9punkt - Die Debattenrundschau

Jetzt ist aber die oder der mal dran

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.01.2019. Dass Donald Trump im Interesse Wladimir Putins agiert, muss man eigentlich gar nicht mehr polizeilich nachweisen, meint der ehemalige Clinton-Berater Strobe Talbott in politico.eu. Die New York Times sagt Trump eine sehr schwierige zweite Hälfte der Amtszeit voraus. Im Börsenblatt freuen sich die Chefs der Mayerschen Buchhandlung und von Thalia über ihre Fusion. In der Türkei wird die erste Kirche seit 1923 gebaut, die laut FR allerdings ihre Loyalität zum Staat betonen muss. Bei Moscheen in Berlin sieht es laut Tagesspiegel etwas anders aus.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2019 finden Sie hier

Politik

New York Times und Washington Post brachten jüngst (hier und hier) wieder das Thema der russischen Einflussnahme auf. Aber man muss eigentlich gar nicht fragen, ob Donald Trump im Interesse Wladimir Putin handelt - es liegt auf der Hand, schreibt Strobe Talbott, ein Russland-Berater Bill Clintons, in politico.eu: "In Europa hat es Trump für Putin wesentlich leichter gemacht, Gorbatschows und Jelzins Idee der Partnerschaft mit dem Westen zu begraben und das, was er als westliche Einmischung in Russlands Machtsphäre sieht, zurückzudrängen. Anstatt wichtige atlantische Verbündete zu unterstützen, schikaniert und erniedrigt Trump sie und macht sie dadurch noch anfälliger für den Aufstieg von Rechtsnationalisten, die jetzt in Trump einen Verstärker und ein Vorbild haben."

Der Shutdown der amerikanischen Regierung und Untersuchungen zu russischer Enflussnahme sind nur das Vorgeplänkel zu kommenden Scharmützeln, die bis zu einem Amtenthebungsverfahren gehen könnten, meint Peter Baker in der New York Times. Trump sei belagert: "Der innere Kreis um Trump ist geschrumpft, er hat weniger Berater um sich, denen er traut. Sein Staatschef im Weißen Haus ist immer noch kommissarisch eingesetzt, und der West Wing ist durch den Shutdown geschwächt. Wie er selbst auf Twitter schrieb: 'Ich bin im Weißen Haus fast allein.'"

Die Spaltung zwischen Demokraten und Republikanern in den USA ist tiefer denn je und betrifft die gesamte Bevölkerung, schreibt der Politologe Stefan Bierling auf der Gegenwart-Seite der FAZ: "Es überrascht deshalb nicht, dass Hillary Clinton 2016 88 der 100 bevölkerungsreichsten Landkreise gewann, aber von den restlichen 3000 fast 2700 an Trump gingen. Die Anhänger der beiden Parteien entfernen sich nicht zuletzt deshalb weltanschaulich voneinander, weil sie sich räumlich kaum noch begegnen. In den Kirchen, Klubs und Kneipen auf dem Land treffen sich fast nurmehr Republikaner, in den Fitnessstudios, Restaurants und Bars in der Stadt fast nurmehr Demokraten."
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Internet

Im Gespräch mit Friederike Haupt und Frank Pergande von der FAS begründet der Grünen-Politiker Robert Habeck, warum er Twitter verlässt und doch lieber in Talkshows geht:"Es gibt aber auch einen fundamentalen Unterschied zu Twitter: Die Talkshows sind moderiert. Sie funktionieren nur deshalb einigermaßen, weil da Frau Illner oder Frau Will sitzt und sagt: Jetzt ist aber die oder der mal dran! Große Zeitungen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk funktionieren, weil da Journalisten sitzen, die gezielt nachfragen, moderieren, Aussagen überprüfen, Fakten checken. Bei Twitter ist das eben nicht der Fall."
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Gesellschaft

Bei Frauen und Boko Haram denkt man zuerst an Entführung und Vergewaltigung. Das stimmt schon, meint Azadeh Moaveni im Guardian, aber es ist nicht die ganze Geschichte. Es erklärt nicht, warum einige geflüchtete Frauen zu Boko Haram zurück wollen. Tatsächlich ist ihr Leben in den Flüchtlingslagern manchmal noch schlimmer: "Mit den Boko-Haram-Kämpfern war das Leben hart und unsicher, sagen Zahra und Amina, aber sie hatten genug zu essen. Als freiwillige Ehefrauen von Kämpfern wurden sie vor sexuellen Übergriffen geschützt. Sie besuchten den Religionsunterricht, der erste formale Unterricht, den viele je erhalten hatten, und ihre Kinder gingen zur Schule, lernten Lesen und Schreiben und Religion. Es gab Gerichte, an denen Frauen Ehemänner anzeigen konnten, die sie misshandelten. Im Gegensatz dazu bleiben sie in ihrem inzwischen emanzipierten Leben im Flüchtlingslager oft hungrig. Es gibt wenig Chancen, dort zu arbeiten, mehr Lebensmittel zu kaufen, und die Armut hat zur sexuellen Ausbeutung durch die Sicherheitskräfte beigetragen, die sie bewachen. 'Die meisten Boko Haram Frauen bedauern es, hierher gekommen zu sein, weil das Leben einfach so hart ist', sagt Amina."
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Geschichte

In der NZZ schreibt Oliver Jens Schmitt über das Ende des Ersten Weltkriegs in Osteuropa: "Beim Gedenken an 1918 geht es um viel mehr als bei der Debatte um 1914. Und es handelt sich um Entwicklungen, die nicht auf einen europäischen Nenner gebracht werden können. Zu tief ist der Gegensatz zwischen dem Westen einerseits, der Mitte und dem Osten des Kontinents andererseits sowie zwischen Siegern und Verlierern. Die Verbindung von 1918 zu heute ist unmittelbar. Damit entstand in Grundzügen die heutige politische Landkarte des Kontinents."

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ erinnert Urs Schoettli - mit Blick auf Ministerpräsident Shinzo Abe - daran, wie Japan während der Meiji-Restauration im 19. Jahrhundert den Anschluss an die Moderne fand, der dann allerdings im Nationalismus endete.
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Kulturmarkt

(Via turi2) Hartmut Falter von der Mayerchen und Michael Busch von Thalia sprechen mit Christina Schulte vom Börsenblatt über die Fusion der beiden familiengeführten und filalreichen Großbuchhandlungen (unser Resümee). Auf die Frage, wie die Verlage auf die neue Marktmacht reagieren, deutet  busch an, dass sich die Konzernverlage (Randomhouse und Holtzbrinck) mehr freuen als die anderen: "Uns war, ist und bleibt auch in Zukunft die gute Zusammenarbeit mit Verlagen sehr wichtig. Wir sehen, dass vor allem Verlage, die auch international tätig sind, eine ganz andere Perspektive haben als einige, der ausschließlich in Deutschland agierenden. Diese internationalen Verlage bewerten das Marktgleichgewicht und unsere neue Konstellation im deutschen Markt als positiven Aspekt, der in vielen anderen Ländern fehlt."
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Ideen

In der NZZ denkt der italienische Philosoph Maurizio Ferraris über das Glück nach. Sind die Menschen heute glücklicher als die Menschen der Vormoderne? "Vor allem sind sie weniger dazu bereit, sich mit der Vorstellung anzufreunden, dass Glück weder ein Recht noch eine Pflicht, sondern vielmehr ein flüchtiges und oft unverdientes Geschenk darstellt, aus dem sich keine Forderungen ableiten lassen. Im Gegenteil: Wie Kant zu Recht bemerkte, ist Glückseligkeit höchstens die Belohnung dafür, dass man sich ihrer würdig erwiesen hat."
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Stichwörter: Ferraris, Maurizio, Glück

Religion

FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube hat neulich einen sehr langen Artikel über den Religionsunterricht an den Schulen vorgelegt (unser Resümee). Der Soziologe Wolfgang Sander hat daraus herausgelesen, dass Kaube die "Aufhebung der Bindung des Faches an die Kirchen durch einen eher religionskundlich ausgerichteten Religionsunterricht" befürworte. Sander fürchtet in einer Replik in der FAZ, dass so der Laizismus die Oberhand gewinnen könnte, und der Ethik-Unterricht als Ersatz gefällt ihm auch nicht: "Das Fach 'Ethik' wurde in den siebziger Jahren als Ersatzfach für Schüler eingerichtet, die aus dem Religionsunterricht austreten, nicht zuletzt, um dem Austritt den Anreiz zusätzlicher Freistunden zu nehmen. Den Charakter dieser Ersatz- und Verlegenheitslösung ist es nie losgeworden, auch da nicht, wo es - wie in Ostdeutschland - von der Ausnahme zum Regelfall geworden ist."

In der Türkei darf die erste christliche Kirche seit 1923 gebaut werden, meldet Frank Nordhausen in der FR. Zwar gibt es in der Türkei Religionsfreiheit, doch wurde sie für nicht-muslimische Glaubensbekenntnisse immer wieder unterlaufen. "Die türkische Regierung greift regelmäßig in die Auswahl der orthodoxen Kirchenführer ein und erwartet unbedingte Loyalität." Was die neue Kirche angeht, dankte der assyrische Metropolit Yusuf Cetin "ausdrücklich Präsident Recep Tayyip Erdogan und anderen hochrangigen Beamten für ihre Unterstützung, und er beteuerte pflichtgemäß die historisch oft bezweifelte Loyalität der christlichen Gemeinschaften zum Staat. 'Trotz der Herkunft aus verschiedenen Religionen und ethnischen Wurzeln schlagen alle Herzen für unsere Türkei', sagte er der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. 'Wir sind stolz darauf, in diesem Land unter türkischer Flagge zu leben.'"

In Deutschland sieht das ganz anders aus, erfahren wir von Alexander Fröhlich und Susanne Vieth-Entus im Tagesspiegel am Beispiel der mit Hilfe saudischer Gelder gegründeten Berliner Al-Nur-Moschee, die als Salafistentreff eingestuft ist. Loyalität mit dem deutschen Staat ist hier kein Thema. Kinder und Jugendliche werden hier "ungestört von den Behörden unterrichtet": "'Die betreffenden Angebote sind dem Senat insbesondere weder durch eine Erlaubnispflicht noch im Zuge einer Förderung bekannt geworden', heißt es in einer Antwort der Innenverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage des SPD-Politikers Tom Schreiber. Daher lägen dem Senat auch 'keine Erkenntnisse' über Auswirkungen und Verdachtsfälle vor, ob Kinder und Jugendliche salafistisch indoktriniert würden, heißt es in der Antwort. ... Die Leiterin der benachbarten Neuköllner Grundschule, Astrid-Sabine Busse, schätzt, dass etwa ein Drittel ihrer 650 Schüler am Wochenende zum Unterricht in das Jugend- und Familienzentrum der Moschee gehen. Sie berichtet, dass die Schülerinnen, die mit schwarzem Kopftuch zur Schule kämen, immer jünger seien. Im Unterricht mit ihnen über ihren Körper zu sprechen, werde immer schwieriger. Busse kritisiert zudem, dass der Unterricht der Moschee abgeschirmt von der Öffentlichkeit sei."
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