9punkt - Die Debattenrundschau

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Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.11.2017. Sind westliche Werte westlich oder sind sie universal? Die Afrikaner haben nie von westlichen Ideen wie Demokratie und Aufklärung profitiert, meint der nigerianische Schriftsteller Chigozie Obioma im Guardian. In der NZZ widerspricht der Physiker Hans Widmer. In der Berliner Zeitung fragt sich die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan, wozu es gut sein soll, "mit Rechten zu reden". In Frankreich fliegen die Fetzen zwischen Edwy Plenel, der sich als Kollateralschaden in einem Krieg gegen den Islam sieht, und der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo, die ihn karikierte.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.11.2017 finden Sie hier

Ideen

Die Afrikaner haben nie von westlichen Ideen wie Demokratie und Aufklärung profitiert, meint der nigerianische Schriftsteller Chigozie Obioma im Guardian. Die Chinesen und die Länder des Nahen Ostens machten es besser, indem sie alle westlichen Einflüsse ablehnten. Zeit also, sich auf die eigenen Traditionen zu besinnen: "Der gangbarste Weg für die afrikanische Elite wäre es, die großen politischen und ideologischen Resourcen zu nutzen, auf denen erfolgreiche Zivilisationen aufbauten (die Zulu, die Igbo, die malischen Dynastien von Timbuktu, das Oyo-Imperium). In den meisten Igbo-Staaten gab es zum Beispiel ein egalitäres System, in dem ein älteres Mitglied eines Clans seine Leute im Ältestenrat repräsentierte. Es gab keine Könige oder Präsidenten. Vielleicht könnte man diese einmalige politische Struktur aufgreifen, um die westliche ersetzen, die bislang fehlgeschlagen ist."

Humanismus ist universal, er ist allen Ideologien überlegen und allen Menschen erreichbar. In Europa hat er sich trotz großer Ausbrüche von Barbarei durchgesetzt, meint dagegen der Physiker Hans Widmer in der NZZ. "Er ist nichts a priori Europäisches, sondern hier haben sich die menschlichen Möglichkeiten zufällig Bahn gebrochen. Glaubwürdig wird der Westen erst, wenn er sich auffängt (was ein weites Feld ist); wenn er statt eigennütziger Anbiederung unter dem Segel der Toleranz Selbstachtung ausstrahlt. Mit Religion muss er niemandem kommen, denn alle haben schon eine - was sie nicht haben, ist Selbstbestimmung im Rechtsstaat."
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Europa

Im Namen des souveränen Staates wendet sich der ehemelige Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm in der FAZ gegen Emmanuel Macrons Forderungen einer stärkeren Integration der EU: "Käme es zu einer Übertragung der Souveränität von den Mitgliedstaaten auf die EU, wäre diese damit, gleich ob man sich das bewusstgemacht hätte oder nicht, in einen Staat verwandelt. Wenn Präsident Macrons Neugründungsidee das gebräuchliche Souveränitätsverständnis zugrunde liegt, muss man also annehmen, dass er eine Verstaatlichung Europas anstrebt."
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Gesellschaft

Wozu soll das gut sein - mit Rechten reden? Das fragt sich in der Berliner Zeitung die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan, die das Projekt "An einem Tisch" mitorganisiert, das Menschen mit Migrationserfahrung zu einem Abendessen einlädt. "Dank dieses Projekts kenne ich Menschen, die aus Syrien geflüchtet sind und in Europa ein neues Leben aufbauen, die in Eritrea Militärdienst geleistet haben oder wegen ihrer politischen Meinung im iranischen Gefängnis saßen. Wie wertvoll solche Begegnungen sind, was für ein Gewinn! Doch welcher Gewinn liegt in der Begegnung mit rechten Sprachrohren wie Spencer und Kubitschek, die ein Geschäft aus ihrer Ideologie gemacht haben, die alle Antworten bereits gefunden zu haben scheinen, die nicht hören, sondern Recht haben wollen?"

Für Jana Hensel ist Sexismus im Büro vor allem Machtsicherung. Denn die Männer, meint sie auf Zeit online, haben Angst vor dem Abstieg, der mit dem Aufstieg der Frauen einhergeht: "Man darf diese Angst nicht unterschätzen, man darf sie nicht bagatellisieren. Sie hat gute Gründe: Denn die Arbeitswelt ist für Männer, anders für Frauen, der fast einzige Bereich im Leben, aus denen sie Sinn schöpfen, der ihnen eine Identität und Halt gibt. Familien können, anders als für Frauen, Männern diese Stabilität nicht ersetzen."

In der Berliner Zeitung fühlt sich die Schauspielerin Annette Frier angesichts der Sexismusdebatte zunehmend unwohl, weil sie sexuelle Übergriffe so weit in die komplexe Beziehung zwischen Mann und Frau hineinverlegt. Um die Balance zu halten, sollte frau gelegentlich einen Blick auf das eigene Verhalten werfen: "Wo bin ich selbst eigentlich anfällig dafür, Macht auszuüben? Wie nutze ich als Mutter meine argumentative Überlegenheit gegenüber den eigenen Kindern aus? Wie verhalte ich mich im Beruf? Spiele ich damit, wie ich auf Männer wirke - besonders dann, wenn es 'wichtige' Männer sind? Nehme ich in Besprechungen Blickkontakt vor allem zu denen auf, die etwas zu sagen haben, weil es mir auf sie ankommt, egal, ob Mann oder Frau?"
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Medien

Die Fetzen fliegen in Frankreich zwischen Edwy Plenel, dem ehemaligen Chefredakteur von Le Monde und Gründer von Médiapart, der stets ein großer Verteidiger Tariq Ramadans war, und der Satire-Zeitschrift Charlie hebdo, die Ramadan nach Vergewaltigungsvorwürfen als "sechsten Pfeiler des Islams" und Edwy Plenel als Abwiegler karikierte (unser Resümee). Plenel verzeiht die Karikatur nicht und spricht auf dem Sender Franceinfo von einem "Krieg gegen die Muslime, einer Diabolisierung des gesamten Islams und der Muslime". Man habe es mit einer Linken zu tun, "die nicht mehr weiß, wer sie ist, die sich unter jedem Vorwand mit einer identitären Rechten verbündet".

Darauf antwortet Riss, der jetzige Herausgeber von Charlie hebdo im Editorial der heute erscheinenden Ausgabe (zitiert bei Le Monde): "Charlie hebdo will gegen niemand Krieg führen. Diesen Satz werden wir niemals verzeihen. Plenel veruteilt mit diesem Satz Charlie hebdo zum zweiten Mal zum Tode. Dieser Satz ist keine Meinung mehr, sondern ein Aufruf zum Mord."

Im Interview mit Bertrand Pecquerie vom Global Editors Network, deutsch in der FAZ, fordert der Charlie-hebdo-Chefredakteur Gérard Biard nach neuen Morddrohungen gegen die Redaktion die sozialen Netze zur Aktion auf: "Es braucht Gesetze, damit gewährleistet wird, dass die Eigentümer und Betreiber von sozialen Netzwerken juristisch verantwortlich sind für das, was in ihren Netzwerken passiert, so wie ein Verleger für den Inhalt seiner Zeitung juristisch verantwortlich ist. Diese Leute wissen genau, wie sie weniger Steuern zahlen, also sollten sie auch in der Lage sein, wirksame Filter einzubauen. Diese Leute sind ja kleine Genies, und das müssen sie beweisen."
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Geschichte

Arno Widmann bespricht für  die Berliner Zeitung Hermann Pölkings riesigen Dokumentarfilm über das originelle Thema "Hitler": "Für den Film wurden in 120 Archiven in 14 Ländern Quellen ausgewertet, 850 Stunden Film gesichtet. Die Arbeit am Film ist ein imponierender Kraftakt. Wenn ich sage, er teile mir nichts Neues mit, dann ist das wahr. Und es ist eine schreckliche Wahrheit, denn am Ende hat ein Berg gekreißt und ein Mäuslein geboren."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Pölking, Hermann

Internet

Nach den neuesten Enthüllungen über die Kontakte zwischen Wikileaks und Donald Trump jr. (unser Resümee), bei denen vor allem herauskam, dass Wikileaks eine ganz eigene Agenda verfolgt, kommentiert Jörg Wimalasena in der taz: "Vielleicht hat sich die Idee von Wikileaks aber auch selbst überholt, seit es Journalisten gelingt, große geleakte Datenmengen selbst auszuwerten - und das nach den ethischen Standards der Branche."

Außerdem: Der Guardian berichtet, dass Russland offenbar von 400 gefälschten Twitter-Konten aus die Brexit-Kampagne beeinflusst hat.
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Kulturpolitik

Wer hat eigentlich behauptet, das Münchner Konzerthaus werde am Ende um die 370 Millionen Euro kosten? Gerhard Matzig hat für die SZ herumgefragt bei Architekten, Jurymitgliedern und Behörden, aber niemand will es gewesen sein. Man kann über die Kosten eigentlich auch noch nichts sagen, weil die Planung noch nicht fertig ist. Aber der Wunsch nach einer Zahl ist verständlich, gibt Matzig zu. Immerhin gibt es bei öffentlichen Großprojekten laut einer Studie in Deutschland eine durchschnittliche Kostensteigerung von 73 Prozent! Umso wichtiger ist es für Matzig, keine ungeprüften Zahlen in den Raum zu werfen: "Eine Bitte an die Politik und andere Möchtegern-Bauherren: Erbarmt euch, lasst die Fachleute vorher ihre Arbeit machen, damit hinterher nicht schon wieder die Kosten explodieren."

Wie kommt ein Kino wie das Babylon in Berlin-Mitte eigentlich auf die Idee, eine Veranstaltung des extremistischen Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen in sein Programm aufzunehmen (so sah es auf der Website des Kinos jedenfalls aus, unser Resümee). Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer hatte sich auf Facebook entsetzt über die Veranstaltung geäußert und dem Wunsch Ausdruck gegeben, dass das Kino die Veranstaltung absetzt. "Genau das hat Babylon-Chef Timothy Grossman nun getan", berichtet Erik Peter in der taz, "wohl aber ohne von der Richtigkeit dieses Schrittes überzeugt zu sein. Auf Nachfrage der taz reagierte das Kino barsch - für eine Auskunft stehe man nicht zur Verfügung." Zu ergänzen wäre der taz-Artikel allenfalls um das Detail, dass als Laudator für Jebsen tazler Mathias Bröckers annonciert war.