9punkt - Die Debattenrundschau

Wenig Substanz für eine positive Erzählung

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.01.2021. Julian Assange wird vorerst nicht ausgeliefert, entschied eine Londoner Richterin. Die Medien sind dennoch nicht zufrieden mit ihrem Urteil. In der NZZ empfiehlt der Japanologe Raji Steineck unter Rekurs auf Ernst Cassirer einen Pluralismus der symbolischen Formen statt Kulturrelativismus. Warum ist so wenig Erinnerung an die Hohenzollern übrig, fragt der Historiker Martin Kohlrausch in der FAZ: Liegt's an ihrem Abgang? 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.01.2021 finden Sie hier

Medien

Julian Assange soll erstmal nicht in die USA ausgeliefert werden, hat eine Londoner Richterin gestern entschieden, die ihr Urteil allerdings nicht mit dem Argument der Pressefreiheit begründete, sondern auf Assanges Depression hinwies. Die USA gehen in Berufung, ein vorläufiger Sieg, der bitter schmeckt, schreibt Bernd Pickert in der taz: "Julian Assange, Chelsea Manning, Edward Snowden - keine*r von ihnen durfte aus Sicht der angegriffenen staatlichen Strukturen ein normales Leben weiterführen. Die staatlichen Bemühungen, ihr Handeln zu ahnden, sind ungleich größer als jene, die Verbrechen zu verfolgen, die sie aufgedeckt haben."

Der ehemalige CIA-Mitarbeiter John Kiriakou beschreibt im Interview mit taz-Korrespondentin Dorothea Hahn die Bedingungen, die in einem Sicherheitsgefängnis auf Assange gewartet hätten: "Er ist 23 Stunden am Tag in einer kleinen Zelle mit den Maßen 2 mal 3 oder 4 Metern eingesperrt. Nur für eine Stunde darf er durch eine kleine Tür am Ende seiner Zelle in einen Käfigbereich gehen, der etwa 5 mal 5 Meter groß ist, um eine Stunde im Kreis zu gehen. Aber er hat keinen menschlichen Kontakt. Das Essen wird durch einen Schlitz in der Tür hereingereicht. Er kann mit niemandem sprechen. Er kann niemanden sehen. Hat keinen Zugang zu Radio oder Fernsehen und keinen Briefkontakt. Da dreht man durch."

Die Gegenseite hatte Assange im Prozess mit einer problematischsten Aktionen von Wikileaks attackiert, der Veröffentlichung von Dokumenten ohne Schwärzung von Namen beteiligter Personen, notiert Friedhelm Greis bei golem.de: "Richtig ist auch, dass sich Assange mit der Veröffentlichung der unredigierten Dokumente angreifbar gemacht hat und die USA nun versuchen, diesen wunden Punkt auszunutzen. Journalisten und Nachrichtenmedien wissen, dass die Pressefreiheit nicht grenzenlos ist und einen verantwortungsvollen Umgang mit Informationen und Informanten verlangt." Das ändert aber für FAZ-Autor Paul Ingendaay aber nichts am "Kern des Problems": "dass wir dank Assange Kenntnis von Kriegshandlungen haben, die etwa von der amerikanischen Regierung vertuscht werden sollten."

Auf Zeit online fragt Kai Biermann, wie es für Assange jetzt weitergehen soll. Muss er im Gefängnis bleiben? "Die USA haben bereits angekündigt, in Berufung zu gehen. Beide Seiten können dies vor dem Appeal Court und dem britischen Supreme Court tun. Sind die Instanzen in Großbritannien ausgeschöpft, könnte zuletzt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg über die Auslieferung entscheiden. Was bedeutet, dass es noch Jahre dauern kann, bis endgültig klar ist, ob Julian Assange einer Auslieferung in die USA und einer dortigen erneuten Anklage tatsächlich entgehen kann. So ist der Rechtsweg. Umso wichtiger ist die Frage, wo und wie Assange in dieser Zeit untergebracht ist. Denn das gesamte bisherige Verfahren zeigt, dass er keineswegs fair behandelt wird."

Außerdem: Michael Thaidigsmann würdigt in der Jüdischen Allgemeinen die Journalistin und Zeitzeugin Renate Lasker-Harpprecht, die im Alter von 96 Jahren gestprben ist.
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Geschichte

Der Historiker Martin Kohlrausch beobachtet in der FAZ einen seltsamen Widerspruch in der Wahrnehmung der Hohenzollern: Sie hatten historische Prägekraft - und doch erinnert man sicher ihrer kaum. Es könnte etwas mit ihrem Ende zu tun haben: "Die nächstliegende Erklärung für das weitgehende Verschwinden der Hohenzollern aus dem öffentlichen Bewusstsein ist die Flucht Wilhelms II. in die Niederlande am 10. November 1918. Langfristig wichtiger als die oft karikierte Dürftigkeit des kaiserlichen Abgangs waren seine Modalitäten. Es war eine Flucht ohne Vertreibung. Einen aktiven Sturz der Monarchie gab es in Deutschland nicht. Und damit auch wenig Substanz für eine positive Erzählung von ihrer Überwindung."
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Kulturpolitik

Wie auch immer der amerikanische Supreme Court demnächst über den Welfenschatz entscheiden wird, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Limbach-Kommission haben sich dem Verdacht ausgesetzt, "gegen den Geist der 'Washingtoner Erklärung' zu verstoßen", meint der Historiker Julius H. Schoeps im Interview mit der SZ. Er fordert eine "faire und gerechte Lösung" für die Erben der jüdischen Kunsthändler, die den Schatz 1929 erworben hatten und 1935 an den deutschen Staat verkaufen mussten: "Ich würde es so machen: Der Schatz bleibt im Berliner Kunstgewerbemuseum, und man einigt sich außergerichtlich, und zwar durch eine Entschädigung. Eine Rückgabe der Kunstgegenstände an die Erben ist nicht mehr möglich, da der Welfenschatz vor Kurzem, nämlich 2015, auf die Liste der nationalen Kulturgüter gesetzt worden ist. ... Die Mittel müsste der deutsche Staat aufbringen, nicht die Stiftung. Es ist kompliziert, zugegeben. Aus diesem Grund plädiere ich seit Jahren für ein Restitutionsgesetz mit klaren Regelungen, ähnlich etwa dem in Österreich. Dazu aber scheint man in Berlin nicht bereit zu sein."
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Wissenschaft

Nach dem Anschlag mit dem Nervengift Nowitschok auf Alexander Nawalny kommt Peter Richter (SZ) in Kontakt mit einem Chemiefabrikanten, der das Gegengift herstellt und ein grundsätzliches Problem der Arzneimittelproduktion, die fast nur noch in Asien sitzt, anspricht: "Er erzählte von Fabriken, die er in China und Indien gesehen hatte. Dort würden die Wirkstoffe zum Teil zwischen Straßendreck zusammengekocht. Dort seien die Qualitätskontrollen auch nicht so streng. Am Ende hätten die Kostenunterschiede dazu geführt, dass in Deutschland, das einmal als Apotheke der Welt galt, heute kaum noch chemische Wirkstoffe hergestellt würden, sondern diese fast alle aus Asien kämen. Dies wiederum sei auch angesichts dessen, was jetzt schon wegen Corona los ist, bedenklich: 'Warum haben wir in Europa keinen einzigen großtechnischen Hersteller von Antibiotika mehr? Und ich rede nicht von den Arzneimittelherstellern, die die in Tabletten pressen, ich rede von den Wirkstoffen, die wir in China und Indien kaufen müssen. Was, wenn das nächste Corona ein Bakterium ist? Und was, wenn die Asiaten dann sagen: Tut uns leid, wir können gerade nicht liefern?'"
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Ideen

Dass Kultur so viel mehr sein kann als die Abgrenzung zum anderen, die sich aus einer kulturellen "Identität" speist, können wir bei Ernst Cassirer und seiner Philosophie der symbolischen Formen lernen, die eine Kritik der Kultur einschließt, ermuntert der Zürcher Japanologe Raji Steineck in der NZZ: "Als 'symbolischen Formen' wird noch dem Mythos und der Alltagssprache zugestanden, eine je eigene Weise der Welterschließung zu sein. Als solche dürfen sie prinzipiell Geltung für sich in Anspruch nehmen, und das heißt: Sie dürfen und sollen sich neben den anderen behaupten. Allerdings: Der Modus der Geltung unterscheidet sich, darum kann die mythische 'Bedeutsamkeit' (ein glücklicher Term von Blumenberg) nicht an der Stelle einer 'wissenschaftlichen Erkenntnis' stehen. Das unterscheidet Cassirers Pluralismus der symbolischen Formen vom Kulturrelativismus, wie er später etwa in der Ethnologie populär wurde. Geltung muss sich ausweisen können, in ihrem Bestand wie ihrer Reichweite. Das heißt auch: Sie unterliegt der Kritik. Damit ist die philosophische Reflexion auf Bereiche ausgeweitet, die man vorher für unter ihrer Würde hielt. Und zugleich sind diese Bereiche, als symbolische Formen, prinzipiell kritikfähig geworden."

Im Tagesspiegel denkt der Philosoph Hannes Bajohr mit Judith Shklar über "passive Ungerechtigkeit" nach: "Wenn nichts getan wird, wo etwas getan werden könnte, haben wir es mit einer passiven Ungerechtigkeit zu tun. Auf der grundsätzlichsten Ebene kann jedoch auch die Struktur einer Regierung und der Gesellschaft selbst mit dem Konzept der passiven Ungerechtigkeit betrachtet werden: Wenn ein Land, das reich genug ist, um es einzurichten, seinen Bürgern Aushilfsleistungen oder Gesundheitsversorgung verweigert oder sie zwingt, sich einer Gefahr auszusetzen, damit sie nicht ihren Arbeitsplatz oder ihr Zuhause verlieren, wird eine passive Ungerechtigkeit begangen, die ans Herz einer Gesellschaft geht."
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Gesellschaft

Gestern trendete auf Twitter der Hashtag #Demeter. Die einflussreiche landwirtschaftliche Organisation der anthroposophischen Bewegung hatte einen Blogeintrag veröffentlicht, der im Corona-Zeitalter "Vertrauen" statt Kontrolle pries. Der Artikel wurde mit Bedauern von der Seite gestrichen. Oliver Rautenberg kommentiert in seinem Anthroposophie.blog: "'Zerstörerische Geisteseliten', die die Kontrolle haben? Das ist einer der lupenreinen Verschwörungsmythen, wie man sie zur Zeit aus allen Praxisfeldern der Anthroposophie hört. Im Unterton klingt eine anti-aufklärerische Wissenschaftsfeindlichkeit durch, eine Ablehnung von Herrschaft und vermeintlichen 'Eliten' - ein Sprachmuster, dass in Verschwörungserzählungen häufig antisemitisch konnotiert ist."

Helmut Ortner thematisiert bei den Salonkolumnisten den bleibenden Skandal der massiven Fälle von sexuellem Missbrauch in der Katholischen Kirche. Die Kirche hatte zwar 2018 eine eigene Studie dazu herausgebracht, aber nur unter ihrer eigenen Kontrolle, ohne Einsicht anderer Instanzen in die Daten und nach Vernichtung vieler Dokumente, so Ortner. Der Staat hält sich zurück: "Selbst nach der Veröffentlichung der 'Missbrauchsstudie' bleiben die deutschen Staatsanwaltschaften weitgehend untätig. Der Rechtsstaat macht einen Kniefall. Man stelle sich einmal vor: ein anderes weltweit agierendes Unternehmen, dessen Angestellten über Jahrzehnte Tausende Straftaten begangen haben - keine Bagatellvergehen, sondern schwere und schwerste Verbrechen. Der Vorstand weiß davon, aber er vertuscht, deckt die Täter und verhängt keine sichtbaren Sanktionen. Normalerweise müsste man die Staatsanwaltschaft einschalten, aber das Unternehmen unternimmt nichts. Und wo kein Kläger, da kein Ermittler. Hier aber ging und geht es nicht um ein normales Unternehmen, sondern um eine Weltfirma, die als Alleinstellungsmerkmal Barmherzigkeit und Glaubwürdigkeit beansprucht."

In der SZ zeigt sich Alex Rühle genervt von Nazivergleichen, wie sie zuletzt wieder Marlene Streeruwitz bemüht hat, die sich im Standard bei den Corona-Massentests an die Nürnberger Rassengesetze erinnert fühlte. Sie ist damit nicht die erste, stöhnt Rühle, dem auch die Querdenkerin, die sich als Sophie Scholl gerierte, noch auf dem Gemüt liegt: "In Österreich wurde übrigens die Gesetzesnovelle, dass man sich 'freitesten' könne, also mit einem frischen Test das Recht bekomme, ins Restaurant oder Theater zu gehen, soeben von der Opposition im Parlament gekippt. Das war bei den Nürnberger Rassegesetzen doch anders."
Archiv: Gesellschaft