9punkt - Die Debattenrundschau
Tendenzen zu rein eskapistischer Lektüre
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.10.2024. Die Zeitungen bringen bereits heute Schwerpunkte zum 7. Oktober: Marina Münkler versucht der propalästinensischen Linken in der SZ nochmal zu erklären, was das Massaker der Hamas war: Eine triumphale imperiale Geste der Vernichtung jüdischen Lebens. In der FR meint der israelische Historiker Tom Segev: Nichts rechtfertigt eine zweite Nakba. Der palästinensisch-amerikanische Aktivist Ahmed Fouad Alkhatib setzt in der taz leise Hoffnung auf den Pragmatismus der palästinensischen Zivilbevölkerung. Außerdem: Der Suhrkamp Verlag gehört jetzt komplett dem ehemaligen Baumarktketten-Leiter Dirk Möhrle.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
05.10.2024
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Politik
Die Zeitungen erscheinen schon heute mit Schwerpunkten zum 7. Oktober. SZ, taz und Tagesspiegel protokollieren Stimmen von Menschen aus Israel und aus Gaza ein Jahr nach dem Krieg.
Ein Jahr nach dem Massaker hat die Hamas erreicht, dass "die internationale Solidarität mit Israel auf einen Tiefpunkt gesunken ist, dass die Schoah selbst vielen politisch Linken nichts anderes mehr bedeutet als einen illegitimen Versuch, die Existenz des Staates Israel zu legitimieren", bemerkt die LiteraturwissenschaftlerinMarina Münkler in der SZ: "Mit dem Bezug auf Antiimperialismus, Antirassismus und Antikolonialismus ist der Hamas mit ihrer erneuerten Charta von 2017 gelungen, was sich bereits in den 1970er-Jahren in der Verbrüderung der deutschen Terrortruppe RAF mit der PLO schon einmal abgezeichnet hat, damals aber noch keine vergleichbare Durchschlagskraft entfaltete: die sich als antiimperialistisch, antikolonialistisch und queerfreundlich verstehende Linke nahezu vollständig auf ihre Seite zu bringen." Aus diesem falsch verstandenen Postkolonialismus verkennen große Teile der Linken, was das Massaker vom 7. Oktober war: "eine triumphale imperiale Geste der Vernichtung jüdischen Lebens, eine perfide Arbeit am kollektiven Gedächtnis des Pogroms und eine Feier des Opfers der palästinensischen Bevölkerung, die begleichen sollte, was die Hamas angerichtet hatte, um Israel damit permanent ins Unrecht zu setzen."
Ebenfalls in der SZ schildert die in Russland geborene, in Deutschland aufgewachsene und in den USA lebende Autorin Jana Talke, deren Großvater ukrainischer Jude war, den Antisemitismus, dem sie täglich ausgesetzt ist: "Während der Westen den Konflikt nicht lösen wird, trägt er zum zusätzlichen Leid auf beiden Seiten bei: Die digitalen Hassbotschaften an Israel und die Juden von Stars, Politikern und eben auch gewöhnlichen Bürgern bestärken die Hamas und deren Unterstützer - allen voran die iranische Regierung - in ihren volksverbrecherischen Absichten an den Juden und am eigenen Volk."
Der palästinensisch-amerikanische Aktivist Ahmed Fouad Alkhatib will im taz-Gespräch die Hoffnung auf eine Zwei-Staaten-Lösung nicht aufgeben, den Willen zum Kompromiss vermutet er eher bei Palästinensern in Gaza als in der Diaspora. Viele Palästinenser würden ihm sagen "dass sie es leid sind, zwischen der korrupten und inkompetenten Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland und dem Terrorismus der Hamas zu wählen", währenddessen radikalisierten sich viele Palästinenser in der Diaspora aus dem Schuldgefühl, herausgekommen zu sein. "Die Palästinenser im Gazastreifen und im Westjordanland legen manchmal mehr Pragmatismus und Flexibilität an den Tag als die in der Diaspora. Außerdem versuchen einige nicht-palästinensische Verbündete, die palästinensische Bewegung zu kapern und sie in einen postkolonialen Rahmen zu stellen. Dabei ist die Realität in Palästina ganz anders als in Südafrika. Uns wurde gesagt, dass wir mit Sanktionen und BDS allein die Rechte der Palästinenser erlangen können. Dabei brauchen wir in Wirklichkeit Verbündete innerhalb der jüdischen und israelischen Communitys, um Frieden zu erreichen."
Seit dem 7. Oktober hat Netanjahu "das Alibi gefunden, das er brauchte", notiert im Tagesspiegel der israelische Germanist Jakob Hessing, der Netanjahu vorwirft, den Notstand ständig aus Machterhalt zu verlängern: "Den Krieg im Gazastreifen beendet er nicht, mit der Eskalation im Libanon steht Netanjahu neuerdings ein zweiter, mit der akuten Gefahr aus dem Iran ein dritter Notstand zur Verfügung. Mit allen dreien kann er wuchern. Netanjahus Methode geht davon aus, dass sich der Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzen lässt. Das geschieht zum Beispiel, indem Unmögliches zum 'Kriegsziel' erklärt wird, etwa die 'Vernichtung' der Hamas. Sie lässt sich jedoch nicht vernichten, weil sie eine Idee ist, oder genauer: weil auch die Hamas eine Scheinwelt geschaffen hat. Ihre Gewaltherrschaft gründet auf einer Täuschung, die noch viel offensichtlicher ist als Netanjahus Manipulation: nämlich auf der Behauptung, dass der Terror dieser Fundamentalisten dem Schutz der Palästinenser im Gazastreifen dient."
"Der 7. Oktober war der schlimmste Tag in der Geschichte Israels. Aber nichts von dem, was dort geschehen ist, rechtfertigt die Zerstörung in Gaza und das, was wir der Bevölkerung dort angetan haben", sagt der israelische Historiker Tom Segev im FR-Gespräch: "Es ist eine Wiederholung, vielleicht sogar eine Verschlimmerung der ersten palästinensischen Katastrophe, der Nakba. Es ist eine zweite Nakba. Die erste verfolgt uns seit 75 Jahren, die zweite ist für mich ein moralisches Problem." Es gebe viele "viele Autoritäten im Sicherheitsbereich, hohe Mossad-Beamte, in der Armee, die sagen, alles, was man tun muss, ist, den Krieg in Gaza sofort zu beenden. Alles muss in diese Richtung gehen, die Armee muss aus Gaza raus."
Die israelische Frauenbewegung Women Wage Peace (WWP) und die palästinensische Frauenbewegung Women of the Sun (WOS) sind gemeinsam für den Friedensnobelpreis nominiert, der Tagesspiegel hat Peta Jones Pellach von WWP und einer Vertreterin von WOS, die anonym bleiben will und nur als M.H. zitiert wird, über ihre Initiativen und über die Arbeit in patriarchalen Gesellschaften befragt. "Seit jeher werden wir Palästinenser von Männern regiert und es folgt Krieg auf Krieg. Wir wollen mehr Frauen in Verantwortung sehen", sagt M.H., räumt aber ein: "Viele Menschen auf unserer Seite glauben nicht an Frieden. Sie denken, dass man die Palästinenser verrät, wenn man mit Israelis arbeitet oder redet. Deshalb trauen sich viele nicht, sich uns anzuschließen." Und Pellach ergänzt: "Auch Israel ist eine sehr patriarchale Gesellschaft. Es gibt zwar eine starke Frauenbewegung, aber wenn man sich ansieht, wie viele Frauen in der Regierung sind, dann ist das widerwärtig. In Netanjahus Kriegskabinett saßen auch nur Männer. Und er hatte ein Kriegskabinett einberufen, kein Friedenskabinett!"
"Auf die Zeitenwende in Europa muss eine Zeitenwende im Nahen Osten folgen", schreibt Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor in der SZ: "Diplomatie kann kein Selbstzweck sein, ihr Erfolg wird anhand von Taten bemessen. Es gibt keine Verhandlungslösung zwischen zwei Seiten, bei der die eine Seite die andere auslöschen will. Niemand wusste das besser als Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah. Weil Israel am 7. Oktober Schwäche zeigte, hat die Hisbollah Israel seitdem mit 10 000 Raketen angegriffen. Doch Nasrallah hat sich verkalkuliert. Die Welt ist ein besserer Ort ohne ihn. Eigentlich darf sich die Hisbollah gar nicht südlich des Litani-Flusses aufhalten. So steht es seit 2006 in der UN-Resolution 1701. Aber die Welt duldet dieses Aufmarschgebiet der Hisbollah im Süden Libanons. Auch die USA, Frankreich und Deutschland müssen hier aktiver werden. Ich werde nie akzeptieren, dass Regeln nur dann gelten, wenn sie Israel schaden sollen, oder benutzt werden, um Israel zu dämonisieren."
"Es scheint, als steht der Nahe Osten nun am Vorabend eines Kriegs von einem Ausmaß, wie es die Region noch nie erlebt hat" - und die internationale Staatengemeinschaft ist Mitschuld an der Eskalation, schreibt Richard C. Schneider bei Spon: "Spätestens seit 2006 betreibt sie eine heuchlerische Politik gegenüber der Schiitenmiliz und ihrem Geldgeber, Iran. Die Terrororganisation hat im Laufe der Jahrzehnte in einem Ausmaß aufgerüstet, um das sie viele Staaten beneiden müssten. Doch die Uno, seit 1978 mit Beobachtern vor Ort, hat weggeschaut. Der Westen hat die wachsende Kriegsgefahr ignoriert, wahrscheinlich weil alles andere womöglich einen politischen oder sogar militärischen Einsatz erfordert hätte."
Israel steht im Kampf gegen die Hamas und die Hisbollah vor einem Dilemma, konstatiert der Politikwissenschaftler Felix Wassermann im Gespräch mit Zeit Online: "Liberale Rechtsstaaten haben sich auferlegt, das Kriegsrecht einzuhalten, und zwar auch gegenüber Akteuren, die sich selbst wiederum nicht daran halten. Aber was bedeutet es nun, wenn Angriffe aus einem Krankenhaus kommen oder Kämpfer sich zwischen Flüchtlingen verstecken? (…) Grundsätzlich kann strategische Verteidigung auch offensive Maßnahmen beinhalten, also militärische Vorstöße einschließen. Und Israel weist ja immer wieder darauf hin, dass es dabei nicht um Gebietsherrschaft gehe, es also weder den Gazastreifen besetzen noch den Libanon kontrollieren will. Gleichwohl stellt sich auch in solchen Fällen die kriegsethische Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Und zwar sowohl in Bezug auf die zivilen Opfer als auch in Bezug auf die kommende Nachkriegsordnung. Ist es sinnvoll, so viel Leid und Zerstörung zu hinterlassen, dass der spätere Wiederaufbau extrem erschwert wird?"
Ein Jahr nach dem Massaker hat die Hamas erreicht, dass "die internationale Solidarität mit Israel auf einen Tiefpunkt gesunken ist, dass die Schoah selbst vielen politisch Linken nichts anderes mehr bedeutet als einen illegitimen Versuch, die Existenz des Staates Israel zu legitimieren", bemerkt die LiteraturwissenschaftlerinMarina Münkler in der SZ: "Mit dem Bezug auf Antiimperialismus, Antirassismus und Antikolonialismus ist der Hamas mit ihrer erneuerten Charta von 2017 gelungen, was sich bereits in den 1970er-Jahren in der Verbrüderung der deutschen Terrortruppe RAF mit der PLO schon einmal abgezeichnet hat, damals aber noch keine vergleichbare Durchschlagskraft entfaltete: die sich als antiimperialistisch, antikolonialistisch und queerfreundlich verstehende Linke nahezu vollständig auf ihre Seite zu bringen." Aus diesem falsch verstandenen Postkolonialismus verkennen große Teile der Linken, was das Massaker vom 7. Oktober war: "eine triumphale imperiale Geste der Vernichtung jüdischen Lebens, eine perfide Arbeit am kollektiven Gedächtnis des Pogroms und eine Feier des Opfers der palästinensischen Bevölkerung, die begleichen sollte, was die Hamas angerichtet hatte, um Israel damit permanent ins Unrecht zu setzen."
Ebenfalls in der SZ schildert die in Russland geborene, in Deutschland aufgewachsene und in den USA lebende Autorin Jana Talke, deren Großvater ukrainischer Jude war, den Antisemitismus, dem sie täglich ausgesetzt ist: "Während der Westen den Konflikt nicht lösen wird, trägt er zum zusätzlichen Leid auf beiden Seiten bei: Die digitalen Hassbotschaften an Israel und die Juden von Stars, Politikern und eben auch gewöhnlichen Bürgern bestärken die Hamas und deren Unterstützer - allen voran die iranische Regierung - in ihren volksverbrecherischen Absichten an den Juden und am eigenen Volk."
Der palästinensisch-amerikanische Aktivist Ahmed Fouad Alkhatib will im taz-Gespräch die Hoffnung auf eine Zwei-Staaten-Lösung nicht aufgeben, den Willen zum Kompromiss vermutet er eher bei Palästinensern in Gaza als in der Diaspora. Viele Palästinenser würden ihm sagen "dass sie es leid sind, zwischen der korrupten und inkompetenten Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland und dem Terrorismus der Hamas zu wählen", währenddessen radikalisierten sich viele Palästinenser in der Diaspora aus dem Schuldgefühl, herausgekommen zu sein. "Die Palästinenser im Gazastreifen und im Westjordanland legen manchmal mehr Pragmatismus und Flexibilität an den Tag als die in der Diaspora. Außerdem versuchen einige nicht-palästinensische Verbündete, die palästinensische Bewegung zu kapern und sie in einen postkolonialen Rahmen zu stellen. Dabei ist die Realität in Palästina ganz anders als in Südafrika. Uns wurde gesagt, dass wir mit Sanktionen und BDS allein die Rechte der Palästinenser erlangen können. Dabei brauchen wir in Wirklichkeit Verbündete innerhalb der jüdischen und israelischen Communitys, um Frieden zu erreichen."
Seit dem 7. Oktober hat Netanjahu "das Alibi gefunden, das er brauchte", notiert im Tagesspiegel der israelische Germanist Jakob Hessing, der Netanjahu vorwirft, den Notstand ständig aus Machterhalt zu verlängern: "Den Krieg im Gazastreifen beendet er nicht, mit der Eskalation im Libanon steht Netanjahu neuerdings ein zweiter, mit der akuten Gefahr aus dem Iran ein dritter Notstand zur Verfügung. Mit allen dreien kann er wuchern. Netanjahus Methode geht davon aus, dass sich der Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzen lässt. Das geschieht zum Beispiel, indem Unmögliches zum 'Kriegsziel' erklärt wird, etwa die 'Vernichtung' der Hamas. Sie lässt sich jedoch nicht vernichten, weil sie eine Idee ist, oder genauer: weil auch die Hamas eine Scheinwelt geschaffen hat. Ihre Gewaltherrschaft gründet auf einer Täuschung, die noch viel offensichtlicher ist als Netanjahus Manipulation: nämlich auf der Behauptung, dass der Terror dieser Fundamentalisten dem Schutz der Palästinenser im Gazastreifen dient."
"Der 7. Oktober war der schlimmste Tag in der Geschichte Israels. Aber nichts von dem, was dort geschehen ist, rechtfertigt die Zerstörung in Gaza und das, was wir der Bevölkerung dort angetan haben", sagt der israelische Historiker Tom Segev im FR-Gespräch: "Es ist eine Wiederholung, vielleicht sogar eine Verschlimmerung der ersten palästinensischen Katastrophe, der Nakba. Es ist eine zweite Nakba. Die erste verfolgt uns seit 75 Jahren, die zweite ist für mich ein moralisches Problem." Es gebe viele "viele Autoritäten im Sicherheitsbereich, hohe Mossad-Beamte, in der Armee, die sagen, alles, was man tun muss, ist, den Krieg in Gaza sofort zu beenden. Alles muss in diese Richtung gehen, die Armee muss aus Gaza raus."
Die israelische Frauenbewegung Women Wage Peace (WWP) und die palästinensische Frauenbewegung Women of the Sun (WOS) sind gemeinsam für den Friedensnobelpreis nominiert, der Tagesspiegel hat Peta Jones Pellach von WWP und einer Vertreterin von WOS, die anonym bleiben will und nur als M.H. zitiert wird, über ihre Initiativen und über die Arbeit in patriarchalen Gesellschaften befragt. "Seit jeher werden wir Palästinenser von Männern regiert und es folgt Krieg auf Krieg. Wir wollen mehr Frauen in Verantwortung sehen", sagt M.H., räumt aber ein: "Viele Menschen auf unserer Seite glauben nicht an Frieden. Sie denken, dass man die Palästinenser verrät, wenn man mit Israelis arbeitet oder redet. Deshalb trauen sich viele nicht, sich uns anzuschließen." Und Pellach ergänzt: "Auch Israel ist eine sehr patriarchale Gesellschaft. Es gibt zwar eine starke Frauenbewegung, aber wenn man sich ansieht, wie viele Frauen in der Regierung sind, dann ist das widerwärtig. In Netanjahus Kriegskabinett saßen auch nur Männer. Und er hatte ein Kriegskabinett einberufen, kein Friedenskabinett!"
"Auf die Zeitenwende in Europa muss eine Zeitenwende im Nahen Osten folgen", schreibt Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor in der SZ: "Diplomatie kann kein Selbstzweck sein, ihr Erfolg wird anhand von Taten bemessen. Es gibt keine Verhandlungslösung zwischen zwei Seiten, bei der die eine Seite die andere auslöschen will. Niemand wusste das besser als Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah. Weil Israel am 7. Oktober Schwäche zeigte, hat die Hisbollah Israel seitdem mit 10 000 Raketen angegriffen. Doch Nasrallah hat sich verkalkuliert. Die Welt ist ein besserer Ort ohne ihn. Eigentlich darf sich die Hisbollah gar nicht südlich des Litani-Flusses aufhalten. So steht es seit 2006 in der UN-Resolution 1701. Aber die Welt duldet dieses Aufmarschgebiet der Hisbollah im Süden Libanons. Auch die USA, Frankreich und Deutschland müssen hier aktiver werden. Ich werde nie akzeptieren, dass Regeln nur dann gelten, wenn sie Israel schaden sollen, oder benutzt werden, um Israel zu dämonisieren."
"Es scheint, als steht der Nahe Osten nun am Vorabend eines Kriegs von einem Ausmaß, wie es die Region noch nie erlebt hat" - und die internationale Staatengemeinschaft ist Mitschuld an der Eskalation, schreibt Richard C. Schneider bei Spon: "Spätestens seit 2006 betreibt sie eine heuchlerische Politik gegenüber der Schiitenmiliz und ihrem Geldgeber, Iran. Die Terrororganisation hat im Laufe der Jahrzehnte in einem Ausmaß aufgerüstet, um das sie viele Staaten beneiden müssten. Doch die Uno, seit 1978 mit Beobachtern vor Ort, hat weggeschaut. Der Westen hat die wachsende Kriegsgefahr ignoriert, wahrscheinlich weil alles andere womöglich einen politischen oder sogar militärischen Einsatz erfordert hätte."
Israel steht im Kampf gegen die Hamas und die Hisbollah vor einem Dilemma, konstatiert der Politikwissenschaftler Felix Wassermann im Gespräch mit Zeit Online: "Liberale Rechtsstaaten haben sich auferlegt, das Kriegsrecht einzuhalten, und zwar auch gegenüber Akteuren, die sich selbst wiederum nicht daran halten. Aber was bedeutet es nun, wenn Angriffe aus einem Krankenhaus kommen oder Kämpfer sich zwischen Flüchtlingen verstecken? (…) Grundsätzlich kann strategische Verteidigung auch offensive Maßnahmen beinhalten, also militärische Vorstöße einschließen. Und Israel weist ja immer wieder darauf hin, dass es dabei nicht um Gebietsherrschaft gehe, es also weder den Gazastreifen besetzen noch den Libanon kontrollieren will. Gleichwohl stellt sich auch in solchen Fällen die kriegsethische Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Und zwar sowohl in Bezug auf die zivilen Opfer als auch in Bezug auf die kommende Nachkriegsordnung. Ist es sinnvoll, so viel Leid und Zerstörung zu hinterlassen, dass der spätere Wiederaufbau extrem erschwert wird?"
Gesellschaft
Mischten die Rechten bei den Protesten der Impfgegner noch ordentlich mit, üben sie sich nun, während sich die Szene mit Islamisten und Antisemiten auf propalästinensischen Demos trifft, in taktischer Zurückhaltung, konstatiert der Historiker Volker Weiß in der SZ: "Nicht wenige sehen in dem Land ganz nach Muster des klassischen Antisemitismus hauptsächlich das destruktive Wirken machthungriger Globalisten. In neurechten Medien ist zu lesen, Israel terrorisiere seine Nachbarn und lenke Flüchtlingsströme gezielt nach Europa, um die abendländische Kultur zu zerstören. Manches, was Islamisten und Antiimperialisten zur Shoah zum Besten geben, deckt sich mit ihren Ansichten. Aber im Gegensatz zu ihnen werden gewisse Inhalte unter Rechten lieber intern diskutiert. Umso deutlicher der muslimische Antisemitismus, der sich immer unverhohlener Bahn bricht, angeprangert werden kann, umso mehr kann der eigene aus dem Blickfeld rücken."
In der taz kann Robert Misik mit Blick auf AFD- und FPÖ-Wähler das Gerede vom Protestwähler nicht mehr hören. Nein, in unserer Gesellschaft macht sich "die Sozialfigur des begeisterten rechtsextremen Wählers" breit, meint er, herangezogen von extremistischen Agitatoren: "In den Studien von Adorno und Co über den 'autoritären Charakter' wurden Sozialfiguren wie 'der Rebell' oder 'der Spinner' bereits als eine Randfigur faschistischer Bewegungen entdeckt, diese war aber damals gegenüber den anderen Typen des Konformistisch-Autoritären noch peripher. Heute dominiert der Typus des 'konformistischen Rebellen', der sich in der Gemeinschaft der Starken aufgehoben fühlt, den Zuspruch seiner Bubble liebt, sich geknechtet und gegängelt fühlt, alle Regeln ablehnt, sogar vernünftige. Der mit der Meute selbsterklärter 'Selbstdenker' blökt und sich als systemkritisch wähnt. Seine Parole ist nicht: Im Stechschritt voran. Sondern: 'Nicht mit mir!'"
In der taz kann Robert Misik mit Blick auf AFD- und FPÖ-Wähler das Gerede vom Protestwähler nicht mehr hören. Nein, in unserer Gesellschaft macht sich "die Sozialfigur des begeisterten rechtsextremen Wählers" breit, meint er, herangezogen von extremistischen Agitatoren: "In den Studien von Adorno und Co über den 'autoritären Charakter' wurden Sozialfiguren wie 'der Rebell' oder 'der Spinner' bereits als eine Randfigur faschistischer Bewegungen entdeckt, diese war aber damals gegenüber den anderen Typen des Konformistisch-Autoritären noch peripher. Heute dominiert der Typus des 'konformistischen Rebellen', der sich in der Gemeinschaft der Starken aufgehoben fühlt, den Zuspruch seiner Bubble liebt, sich geknechtet und gegängelt fühlt, alle Regeln ablehnt, sogar vernünftige. Der mit der Meute selbsterklärter 'Selbstdenker' blökt und sich als systemkritisch wähnt. Seine Parole ist nicht: Im Stechschritt voran. Sondern: 'Nicht mit mir!'"
Europa
In der Welt wirft Benjamin Graumann, Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Annalena Baerbock vor, ihren "moralischen Kompass" verloren zu haben: "In ihren blumigen Social-Media-Storys wird mittlerweile mehr von 'radikalen Siedlern' als von den Terroristen der Hamas gesprochen und klare und kritische Worte findet die Außenministerin fast ausschließlich für Israel und nicht für die zahlreichen Diktaturen, die Israel permanent bedrohen. Währenddessen setzt Baerbock in der Uno die beschämende Politik der Enthaltung fort, wenn es um die wahllosen und willkürlichen Verurteilungen gegen Israel geht. Enthaltung ist in diesem Fall jedoch keine Haltung, sondern ein Zeichen von Schwäche sowie ein politischer und moralischer Offenbarungseid."
Im Krieg gegen die Ukraine gibt es nur zwei Möglichkeit: Militärhilfe - und den Weg über China, meint Herfried Münkler im Gespräch auf den Wirtschaftsseiten der FAS. Die Sanktionen gegen Russland haben nicht viel gebracht, glaubt er: "Sie führen dazu, dass Russland immer abhängiger wird von China. Putin sitzt auf dem Schoß von Xi Jinping. Die Europäer können deshalb indirekt Einfluss auf Putin ausüben, indem sie mit Xi sprechen. Die Äußerung von Xi, China wünsche nicht den Einsatz von Atomwaffen, war deshalb so wichtig."
Seit neustem steht das Fach "Familienkunde" in Russland auf dem Lehrplan, gelehrt wird zu den Themen "Heirat, Kinderreichtum, Keuschheit", Sex wird hingegen tabuisiert - und auch Zweifel an Darwins Evolutionstheorie werden gesät, schreibt Viktor Jerofejew, der in der NZZ eine kleine Geschichte der russischen Sexualität erzählt und festhält: Sex ist wieder so prüde wie unter Stalin. Im "Strudel der Veränderungen, der künftige Patrioten und heldenhafte Soldaten produzieren soll, muss Sex aus Überlebensgründen tief in den Untergrund gehen, zu den Partisanen überlaufen, hinter den Gartenzaun der Datscha. Aber verbotene Früchte sind süß, und die Tabuisierung von Sex verwandelt sich unfreiwillig in Werbung dafür. Übrigens gibt es vor unseren Augen in der Armee auch sadistischen Sex mit Vergewaltigungen und Demütigungen, die oftmals blutig, mit verletzten Genitalien und auch Tod enden."
Der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký hatte Kulturministerin Martina Šimkovičová in der Zeitung Denník N als "Neofaschistin" bezeichnet, die Ministerin hat ihn nun wegen Verleumdung angeklagt - ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft. Im FAZ-Gespräch porträtiert er die Ministerin: "Sie vertritt radikalnationalistische Positionen und Verschwörungsmythen wie den vom Großen Austausch. Auch glaubt sie, LGBT-Personen verursachten das Aussterben der 'weißen Rasse'. Sie findet, die slowakische Kultur müsse 'slowakisch sein - und keine andere' und propagiert eine Rückkehr zu vermeintlichen slawischen Urzuständen, die es so aber nie gab. Lange stand die Slowakei fest zur Ukraine und zur EU. Doch das ändert sich. Die putinfreundliche Šimkovičová ist ein Einfallstor für die Kremlpropaganda in Europa."
Im Krieg gegen die Ukraine gibt es nur zwei Möglichkeit: Militärhilfe - und den Weg über China, meint Herfried Münkler im Gespräch auf den Wirtschaftsseiten der FAS. Die Sanktionen gegen Russland haben nicht viel gebracht, glaubt er: "Sie führen dazu, dass Russland immer abhängiger wird von China. Putin sitzt auf dem Schoß von Xi Jinping. Die Europäer können deshalb indirekt Einfluss auf Putin ausüben, indem sie mit Xi sprechen. Die Äußerung von Xi, China wünsche nicht den Einsatz von Atomwaffen, war deshalb so wichtig."
Seit neustem steht das Fach "Familienkunde" in Russland auf dem Lehrplan, gelehrt wird zu den Themen "Heirat, Kinderreichtum, Keuschheit", Sex wird hingegen tabuisiert - und auch Zweifel an Darwins Evolutionstheorie werden gesät, schreibt Viktor Jerofejew, der in der NZZ eine kleine Geschichte der russischen Sexualität erzählt und festhält: Sex ist wieder so prüde wie unter Stalin. Im "Strudel der Veränderungen, der künftige Patrioten und heldenhafte Soldaten produzieren soll, muss Sex aus Überlebensgründen tief in den Untergrund gehen, zu den Partisanen überlaufen, hinter den Gartenzaun der Datscha. Aber verbotene Früchte sind süß, und die Tabuisierung von Sex verwandelt sich unfreiwillig in Werbung dafür. Übrigens gibt es vor unseren Augen in der Armee auch sadistischen Sex mit Vergewaltigungen und Demütigungen, die oftmals blutig, mit verletzten Genitalien und auch Tod enden."
Der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký hatte Kulturministerin Martina Šimkovičová in der Zeitung Denník N als "Neofaschistin" bezeichnet, die Ministerin hat ihn nun wegen Verleumdung angeklagt - ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft. Im FAZ-Gespräch porträtiert er die Ministerin: "Sie vertritt radikalnationalistische Positionen und Verschwörungsmythen wie den vom Großen Austausch. Auch glaubt sie, LGBT-Personen verursachten das Aussterben der 'weißen Rasse'. Sie findet, die slowakische Kultur müsse 'slowakisch sein - und keine andere' und propagiert eine Rückkehr zu vermeintlichen slawischen Urzuständen, die es so aber nie gab. Lange stand die Slowakei fest zur Ukraine und zur EU. Doch das ändert sich. Die putinfreundliche Šimkovičová ist ein Einfallstor für die Kremlpropaganda in Europa."
Geschichte
Der Politikwissenschaftler Klaus Schroeder kann in der Welt nur staunen, dass jüngst vor allem die vermeintlich positiven Seiten der DDR erinnert werden. Er ruft unter anderem ins Gedächntnis: "Von Beginn an war die DDR ein durchweg antiisraelischer und antijüdischer Staat, der später palästinensische Terroristen militärisch ausbildete. Sie zahlte - anders als die Bundesrepublik - keine Entschädigung für die Verfolgung und Ermordung von Juden während des Nationalsozialismus und erkannte den Staat Israel nicht an. Nach Berichten eines ehemaligen Weggefährten kommentierte der Parteivorsitzende Walter Ulbricht die Enteignung von Juden im Dritten Reich mit den Worten: 'Hätten die Nazis die Juden nicht enteignet, hätten wir es getan, denn sie waren Kapitalisten, die die Arbeiterklasse ausgebeutet haben!'"
Kulturmarkt
Vor Redaktionsschluss der SZ war es noch nicht bestätigt, nun ist klar: Der Suhrkamp-Verlag hat einen neuen Eigentümer. Der Unternehmer Dirk Möhrle, der von 1997 bis 2005 die familieneigene Baumarktkette Max Bahr leitete und zuletzt 39 Prozent der Suhrkamp-Anteile hielt, übernimmt zum 1. November die Aktien von Ulla Unseld-Berkéwicz und der Familie Ströher sowie den Anteil von Verleger und Geschäftsführer Jonathan Landgrebe. Zeit Online meldet: "Sein volles Vertrauen gelte dem Verleger Jonathan Landgrebe und der Geschäftsleitung mit Tanja Postpischil, wird Möhrle … zitiert. Ihnen, den Mitarbeitenden des Verlags und den Autorinnen und Autoren verspreche er, 'langfristig und mit vollem Engagement meine Ressourcen einzubringen, damit in diesem einzigartigen Verlag auch künftig in verlegerisch unabhängiger Arbeit, gute, schöne und bedeutende Bücher entstehen können'."
In der FAZ kommentiert Sandra Kegel: "Möhrle hat sich als Fachfremder in den vergangenen zehn Jahren in die Belange des Verlags eingearbeitet. Er weiß also, was auf ihn zukommt und dass Bücher als Ware mit Gartenstühlen nicht gleichzusetzen sind." Daran meldet Roman Bucheli in der NZZ zumindest leise Zweifel an: "In der Medienmitteilung des Verlags lässt sich Dirk Möhrle mit einer kuriosen Aussage zitieren: 'In den vergangenen zehn Jahren meines Engagements für den Suhrkamp-Verlag habe ich entdecken dürfen, welche Bedeutung diesem Verlag und seinen Autoren zu eigen ist.' Es ist schon fast ein Kunststück, dass Möhrle erst Eigentümer dieses Verlags werden musste, um zu verstehen, dass er es mit einem kulturellen Monument zu tun hat."
Mit "Suhrkamp in Not" eröffnet die SZ heute ihr Feuilleton. Ein vierköpfiges Autorenteam blickt hinter die Kulissen und berichtet, dass die Lage bei Suhrkamp schon spätestens seit dem Frühjahr beunruhigend war: "Im Jahr 2022 rutschte er dann in die roten Zahlen, Jahresfehlbetrag fast 270 000 Euro. Befürchtungen aus dem Jahr 2022, dass es im Jahr 2023 noch schlimmer kommen werde, bestätigten sich nach SZ-Informationen inzwischen deutlich. Im Frühjahr 2024 wurde es dann offenbar richtig heikel. Aus Verlagskreisen ist zu hören: Ohne den zügigen Verkauf des Hauses an der Klettenbergstraße hätte für Suhrkamp im August viel auf dem Spiel gestanden." Es "fehlen die ganz großen Namen für den Umsatz bei Suhrkamp. Die Helden der viel zitierten Suhrkamp-Kultur sind tot oder weit in den Neunzigern: Adorno, Marcuse, Kluge, Habermas", schreiben die Autoren und zitieren aus dem Jahresabschlussbericht 2022: "'Tendenzen zu leichter, barrierearmer und in vielen Teilen rein eskapistischer Lektüre' seien allerorten sichtbar. Ein bisschen klingt es so: Wir sind toll, aber die Leute draußen sind zu doof."
In der FAZ kommentiert Sandra Kegel: "Möhrle hat sich als Fachfremder in den vergangenen zehn Jahren in die Belange des Verlags eingearbeitet. Er weiß also, was auf ihn zukommt und dass Bücher als Ware mit Gartenstühlen nicht gleichzusetzen sind." Daran meldet Roman Bucheli in der NZZ zumindest leise Zweifel an: "In der Medienmitteilung des Verlags lässt sich Dirk Möhrle mit einer kuriosen Aussage zitieren: 'In den vergangenen zehn Jahren meines Engagements für den Suhrkamp-Verlag habe ich entdecken dürfen, welche Bedeutung diesem Verlag und seinen Autoren zu eigen ist.' Es ist schon fast ein Kunststück, dass Möhrle erst Eigentümer dieses Verlags werden musste, um zu verstehen, dass er es mit einem kulturellen Monument zu tun hat."
Mit "Suhrkamp in Not" eröffnet die SZ heute ihr Feuilleton. Ein vierköpfiges Autorenteam blickt hinter die Kulissen und berichtet, dass die Lage bei Suhrkamp schon spätestens seit dem Frühjahr beunruhigend war: "Im Jahr 2022 rutschte er dann in die roten Zahlen, Jahresfehlbetrag fast 270 000 Euro. Befürchtungen aus dem Jahr 2022, dass es im Jahr 2023 noch schlimmer kommen werde, bestätigten sich nach SZ-Informationen inzwischen deutlich. Im Frühjahr 2024 wurde es dann offenbar richtig heikel. Aus Verlagskreisen ist zu hören: Ohne den zügigen Verkauf des Hauses an der Klettenbergstraße hätte für Suhrkamp im August viel auf dem Spiel gestanden." Es "fehlen die ganz großen Namen für den Umsatz bei Suhrkamp. Die Helden der viel zitierten Suhrkamp-Kultur sind tot oder weit in den Neunzigern: Adorno, Marcuse, Kluge, Habermas", schreiben die Autoren und zitieren aus dem Jahresabschlussbericht 2022: "'Tendenzen zu leichter, barrierearmer und in vielen Teilen rein eskapistischer Lektüre' seien allerorten sichtbar. Ein bisschen klingt es so: Wir sind toll, aber die Leute draußen sind zu doof."
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