forcibly removed from a Holocaust Memorial Event, after the President of Ireland decided that was an appropriate time to preach about Gaza, is sickening.
Ireland has become a shadow of its former self. pic.twitter.com/1JH7W3KzeT
Europa
Nachdem die Bewegung erlahmt war, gab es in ganz Deutschland wieder "Demos gegen rechts". Allein in Berlin kamen hunderttausend, freut sich Kersten Augustin in der taz. Zu verdanken sei das unter anderem dem CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz: "Erst der Tabubruch des CDU-Vorsitzenden, der verkündet hatte, in der kommenden Woche auch mit Stimmen der AfD eine Verschärfung der Asylpolitik beschließen zu wollen, sorgte bei vielen für den nötigen Impuls: Es reicht! Auf der größten Demo in Berlin arbeitete sich jeder Redner an Friedrich Merz ab, die Empörung war nicht zu überhören."
In der allgemeinen Wahlkampf-Aufregung droht diese Meldung unterzugehen: In Schwerin tagte am Freitag der Untersuchungsausschuss zu "Nord Stream 2". Julian Staib berichtet in der FAZ. Entscheidende Behauptungen Manuela Schwesigs, der Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns, und ihres Innenministers Christian Pegel über die Vorgänge stehen danach in Frage. Schwesig hatte stets betont, die "Klimastiftung", mit der der Betrieb der Anlagen unter Umgehung der amerikanischen Sanktionen möglich werden sollte, sei ihre Idee gewesen. Nun stellt sich heraus, dass man wohl doch eher auf Geheiß Moskaus gehandelt hatte: In der Sitzung "machte Matthias Warnig, der frühere Nord-Stream-Chef, ehemalige Stasi-Offizier und Vertraute des russischen Präsidenten Wladimir Putin, am Freitag deutlich, dass die Idee für die 'Klimastiftung' von der Nord-Stream 2 AG kam. Moskau hatte also offenbar das Konstrukt ersonnen, mit dem amerikanische Sanktionen gegen den Bau der Nord-Stream-2-Pipeline abgewehrt werden sollten, und nicht Schwerin, wie es die Landesregierung bisher darzustellen versuchte."
Außerdem: Peter Sloterdijk spricht im Interview mit der FR über sein Buch "Kontinent ohne Eigenschaften".
Gesellschaft
Die Affäre Gelbhaar ist ein Alptraum des Feminismus, denn hier scheint es, als sei eine wohl begründete Devise der #MeToo-Bewegung - glaube den Opfern - zynisch zu einer Intrige missbraucht worden. Dem Berliner Bundestagsabgordneten Stefan Gelbhaar waren bekanntlich Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gemacht worden - von jungen Politikerinnen der Berliner Grünen, die dafür Opfer erfunden haben. Der RBB ist in der dümmsten möglichen Weise auf diese Fiktion hereingefallen (unsere Resümees). Dass sich die Bundesgrünen im Wahlkampf nur mit spitzen Lippen zum Fall äußern, kann die Spiegel-Autorin Anna Clauß mit Blick auf den Wahlkampf noch verstehen. Aber "wo bleibt der Aufschrei der #MeToo-Bewegung? Falsche Verdächtigungen schaden ja nicht nur Männern, sondern auch allen Frauen. Vor allem den Opfern echter Übergriffe, denen künftig noch zögerlicher geglaubt werden dürfte. Als die Chefin der Grünen Jugend Jette Nietzard vor ein paar Tagen sinngemäß sagte, die Unschuldsvermutung gelte vor Gericht, aber nicht in einer Partei - gab es da Widerspruch von Feministinnen?"
Als Feministin versteht sich allerdings auch die junge Berliner Grünen-Politikerin Hacer Aydemir, die sich kurz vor der Affäre mit dem unten stehen Video erfolglos für eine Bundestagskandidatur bewarb. Aydemir arbeitete wie Shirin Kreße, die die Aussage eines Opfers erfunden haben soll, im Büro des Grünen-Poltikers Ario Mirzaie - Kreße ist inzwischen aus der Partei ausgetreten, Aydemir hat ihren Posten bei Mirzaie aufgegeben. In der BZ gibt es mehr über den aktuellen Stand. Unabhängig von der Frage, ob Aydemir an einer Intrige beteiligt war, scheint uns das Video als Zeitdokument für eine bestimmte Mentalität wichtig zu sein.
Aus einem weiteren Video der Bundestagskandidatin könnte man schließen, dass sie die Initiatorin des Rufmordes an @StefanGelbhaar ist. Da Gelbhaar Anzeige gegen Unbekannt erstattet hat, gehe ich davon aus, dass Polizei und Staatsanwaltschaft in diese Richtung ermitteln werden. /5 pic.twitter.com/n2dYmaSz6g
- Harry Lime 🥨🥾🧗♂️🍺🇮🇱🕍 (@monitor_polski) January 24, 2025



