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9punkt - Die Debattenrundschau

Spaltende Dynamik

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.02.2019. In der NZZ erinnert Peter Schneider noch einmal mit Nachdruck daran, dass es derzeit auf der ganzen Welt kein attraktiveres Lebensmodell als die EU gibt. Dennoch werden die Rechtsextremisten bei der Europawahl hinzugewinnen, fürchtet die FR. Der Tagesspiegel thematisiert die Krise bei Amnesty international. Die französischen Medien machen sich Sorgen: Die algerische Jugend - mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Landes - könnte sich gegen eine fünfte Amtszeit des bettlägerigen Präsidenten Bouteflika wehren - oder nach Frankreich abhauen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.02.2019 finden Sie hier

Politik

In Algerien protestiert die Bevölkerung gegen eine fünfte Amtszeit des greisen und kranken Präsidenten Bouteflika. Nichts fürchtet Emmanuel Macron mehr als Unruhen in diesem Land, schreibt Vincent Jauvert im Nouvel Obs: "Im Fall einer tiefen Destabilisierung könnten Hunderttausende von Jugendlichen (die unter Zwanzigjährigen machen die Hälfte der 42 Millionen Algerier aus) versuchen, Frankreich mit allen Mitteln, und sei es auf behelfsmäßigen Jollen, zu erreichen, was die Regierung natürlich vor erhebliche Probleme stellen würde."

Auch in den algerischen Medien kommt es zu  Verwerfungen, schreibt Lyas Hallas in Libération. Nach den Demonstrationen am Freitag, berichteten die staatlichen Sender mit keinem Wort: "Nur die Online-Presse und Zeitungen haben die Bewegung widergespiegelt. Trotzdem haben diese Ausfälle und die starke Mobilisierung das politische und Medienräderwerk in Algerien erschüttert. Der Blackout veranlasste die Chefredakteurin des staatlichen Rundfunks Chaîne 3, Meriem Abdou, zurückzutreten, da sie dieses große Schweigen nicht länger unterstützen will. Journalisten des Senders haben an ihren Chef geschrieben, um sich über diese 'Sonderbehandlung' des Bouteflika-Lagers zu beschweren."

Es ist nicht die Regierungspartei FLN, die entscheidet, den bettlägerigen Präsidenten, der nach einem Schlaganfall nicht mehr sprechen kann, im Amt zu halten, sondern sein Familienclan, erläutert der Politologe Antoine Basbous im Gespräch mit François-Xavier Gomez  von Libération. Die FLN spiele hier nur mehr eine untergeordnete Rolle. Entscheidend sei der 61-jährige Bruder des Präsidenten, Saïd Bouteflika. "Dieser Clan will das Porträt des Präsidenten weiter an der Wand hängen sehen, um in seinem Namen das Land, die Wirtschaft und seine Petrodollars zu verwalten. Der Status quo nützt ihnen und erlaubt ihnen, die Hand auf der Wirtschaft und Geld zu halten. Aus Bequemlichkeit präsentieren sie keinen anderen Kandidaten."

Die gesamte Führungsspitze von Amnesty Interenational mit Ausnahme des 2018 neu bestellten Generalsekretärs Kumi Naidoo bietet ihren Rücktritt an, berichtet Caroline Fetscher im Tagesspiegel. Anlass ist der von der Organisation selbst in Auftrag gegebene Bericht einer Beratungsgesellschaft, der die grauenhaften Arbeitsbedingungen  in der Organisation untersucht. Es sei wegen Mobbing und Schikanen zu Suiziden von Mitarbeitern gekommen. "Ausschlaggebend für die aktuellen Zustände sei .., so der Bericht, vor allem die globale Umstrukturierung. Hunderte der Leute im Londoner Hauptbüro sollten ihre Arbeitsplätze an die Orte der Recherche selber verlegen, nach Asien, Afrika oder Lateinamerika. Dabei entstand offenbar ein dauernder Ausnahmezustand aus Überlastung, Postengeschacher, Begünstigungen, Benachteiligungen, mangelnder interner Kommunikation und fehlender Supervision, eine 'spaltende Dynamik'." Der Bericht der Kon Terra Group ist hier als pdf-Dpkument nachzulesen.
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Europa

"Wie heißen wohl die großen Gewinner bei der Europawahl am 26. Mai?" FR-Redakteur Matthias Koch weiß schon die Antwort: "Eine Umfrage des Europaparlaments gibt eine deprimierende Antwort. Keine politische Kraft kann mit so hohen Zuwachsraten rechnen wie die Rechtsextremisten in Frankreich und Italien: die Nationale Sammlungsbewegung von Marine Le Pen und die faschistische Lega von Matteo Salvini. Es geht voran mit der Erosion der EU."

In der NZZ erinnert Peter Schneider noch einmal mit Nachdruck daran, dass es derzeit auf der ganzen Welt kein attraktiveres Lebensmodell als die EU gibt. "Europa hat aus den verschiedenen Spielarten des Kapitalismus die vergleichsweise humanste Version herausgefiltert - ein Spät-Modell, das in Deutschland Soziale Marktwirtschaft heißt. Die sozialen Netze sind in vielen Ländern Europas großzügiger als irgendwo sonst auf der Welt - 50 Prozent sämtlicher in der Welt gezahlten Sozialleistungen werden von den EU-Ländern aufgebracht. Nirgendwo auf der Welt haben sich die wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung - die Meinungsfreiheit, die Trennung von Staat und Religion, die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau - so weitgehend durchgesetzt wie in Europa. ... Vielleicht besteht der größte Denk- und Gefühlsfehler der Europa-affinen Intelligenzia darin, dass sie den Fortschritt des europäischen Projekts für selbstverständlich nimmt. Aber fast alles, was davon bisher gelungen ist, verdankt sich nicht einem historischen Selbstlauf oder irgendeinem 'ehernen' Gesetz der Geschichte, sondern dem Willen kluger Politiker und einer engagierten Zivilgesellschaft. Und alles, was jetzt und in Zukunft scheitert, wird der Schläfrigkeit oder der schieren Abwesenheit solcher Akteure zuzurechnen sein."

Jürgen Kaube wendet sich in der FAZ gegen ein soziologisches Repräsentationsverständnis, das dem Parité-Gesetz in Brandenburg zugrunde liege. Es gebe in vieler Hinsicht keine gerechte Repräsentation in den Parlamenten: "Dass im Bundestag überwiegend Beamte sowie Angestellte im öffentlichen Dienst, Juristen, Akademiker und Verheiratete sitzen, sei nur notiert. Drei Hausfrauen beziehungsweise Hausmänner und nur zwei landwirtschaftlich Berufstätige sind beispielsweise auch nicht viel."
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Wissenschaft

Im Interview mit der FR erklärt der von seiner Arbeit sichtlich begeisterte Systembiologe Nikolaus Rajewsky, wie man ein Mini-Hirn entwickelt und welche Möglichkeiten sich für Patienten durch die neue Einzelzellanalyse auftun: "Die uns heute noch sehr ähnlich vorkommenden Krankheiten können sehr unterschiedlicher Natur sein. Jeder Mensch ist ein ganzes Universum. Wir werden dem Einzelnen nicht wirklich helfen können, wenn wir uns mit statistischen Durchschnitten zufriedengeben. ... Wir können endlich den Zellen bei der molekularen Arbeit zuschauen. Dabei entstehen riesige Datenmengen - Daten, die essentiell sind, um zu verstehen wie Entscheidungen in der Zelle gefällt werden. Wir sind dabei, Techniken zu entwickeln, um mit so hochkomplexen Daten umzugehen. Inzwischen wird auch nicht mehr nur korreliert. Wir sind auf dem Wege, auch Kausalzusammenhänge zu erkennen. Dann könnte man sagen: Wenn A zu sehen ist, dann müssen wir mit B rechnen. Irgendwann wird es auch Maschinen möglich sein, mit solchen Kausalitäten zu rechnen. Wir leben in spannenden Zeiten."

Außerdem: Im Interview mit der NZZ spricht der Zoologe Josef Reichholf über Charles Darwin, dessen "Ursprung der Arten" Eike Schönfeld mit Reichholfs Unterstützung neu übersetzt hat.
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Religion

Drei Tage lang streuten Bischöfe in Rom in ihrer Tagung zum Thema Missbrauch Asche auf ihr Haupt. Ob die Strukturen der Vertuschung verändert werden, die den Missbrauch erst ermöglichten, bleibt nach der Rede von Papst Fanziskus allerdings offen, schreibt Michael Braun in der taz und erzählt vom Fall des argentinischen Priesters Julio César Grassi, "der sich mit seiner Einrichtung 'Felices los niños' ('Glücklich die Kinder') um Straßenkinder kümmerte - um sie zu vergewaltigen. Grassi ist mittlerweile zu 15 Jahren verurteilt und wurde vor wenigen Tagen ins nationale Verzeichnis der Sexualstraftäter Argentiniens aufgenommen. Der Anwalt von Grassis Opfern allerdings berichtet von einem Treffen mit dem Erzbischof von Buenos Aires und Vorsitzenden der Argentinischen Bischofskonferenz im Jahr 2006, in dem der Kirchenobere sich 'verschlossen, streng, misstrauisch' zeigte. Dieser Bischof war Jorge Mario Bergoglio - der heutige Papst Franziskus."

Dennoch gelte es anzuerkennen, dass es Franziskus war, "der erstmals in der Geschichte der katholischen Kirche zu so einem Treffen aufrief", wendet Heike Vowinkel in der Welt ein. "Und das darf durchaus als historisch gewertet werden. Wie stark die Widerstände in der mehr als 2.000 Jahre alten Institution sind, davon zeugten nicht zuletzt die Wortmeldungen konservativer Kardinäle im Vorfeld des Gipfels", etwa "der offene Brief, in dem die beiden konservativen Kardinäle Walter Brandmüller und Raymond Leo Burke dem Papst vorwarfen, die wahre Ursache des Missbrauchs zu verkennen: die Homosexualität, die sich innerhalb der Kirche in organisierten Netzwerken ausgebreitet habe".
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