Efeu - Die Kulturrundschau

Risse im Körpergefühl

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14.07.2017. In Moskau wurde ein Ballett über das schwule Tanzgenie Rudolf Nurejew abgesetzt, meldet die taz. In der Welt erklärt John Lydon: Erwachsene lügen. Vorbildlich findet die SZ die Gartenstadt in Puchenau bei Linz.

Bühne

Ein Ballett über Rudolf Nurejew darf am Moskauer Bolschoi-Theater  nicht gezeigt werden. Die Premiere wurde offiziell auf nächsten Mai verschoben (die Welt berichtete bereits, unser Resümee). In der taz schreibt Klaus-Helge Donath: "Hinter der Verschiebung soll Kulturminister Wladimir Medinski stecken, berichtete die staatliche Agentur Tass zunächst. Der Minister befürchte, die Aufführung könnte Homosexualität unter Jugendlichen anpreisen. Seit 2013 gibt es ein Gesetz, das die 'Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen' unter Jugendlichen verbietet. Das Kulturministerium streitet ab, sich eingeschaltet zu haben: 'Wir greifen nicht in die Auswahl des Repertoires ein und üben auch keine Zensur aus', teilte die Behörde mit. Sie folge nur dem Vorschlag des Theaterdirektors Wladimir Urin, der den Aufschub mit der 'dürftigen' Vorbereitung der Balletttruppe begründete. Dies dürfte jedoch erst nach dem Gespräch mit dem Minister gewesen sein."

Weiteres: Regine Müller berichtet in der NZZ vom Opernfestival in Aix en Provence. Besprochen werden Mozarts "La Clemenza di Tito" in Baden-Baden und Karlsruhe (FAZ), Verdis "Rigoletto" im Steinbruch von St. Margarethen (Standard),
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Kunst

In der taz berichtet Ingo Arend über die türkische Kunstbiennale Sinopale.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Zeichnungen von Peter Handke in der Berliner Galerie Klaus Gerrit Friese (FAZ), die Ausstellung "Art et Liberté: Umbruch, Krieg und Surrealismus in Ägypten (1938-1948)" in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW (art), die Ausstellung "Vorsicht Kinder! geschützt, geliebt, gefährdet" in der Berliner Humboldt-Box (Tagesspiegel).
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Film



Der neue "Spiderman"-Film, mit dem nun auch nach lizenzrechtlichen Problemen der prominenteste Superheld aus den Marvel-Comics als fester Bestandteil in die Filmreihe des "Marvel Cinematic Universe" integriert wird, hat Perlentaucher Lukas Foerster kalt gelassen. Ein Anlass für den Kritiker, mal genauer über das "Cinematic Universe" nachzudenken: "Alle Marvel-Filme drängen das Übermenschliche am Superhelden in den Hintergrund und konzentrieren sich stattdessen auf aufwändig designte Gadgets, die von außen auf die Superheldenkörper appliziert werden", lautet sein Befund im Perlentaucher. "Superheld zu sein bedeutet in den Marvel-Filmen nicht mehr, mit etwas Unerklärlichem in sich selbst konfrontiert zu sein, sondern lediglich, den eigenen Körper als Ausgabegerät einer weitgehend extern ablaufenden Programmierung zu begreifen." Im Standard plaudert Dominik Kamalzadeh mit dem Marvel-Produzent Kevin Feige. Weitere Besprechungen im Standard und in der SZ.

Besprochen werden Marc Webbers "Begabt" (FR), die Serie "Culpa" (FR), Nana Ekvtimishvilis und Simon Gross' "Meine glückliche Familie" (Tagesspiegel), João Pedro Rodrigues' "Der Ornithologe" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier).
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Literatur

In der SZ erinnert Lothar Müller an die vor 200 Jahren gestorbene Schriftstellerin Madame de Staël. Denis Scheck fügt in der Welt Jane Austens "Stolz und Vorurteil" seinem wöchentlich aktualisierten Literaturkanon hinzu.

Besprochen wird Olga Grjasnowas "Gott ist nicht schüchtern" (FR), S. Corinna Billes "Für immer Juliette" (NZZ), Ian Burumas "Ihr gelobtes Land" (NZZ), Sloterdijks "Nach Gott" (taz) und eine Ausstellung von Peter Handkes Zeichnungen in Berlin (FAZ).
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Stichwörter: Jane Austen

Architektur

Wer wissen will, wie umwelt- und menschengerechtes Wohnen sich mit boden- und energiesparendem und kostengünstigem Städtebau verbinden lässt, sollte sich die von Roland Rainer zwischen 1967 und 2000 entworfene Gartenstadt in Puchenau bei Linz ansehen, empfiehlt Reinhard Seiß in der SZ. Tobias Sedlmaier besucht für die NZZ das akustische Probetraining in der neuen Zürcher Tonhalle Maag.

Besprochen wird die Ausstellung "The City Is Ours" im Museum of London (Guardian).
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Musik

61 ist John Lydon alias Johnny Rotten heute, er lebt in Los Angeles und pflanzt gern Blumen an, erzählt er im Interview mit der Welt und erklärt, wer ihn am stärksten geprägt hat: "Shakespeare hatte einen großen Einfluss auf mein Leben. Ebenso wie Oscar Wilde. Oder Gandhi mit seiner Philosophie des gewaltfreien Widerstands. Meine katholische Schule hingegen war nicht sehr hilfreich dabei, dass ich meine eigene Identität finden konnte. Die Nonnen konnten nicht akzeptieren, dass ich Linkshänder bin und wollten mich umtrainieren wie ein Zirkustier. Sie glaubten, Linkshänder seien ein Werk des Teufels. An der Schule musste ich erstmals schmerzhaft feststellen: Erwachsene lügen und manipulieren gnadenlos. Sie können dich damit verletzen und dir einen Schaden zufügen in wirklich unverantwortlichem Maße. Und so passiert das auch heute noch in der Politik und der Religion. Das gilt es zu bekämpfen."

Weitere Artikel: In der taz empfiehlt Lorina Speder das Berliner Experimentalmusikfestival "Bohemian Drips: Speicher". Und Annika Glunz hat sich für die taz mit der Postpunkband Tics aus Köln getroffen. Den Tagesspiegel-Lesern empfiehlt Udo Badelt das Berliner Klassikfestival "New Life", das Musik geflüchteter jüdischer Komponisten präsentiert. Jürg Zbinden schwärmt in der NZZ für Céline Dion ("sie ist untätowiert und bis auf zwei Ohrlöcher nicht gepierct"). Regisseur Harmony Korine gibt auf Pitchfork Einblick in die Platten, mit denen er aufgewachsen ist.

Besprochen werden "Also sprach Zarathustra" von Laibach (The Quietus), das neue Album von Broken Social Scene (taz), das Debüt von Mura Masa (Welt), Konzerte von Nomfusi Gotyana und Cyrille Aimée (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Japanese Breakfast (ZeitOnline, The Quietus).


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Stichwörter: John Lydon