9punkt - Die Debattenrundschau

Absterben der Entrüstung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.02.2019. Der mögliche Verkauf  der Zeitungen der Dumont-Gruppe (falls jemand sie haben will!) wäre ein Einschnitt: Ist eine lokale Öffentlichkeit ohne Zeitungen denkbar, fragt Spiegel online. Schuld an dem Debakel ist letztlich der Patriarch Alfred Neven DuMont, der es versäumte, die Gruppe zu modernisieren, meint Meedia. Öffentlichkeit ist auch in anderen Artikeln Thema: Wie funktioniert heute ein Skandal, fragt etwa Ilija Trojanow in der taz. Und wer entscheidet wie, wen die Studienstiftung einlädt, fragt die FAZ. Und die Welt zeigt, wie man andere der Propaganda beschuldigt, während man selber welche macht.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.02.2019 finden Sie hier

Medien

Der DuMont-Konzern will angeblich seine Zeitungen verkaufen (unser Resümee). Und würde damit Medien abwickeln, die sich noch schlechter entwickelt haben als der Durchschnitt der Branche. Die Auflagen seiner Zeitungen sind im Schnitt seit zehn Jahren um 43,5 Prozent gesunken, schreibt Jens Schröder bei Meedia. In Meedia zitiert Marvin Schade auch ein Schreiben des Managements an seine Mitarbeiter, das auf die Gerüchte reagiert und, so Schade, "weder bestätigt noch dementiert".

Es wäre zu einfach, den Ausverkauf bei DuMont dem jetzigen Manager Christoph Bauer anzulasten, auch wenn er als wenig medienaffin gilt, meint Georg Altrogge, ebenfalls bei Meedia. Die Hauptschuld trägt für ihn der vor ein paar Jahren verstorbene Patriarch Alfred Neven DuMont selbst: "Da waren verlegerisch ambitionierte, aber gleichwohl als gigantische Fehlinvestments geltende Zukäufe (unter anderem in die längst abgewickelte Frankfurter Rundschau). Geld, das bei damals noch gesunden Titeln später für Zukunftsinvestitionen fehlte. Oder auch das wenig glückliche Händchen des Verlegers bei der Regelung seiner Nachfolge. Der Streit mit seinem Sohn Konstantin Neven DuMont und dessen Rauswurf markiert ein unrühmliches Kapitel kölscher Verlagsfolklore in seiner überlangen Regentschaft."

"Sich vorzustellen, wer das Zeitungskonstrukt von DuMont in Gänze schlucken soll, fällt schwer", kommentiert Jürn Kruse in der taz, denn die Funke-Gruppe hat gerade noch ein paar ehemalige Springer-Zeitungen zu verdauen, Madsack hat investiert, und Ippen hat die Frankfurter Rundschau übernommen. In einem ausnahmsweise online stehenden Artikel fragt auch das Handelsblatt, wie realistisch die Zerschlagung der DuMont-Gruppe ist.

Markus Brauck malt sich bei Spiegel online eine Welt ohne Lokalzeitungen aus: "Es wird Räume geben ohne Öffentlichkeit. Räume, die sich der Kontrolle entziehen, die Öffentlichkeit bedeutet. Räume ohne öffentliche Debatte, ohne öffentliche Politik. Eine WhatsApp-Gruppe macht noch keinen Journalismus."

Erstaunlich vage äußert sich die Linguistin Elisabeth Wehling im Interview mit SZ-Redakteur Detlef Esslinger über das "Framing"-Papier für die ARD, das so viel Aufsehen erregte: "Wenn man den Kontext nicht kennt, in dem damals in den Workshops mit Verantwortlichen der ARD diskutiert wurde, kann man auch einzelne Schlagwörter nicht einordnen. Zugleich kann ich jedoch nicht hier in der Öffentlichkeit interne Debatten mit Kunden wiedergeben."
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Internet

In der NZZ fragt sich Markus Schär nach einigen fragwürdigen Entscheidungen, nach welchen Regeln die sozialen Medien und vor allem Twitter, Nutzer von ihrer Plattform ausschließen: "Wer entscheidet, was sich auf den digitalen Plattformen sagen lässt und was nicht? Wer verhindert, dass Privatunternehmen ihr eigenes Recht willkürlich sprechen, nämlich aufgrund ihrer politischen Schlagseite? Wer beschließt über die Verbannung, mit welcher Pflicht zur Begründung und welchen Möglichkeiten zum Rekurs? Und vor allem: Was geschieht mit den aus der Öffentlichkeit im Netz ausgeschlossenen Personen, deren Leben ein solches Scherbengericht aus der Bahn werfen kann?"

Im Interview mit der Welt wertet Gerhard Pfennig, Sprecher der Initiative Urheberrecht, jede Kritik an den Upload-Filtern im neuen europäischen Urheberrecht als "Propaganda" ab. Die Welt wiederum hat überhaupt kein Problem mit Dauerpropaganda für ein Gesetz, für das der Springer Konzern unermüdlich getrommelt und Lobbyarbeit betrieben hat.
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Geschichte

In der SZ berichtet Florian Hassel, wie die polnische Regierung versucht, ihren Geschichtskurs in den Institutionen durchzusetzen. So musste jetzt Dariusz Stola, seit 2014 Direktor des Warschauer Museums für die Geschichte der polnischen Juden (Polin) seinen Hut nehmen, weil er zwar ausführlich über die Ermordung der Juden in deutschen Konzentrationslagern informiert, so Hassel, sich jedoch nicht auf diese Vergangenheit beschränkt: "Anfang März 2018 eröffnete die Ausstellung 'Fremd im eigenen Haus' über eine antisemitische Kampagne des kommunistischen Regimes 1968, nach der 15.000 noch in Polen lebende Juden ins Ausland flohen. Die Ausstellung wies auch auf die antisemitische Tradition im Polen des 20. Jahrhunderts hin und auf Parallelen zur Gegenwart. ... Der Regierungschef Mateusz Morawiecki sagte, er wisse nicht, warum Polen sich für 1968 entschuldigen solle. Die antisemitischen Kundgebungen seien 'von der kommunistischen Macht vorbereitet' worden: 'Das war eine fremde Macht, die Vertreterin einer fremden Großmacht war.'"
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Kulturmarkt

Die Krise ist nicht alles. Die Buchbranche leidet. Aber das Storytelling boomt. Rüdiger Wischenbart wirft im Perlentaucher einen Blick auf den Strukturwandel der Öffentlichkeit, in dem auch Chancen für Autoren und die Branche liegen müssten: "Die Zahl der potenziellen Leserinnen und Leser wächst. Das wird nur selten wahrgenommen. Dies gilt einerseits weltweit. In Schwellenländern von China und Indien bis Mexiko und Brasilien entstand eine neue Mittelklasse aus vielen hundert Millionen Menschen, mit Wünschen nach Bildung und Unterhaltung, nach Geschichten und Wissen. Doch der globale Absatz von Büchern wuchs marginal."
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Gesellschaft

Skandale brauchen kein Geheimnis mehr. Sie stellen sich einfach aus, schreibt Ilija Trojanow in seiner taz-Kolumne. Protoyp ist selbstverständlich Donald Trump: "Durch das tägliche Bombardement mit Skandalen aller Couleur wird die ethische und emotionale Wucht der Enthüllung geschwächt. Ein Exhibitionist, der immer wieder nackt herumstolziert, wird in Gegenwart einer wachsenden Zahl anderer Exhibitionisten weitaus weniger negativ auffallen als zuvor. Empörung ist Ausdruck einer Sensibilität, die abstumpft, wenn sie täglich eingefordert wird. Exhibitionistische Aufrüstung führt zu einem Absterben der Entrüstung."

Die Studienstiftung des deutschen Volkes hatte zu einer Podiumsdiskussion den rechtsextremen Verleger Götz Kubitschek eingeladen. Aber andere eingeladene Gäste sagten darauf hin ab, Stipendiaten protestierten auf Twitter, das Podium wurde schließlich ganz abgesagt, und Thomas Thiel ist in der FAZ nicht einverstanden: "Der Verzicht auf Argument und Debatte ist bei den Stipendiaten einer Stiftung beunruhigend, die nach ihrem Selbstverständnis die geistige Elite des Landes repräsentiert. Die Ausgeladenen werden darüber zu Ikonen, an denen nach religiösem Muster das eigene Bekenntnis demonstriert wird. Mit politischer Debatte und rechtsstaatlichen Verfahren hat das nur noch wenig zu tun. "

Richard Herzinger berichtet in der Welt (jetzt auch online) von der Vorstellung der "Initiative säkularer Islam" am Sonntag  in Berlin.  Die Initiative wolle die Fixierung der deutschen Politik auf die von der Türkei, Saudi-Arabien oder dem Iran gesteuerten Islamverbände beenden, sagte der Sprecher der Intiative, Ali Ertan Toprak: "Deren wahre Absicht sei nicht die Integration, sondern die Unterminierung der Trennung von Staat und Religion, so Toprak. Indem sie im Namen von Dialog und religiöser Toleranz mit ihnen kooperierten, werte der deutsche Staat - aber auch die Kirchen - diese radikalen antidemokratische Kräfte auf und mache sie als Gesprächspartner auf Augenhöhe hoffähig."

Im Interview mit der SZ plädiert der Historiker Klaus Weinhauer dafür, Polizisten, die er tendenziell für autoritätsgläubig und rechtsgerichtet hält, künftig ohne Uniform und ohne Waffe auf die Straße zu schicken: "Die selbstverständliche Verbindung von Waffen und Polizei halte ich für fatal, nicht nur angesichts der Persönlichkeitsstrukturen der Beamten und ihrer Organisationsmuster. Es begünstigt, nicht den kommunikativen Weg zu gehen, sondern Stärke zu zeigen."
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