Efeu - Die Kulturrundschau

Zwischen Schrulligkeit und Dunkelheit

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03.03.2017. Die SZ staunt, wie in der Albertina aus dem Erotomanen Egon Schiele ein Asket wird. In der Zeit hat Maren Ade beobachtet, wie die amerikanische Perfektion zusammenstürzt. Die NZZ lässt sich von giftiger Literatur humanisieren. Außerdem beklagt sie den bevorstehenden Abriss architektonischer Beton-Meisterwerke in Indien. Das art-magazin fordert kritischen Populismus in der Kunst. Und die Welt erfährt: Andy Warhol hasste Donald Trump.

Kunst



(Bild: Egon Schiele, Zwei Freundinnen, 1915, Szépművészeti Múzeum, Budapest.)

Für die SZ hat sich Almuth Spiegler Egon Schieles zeichnerisches Werk in der Albertina angesehen. Die Ausstellung will den "Erotomanen" Schiele ganz bewusst zum "spirituell Liebenden" umdeuten, so Spiegler: "Die Körper sind ausgesetzt im Nichts, und wenn schon nicht auch ausgezogen, dann doch all ihrer weltlichen Statusstützen beraubt, es fehlen die Sessel, auf denen die Modelle sitzen, die Gegenstände, die sie doch offensichtlich halten, es fehlt der Boden, auf dem sie stehen, dem Cello-Spieler gar das Cello."

Im Welt-Interview mit Dagmar von Taube spricht der New Yorker Gesellschaftsreporter Bob Colacello, der nun seine erste Ausstellung in der Vito Schnabel-Gallery kuratiert, über ein "surrealistisches" Amerika, Donald Trump und seine Freundschaft zu Andy Warhol: "Er hat Trump gehasst. Donald hatte Porträts des Trump Towers in Auftrag gegeben. Als er die Bilder sah, sagte er: 'Ich hasse sie!' Und wollte nicht zahlen. Andy verteufelte ihn dafür, dass er seine Bilder nicht gekauft hat, er schrieb darüber in seinem Tagebuch."

In der FAZ berichtet die Kunstwissenschaftlerin Annette Tietenberg von der neuen, inzwischen zweiten Rekonstruktion von El Lissitzkys "Kabinett der Abstrakten", das 1927 in Hannover zur Emanzipation des Kunstbetrachters entworfen wurde: "Während für El Lissitzky und Alexander Dorner die Erziehung der großen Masse des Publikums im Vordergrund stand, näherten sich die Besucher der ersten Rekonstruktion verhalten einem trüben Gedächtnisort, der von kollektiver Schuld, von Trauer und Verlust zu erzählen wusste. Heute hingegen betreten Rezipienten, die es gewohnt sind, im Feld der Kunst zu agieren, selbstbewusst und unbefangen eine farbenfrohe Bühne. Sie halten es für selbstverständlich, selbst im Zentrum des Geschehens zu stehen."

Weiteres: Im art-magazin ist Raimar Stange ein wenig erschöpft von kritischer Kunst, die sich hinter den alten Strategien der verkünstelten Konzeptkunst versteckt. Wir brauchen "kritischen Populismus" in der Kunst, fordert er, wie jüngst in Dresden, wo der syrische Künstler Manaf Halbouni drei Busse vor der Frauenkirche in den Boden gerammt hat. In der FAZ gratuliert Freddy Langer dem experimentellen Fotografen Floris Neusüss, der mit seinen "Nudogrammen" berühmt wurde, zum 80. Geburtstag.

Besprochen wird: Die Marina Abramovic-Ausstellung "The Cleaner" im Moderne Museet Stockholm (FAZ). Nachrufe zum Tod des Aktionskünstlers Gustav Metzger bringen FAZ und SZ.

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Literatur

In der NZZ beschreibt der niederländische Schriftsteller Abdelkader Benali seine Liebe zur Literatur. Sie humanisiere, sagt er - insbesondere auch in ihrer Konzentration auf menschliche Abgründe: "Uns [bleibt] die Aufgabe, das Menschliche zu entdecken, das uns dann doch geblieben ist. Wir brauchen die Immoralität des anderen, um uns als Menschen zu fühlen. Die dünne Grenze zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit hält uns wachsam. ... Die Literatur führt uns so nah an unsere Dämonen heran, dass wir nicht anders können, als sie anzuerkennen. Sie ist ein giftiges Gegengift."

Weiteres: Markus Ehrenberg spricht im Tagesspiegel mit Thea Dorn, die ab heute den vakant gewordenen Platz von Maxim Biller im Literarischen Quartett des ZDF übernehmen wird. Bei der Buchmesse in Vilnius erlebt NZZ-Autor Felix Ackermann die litauische Bevölkerung als geradezu buchbesessen. Ijoma Mangold spricht im ZeitMagazin mit Heike-Melba Fendel. Gregor Dotzauer schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den SZ-Literaturchef Christopher Schmidt.

Besprochen werden Alissa Walsers "Eindeutiger Versuch einer Verführungs (NZZ), Julian Barnes' "Der Lärm der Zeit" (NZZ), Jan Schomburgs "Das Licht und die Geräusche" (Tagesspiegel), die von Martin A. Völker herausgegebene Wiederveröffentlichung von Gerhard von Amyntors 1881 veröffentlichtem Buch "Eine moderne Abendgesellschaft - Plauderei über Antisemitismus" (Tell), Johannes Groschupfs "Lost Boy" (Tagesspiegel), Robert Macfarlanes "Alte Wege" (taz), Andreas Stichmanns "Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk" (SZ) sowie neue Krimis von Jerome Charyn und Jérôme Leroy (Perlentaucher).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unsere aktuellen Bücherschau.
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Film


Eine reiche Epoche: Szene aus Emilio Fernández' "Salón México" (1949)

Gerhard Midding schwärmt im epdFilm-Blog von den mexikanischen Melodramen aus den 40ern, die das Berliner Zeughauskino in einer Reihe zeigt: "Es gilt, eine reiche Epoche zu besichtigen. Das mexikanische Kino der 1940er Jahre spiegelt den ökonomischen Boom des Landes wieder, zeigt eine Gesellschaft in Bewegung, im Aufbruch. ... Es herrschte eine kosmopolitische Atmosphäre."

Katja Nicodemus hat sich nach der Oscarverleihung für die Zeit mit Maren Ade unterhalten, die als nominierte Regisseurin zur Gala eingeladen war. Der "Moonlight"-Fauxpas am Ende des Abends hat sichtlich Eindruck hinterlassen: "Es war das Verrückteste, Krasseste, was ich je auf einer Preisverleihung erlebt habe. Die Fassungslosigkeit der Leute. Die Panne im dramaturgisch richtigen Augenblick bei der letzten Oscar-Kategorie. Zu erleben, wie die amerikanische Perfektion zusammenstürzt. ... Auf einmal wirkte es so, als ob da jeder gewinnen, hochgehen und eine Rede halten könnte." Hochgehen konnte dann aber unter anderem "Moonlight"-Regisseur Barry Jenkins, mit dem sich Bert Rebhandl im Standard unterhält.

Weiteres: Im Blog des Harun Farocki Instituts berichtet Stipendiat Kevin B. Lee von seinen Erfahrungen als Angestellter eines Video-on-Demand-Anbieters, wo er wegen eines Videoessays erst gefeuert wurde, dann aber, als es viral ging, am selben Tag wieder angestellt wurde. Katrin Gänsler berichtet in der taz vom Filmfestival in Burkina Faso, wo Filme über das Leben und die Erfahrungen afrikanischer Frauen im Vordergrund stehen. Im Tagesspiegel schreibt Isabella Reicher über die Retrospektive, die das Berliner Kino Arsenal der tschechischen Dokumentarfilmemacherin Helena Treštíková widmet. Christian Meier berichtet in der Welt von einem aufwändigen Pressjunket, bei dem Netflix der Presse sein europäisches Programm schmackhaft machen will.

Besprochen werden Martin Scorseses "Silence" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Raoul Pecks "Der junge Karl Marx" (ZeitOnline), Ira Sachs "Little Men" (Tagesspiegel), Marcel Mettelsiefens für den Oscar nominierter Dokumentarfilm "Das Schicksal der Kinder von Aleppo" (NZZ, hier in der ZDF-Mediathek) und der Superheldenfilm "Logan" mit Hugh Jackman (FAZ).
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Musik

In der taz stellt Diviam Hoffmann den Bassisten Thundercat aus Los Angeles vor, der auf so ziemlich jedem Album, das in den jüngsten Jahren bei der Popkritik eingeschlagen ist, mitgewirkt hat und jetzt sein Album "Drunk" vorgelegt hat. Darauf offenbare sich ein "zwischen P-Funk-Weltraumfeeling und Electronica, Schrulligkeit und Dunkelheit oszillierendes Universum". Auf Youtube kann man es sich anhören:



Rita Argauer unterhält sich für die SZ mit Daniel Barenboim, der am Wochenende in Berlin endlich seinen von Yasuhisa Toyota konzipierten Pierre-Boulez-Saal eröffnen kann. Dieser sei "absolut einzigartig, weil er oval ist. Es ist nicht rechteckig, wie die alten Säle, noch ist er rund wie die neueren. Er ist variabel. Man kann die Bühne dort an eine konventionelle Stelle oder aber auch in die Mitte stellen. Man kann die Stühle stellen, wie man will, sie drehen oder sie ganz herausnehmen. Und ich träume von Konzerten ohne Stühle, im Stehen. Oder besser noch: von Konzerten, bei denen das Publikum auf Teppichen sitzt." Das morgige Eröffnungskonzert wird im Internet ab 18 Uhr live auf arte.tv übertragen.

Weiteres: Frederik Hanssen porträtiert im Tagesspiegel die auf Schubert spezialisierte chinesische Pianistin Ran Jia. Im ZeitMagazin plaudert Christoph Dallach mit Debbie Harry und Chris Stein über die Geschichte ihrer Band Blondie. Für die Welt porträtiert Paulina Czienskowski die deutsche Soulsängerin Joy Denalane.

Besprochen werden das Debüt von Zeal & Ardor (Standard), das neue Album von Run The Jewels (taz), das neue Album der Sleaford Mods (The Quietus), Lisa Whos "Sehnsucht" (taz), ein Konzert von Naseer Shamma (Tagesspiegel), eine Aufführung von Schuberts Liederzyklus durch Florian Boesch und Malcolm Martineau (Standard) und ein Konzert von Paavo Järvi und dem japanischen NHK Symphony Orchestra (Tagesspiegel).

Außerdem jetzt online: Das hr-Sinfonieorchester unter Philippe Herreweghe mit Robert Schumanns "Das Paradies und die Peri", eine Aufnahme vom 17. Februar.


Archiv: Musik

Bühne

Zum Abschied wird Frank Castorf heute einen sechs- bis siebenstündigen Faust auf die Volksbühne bringen, verkündet die Berliner Zeitung. Die Welt bringt im Feuilleton-Aufmacher deshalb einen Rückblick auf die wichtigsten Faust-Inszenierungen seit 1829.
 
In der SZ stellt Cornelia Fiedler den Dramatiker Konstantin Küspert vor, dessen Stück "das ende der menschheit" aktuell in Dresden gespielt wird. In seinen Science-Fiction-Stücken "seziert Küspert gängige Diskurse, entlarvt in komischer Zuspitzung all die fatalen Beschönigungen und Verdrehungen unserer Alltagssprache. In 'das ende der menschheit' sind es beispielsweise 'verunsicherte Bürger', die im Jahr 2021 bei Ausschreitungen gegen Menschen der neuen, letzten Generation, der geschlechtslosen 'Gen0', ein Baby totschlagen."  

Besprochen wird: Der von der Company "Gauthier Dance" inszenierte Tanzabend "Big Fat Ten" im Theaterhaus Stuttgart (FR) und Torben Ins' Studie "Transformationen des Theaters in Ostdeutschland zwischen 1989 und 1995" (nachtkritik)
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Architektur

In Delhi sollen mit der von dem Architekten Raj Rewal vor 45 Jahren auf dem "Pragati Maidan" Messgelände realisierten Hall of Nations, der Hall of Industries und dem Nehru Pavillon aller internationalen Einwände zum Trotz drei Meisterwerke indischer Architektur einem modernen Tagungszentrum weichen, berichtet Britta Petersen in der NZZ: "Jahrelang galt die Hall of Nations - das erste und bis heute größte Ortbeton-Fachwerk der Welt - als Symbol der indischen Hauptstadt. Sie wurde zur 25-Jahr-Feier der Unabhängigkeit erbaut und zierte Briefmarken und Werbebroschüren für Touristen. Aufbruchstimmung und Optimismus der 1970er Jahre spiegeln sich in der Halle. Das Raumfachwerk von knapp 80 Metern Spannweite überzeugt auch heute noch durch Leichtigkeit und Eleganz - wie die 'Jalis' genannten Gitterelemente der traditionellen indischen Architektur, die Rewal inspiriert haben. Doch heute wollen viele vom Sozialismus der damals regierenden Kongresspartei, an deren große Zeit die Bauten erinnern, nichts mehr wissen."

Niklas Maak kann in der FAZ die Vergabe des Pritzker-Preises an das spanische Architektentrio Aranda, Pigem und Vilalta nicht nachvollziehen: "Das Weingut Bell-Lloc wäre ein gutes Haus für einen Bond-Bösewicht. Aber sonst? Bauten sie ein Altersheim, dessen überdesignte, sargschwarze Gebäude sich zu allem Überfluss um einen alten Schornstein herumgruppieren, was der Anlage insgesamt etwas unschön Krematoriumshaftes gibt, und einen kreischbunten Kindergarten, der aussieht wie ein umbautes Exerzierfeld, das man im letzten Moment unter Einsatz schrillster Farben auf Nutzung durch kleine Menschen ummodeln wollte."

In der SZ findet Gerhard Patzig die Entscheidung hingegen "mutig": Zum ersten Mal ein Trio, endlich wieder eine Frau, "vor allem aber geht der Pritzker-Preis 2017 auch endlich einmal an Architekten, die nicht schon längst vom Glamour prestigeträchtiger Baukunst und serieller Signature Architecture umwabert sind."

Besprochen wird: Die Ausstellung "Making Heimat" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, die Flüchtlingsbauten in Deutschland präsentiert. (FR)

Archiv: Architektur