9punkt - Die Debattenrundschau

Sinn für unlösbare Probleme

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.10.2019. Im Brexit-Drama naht die Stunde der Entscheidung. Der Guardian nimmt schon bitter Abschied von Europa. In der NZZ schreibt der Historiker Tobias Rupprecht, schon 1989 sei weniger von Liberalismus getragen gewesen als von einem konservativen Nationalismus. In der Welt geißelt der Historiker Andreas Rödder die Feigheit der Professoren angesichts einer drohenden Meinungsdiktatur. Die SZ betont, dass #MeToo auch für Männer eine Befreiung war. Und die NZZ ahnt, dass die Schönheitschirurgie vor Instagram kapitulieren muss.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2019 finden Sie hier

Europa

Vier Stunden werden die britischen Abgeordneten heute Zeit bekommen, das neue Brexit-Abkommen zu debattieren und einzuschätzen, bevor sie darüber abstimmen müssen. Im Guardian schmeckt Jonathan Freedland schon den bitteren Geschmack: "Man könnte es leicht den Moment der Wahrheit nennen, wäre diese nicht eh schon ein frühes Opfer der Brexit-Saga, die sich von Anfang an in Lügen und Täuschung erging. Trotzdem kommt der Brexit, der das Land seit dreieinhalb quält und zerreißt, zum Moment der Entscheidung. Außerhalb des Parlaments werden sich Hunderttausende versammeln, um wahrscheinlich ein letztes Mal den Verbleib in der Europäischen Union zu fordern. Im Parlament werden die Abgeordneten über ein Abkommen abstimmen, das uns, wenn es durchkommt, den Bruch in weniger als zwei Wochen bringt - und damit die britische Teilhabe an einem Traum, der Europa angetrieben hat, seit 1945 die letzten Bomben fielen."

Im Leitartikel ruft der Guardian die Parlamentarier dazu auf, das Abkommen abzulehnen: "Sein einziges Verdienst besteht darin, dass es kurzfristig weniger Schaden anrichtet als überhaupt kein Abkommen. Um dieses Szenario und den Überdruss an dieser ganzen elenden Angelegenheit zu verhindern, werden viele Abgeordnete heute die Regierung unterstützen. Das sind klägliche Gründe."
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Wissenschaft

Nach dem Eklat, den der Antritt des AfD-Gründers Bernd Lucke  als neuer Ökonomie-Professor an der Uni Hamburg auslöste, beklagt der Historiker Andreas Rödder im Welt-Gespräch mit einer sehr empörten Susanne Gaschke die akademische Debattenkultur: "Die Feigheit vieler Professoren ist erbärmlich', befindet Rödder und attackiert die Kultur der Antidiskriminierung, die dem Opfer automatisch eine Machtposition zuweise: "Dieser Anspruch, das Sagbare zu definieren, widerspricht dem Ideal des herrschaftsfreien Diskurses, des Austauschs von Argumenten als Grundlage der Demokratie. Sie baut auf 'robuste Zivilität', wie es Timothy Garton Ash genannt hat. Der Anspruch, das Sagbare zu definieren, führt hingegen in die Meinungsdiktatur. Und auf der anderen Seite erzeugt er ein immer stärkeres Ressentiment. In den USA ist genau diese Konstellation bereits etabliert, in Deutschland können wir die Entwicklung dorthin beobachten."
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Geschichte

Wer in Osteuropa die liberale Demokratie hochhält, rekurriert dabei meist auf den Spirit von 1989. Wenn es hilft, soll es so sein, meint der in Exeter lehrende Historiker Tobias Rupprecht in der NZZ, sieht Nexus historisch aber nicht unbedingt gedeckt: "Weder vor 1989 noch danach war liberales Gedankengut in Osteuropa jemals dominant. Verdeckt vom liberalen Mythos von '1989', waren religiöser Konservatismus und oft fremdenfeindlicher Nationalismus und Antisemitismus auch starke Strömungen der Wendezeit, nicht erst eine Reaktion auf den 'Neoliberalismus' der 1990er und frühen 2000er Jahre. In einem Punkt haben die osteuropäischen Populisten daher nicht ganz unrecht: Dass die meisten ehemals staatssozialistischen Länder ab 1989 einen liberalen, also parlamentarisch-rechtsstaatlichen und marktwirtschaftlichen Weg einschlugen, war in der Tat Resultat eines Kompromisses von reformkommunistischen Eliten und kleinen Gruppen von Dissidenten. Andere populäre Entwicklungsvorstellungen, autoritär-nationalistische wie reformsozialistische, wurden beiseite gedrängt."
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Internet

Fasziniert berichtet Christian Geyer in der FAZ von dem Forschungsprojekt der Frankfurter Sozialpsychologin Vera King, die untersucht, wie sich das Exaktheitsversprechen der Zahlen, das mit dem permanenten Messen und Zählen im Digitalen einhergeht, auf das Denken und Fühlen auswirkt: "Es geht dabei um seelische Verlustposten, beispielsweise einen Sinn für unlösbare Probleme, die Hemmung vor Klassifizierungen, das Rechnen mit Unvollkommenheiten, überhaupt ein Gefühl für das, was fehlt."
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Politik

Der Tagesspiegel meldet, dass sich der Berliner Senat auf einen Mietendeckel geeinigt hat: "Die Mieten werden nach dem Kompromiss von Rot-Rot-Grün ab dem Stichtag 18. Juni 2019 in den kommenden fünf Jahren eingefroren werden. Auch Mietsenkungen sollen in zwei verschiedenen Verfahren möglich sein - etwa bei Neuvermietungen und Wucherpreisen.

Der amerikanischen Historiker Barry Trachtenberg verteidigt in der taz die Israel-Boykott-Bewegung BDS und nennt die Debatte um ihre antisemitische Tendenzen einen künstlich erzeugten Fieberschub, der nicht nur von Israels Besatzungspolitik ablenke, sondern auch von der wahren Bedrohung: "In Wahrheit ist der 'alte Antisemitismus' der extremen Rechten eine viel größere Bedrohung für Juden, er zwingt uns zu Wachsamkeit und anhaltendem Widerstand."
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Gesellschaft

Hilmar Klute bilanziert in der SZ, was zwei Jahre #MeToo gebracht haben, und betont, dass an der Aufarbeitung schwerer Verbrechen nicht nur Frauen gelegen sein muss: "Dabei kann es auch für Männer befreiend wirken, wenn dem bräsigen Manspreading-Getue mancher Vorstandsnasen Einhalt geboten wird. Man kann als Mann auch einen Zuwachs an Freude erleben, wenn für paternalistische Affekte, die man an Männern seit jeher verabscheut hat, nun Abmahnungen rausgehen. Das 'Buddytum', eines der roten Tücher der #MeToo-Streiterinnen, war als männliches Gemeinwesen immer eher unerfreulich, insbesondere dann, wenn man selbst kein Buddy sein durfte. Männer machen unter sich aus, wer welchen Posten bekommt - diese alte Steigbügelkultur sollte nach #MeToo passé sein. Ob sie es in Wirklichkeit ist, bleibt noch im Widerspruch verschiedener Studien verfangen."

Snapchat oder Instagram treiben die Schönheitschirurgie an den Rand ihrer Möglichkeiten, berichtet Sarah Pines in der NZZ von einer neuen Stufe des Narzissmus, dem besonders Milennial-Frauen verfallen seien: "Social Media haben eine neue Form von Wahrnehmungsstörung hervorgebracht: die 'Snapchat-Dysmorphie'. Dermatologen der Boston University School of Medicine haben das neue Phänomen kürzlich beschrieben. Patientinnen - es sind tatsächlich vor allem Frauen - suchen Rat bei plastischen Chirurgen, weil sie so aussehen wollen wie die elektronisch gefilterte Version ihrer selbst. Sie wünschen sich vollere Lippen, eine schmalere Nase - oder größere Augen. Der Trend sei alarmierend, sagen die Ärzte. Denn das am Computer mit moderner Bildbearbeitung geschaffene Aussehen sei nicht erreichbar. Auch mit chirurgischen Mitteln nicht."
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