Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

9punkt - Die Debattenrundschau

Abgeräumter Stadtschmuck

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.06.2020. Denkmäler stürzen überall: In der taz plädiert Aktivistin Simone Dede Ayivi zunächst mal für leere Sockel. Dann sollten afrikanische Künstler*innen zur Umgestaltung der Denkmäler eingeladen werden. In der FAZ erinnert Wolfgang Reinhard daran, dass auch Afrikaner mit Sklaven handelten und Sklaven hielten. Nochmals in der taz erklärt Christian Jakob, warum Intersektionalität den Betroffenen das Recht auf alles gibt. In der NZZ staunt Pascal Bruckner, wie schnell manche in der Coronakrise die Alten wegsperren wollten, um den Jungen mehr Freiraum zu verschaffen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2020 finden Sie hier

Gesellschaft

Die "Initiative Schwarze Menschen" in Deutschland und das Kunstkollektiv "Peng" haben eine Deutschlandkarte erstellt, die koloniale Spuren zeigt. Es gibt Hunderte Straßen, die auf Umbenennung, und Denkmäler, die auf ihren Sturz warten. Erik Peter unterhält sich in der taz mit der Aktivistin Simone Dede Ayivi, die einen kreativen Rausch in Aussicht stellt: "Wenn wir eine antirassistische Gesellschaft wollen, müssen wir fragen, wer sind die Opfer, die wir ehren wollen? Ein leerer Sockel ist ein guter Schritt, um das herauszufinden. Über diese Leerstellen sollen breite Diskussionen geführt werden. Dann kann man etwa Künstler*innen vom afrikanischen Kontinent einladen, die Plätze, auf denen bislang Kolonialisten gedacht wurde, neu zu gestalten."

Tobias Gralke würdigt bei 54books die Verdienste der Kartierung von kolonialistischen Denkmälern: "Jetzt, wo die Puzzleteile des deutschen Kolonialerbes ihrer Verstreutheit in Kleinstädten, Wäldern und Museumsarchiven entrissen und digital zusammengeführt werden, fällt auf, wie omnipräsent und gleichzeitig unbewusst, wie unzeitgemäß und gewaltvoll eine offizielle Geschichtsschreibung ist, die den deutschen Kolonialismus seit Jahrzehnten aus Sicht heroisierter Täter*innen erzählt."

In Berlin-Zehlendorf wurde die Statue einer schwarzen Frau mit Baseballschlägern attackiert. Ob aus Rassismus oder Protest gegen Rassismus, ist noch unklar, berichtet Peter Richter in der SZ. Letzteres sei aber wahrscheinlicher: "Der Bezirk Zehlendorf wollte die Skulptur auf jeden Fall schon seit einiger Zeit aus dem Stadtbild zu entfernen: Der Titel 'Hockende Negerin', die primitivistische Art ihrer Darstellung, auch die spätere NSDAP-Mitgliedschaft ihres Erzeugers, eines Bildhauers mit dem Namen Arminius Hasemann, hatten schon vor der Attacke zu dem Beschluss geführt, die Plastik in die Zitadelle Spandau bringen zu lassen, wo sich Berlins Endlager für abgeräumten Stadtschmuck befindet." Richter fragt sich, ob man Plätze überhaupt mit Statuen schmücken sollte.

Auch in Frankreich werden Statuen gestürzt, erzählt Claudia Mäder in der NZZ. Um Ambivalenzen schert sich dabei niemand: "Victor Schœlcher zum Beispiel ist eine überaus interessante Figur. Noch bevor die Statuenstürze im angelsächsischen Raum begannen, waren am 22. Mai zwei Monumente demoliert worden, die an den Sklavenbefreier erinnerten. Ja, der aus dem Elsass stammende Schœlcher hat das Dekret zur Abschaffung der Sklaverei initiiert, das Frankreich im Jahr 1848 erließ. Aber Schœlcher war auch als Politiker in der Dritten Republik aktiv, die ab den 1870er Jahren das französische Kolonialreich ausbaute. Also haben Aktivisten auf Martinique die Schœlcher-Denkmäler zerstört, um Platz zu schaffen für andere, eigene, eindeutigere Helden."

In der NZZ staunt Pascal Bruckner, wie schnell manche in der Coronakrise die Alten wegsperren wollten, um den Jungen mehr Freiraum zu verschaffen: "Die Phantasie, dass ein parasitäres Gesellschaftssegment abtreten oder zumindest aus dem öffentlichen Raum verschwinden soll, um den Platz den Jüngeren zu überlassen, ist absolut erbärmlich - auch wenn diesen Traum natürlich längst nicht alle Jungen teilen und beileibe nicht jeder dazu bereit wäre, seine Eltern und Großeltern über Bord zu werfen. Es würde zuletzt auch gar nichts bringen, denn die ganze Fokussierung auf die 'Altersschwachen' ist eine illusorische Beruhigung: Nur die Forschung kann die gesundheitliche Krise lösen."

Bei Emma zeigt sich die kanadische Journalistin Megan Murphy schockiert über das Ausmaß des Hasses, der J.K. Rowling wegen eines Tweets von Transfrauen und ihren Unterstützern entgegenschlägt. Rowling hatte sich über die Formulierung "Menschen, die menstruieren" lustig gemacht. Ben O'Keefe, ein ehemaliger Berater von US-Senatorin Elizabeth Warren, etwa tweetete zurück: 'Halt die Fresse, du transphobisches Dreckstück'. Auch die drei bekanntesten Harry-Potter-Darsteller distanzierten sich sofort von Rowling. "Der extreme Backlash aus Hass und Frauenfeindlichkeit ist zur Norm geworden. Die Reaktion auf jemanden wie Rowling zeigt das Ausmaß, wie trans AktvistInnen und ihre KumpanInnen sich daran gewöhnt haben, die Macht zu besitzen, Personen des öffentlichen Lebens, PolitikerInnen, FreundInnen und Familie so einzuschüchtern, dass sie sich ihrer Sichtweise unterwerfen. Und dass sie es einfach nicht mehr akzeptieren können, wenn eine bekannte Frau, die in der Öffentlichkeit steht, sich dem widersetzt. Es versetzt diese Leute in Angst und Schrecken, dass sie ihre Allmacht verlieren könnten."

In der Zeit fragt Christine Lemke-Matwey, warum sich der Streit eigentlich immer um Frauen dreht: "Männer jedenfalls, männliche Befindlichkeiten spielen im neuen Diskursgewitter so gut wie keine Rolle. Geben ihre Körper biopolitisch nichts her? Überwölbt die Performanz von Maskulinität weiterhin alles? Von 'Personen mit Prostata' jedenfalls spricht niemand, was auch statistische Gründe haben könnte. Abgesehen davon, dass um das Jonglieren mit Identitätsschablonen gerade unter Jugendlichen ein regelrechter Hype entbrannt ist, wollen achtmal so viele Mädchen Jungen werden wie Jungen Mädchen."
Archiv: Gesellschaft

Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Bernd Stöver an den Koreakrieg, der vor siebzig Jahren begann und den Kalten Krieg maßgeblich beeinflusste. "Die Frage, wer angegriffen hatte, blieb bis zur Öffnung der Archive 1991 ein Streitfall. Heute ist klar: Seit März 1949 verhandelte Kim Il Sung mit Stalin, um von ihm die Genehmigung für eine militärische Wiedervereinigung zu erhalten. Stalin gab am 9. Februar 1950 grünes Licht, allerdings mit dem Hinweis, dass direkte militärische Hilfe nur von Mao geleistet werden könne, der dies dann auch zusagte. Ironischerweise hielten die USA Rhee Syng Man ebenfalls für willens, einen solchen 'Befreiungskrieg' zu führen, weswegen sie ihm keine schweren Waffen lieferten. Das hatte zur Folge, dass der Norden den Süden im Sommer 1950 schnell fast ganz überrannte."
Archiv: Geschichte

Medien

Der Fiat-Erbe John Elkann hat die Zeitung La Repubblica übernommen und in sein bereits beträchtliches Medienkonglomerat eingereiht. In Italien macht man sich Sorgen um die redaktionelle Identität des Blattes, berichtet Ulrich Ladurner in der Zeit: "La Repubblica ist so etwas wie die geistige Heimat für italienische Linke und Sozialdemokraten. Sie profilierte sich vor allem während der langen Regentschaft Silvio Berlusconis als Anti-Berlusconi-Blatt und verkaufte zu ihren besten Zeiten Mitte der Neunzigerjahre 650.000 Exemplare täglich. Möglich, dass die linke Tradition der Zeitung durch die Übernahme durch Exor bedroht ist. Doch die wahre Gefahr für La Repubblica ist der massive Leserschwund. Heute liegt ihre Auflage bei geschätzten 100.000 Exemplaren."

In England macht sich der Guardian ganz besonders stark für die Abrechnung mit dem Kolonialismus. Zahllose Artikel und Kommentare erinnerten an die Herkunft großer Vermögen und den Aufbau von Firmen, die mit dem Sklavenhandel gemacht wurden. Nur vor dem eigenen Haus möchte man nicht kehren, kritisiert Gina Thomas in der FAZ. Wurde der Guardian doch "einst selbst mit Erträgen aus dem Sklavenhandel finanziert ... Die im Jahr 1821 gegründete Zeitung hat ihren Ursprung in Manchester, dem Zentrum der Baumwollindustrie, die ihr von Sklaven geerntetes Rohmaterial von amerikanischen Plantagen bezog. Auf eben diesem Fundament ruhte das Vermögen von John Edward Taylor, der mit anderen Mitgliedern eines Kreises von Liberalen den Manchester Guardian aus der Taufe hob. Das Blatt ging aus den Nachwehen der als Peterloo-Massaker in die Geschichte eingegangenen Niederschlagung der großen Demonstration für die parlamentarische Reform und gegen Getreidezölle im August des Jahres 1819 hervor."
Anzeige
Archiv: Medien

Ideen

Der Streit um eine Kolumne der Journalistin Hengameh Yaghoobifarah (unsere Resümees) geht weiter. Taz-Redakteur Christian Jakob (41) erklärt den Generationenkonflikt innerhalb der Redaktion, der ein Konflikt sei zwischen "intersektionalem Denken" der Jüngeren und einem Denken, das noch Rudimente eines Universalismus enthält, bei älteren Redakteuren. Beim intersektionalen Denken zähle, wer spricht. Der postulierte Opferstatus erlaube zu entscheiden, wer auf den Müll gehört. Er verleiht sozusagen absolute Macht im Diskurs: "Deswegen 'darf' eine PoC-Autorin wie Hengameh Yaghoobifarah in den Augen intersektional Denkender auch 'alles', wie es hieß. Wer ihr das abspricht - und etwa an der Kolumne herummäkelt - ist kein guter 'ally', Verbündeter der Diskriminierten, sondern verteidigt seine Privilegien. Und wer ihr das abspricht und selber PoC ist, ist in dieser Lesart ein 'token', also von Weißen manipuliert. Entscheidend ist die Zugehörigkeit zu einem privilegierten oder zu einem unterdrückten Kollektiv. Aus Letzterem soll Definitionsmacht erwachsen - das Recht also, zu bestimmen, was diskriminierend ist. Rassistisch etwa ist demnach, was von einer - im Zweifelsfall einzigen - PoC so empfunden wird. Für intersektional Denkende ist dies zwingend." An "Unis, Stiftungen, Beratungsstellen, NGOs", warnt Jakob, ist dieses Denken bereits hegemonial.

Sehr scharf kritisiert Perlentaucher-Kolumnist Richard Herzinger in seinem neuen Blog diese Art von Antirassismus: "Mit dieser Entpersonalisierung und Reduktion der Unterdrückten auf eine kollektive Existenz, die qua Herkunft absolut determiniert ist, reproduziert dieser doktrinäre 'Post'- oder 'Antikolonialismus' die Denkschemata des Rassismus. Und indem er die freiheitlichen Prämissen der pluralistischen Demokratie diskreditiert, spielt er den Kräften in die Hände, die diese zu Gunsten 'völkischer' und rassistischer Kategorien beseitigen wollen."

Andreas Kilb unterhält sich mit dem Historiker Wolfgang Reinhard, Autor von "Die Unterwerfung der Welt - Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415-2015", über die Mbembe- und Postkolonialismus-Debatte. Israel kritisiert er als koloniale Gründung. Aber auch die Idyllen des Postkolonialismus bleiben bei Reinhard nicht unangekratzt; "Tatsächlich war das rassistische Weltbild des Hochkolonialismus erst ein Produkt des Sklavenhandels. Die Afrikaner haben selbst Sklaven gefangen und verkauft. Kaum ein Europäer außer ein paar Portugiesen ist je auf Sklavenfang gegangen. Dann stellt sich die Frage: War das eine andere Form der Sklaverei? Es war eine andere Form. Aber im 19. Jahrhundert fangen die Afrikaner an, ihrerseits auf amerikanische Weise Sklaven zu halten, auf Plantagen. Toussaint Louverture, der kurzzeitige Befreier von Haiti, der elendiglich im kalten Joux im Jura gestorben ist, hat selbst schwarze Sklaven gehalten."
Archiv: Ideen