9punkt - Die Debattenrundschau

Effekt der Deglobalisierung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.02.2019. Die SZ fragt sich, wie sich die ARD ihr Publikum vorstellt - etwa als "bestenfalls halbbewusst dämmernde Masse," der man per "Framing" die richtigen Ansichten einimpft? Die FR vergleicht die "Framing"-Idee mit der Fälschungssoftware, mit der die Autoindustrie konforme Abgaswerte vorgaukelte. Warum wird die Staatsanwaltschaft bei Pädophilie-Vorwürfen eigentlich nicht tätig, fragt die SZ mit Blick auf die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche. Im Guardian schreibt der Medienforscher Hossein Derakhshan über den Niedergang der Auslandsberichterstattung.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.02.2019 finden Sie hier

Europa

Emmanuel Macron zieht bei manchen einen leidenschaftlichen, manchmal sehr persönlichen Hass auf sich. Ein gutes Beispiel ist das Buch "Ce pays que tu ne connais pas" des prominenten linken Journalisten und mélenchonistischen Abgeordneten François Ruffin, das Abel Mestre für Le Monde bespricht - dankenswerter Weise mit ausführlichen Zitaten: Es sei nicht mal sein Widerwille gegen den "neoliberalen Bankier", der in dem in Briefform geschriebenen Buch verstöre, so Abel Mestre, "sondern ganze Seiten auf denen der 'physische Ekel' vor Macron beschrieben wird: 'diesem Atlantiker, Globalisierer, Freihandelsideologen'. Keine Unze Politik in diesen Passagen: 'Ihr Kopf passt mir nicht.' 'Überall posieren Sie mit ihrer Miene wie aus einem Otto-Katalog: die regelmäßigen Züge, die gerade Nase, die glatte Haut, das markige Kinn.' 'Es ist physisch, es kommt aus den Eingeweiden. Ich bin nicht stolz darauf..., aber Millionen empfinden diesen Ekel.'"

Tania Martini versucht in der taz zu erklären, warum der Antisemitismus gerade bei Linken in Frankreich so beliebt ist: "Der im letzten Jahr verstorbene Chicagoer Historiker Moishe Postone hat das in einem Interview einmal so auf den Punkt gebracht: 'Im Antisemitismus wird die strukturelle Herrschaft des Kapitalismus zum Handeln der Juden. Deswegen betrachtet sich auch der Antisemitismus selbst als emanzipatorisch und antikapitalistisch.' Diese Verschiebung ist gegenwärtig häufig Teil der Antisystemstrategie gegen die Eliten, was mitunter die Unterscheidung, ob der Antisemitismus von rechts oder von links kommt, recht schwer macht."
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Religion

Es gibt eine Institution, auf die der sonst allpräsente Rechtsstaat offenbar gar keinen Zugriff haben will - und das sind die Kirchen. Die katholische Kirche hält gerade einen Kongress über sexuellen Missbrauch ab - aber die Öffentlichkeit scheint es zu akzeptieren, dass die Kirche das Thema mit sich selbst ausmacht. Die niedersächsische Justizministerin Barbara Havliza (CDU) musste feststellen, dass die deutschen Bischöfe in ihren Berichten über Missbrauchsfälle keinen einzigen Namen offenlegten. Sie scheint sich als einzige Politikerin darüber geärgert zu haben, berichtet Ronen Steinke in der SZ: "Bei anderen großen Institutionen rückt die Staatsanwaltschaft durchaus mit Durchsuchungsbefehlen an, um sich Akten und Beweismittel zu besorgen, auch um eine mögliche Vertuschung zu verhindern. Das hat es zuletzt bei VW gegeben. Beim DFB. Oder bei der Deutschen Bank. Bei den beiden Amtskirchen hat es das noch nie gegeben in Deutschland, obwohl die Sexualdelikte, um die es dort geht, schwer wiegen."
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Medien

Warum ist es eigentlich problematisch, wenn ARD-Gewaltige aufs Argumentieren verzichten und die gute Nachricht von ihrer Notwendigkeit per "Framing" verbreiten lassen wollen? Vielleicht aus den Gründen, die Gustav Seibt heute nochmal in der SZ aufzählt: Die Framing-Theorie denke sich den Menschen als "bewusstlose Beute solcher Rahmungen oder Stimmungsmarker": Das Peinlichste an der Framing-Theorie sei, dass sie Menschen in Klassen einteile: "in die, die das Framen aktiv und bewusst betreiben, sprachliche Vorgaben untersuchen und setzen, und in die anderen, die sich angeblich 'ohne dies zu merken' bei ihren Entscheidungen von vorrationalen Frames leiten lassen. Es soll also Grade des Wissens geben: eine kleine Gruppe von Wissenden, die Sozial- und Gefühlstechnologie betreiben, und eine bestenfalls halbbewusst dämmernde Masse, die davon bestimmt wird."

Auch Harry Nutt sieht "Framing" in der FR als Versuch einer Sprachmanipulation: "Es gibt viele gute Gründe, für den Erhalt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einzutreten. In diesem Fall aber verhält sich die ARD wie das Management von VW und anderer Autokonzerne, die schlechte Abgaswerte mit einer Software bearbeitet haben, die auf dem Prüfstand die gewünschten Ergebnisse liefert."

Politiker können, wie das Beispiel Polen zeigt, auf die Idee kommen, öffentlich-rechtliche Medien gleichzuschalten. Die Apparate sind hier gerade durch ihre Größe angreifbar. Solche Ideen gibt es auch in der österreichischen Regierung unter FPÖ-Beteiligung, wo man über eine Finanzierung des Rundfunks über das Regierungsbudget nachdenkt. Der prominente Anchorman Armin Wolf wehrt sich in einer Rede, die der Standard abdruckt: "Das wäre eine De-Facto-Verstaatlichung des öffentlichen Rundfunks. Unser Geldgeber wäre dann genau jene Regierung, über die wir jeden Abend kritisch berichten sollen."

Der Medienforscher Hossein Derakhshan, der neulich beim Europarat einen Bericht  über die weltweite "Information Disorder" vorgelegt hat, denkt im Guardian über die Krise der "Nachrichtenindustrie" nach, also des eigentlichen Kernbereichs journalistischer Information und macht vor allem auf einen selten angesprochenen Aspekt aufmerksam: "Sowohl in ihrer Eigenschaft als 'Ware' als auch als kulturelle Erfindung sind Nachrichten von dem Effekt der 'Deglobalisierung' betroffen, der sich in sinkender Berichterstattung über internationale Themen widerspiegelt. Im Jahr 2010 hatte sich die Auslandsberichterstattung in vier britischen Zeitungen und in amerikanischen Medien innerhalb von drei Jahrzehnten nahezu halbiert. Auslandsberichterstattung wird heute tendenziell auf Themen begrenzt, die von nationalem Interesse sind, etwa Krieg oder Terrorismus."

Netflix probiert ein für die amerikanische Kulturindustrie völlig ungewohntes, ja verwirrendes Modell der Globalisierung, schreibt New-York-Times-Kolumnist Farhad Manjoo, der mit Faszination nicht englischsprachige Serien entdeckt. Plötzlich gucken alle die spanische Serie "Elite", die kroatische Serie "Novine", die brasilianische Serie "3 %" oder die deutsche Serie "Dark", angeblich eine der erflogreichsten bei Netflix überhaupt. Einen besonderen Einfluss hat die britische Serie "Sex Education" in Thailand, so Manjoo: Netflix scheine kulturelle Grenzen zu sprengen "und überall für neuen Gesprächsstoff zu sorgen. Nachdem es im letzten Monat Bangkok mit Plakaten für 'Sex Education' zustellte, erhob eine konservative Partei Klage gegen die Firma, die sie eine 'große Provokation für die thailändische Gesellschaft' nannte. Das junge fortschrittliche Internet in Thailand antwortete voller Zorn und Empörung, endlich sprachen die Leute über tatsächliche Probleme in Thailand wie die fehlende sexuelle Aufklärung und die große Zahl von Teenager-Schwangerschaften."
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