9punkt - Die Debattenrundschau

Diejenigen, die die Tür öffnen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.05.2021. Vielleicht ist das Problem mit den sozialen Medien, dass sie das, was früher "eine saudämliche Bemerkung in einem privaten Gespräch" war, heute zu einem Zeugnis der Schriftkultur adeln, fragt die Welt. Boris Palmer entschuldigt sich in der Zeit nicht. Aber der Tagesspiegel entschuldigt sich für seine Berichterstattung über #allesdichtmachen. In der Zeit fordert Götz Aly einen wesentlich offeneren Umgang der Museen mit der Gewaltgeschichte einiger ihrer Exponate. 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.05.2021 finden Sie hier

Europa

Vor zehn Jahren unterzeichnete Deutschland als eines der ersten Länder die Istanbul-Konvention, die die Rechte von Frauen stärkt. Dies Jahr ist die Türkei wieder ausgetreten. Auch in Polen gibt es starke Bestrebungen dazu. Vor diesem Hintergrund fordert die Organisation "Terre des Femmes" laut hpd.de, dass auch die EU als Organisation der Konvention beitritt: "Eine Ratifikation der Istanbul-Konvention durch die EU würde den effektiven Schutz von Frauen und Mädchen vorantreiben. Zum Beispiel könnte so eine EU-weit vereinheitlichte Datenerhebung zu verschiedenen Formen der Gewalt gegen Frauen in die Wege geleitet werden. Dies wäre ein großer Schritt für verbesserte Präventionsarbeit. Eine Ratifikation würde auch bedeuten, dass die EU sich zur Umsetzung verpflichtet und regelmäßig darüber Rechenschaft ablegen muss."

Nachzutragen ist hier der Kommentar des Bloggers Ian Dunt zum Ausgang der schottischen Wahlen, die den Anhängern eines neuen Referendums, wie er mit persönlichem Bedauern feststellt, ein klares Mandat geben. Zwar hätte Boris Johnson gutes Aussichten, ein neues Referendum mit einem Gang zum Supreme Court zu unterbinden, so Dunt: "Aber diese Gesetzeslage ist kein Vorteil für die Unionisten. Sie ist absolutes Gift. Wenn ein solches Urteil den Willen des schottischen Parlaments blockiert, der durch ein klares Wahlmandat ausgedrückt wurde, wird das mehr für die Sache der Unabhängigkeit tun als alles, was Sturgeon jemals gesagt hat. Es wird zeigen, dass die Union eine Fessel ist. Sie wird keine Zustimmung mehr haben, eine kooperative Partnerschaft wird nicht mehr gewollt."
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Urheberrecht

Als die EU ihre Urheberrechtsreform beschloss, beraten vor allem von den Organisationen der Kultur- und Medienindustrien, musste sie überrascht feststellen, dass das Thema massenhafte Proteste mobilisierte. Unter anderem ging es dabei um Memes, Fanfiction und Satire. Die EU versprach, hier Ausnahmeregeln zu schaffen. Aber die deutsche Umsetzung hält hier alles andere als Schritt, schreibt Julia Reda bei Netzpolitik: "Entgegen den Vorschriften der EU-Richtlinie sieht der deutsche Gesetzesentwurf in Paragraf 51a (PDF) nämlich vor, dass Karikaturen, Parodien und Pastiches nur dann erlaubt sein sollen, 'sofern die Nutzung in ihrem Umfang durch den besonderen Zweck gerechtfertigt ist'. Was der 'besondere Zweck' von Memes oder Fan Fiction sein soll, konnte das federführende Justizministerium indes auf Nachfrage nicht beantworten und verwies darauf, dass das in Zukunft die Gerichte klären sollen." Vielleicht sollten künftig gleich die Gerichte die Gesetze schreiben?
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Gesellschaft

In der Welt fragt sich Peter Huth angesichts des Boheis um Boris Palmer, ob es nicht bessere Arten gibt, mit Kommentaren in den sozialen Medien umzugehen als Dauerempörung. Denn in den sozialen Medien vermähle sich "das leichtfüßige Wesen des Gesprochenen mit der Überprüfbarkeit eines formulierten Textes. ... Wenn etwas verschriftlicht wird, setzen wir - weil wir es nicht anders gewohnt sind - die gleichen Maßstäbe an wie bei einem sorgfältig formulierten Text. Auf der anderen Seite wäre ohne die Verschriftlichung Lehmanns 'Quotenschwarzer' niemals dokumentiert worden - es wäre eine saudämliche Bemerkung in einem privaten Gespräch gewesen, nur der Rede wert zwischen denen, die es betrifft." Digitalisierung verändere eben auch die Kommunikation. "Wir sollten darauf reagieren und die Tatsache anerkennen, dass nicht alles, was auf den sozialen Medien geschrieben wird, wie die Zehn Gebote in Granit gemeißelt sein kann."

Dämliche Bemerkungen gibt es allerdings nicht nur in den sozialen Medien. "Warum kann er nicht die Klappe halten?" betitelt die Zeit ein ganzseitiges Gespräch mit Boris Palmer. Man fragt sich, warum sie dann überhaupt mit ihm gesprochen hat. "Ich gebe zu: Das war ein misslungener Satireversuch", erklärt Palmer dann, entschuldigen wolle er sich aber nicht. "Diese Entschuldigungsforderungen sind ja Teil der Empörungsrituale, mit denen versucht wird, Leute mundtot zu machen. Es geht hier um etwas viel Größeres als nur um einen Satz. Es geht um die Cancel-Culture, in der ich eine ernsthafte Bedrohung für die offene Gesellschaft sehe. Schauen Sie sich nur an, was in den vergangenen 14 Tagen passiert ist mit den Schauspielern, die an der Aktion #allesdichtmachen beteiligt waren. Ein Ex-Landesminister hat gefordert, die öffentlich-rechtlichen Sender sollten die Zusammenarbeit mit Jan Josef Liefers beenden. Das geht in Richtung Existenzvernichtung. Dann kamen die Auftrittsverbote für Jens Lehmann und Dennis Aogo. Ich soll jetzt wegen eines satirischen Satzes aus meiner Partei ausgeschlossen werden."

Das ist aber mal ein Novum: Andreas Schmidt, gelernter Schreiner, hat nichts zu klagen, im Gegenteil. Er arbeitet seit Jahren in der Pflege. Ein toller Beruf, versichert er in der Zeit. Man verdient auch recht gut (2400 bis 3000 Euro als Einstiegsgehalt). Man sollte nur endlich mal aufhören, ihn schlecht zu reden: "Diejenigen, die alten Menschen ihre Geschichte und ihre Würde zurückgeben, sind wir - die Pflegekräfte. Diejenigen, die die Tür öffnen und das Alleinsein beenden, sind wir. Diejenigen, die beim Aufstehen und Ankleiden helfen und den anderen im wahrsten Sinne des Wortes berühren, sind wir. Mir fallen wenig schönere Berufe ein als der der Altenpflegekraft. Und wenig sinnvollere."
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Kulturpolitik

Der Historiker Götz Aly, der gerade ein Buch geschrieben hat über die Raubzüge deutscher Kolonialisten in der Südsee, in deren Folge auch das große Boot von der Insel Luf nach Berlin gelangte, zeigt im Interview mit der Zeit, wie man über Kolonialgeschichte sprechen kann, ohne pausenlos mit dem Finger auf andere zu zeigen. Was also tun mit den Objekten aus der Südsee? "Zunächst sollten wir uns - konkret die Stiftung Preußischer Kulturbesitz - als Treuhänder und Bewahrer dieser Kulturschätze verstehen. Ich bin unbedingt dafür, dass sie öffentlich gezeigt werden. Ich plädiere aber auch dafür, in den Museen endlich damit zu beginnen, die kolonialen Gewaltgeschichten zu erzählen. Der Betrachter soll mit dem Zwiespalt zwischen jahrtausendealter Hochkultur und moderner Brutalkultur konfrontiert werden. Wie der Staat Papua-Neuguinea auf die Dauer reagiert, das werden wir sehen, aber ich bin dafür, dass wir diesen Staat rückwirkend als Treugeber betrachten und uns nicht als Eigentümer sehen. Wie es dann weitergeht, das ist eine Aufgabe für die nächste Generation. Es sollte nichts übereilt geschehen."

Marc Zitzmann zieht in der FAZ eine sehr kritische Bilanz des noch amtierenden Louvre-Chefs Jean-Luc Martinez. Vor allem wirft er ihm häufiges oganisatorisches Versagen vor, auch in der Organisation des komplexen Hauses: "Mit Abstand am schwersten wiegt hier die Verlegung der zuvor an 68 Orten im und um den Louvre-Palast verstreuten Depots in einen - architektonisch durchaus gelungenen - Neubau bei Lens. Für die Konservatoren stellt der Gang in den unsichtbaren Teil der Sammlung nunmehr eine Tagesreise dar, so sie die entsprechenden Spesen überhaupt bewilligt bekommen. Geleitet wurde das Centre de conservation du Louvre bis vor kurzem durch einen Nicht-Konservator - erklärtermaßen sollen dort keine Konservatoren rekrutiert werden, 'damit eine gewisse Neutralität gewahrt wird'." Der Posten des Louvre-Chefs müsste eigentlich neu besetzt werden, so Zitzmann, aber Emmanuel Macron, der bei solchen herausgehobenen Posten das letzte Wort hat, ist sich wohl noch nicht schlüssig. Nebenbei kritisiert Zitzmann übrigens die französische Presse, die die Missstände zu spät thematisiert habe - Ausnahme ist das Online-Magazin La Tribune de l'Art.

Politik

Auch China hat ein demografisches Problem, schreibt taz-Korrespondent Fabian Kretschmer mit Blick auf einen Bericht der chinesischen Regierung, der zeigt, dass die Kohorte der über 65-Jährigen immer größer wird. Früher durfte die Bevölkerung nicht, heut will sie nicht mehr: "Zwar hat Peking vor etwa fünf Jahren seine restriktive Ein-Kind-Politik gelockert, die massives Leid verursacht und zu einem Männerüberschuss von über 30 Millionen geführt hat. Doch auch wenn chinesische Familien mittlerweile zwei Kinder großziehen dürfen, wollen sie es schlicht nicht mehr. Das größte Hindernis sind die explodierenden Kosten für Wohnraum und Bildung."
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Medien

Der Tagesspiegel ringt sich für seine Berichterstattung über #allesdichtmachen mit spitzen Lippen eine Entschuldigung ab. So stellt sich heraus, dass keiner der vier Tagesspiegel-Autoren, die dazu rechercheriert haben, mit Paul Brandenburg gesprochen hat. Dem wurde vorgeworfen, er sei Mitinitiator des Projekts, was er dementiert. Bei den Recherchen "sind uns auch handwerkliche Fehler unterlaufen, für die wir um Entschuldigung bitten. Paul Brandenburg ist mehrfach in alternativen Medien aufgetreten, die auch Verbindungen zur Querdenker-Szene haben. Wir haben ihn mit Äußerungen aus diesen Auftritten zitiert und diese als 'antidemokratisch' bezeichnet. Dieser Begriff ist durch Brandenburgs Äußerungen nicht gedeckt. Online haben wir das korrigiert. Zudem haben wir Paul Brandenburg vor der Publikation nicht um eine Stellungnahme gebeten - eigentlich ein journalistisches Muss."

Helen Lewis, die selbst mindestens einen Substack-Newsletter abonniert hat, amüsiert sich in The Atlantic derzeit mehr über die Kriege zwischen den einzelnen Anbietern, als dass sie über deren Inhalte brütet: "Bei den Substack-Kriegen geht es angeblich um freie Meinungsäußerung und LGBTQ-Rechte, um 'woke madness' und 'cancel culture', aber ziemlich viele der Fehden bewegen sich auf dem Level von Richie, der sauer ist, dass Tony die Lederjacke, die er ihm geschenkt hat, nicht zu schätzen weiß. Einiges davon dreht sich um die ungleiche Verteilung von Geld und Aufmerksamkeit, und einige dieser Leute mögen sich einfach nicht."
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