9punkt - Die Debattenrundschau

Abendland, was sollte das sein?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.03.2018. In der FR macht sich Nora Bossong Gedanken über die europäische Idee. New York Times und politico.eu denken über die Wirkung von Facebook und politico.eu auf die Politik nach. Auch Tim Berners-Lee äußert sich in einem offenen Brief sehr kritisch über die Macht der Plattformen und fordert Regulierung. FAZ und SZ fürchten die Macht Xi Jinpings.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.03.2018 finden Sie hier

Europa

In einem langen Text für die FR denkt Nora Bossong auf zwei Reisen in Italien über Europa nach, das eine neue Erzählung brauche, eine neue Idee von sich: "Vielleicht hört Europa heute in den Metropolen auf, die sich selbst genug sind oder in jener Provinz, in der man nichts von Fremde weiß und es umso mehr fürchtet. Vielleicht endet Europa dann, wenn jemand beginnt, vom Abendland zu sprechen, jenem Begriff, der erdacht wurde zur Abgrenzung von Persern und Osmanen, die dem europäischen Machtstreben, dem eigenen Selbstverständnis entgegenstanden und mit dem Begriff des Abendlandes erfand man zugleich eine Projektion von Geschlossenheit, die es in der Realität nie gab. Abendland, was sollte das sein? Das christliche Abendland? Das barbarische Abendland? Das ökonomische Abendland? Das werte- und haltlose Abendland? Wir verstehen Europa von jedem Fleck dieses Kontinents aus anders. Vor allem aber verstehen wir es oft gar nicht."

Die Burschenschaften in Österreich - nur ein "lächerlicher Haufen ewig gestriger Spinner"? So hat der Schriftsteller Martin Pollack das lange gesehen, aber nicht mehr. Jetzt, nach der Wahl, entpuppen sie sich als gewiefte Strategen, erkennt Pollack in der NZZ mit Schrecken: "Deutschnationale Burschenschafter stellen in Österreich eine verschwindende Minderheit dar - Experten schätzen ihre Zahl auf 4000 bis 5000, mit eingerechnet die Alten Herren, wie Burschenschafter nach Beendigung ihres Studiums genannt werden - doch mit dem Eintritt der FPÖ in die Regierung haben sie, für viele überraschend, völlig unproportional an Einfluss gewonnen. Im freiheitlichen Parlamentsklub sind fast die Hälfte der Abgeordneten Mitglieder deutschnationaler schlagender Verbindungen, darüber hinaus besetzen immer mehr Burschenschafter Schlüsselpositionen in Ministerien und in staatlich kontrollierten Wirtschaftsbetrieben. Die Burschenschaften erweisen sich als wichtige Kaderschmiede der FPÖ, auf die sie jetzt zurückgreift."

Der neue Antiliberalismus in Russland hat den Schriftsteller Arthur Isarin zu seinem im Russland der Neunziger spielenden Roman "Blasse Helden" veranlasst, erklärt er Kerstin Holm im FAZ-Gespräch. Die Neunziger waren eine Phase neuer Freiheit - aber auch neuer Verwerfungen, sagt er: "Im urbanen Russland war es geradezu cool, mit Homosexuellen zu verkehren, auch Mädchen wollten in deren Clubs, weil dort am meisten los war. Viele haben sich geoutet, es war schick, keiner hatte damit ein Problem." Doch "für die meisten Russen stellten die neunziger Jahre ein unglaubliches Trauma dar. Nur vor diesem Hintergrund ist Putin zu erklären. Diese irrwitzige Sehnsucht nach Stabilität kann man nur erklären durch das Schockerlebnis über zehn Jahre: Man hat sein ganzes Geld verloren, seinen Job, man schlug auf dem Beton auf. Ich hatte das Gefühl, dass jeder zweite Mann Alkoholiker war. Die existenzielle Wucht der Verzweiflung, das machte Putin möglich."
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Politik

Dem chinesischen Parteivorsitzenden Xi Jiping ist vom Volkskongress die lebenslange Weihe erteilt worden - seit Mao hatte kein chinesischer Politiker mehr solche Macht. Aber anders als unter Mao erstreckt sich Xis Macht weltweit - einerseits durch seine Wirtschaftspolitik. Doch auch mit anderen Mitteln will die chinesische Politik bestimmen, "wie in Europa über China gedacht und gesprochen wird", kommentiert Friederike Böge in der FAZ. "Entlang der geplanten Seidenstraße werden Denkfabriken errichtet, entsteht ein dichtes Netz an Konfuzius-Instituten und stehen Stipendien für jene bereit, die Chinas Tabus akzeptieren: Taiwan, Tibet, das Südchinesische Meer, Menschenrechte. Unliebsamen Wissenschaftlern und Politikern verwehrt Peking hingegen die Einreise."

Im Interview mit der SZ erklärt der Journalist, Mitglied der chinesischen KP und Regimekritiker Li Datong, warum er Xi Pings Selbsternennung zum Herrscher auf Lebenszeit rundheraus ablehnt: "Eine Person, die unanfechtbar über der Partei, über dem Land steht, wie kann das sein? Das heißt doch, dass deine Politik, egal wie verheerend, bis zu deinem letzten Atemzug nicht angetastet werden darf. Sehen Sie, Maos Körper war noch nicht kalt, da wurden seine katastrophalen Entscheidungen alle revidiert. Aber als er noch lebte, war nichts zu machen. Nichts und niemand konnte ihm Grenzen setzen."
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Stichwörter: China, Xi Jinping, Li Datong, Taiwan

Geschichte

Im Interview mit der Welt erklärt der Historiker Gerd Krumeich seine These zum Ersten Weltkrieg, die Dolchstoßlegende habe eben doch einen "wahren Kern": "Jeder wusste damals, dass die Deutschen nicht mehr lange durchhalten konnten, auch die Oberste Heeresleitung. Aber niemand kann sagen, dass sie nicht noch ein bis drei Monate hätten 'im Feindesland' stehen bleiben können, um so bessere Friedensbedingungen für Deutschland durchzusetzen. Da liegt das historische Problem, nicht in der Nazi-Behauptung, ein 'Siegfrieden' sei damals noch möglich gewesen."
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Internet

Facebook behauptet zwar, es gehe ihm um "Teilen", aber Forschern und Analytikern verwehrt das soziale Netzwerk Daten, die es ermöglichen würden, den Weg von Desinformationen zu verfolgen, schreibt Mark Scott bei politico.eu: "Facebook hält seine digitalen Türen zu und tut damit sich selbst und dem breiteren Publikum keinen Gefallen. Desinformation, die von heimischen und ausländischen Akteurern betreiben wird, ist nun Teil fast aller Wahlen. Politiker in Brüssel, London und Washington  fuchteln ins Leere, wenn sie verstehen wollen, wie sie Desinformation bekämpfen sollen, während das Vertrauen des Publikums in Online-Inhalte verloren geht."

Und Youtube ist natürlich ebenfalls kein Waisenknabe: Zeynep Tufekci erzählt in der New York Times, wie sie bei der Suche nach Inhalten über Donald Trump von dem Dienst sehr schnell in immer dunklere Ecken der Verschwörungstheorien gedrängt wurde. Das gleiche passierte ihr, als sie mit einem anderen Konto über Hillary Clinton recherchierte: "In meiner Irritation versuchte ich es mit unpolitischen Themen. Und das gleiche Muster wiederholte sich. Videos über vegetarische Ernährung führten zu Videos über vegane Ernährung. Videos über Joggen führten über zu Videos über Ultra-Marathons. Es scheint, als könne man nie 'hardcore' genug für den Youtube-Algorithmus sein. Es verbreitet Videos, als müsste die Latte immer höher gelegt werden. Angesichts seiner Milliarden Nutzer muss Youtube eines der stärksten Instrumente der Radikalisierung sein."

Auch Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, das heute 29 Jahre alt wird, macht sich in einem offenen Brief bei seiner Webfoundation Gedanken über dieses Problem. Die großen Plattformen seien so mächtig geworden, dass sie inzwischen Kreativität ersticken und Meinungen kontrollieren könnten: "Wir haben bei den Plattformen selbst nach Antworten gesucht. Sie sind sich der Probleme bewusst und und machen Versuche, sie anzugehen - mit Auswirkungen auf Millionen von Nutzern. Die Verantwortung und Last solcher Entscheidungen liegt bei Unternehmen, die gebaut wurden, Profite zu maximieren, statt Gutes für die Gesellschaft zu tun. Ein gesetzliches oder regulatorisches Rahmenwerk, das gesellschaftliche Ziele festschreibt, mag derartige Spannungen lösen helfen." Seit diesem Jahr, so Berner-Lee, hat übrigens die Hälfte der Weltbevölkerung Internetzugang - was zugleich heißt, dass die andere Hälfte immer noch ausgeschlossen ist.
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Medien

Die taz führt eine Diskussion über die öffentlich-rechtlichen Sender. Der Medienjouralist Peter Stawowy ist ein Anhänger des Systems, das er behutsam renovieren möchte, und ruft deshalb: "Fakt ist: Die Gebühren-Diskussion, die schon viele Jahre tobt, nervt - und bringt uns keinen Schritt weiter. Vielmehr unterminiert sie die Akzeptanz des Ganzen."
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Gesellschaft

In der SZ berichtet Alex Rühle von der Münchner Konferenz "Architecture Matters", auf der alle, einschließlich der Investoren, über zu hohe Mieten und Bodenpreise klagten: "Wenn selbst ein Großinvestor wie Ulrich Höller von der German Estate Group, der sehr selbstbewusst sein beeindruckendes Gebäudeportfolio aufblätterte, mittlerweile sagt, die Politik solle ihm und seinen Bauherrenkollegen endlich strengere Rahmenbedingungen setzen, dann muss schon mächtig was faul sein im Gebälk."

Ebenfalls in der SZ meldet Julian Hans: "Sensation: Russischer Politiker räumt Fehler ein." Der Duma-Abgeordnete Leonid Sluzkij habe sich öffentlich für sexistische Übergriffe entschuldigt.
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