9punkt - Die Debattenrundschau

Mit viel weniger Energie

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.10.2019. Im Guardian erklärt Fintan O'Toole, warum alle Iren über die Idee lachen, man könnte die innerirische Grenzen mit technischen Methoden offenhalten. Die NZZ erklärt, wie aus indischen arabische Zahlen und sehr viel später Algorithmen wurden. Klimaschutz geht nicht ohne Entglobalisierung und Rückkehr in die Provinz, erklärt in der SZ der Philosoph und Aktivist Rupert Read.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2019 finden Sie hier

Europa

Man kann nicht gleichzeitig die EU verlassen und eine offene Grenze zwischen Irland und Nordirland behalten - so einfach lässt sich für den im Guardian schreibenden irischen Kolumnisten Fintan O'Toole die Paradoxie des Brexit resümieren. Die von Boris Johnson verfochtene Idee, dass technische Überwachungsmethoden erlauben, den Bruch zu kitten, halten sämtliche Iren egal welcher Couleur für lächerlich, so O'Toole. Und im übrigen liegt in dieser Idee ein heftiger Widerspruch: Denn ironischer Weise "beruht der Brexit selbst ganz auf der Idee, dass ein technokratischer Diskurs inadäquat sei, wenn es darum geht zu verstehen, wie Menschen sich fühlen und wie sie ihre Zugehörigkeiten empfinden. Ihr Schreckgespenst sind gesichtslose Bürokraten in Brüssel, die die Bedeutung von Geschichte und Identität für Engländer niemals ermessen könnten. Die Iren aber werden von den selben Leuten aufgefordert, Geschichte und Identität zu vergessen und sich einem System der 'maximalen Erleichterung' anzuvertrauen."

In Frankreich hat ein Islamist im Herzen des Polizeiapparats zugeschlagen und vier Kollegen mit einem Keramikmesser die Kehle aufgeschlitzt. Radikalisiert wurde er von einem salafistischen Imam. Und trotz seines säkularen Selbstverständnisses lässt die französische Regierung diese Imame in den Vorstädten allzusehr in Ruhe, schreibt Michaela Wiegel in der FAZ. Aber es gibt auch positive Ansätze: "In den Grundschulen, die hauptsächlich von Kindern der Einwanderer besucht werden, in sozial schwierigen Einzugsgebieten, sind die Klassenstärken in der ersten und zweiten Klasse auf zwölf Schüler reduziert worden. Das führt bereits nach zwei Jahren zu teils spektakulären Verbesserungen des Lese-, Schreib- und Rechenniveaus."
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Internet

Netzpolitik beobachtet seit Jahren kritisch angebliche Sicherheitsfirmen, die "Staatstrojaner" an Regimes wie die Türkei verkaufen, wo sie zur Überwachung der Opposition dienen. Die Firma FinFisher will jetzt eine Unterlassungserklärung von Netzpolitik. Markus Beckedahl erklärt, warum er seine Unterschrift verweigert: "Die Gegenseite hat teure Medienanwälte auf ihrer Seite, bezahlt aus den Gewinnen einer Geschäftspraxis, die wir seit Jahren kritisieren und die in der Türkei zur Spionage gegen die größte Oppositionspartei CHP führte. Und der türkische Fall ist nur die Spitze des Eisbergs: Westliche Trojaner-Anbieter sind viel zu oft digitale Steigbügelhalter von Diktatoren rund um die Welt, die für ihre mit Hochglanzbroschüren beworbenen Produkte keine Verantwortung übernehmen müssen."

In der SZ kritisiert Max Hoppenstedt Facebook, weil es weniger Daten für die Forschung herausrückt, als ursprünglich versprochen. Er gibt aber auch zu, dass das nicht nur an Facebook liegt, sondern am Datenschutz: "Mit den allgemeinen statistischen Werten könnten detaillierte Einblicke in die Profile und Aktivitäten einzelner Facebook-Nutzer möglich werden, selbst wenn Facebook nie die Namen seiner Nutzer in den Datensatz aufgenommen hatte. Informationen wie etwa die geografische Region der Nutzer, das Alter oder eine Einordnung im politischen Spektrum wären für eine soziologische Analyse der Facebook-Nutzerschaft wertvoll, doch mit einiger Rechenkraft ließe sich womöglich darüber hinaus berechnen, welcher einzelne Nutzer wann einen spezifischen Link geteilt hat. Dementsprechend äußerten Datenschützer und renommierte Experten Bedenken an der Datenweitergabe so, wie sie 2018 geplant wurde." Wie man diesen Widerspruch auflösen soll, weiß Hoppenstedt auch nicht, aber im Zweifel, hat man den Eindruck, wäre er eher für weniger Datenschutz.

In der NZZ erklärt Klaus Bartels, wie der Algorithmus in die Welt kam: "Am Anfang steht da der Name des großen arabischen Mathematikers und Astronomen Muhammad ibn Musa oder vielmehr sein Beiname al-Huwarizmi, 'der aus Huwarizm - am Aralsee - Gebürtige'. Dieser al-Huwarizmi oder, je nach Umschrift, al-Chwarazmi oder al-Khwarizmi hatte im frühen 9. Jahrhundert in Bagdad in einer kleinen Lehrschrift das Rechnen mit den indischen Zahlzeichen von der Null bis zur Neun erklärt. Drei Jahrhunderte später, im 12. Jahrhundert, machte eine lateinische Übersetzung von Spanien aus sein Rechenbüchlein und mit ihm diese nun 'arabischen' Zahlen erstmals im Abendland bekannt. Doch da begegnet der Name des alten, fernen Gelehrten gleich zu Anfang in arger Verdrehung: 'Dixit Algoritmi: Laudes Deo . . .', 'Algoritmi hat gesagt: Lob sei Gott . . .'"
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Medien

Alexander Nabert schildert in der taz die Praxis der "Autorisierung", die Interviews mit Politikern und wichtigen Leuten in Deutschland oft so papieren klingen lässt. Vom Pressekodex her wäre sie eigentlich nicht gedeckt: "Was wäre es nur für eine Lesefreude, wenn statt langweiligen, immer gleichen Politstanzen und Worthülsen aus der Feder von Pressesprecher*innen künftig öfter das im besten Sinne ungehobelte Wort in Zeitungen stünde? Das kann man im angloamerikanischen Raum sehen, wo Autorisierung nicht ganz zu Unrecht als eine Form von Zensur verpönt ist."
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Ideen

Wenn die Klimabewegung Extinction Rebellion (XR) in dieser Woche in europäischen Großstädten den Verkehr lahm legt, geht das völlig in Ordnung, versichert im Interview mit der SZ der Philosoph und Aktivist Rupert Read. Schließlich hätten auch Martin Luther King und Mahatma Ghandi zivilen Ungehorsam geprobt. Um die drohende Apokalypse abzuwenden, fordert er "einen riesigen Umbau in vielerlei Hinsicht. Das gesamte Energiesystem muss innerhalb weniger Jahre transformiert werden. Zum einen weg von den fossilen Energieträgern und der Nuklearenergie. Zum anderen ist es absurd, darauf zu hoffen, dass unsere Zivilisation einfach eins zu eins auf erneuerbare Energien umsteigt. Wir werden mit viel weniger Energie auskommen müssen. Zweiter Aspekt, eng damit zusammenhängend: Wir brauchen lokalere Strukturen. Weniger Verkehr auf allen Ebenen. Die zentrale Frage ist, kollabieren wir chaotisch in solch eine Zukunft hinein oder schaffen wir den geordneten Umbau?"

Johann Schloemann begleitet für die SZ Judith Butler auf ihrem Rundgang durch die Ausstellung "Hegel und seine Freunde" im Deutschen Literaturarchiv Marbach und hört anschließend ihren Vortrag zur Eröffnung. In der Ausstellung, die das Hegel-Jahr zum 250. Geburtstag des Philosophen vorwegnimmt, verspricht er, kann man sich von seiner Hegellektüre auch mal erholen: Hier erfährt man "auch Entlastung durch typischen WG-Humor, wie ihn die philosophische Lektüre immer wieder angeregt hat: Robert Gernhardt suchte die Dialektik im 'Hegel-Stübchen'. Und der Philosoph Odo Marquard dichtete in den Fünfzigern in Münster diese Arie, die ein Kollege singen musste: 'Und wir streichen nicht die Segel, / selbst in noch so dürft'ger Zeit, denn wir haben ja den Hegel, / und der Hegel weiß Bescheid. / Herkunft kann zusammenstehen / Mit der Zukunft ohne Krach. / Hegel hat das scharf gesehen, / und wir sehen es ihm nach: (...) / Und die Zeit ist in den Fugen, / und die Welt ist wunderschön. / Und wir alle sind ja Bürger, / die am Freitag hegeln gehen.'"
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