9punkt - Die Debattenrundschau

Auch im größten Stadtgedränge

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.12.2017. Warum hasst die Linke die Minderheiten der Minderheiten, fragt Kacem El Ghazzali in der NZZ. Die Berliner Zeitung schildert mit nüchternen Zahlen die Realität der Integration in Deutschland. Die Ehrung für Ken Jebsen könnte nach einen Gerichtsurteil nun doch im Berliner Kino Babylon Mitte stattfinden, berichtet die taz. Unterdessen solidarisiert sich Oskar Lafontaine auf Facebook mit dem Verschwörungstheoretiker.  Am 21. Dezember werden die Katalanen mal wieder wählen - und wissen selber nicht, was werden soll, konstatiert die taz.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2017 finden Sie hier

Europa

Der in Katalonien geborene Autor François Misser erklärt in der taz das Unabhängigkeitsstreben vieler Katalanen aus der Geschichte und durchaus mit Sympathie für die Separatisten - aber was die unmittelbare Zukunft angeht, hat auch er nur bange Fragen: "Sollte die Unabhängigkeitsbewegung aus den Wahlen des 21. Dezember als stärkste Kraft hervorgehen, kann sie der Frage, was sie damit anstellen will, nicht länger ausweichen. Wird sie das Unabhängigkeitsvotum vom 27. Oktober bestätigen, was zu einer erneuten Suspendierung der Autonomie führen würde? Wird sie Carles Puigdemont als Präsidenten anerkennen, auch wenn seine Partei nicht mehr die stärkste ist? Und wie wird sie mit ihren eigenen Aussagen umgehen, wonach das Unabhängigkeitsvotum nur 'symbolisch' gemeint war?"

Die Realität der Integration der Deutschtürken schildert Brigtte Fehrle in der Berliner Zeitung mit nüchternen Zahlen: "Dieser Tage ist eine Studie erschienen, wonach sich das Verhältnis der Deutschtürken zu den Deutschen deutlich verschlechtert habe. Das sagen 52 Prozent der Befragten. Nur ein Prozent gab an, dass etwas besser geworden sei. Als Grund gaben sie an, die deutsche Politik und die Medien würden Erdogan kritisieren. Über 70 Prozent finden die deutsche Kritik an der Türkei völlig oder zumindest teilweise ungerechtfertigt." Und 63 Prozent der Deutschtürken sprechen im Alltag nur oder überwiegend Türkisch.
Archiv: Europa

Kulturpolitik

Es könnte sein, dass die Ehrung des Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen im Berliner Kino Babylon Mitte nun doch stattfinden muss - so hat ein Gericht nach einer Klage der Veranstalter entschieden, die vom Kino hinausexpediert worden waren, berichtet Anna Lehmann in der taz. Das Kino hatte reagiert, nachdem der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, der das Kino großzügig subventioniert, die Veranstaltung auf Facebook kritisiert hatte (unsere Resümees). Der Parteivorstand der Linkspartei hat sich zwar mit einer Mehrheit von 18 zu 12 Stimmen von "Rechtspopulisten, Nationalisten, Verschwörungstheoretikern und Antisemiten" distanziert und sich mit Lederer solidarisiert. Aber Oskar Lafontaine ist damit nicht einverstanden, so Lehmann, und verweist auf dessen Facebook-Seite:  "Begriffe wie 'Verschwörungstheoretiker' oder auch 'Querfront' stammen aus dem Arsenal der Geheimdienste." Und schließlich: "Wen hat Ken Jebsen umgebracht?" In der Welt berichtet Martin Niewendick.

Religion

Der Papst hat immer neue Ideen, seufzt Alex Rühle in der SZ. Jetzt will er das Vaterunser ändern und zwar die Formel "und führe uns nicht in Versuchung": "Gott wolle den Menschen nie selbst in Versuchung führen. 'Ein Vater tut so etwas nicht', erklärte er. 'Ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen. Es ist Satan, der dich in Versuchung führt.'" Auch Jürgen Kaube kommentiert in der FAZ.
Anzeige
Archiv: Religion

Medien

Die Presse in Südafrika hat keinen sehr guten Ruf, reißerische, schlecht recherchierte und sich bei der Regierung anbiedernde Texte sind eher die Regel als die Ausnahme, schreibt Viola Schenz in der NZZ und empfiehlt statt dessen zwei Webseiten, die sich dem investigativen Journalismus verschrieben haben: Das vor zehn Jahren von dem Johannesburger James Myburgh gegründete Politicsweb und der 2009 von einem gebürtigen Jugoslawen gegründete The Daily Maverick: Man darf sie "für ihren Einsatz und für ihren Idealismus bewundern, sie bestreiten einen einsamen Frontkampf. Südafrikas Medien gehörten weltweit zu den am stärksten konzentrierten, bestätigt eine Studie der Columbia Business School: Vier große Medienhäuser teilen sich die gut 20 Tageszeitungen und knapp 30 Wochenzeitungen auf, und diese Medienhäuser wiederum befinden sich teilweise in der Hand von halbstaatlichen Industriekonglomeraten. Diese nehmen, auf Druck ihres Miteigentümers ANC, Einfluss auf redaktionelle Inhalte und über Werbung und Sponsoring auf das Redaktionsbudget."
Archiv: Medien
Stichwörter: Südafrika

Gesellschaft

In der NZZ entwirft Roman Bucheli eine Elegie auf die Telefonkabinen, die aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Schon der Geruch fehlt ihm, "vertraut bis in die Knochen", und die Enge: "Es gehört zum nicht unbeträchtlichen Mysterium dieser Orte, dass sie das Intimste mit dem Öffentlichen verbinden, dass hier das Individuum aus seiner Anonymität heraustritt und in einem Kollektiv der Gerüche und Stimmen all derer, die vor ihm in der Kabine waren, verschwindet. In der Enge zwischen den vier Wänden und in der Unsichtbarkeit auch im größten Stadtgedränge verwandelt sich Zerstreuung in höchste Konzentration. Ich kann mich kaum daran erinnern, je in einer Telefonzelle ein belangloses Gespräch geführt zu haben."
Archiv: Gesellschaft

Ideen

Dirk Knipphals liest in der taz François Julliens Büchlein "Es gibt keine kulturelle Identität", ein Plädoyer dafür, seine Identität nicht aus der Herkunft abzuleiten, und wendet seine Ideen auf die kulturalistischen Diskurse der neuen Rechten (aber seltsamerweise nicht der Multikulti-Linken) in Deutschland an: "Die Neue Rechte hat sich in dem kulturellen Feld einen aus ihrer Warte, wenn man nicht aufpasst, ziemlich attraktiven Platz für gesellschaftliche Auseinandersetzungen ausgesucht. Auch bürgerliche Kreise setzen bei Identitätsstiftung auf Kultur. Wie ernst man es, staatstragend, mit der Selbsthinterfragung meint, wird demnächst etwa das Humboldt-Forum in Berlin zeigen. Es könnte für die Spannungen innerhalb des Kulturellen ein gutes Beispiel werden. Oder auch nicht."

Warum ist die Linke so unermüdlich darin, Minderheiten zu verteidigen und dabei Kritik am Umgang der Minderheit mit ihren eigenen Minderheiten als rechts zu denunzieren? "Leider verwechseln auch viele Linke Kritik am Islam und an dessen patriarchalem System mit Bigotterie gegenüber Muslimen", beschwert sich der in Zürich lebende marokkanische Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ. "Dabei entstammen die meisten Islamkritiker der muslimischen Welt aus dem linken Spektrum. Doch die regressive westeuropäische Linke schenkt den Stimmen der Minderheiten innerhalb der Minderheiten - also Ex-Muslimen, Feministinnen, Homosexuellen, Liberalen -, die unter dem Tugend- und Suizidterror des politischen Islam und ihrer konservativen Gemeinschaften zu leiden haben, kein Gehör. Schlimmer noch: Islamkritiker müssen nicht nur wegen 'Blasphemie und Ketzerei' mit Todesdrohungen und Angriffen der Islamisten rechnen, sondern auch mit Verleumdungen, Unterstellungen und Rufschädigungen."

Außerdem: In einem ungeheuer wortreichen Essay, den die Welt aus dem Guardian übernimmt (hier das Original) erklärt Jonathan Franzen, wie in ihm, nachdem er mit dem Rauchen  aufhörte, die Ideen des Klima- und des Naturschutzes in Konflikt gerieten, und er dann in einem Essay für letzteren plädierte und kritisiert wurde. Und im Logbuch Suhrkamp erinnert Philipp Felsch an Niklas Luhmann, der in diesen Tagen neunzig Jahre alt würde.
Archiv: Ideen