9punkt - Die Debattenrundschau

Wer am lautesten brüllt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.10.2019. Die Angriffe auf die Kurden in Syrien ist einfach Teil des antikurdischen Rassismus der Türkei, ruft Ronya Othmann in der taz. In der Welt will Cigdem Toprak davon nichts hören: Der Kampf gelte nur der PKK, und die sei zu Recht verhasst. In Deutschland gehört die radikale Rechte zu den Wiedervereinigungsgewinnern, meint der Historiker Uffa Jensen in der SZ. Der Islam ist mit dem Rechtsstaat vereinbar, weil Muslime genauso liberal und autoritär sind wie der Rest der Gesellschaft, erklärt Amir Dziri in der NZZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2019 finden Sie hier

Europa

Die Türkei verteidigt keine "berechtigten Sicherheitsinteressen" mit ihren Angriffen auf die kurdische Zivilbevölkerung in Nordsyrien, schreibt Ronya Othmann in der taz. Sie pflegt schlicht ihren "antikurdischen Rassismus", der schon mit der Staatsgründung der Türkei virulent sei: "Aus 'Kurden' wurden damals 'Bergtürken' und später 'Osttürken'. Antikurdische Gesetze wurden eingeführt, vom Verbot der Sprache bis hin zum Verbot kurdischer Kleidung. Assimilierung wurde erzwungen. Gegen die, die sich nicht assimilieren ließen, ging man mit brutaler Gewalt vor. In der Türkei gibt es eine entsprechend lange Geschichte von antikurdischen Gewalttaten. Beispielsweise der Dersim-Genozid 1930, bei dem das türkische Militär Massaker an den kurdischen Alevit*innen in Dersim im Osten der Türkei verübte. Oder die 90er Jahre, als Tausende Zivilist*innen getötet wurden, auf offener Straße erschossen, in Foltergefängnissen verschwanden, und das türkische Militär Tausende kurdische Dörfer zerstörte."

In der Welt verteidigt Cigdem Toprak die militärische Operation der Türkei in Nordsyrien und will nichts von türkischem "Rassismus" gegen die Kurden hören: "Die Offensive kann man kritisieren, aber der Türkei eine ethnische Säuberung von Kurden in Nordsyrien vorzuwerfen ist falsch. Der Kampf gilt nicht den Kurden, sondern kurdischen Kämpfern, die mit der PKK verzahnt sind. Dass diese Operation eine breite Zustimmung genießt, liegt daran, dass die PKK in der Türkei verhasst ist - und das zu Recht. Denn die PKK hat unzählige Leben unschuldiger Menschen auf dem Gewissen. Wer sich heute gegen die Gewalt des IS ausspricht, muss sich auch gegen die PKK stellen - unabhängig davon, welche politischen Ziele sie verfolgt."

Can Dündar erklärt in seiner Zeit-Online-Kolumne indes die türkische Syrien-Offensive auch mit Blick auf die Geschichte: "Die Angst der Türken vor Aufspaltung, sie ist so alt wie die Republik. Anfang des 18. Jahrhunderts herrschte das Osmanische Reich über eine Fläche von rund 20 Millionen Quadratkilometern in Europa, Asien und Afrika. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie auf 783.000 Quadratkilometer geschrumpft. Das Trauma des Verlusts vor allem des Balkans, der ägäischen Inseln und des Nahen Ostens prägt die nationale Identität seit einem Jahrhundert. Die Gründung eines kurdischen Staats in Syrien, wo die Kurden die größte ethnische Gruppe stellen, könnte auch die Kurden in der Türkei mit einbeziehen und anatolisches Territorium kosten. Das Problem hatte deshalb noch für jede Regierung Priorität, wenn es um Sicherheit und Bedrohungspotenzial ging."
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Stichwörter: Türkei, Syrien, Kurden, Rassismus

Medien

Auf der Medienseite der SZ stellt Ekaterina Kel neun Länder vor, die bereits zum Ziel russischer Desinformationskampagnen wurden. Rumena Filipova vom Center for the Study of Democracy in Sofia sagt etwa: "Seit den 2010er-Jahren haben sich ausländische Investoren größtenteils aus Bulgariens Medienlandschaft verabschiedet, an ihre Stelle sind lokale Oligarchen-Gruppen getreten, die mittlerweile die Kontrolle über fast alle Medienunternehmen übernommen haben. Gleichzeitig sind mit dem Rückgang der Printmedien die journalistischen Standards gesunken. In so einem Zustand trifft prorussische Propaganda auf einen reichen Nährboden. Wir haben einen klaren Zusammenhang zwischen der Nähe von Medieneignern zu prorussischen Gruppen und der Anwendung kremlnaher Narrative festgestellt."
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Gesellschaft

"Die radikale Rechte gehört zu den Wiedervereinigungsgewinnern", schreibt der Historiker und Antisemitismusforscher Uffa Jensen in der SZ: "Auch mentalitätsgeschichtlich wirkt die Wiedervereinigung fort. Die Freude über die friedliche Revolution von 1989 wich schnell der Notwendigkeit, ein geeintes Deutschland aufzubauen. Der bis heute anhaltenden Selbsterforschung, ob beide Teile des Landes schon zueinander gefunden hätten, liegt eine nationalistische Schimäre zugrunde: eine echte innere Einheit, ohne Konflikte. Kann es da heute wirklich überraschen, dass rechte Kräfte diese Sinnsuche in ihre Homogenitätsformeln umgießen: 'Wir sind das und vor allem ein Volk!' Juden dienten bei diesem so deutschen Verlangen nach innerer Reichsgründung seit dem 19. Jahrhundert als Gegenmodell. Für die radikalen Rechten verkörpern sie noch immer das antinationale, internationalistische und heimatlose Prinzip, gegen das sich eine gefestigte deutsche Identität behaupten muss."
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Religion

Ist der Islam vereinbar mit dem Rechtsstaat? Der im Februar gestorbene Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde bezweifelte das, wie Martin Rhonheimer vor einigen Wochen in der NZZ erklärte (unser Resümee). "Die Konjunktur der Böckenförde-Rezeption ist an sich ein Alarmsignal. Sie lenkt den Fokus weg von verantwortlicher Religionspolitik, hin zu einer unheilvollen Diskussion über angeblich vorhandene oder nicht vorhandene kulturelle und religiöse Dispositionen", antwortet heute Amir Dziri, Professor für Islamische Studien in Freiburg, in der NZZ. "Liberale und autoritäre Grundeinstellungen sind globale Phänomene und daher gerade nicht kulturspezifisch. Das zeigt sich unter anderem daran, dass sich auch innerhalb von Gesellschaften mit muslimischer Mehrheit eklatante Unterschiede auftun. Die Annahme, Muslime seien durch ihre religiöse Zugehörigkeit auf ein bestimmtes Verständnis von Staat und Gesellschaft festgelegt, widerspricht aller geschichtlichen und aktuellen Wirklichkeit."
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Wissenschaft

In der FAZ berichtet Hannah Bethke empört über die Kampagne einiger Studenten der Humboldt Universität gegen den Historiker Jörg Baberowski, dem bereits ein geplantes Forschungszentrum zum Opfer fiel. Sie sieht darin auch Symptome eines Verfalls des Wissenschaftsbetriebs: "Unbemerkt bleibt in diesem lauten Getöse die enorme Machtverschiebung, die durch die Omnipräsenz der sozialen Medien stattfindet. Einfluss nimmt, wer am lautesten brüllt - und nicht die schweigende Mehrheit. Denn die Mehrheit der Studenten beteiligt sich an der Debatte überhaupt nicht. Gerade einmal acht Prozent von ihnen haben an der letzten Wahl des RefRats [der Asta der HU, die Red.] teilgenommen."
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