Efeu - Die Kulturrundschau

Misanthropisch verstimmte Design-Hölle

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09.12.2017. Kino oder Theater? In Apichatpong Weerasethakuls "Fever Room" wird diese Frage immerhin interessant gestellt, freut sich die taz. War doch alles transparent, wehrt Bono in der SZ alle Vorwürfe wegen seiner Steuervermeidungstricks ab. Die Franzosen begleiten heute Johnny Hallyday auf seinem letzten Weg über die Champs-Elysées, meldet France Bleu. Die NZZ langweilt sich in der Scala.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2017 finden Sie hier

Bühne


"Fever Room". Foto: Kick the machine films

Der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul inszeniert gerade an der Berliner Volksbühne "Fever Room", quasi eine Fortsetzung seines letzten Films "Cemetery of Splendour". Ist das nun Theater oder Kino? taz-Kritiker Ekkehard Knörer möchte sich nicht festlegen, findet die Frage aber hier exzellent gestellt: Es ist Kino, nutzt aber den Raum: "Was hier geschieht, ist eigentlich einfach: Das Licht, ohne das im Kino nichts geht, bespielt nicht die Leinwand, sondern macht sie sich selbst: Die Projektion wird zur Leinwand. Das Licht reflektiert, with a little help from its friend, dem Trockeneisnebel, (über) das Kino. Wir im Zuschauerraum auf der Bühne sind mittendrin und werden von dieser spektakulären Light-Show berührt und ergriffen. Wer den Eröffnungsabend der Dercon-Volksbühne besucht hat, wird sich an den gebündelten Lichtstrahl auf Anne Tismers roten Mund erinnern. Auch Walter Asmus' Beckett-Inszenierungen waren aus Licht und Dunkelheit modelliert. 'Fever Room' erweist sich als erstaunlich verwandter Randgang."


Gog/Magog im Theaterdiscounter. Foto: Nils Broer

Gog und Magog
, zwei Völker, die die Welt auslöschen wollen, kennt die Bibel ebenso wie der Koran. Gog/Magog heißt auch eine vierteilige Serie der der Performance-Gruppe Internil, die gerade im Berliner Theaterdiscounter für ihren dritten Teil Israel ausgewählt haben. Nachtkritikerin Sophie Diesselhorst schlackern ganz schön die Ohren angesichts der politischen Propaganda, die Internil aus dem Netz gefischt hat: "So entstehen erhellende Momente, etwa wenn Hori Izhaki als rassistischer Rabbi jüdische Mädchen davor warnt, sich mit muslimischen Männern einzulassen ... Schon hat sich Marina Miller Dessau gegenüber in Positur geschmissen, sie tritt mit einer Hassrede von der jährlichen Al Quds-Demo in Berlin für den Antisemitismus an ('Israel ist ein Krebsgeschwür, die Zionisten werden uns alle vernichten!'). Selten sieht man die Fronten und ihre ideologische Energieversorgung so klar und so direkt nebeneinander - wie die Positionen ästhetisch weitergetragen werden, demonstriert im Folgenden ein wildes Mash-Up politischer Musikvideos, in denen israelische und Rapper aus arabischen Ländern sich vom Beat zu Mission Statements antreiben lassen."

Weitere Artikel: Auch Sophie Rois hat der Volksbühne gekündigt, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel.

Besprochen werden Günter Krämers Inszenierung von Schillers "Maria Stuart" am Josefstadt-Theater in Wien (Standard), Sascha Hawemanns Inszenierung von Ayad Akhtars "Geächtet" am Staatstheater Hannover (nachtkritik), "Ghost - Das Musical" im Berliner Theater des Westens (Tagesspiegel) und die Eröffnung der Mailänder Scala mit Giordanos Revolutionsoper "Andrea Chenier" (wie ein "Kostümschinken von anno dazumal", entsetzt sich Christian Wildhagen in der NZZ, ein "Abend erlesener Kostüme", spottet auch Klaus Georg Koch in der FAZ, Standard-Kritiker Bernhard Doppler ist sehr viel gnädiger, meint aber auch am Ende: "Eröffnungsglanz wollte sich nicht wirklich einstellen").
Archiv: Bühne

Kunst

Im Interview mit der taz Hamburg erklärt Ricarda Ciontos, Leiterin des Nordwind Festivals, was die Künstler aus nordischen Ländern mit afrikanischen Künstlern verbindet: das Postkoloniale, Abwehr des exotisierenden Blicks, Naturliebe, Schamanismus. Isabel Lott schreibt in der taz den Nachruf auf den Fotografen Hans Peter Stiebing. Die Zeit bietet eine Fotostrecke zur "Streetlife"-Ausstellung des Fotografen Willy Spiller in der Zürcher Bildhalle.

Besprochen werden Arbeiten von Lisa Pahlke und Richard Leue im Frankfurter MMK 3 (FR) sowie eine Ausstellung der Sammlung von Heidi Horten im Leopold Museum in Wien (Standard).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Leopold Museum, Schamanismus