9punkt - Die Debattenrundschau

Was macht die Frauen stark?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.02.2017. Ilija Trojanow  schildert in der taz die Folgen einer globalisierten Textilindustrie für Pakistan. Donald Trump ist trotz Putin-kritischer Äußerungen aus seiner Russland-Bredouille noch nicht raus, insistiert die New York Times. Slawomir Sierakowski hat in Project Syndicate  das Rezept gegen den Rechtspopulismus gefunden: Frauen. Correctiv.org möchte vom Erzbistum Köln wissen, in welche Aktien es investiert. In der NZZ fordert die Politologin Silja Häusermann die Linke auf, sich ihrer universalistischen Ideen zu besinnen.

Politik

Ilija Trojanow war in Pakistan und hat Textilfabriken in Karatschi besucht  und schildert in der taz seinen katastrophalen Eindruck: "Die Gewerkschafter führen weiterhin einen fast aussichtslosen Kampf gegen die allmächtigen Fabrikeigentümer, die mit der Politik und der Armee eng vernetzt sind. Die staatlichen Sicherheitskontrollen erfolgen pro forma, internationale Standards werden selten eingehalten. Die Auftraggeber aus Deutschland, Spanien, Schweden und England drücken ständig auf die Preise. 'Kein Auftrag ohne heftiges Schachern', wie ein Manager bitter bemerkt. An den grundsätzlichen Verhältnissen massiver Ausbeutung und Erniedrigung hat sich nichts geändert."'

Donald Trump lässt nun zwar verkünden, dass er Russland auffordert, die Krim freizugeben, aber um zu verstehen, dass sein Problem mit Russland ist noch nicht vorüber ist, muss man nur den heute meist retweeten New-York-Times-Artikel lesen: "Telefonaufzeichunungen und abgehörte Gespräche zeigen, dass Mitglieder von Donald Trumps Wahlkampfteam und andere Trump-Mitarbeiter innerhalb des Jahrs vor der Wahl wiederholte Kontakte mit russischen Geheimdienstoffiziellen, sagen vier aktuelle und ehemalige amerikanische Geheimdienstbeamte."

Slawomir Sierakowski hat in einem Text für Project Syndicate (deutsch auch in der Welt) das Rezept gegen den Rechtspopulismus gefunden: Frauen. "Jaroslaw Kaczynski ist in Polen nur einmal zurückgewichen - als die Frauen gegen das von ihm geplante totale Abtreibungsgesetz protestierten. Und auch Trump sah sich einem riesigen Frauenprotest konfrontiert (was nicht heißt, dass er keine Politik gegen Frauenrechte treibt). Was macht die Frauen stark? "Zunächst einmal sind die Frauen jeder anderen einzelnen sozialen Gruppe zahlenmäßig überlegen: Schwarzen, Latinos, der Linken, der Rechten, Liberalen, Konservativen und Protestanten. Es gibt mehr Frauen als weiße Männer in den USA - in Polen übrigens auch. Und, was besonders wichtig ist: Es gibt viel mehr Frauen als Populisten... Die Welt ist voller Frauen und sie sind alle, in unterschiedlichem Maße, mit Diskriminierung konfrontiert. So wird aus den Frauen eine Art revolutionäre Klasse im marxistischen Sinne."
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Gesellschaft

In der FAZ hat es vor einigen Wochen ein großes kulturkritisches Händewringen gegeben, weil die Deutsche Bibliothek die Leser angeblich zwinge, die Bücher in digitaler Fassung zu lesen. Biblitohekare antworten heute und betonen, dass Leser, die darauf bestehen, nun auch weiterhin die gedruckten Ausgaben nutzen dürfen, auch wenn gedruckte Bücher durch die Nutzung verschlissen werden. Die FAZ verkauft diese Antwort als "Innenansicht einer spektakulären Wende".

Und hier eine wirklich nützliche Information: Der Figaro benennt in eiskalter Recherche die sechs besten Fromagères de Paris.
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Ideen

Es ist nicht verfehlte Sozialpolitik, die ursprünglich linke Wähler zu den Rechten treibt, meint in der NZZ die Zürcher Politikwissenschaftlerin Silja Häusermann. Der Konflikt sei eher kultureller Art und dazu müsse sich die Linke positionieren: Nicht wie Corbyn, nicht durch Rückbesinnung aufs Nationalistische, sondern durch eine "universalistische Gesellschafts- und Sozialpolitik. Dies bedeutet einerseits die konsequente Verteidigung der gesellschaftsliberalen Errungenschaften, was gerade im aufgeheizten gegenwärtigen Klima Mittelklassestimmen nicht nur halten, sondern anziehen könnte. Anderseits würde diese Strategie einen stärkeren Akzent auf soziale Investitionspolitik bedingen - 'predistribution' im Begriff des Yale-Professors Jacob Hacker. Damit gemeint ist eine Politik, die ökonomische Prekarität und Ungleichheit ex ante zu verhindern sucht, statt sie ausschließlich durch Sozialleistungen ex post zu korrigieren."
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Religion

Mit naivem Optimismus berichtet Annika Joeres von einer Initiative des Rechercheteams Correctiv.org. Man will wissen, wie das Erzbistum Köln, das jährlich  627 Millionen Euro  aus dem gewaltigen deutschen Kirchensteueraufkommen erhält und rund 2,5 Milliarden Euro, etwa in Aktien, auf die hohe Kante gelegt hat, sein Geld investiert. "Weil wir der Meinung sind, dass die Öffentlichkeit über die Investitionen der katholischen Kirchen informiert sein sollten, klagen wir gegen die erzbischöflichen Heimlichtuer vor dem Verwaltungsgericht Köln auf Auskunft. Es ist eine exemplarische Klage. Bekommen wir Recht, müssten auch alle 27 katholischen Bistümer und alle 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland offenlegen, wie sie ihr Vermögen investiert haben."
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Überwachung

Andy Greenberg schildert in Wired die aktuellen Aktivitäten Edward Snowdens: Er engagiert sich seit einiger Zeit in der Freedom of the Press Foundation, wo er Antworten auf die Frage sucht, wie Journalisten heute noch, in einem Zeitalter erodierender Privatsphäre, ihre Quellen schützen können. Der im Videointerview befragte Snowden selbst sagt: "Newsrooms haben heute weder das Budget, die Ausstattung oder die Qualifikation... Wir suchen nach einigen Instrumenten, um das Spiel ein bisschen fairer zu gestalten."
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Stichwörter: Edward Snowden

Europa

Pierre Briançon resümiert in Politico.eu die Wahlkampflage in Frankreich. Die Zustimmung für François Fillon  ist von 24 auf 18 Prozent gesunken. Der stärkste bürgerliche Kandidat ist jetzt  Emmanuel Macron. "Die Umfragen verorten Macron bei zwanzig Prozent im ersten Wahlgang, damit läge er sechs Punkte hinter der rechtsextremen Marine Le Pen. Und sie sagen voraus, dass er Le Pen im Zweiten Wahlgang mit 63 Prozent Stimmanteil schlagen würde. Aber die Umfragen machen auch klar, dass das Rennen noch längst nicht vorbei ist."
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