Efeu - Die Kulturrundschau

So beginnen die Farben zu leuchten.

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.02.2017. Auf der Berlinale reißt Aki Kaurismäkis Wettbewerbsfilm "Die andere Seite der Hoffnung" die Kritiker mit. Außerdem kommt Paul Verhoevens "Elle" mit Isabelle Huppert ins Kino, die FAZ geht in die Knie vor der Königin des europäischen Kinos. Im Guardian wünscht sich Edouard Louis ein bisschen Willkommenskultur auch in der Literatur. Die NZZ feiert die akrobatische Gesangskunst der Barbara Hannigan als Lulu in Hamburg.

Bühne


Die große Akrobatin: Barbara Hannigan als Lulu an der Hamburger Staatsoper. Foto: Monika Rittershaus

Klug und exzellent besetzt findet Julia Spinola Christoph Marthalers "Lulu"-Inszenierung an der Hamburger Staatsoper, geradezu umwerfend allerdings das Ausdrucksvermögen der kanadischen Sopranistin Barbara Hannigan, die alle Klischees vom Vamp bis zur dummen Unschuld hinwegfege: "Sie schlingt sich wie eine Pflanze um die Körper, die sie begehrt, hockt dem Gewaltmenschen Doktor Schön wie ein lästiger Lemur im Nacken und lässt sich vom Athleten willenlos durch die Luft schleudern oder zu Boden werfen. Und sie zeigt mit ihrem Körper auch all die Versehrungen, die in der Welt der moralischen Imperative und des zweckgerichteten Handelns einem derart ungeschützten Wesen widerfahren, das halb puppenhafte Kunstfigur, halb unverfälschte Natur zu sein scheint." Weniger überzeugt von der Inszenierung ist Eleonore Büning in der FAZ.

Weiteres: Atemberaubend nennt Ronald Pohl im Standard das Stück "Geächtet" des amerikanisch-pakistanischen Autors Ayad Akhtar im Theater Drachengasse in Wien und rät: "Man sollte Akhtar-Aufführungen nehmen, wo man sie bekommt." Isabella Wallnöfer porträtiert in der Presse den Choreografen Chris Haring, der mit seiner Company Liquid Loft ein "babylonisches Sprachgewirr" errichtet.

Besprochen werden Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Alexander Borodins selten gespielter Oper "Fürst Igor" in Amsterdam (SZ), ein Konzertabend der Sopranistin Angela Denoke im nationaltheater Mannheim (FR) und die Uraufführung von Alexander Eisenachs "Der Zorn der Wälder" am Theater Bonn (taz).
Archiv: Bühne

Literatur

Edouard Louis, Autor des französischen Sensationsdebüt "The End of Eddy" blickt im Guardian auf seine Kindheit zurück, in der Bücher keine Rolle spielten: "Bücher halfen uns nicht, sie drückten uns runter. Ein Buch von Hemingway war von uns aus gesehen brutaler als als ein Bild von Trump in seinem gigantischen goldüberzogenen Wohnzimmer. Das Foto ließ uns von Gold und Reichtum träumen: Meine Mutter verbrachte Stunden damit, sich in Hochglanzmagazinen Bilder von riesigen Häusern anzusehen. Ein Hemingway gab uns nichts zu träumen: Mit ihm hätten wir uns unterlegen gefühlt." Aber, meint Louis, Bücher müssen nicht zwangsläufig eine soziale Barriere sei: "Ich sollte einmal in Oslo einen Vortrag halten. Ich entschied mich für Toni Morrison. Als ich in den Raum kam, war ich verblüfft von der großen Zahl schwarzer Frauen im Publikum. Anschließend unterhielt ich mich mit ihnen: Einige hatten Morrison gelesen, andere nicht - aber alle fühlten sich von ihren Büchern willkommengeheißen."

Weiteres: Im Tagesspiegel verweist Gregor Dotzauer auf eine Diskussion im Onlinemagazin Signaturen über Verständlichkeit und Unverständlichkeit von Lyrik. Kerstin Holm berichtet in der FAZ davon, mit welchen martialischen Posen und bellizistischen Floskeln der russische Schriftsteller Sachar Prilepin sich für Putin stark macht - wogegen sich wiederum Autoren wie Arkadi Babtschenko und Dmitri Bykow aussprechen

Besprochen werden Jonas Lüschers "Kraft" (Tagesspiegel), der Briefwechsel zwischen Astrid Lindgren und Louise Hartung (NZZ), Klaus Merz' Gedichteband "Helios Transport" (FAZ) und Dietmar Daths kleine Fibel "Superhelden" (SZ). Außerdem jetzt online: Thomas Wörtches aktueller Leichenberg.

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unsereraktuellen Bücherschau.

Archiv: Literatur

Musik

Gregor Dotzauer schreibt im Tagesspiegel zum Tod des Jazzpianisten Michael Naura. In der FAZ gratuliert Gerhard R. Koch dem Komponisten John Adams zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden ein Konzert von Apocalyptica (FR), "Magic Life" von Bilderbuch (Standard), ein gemeinsamer Auftritt von Jonathan Nott und Nelson Goerner (NZZ) und das Wiener Konzert der Sterne (Skug).
Anzeige
Archiv: Musik
Stichwörter: Bilderbuch

Kunst


Antonio Calderara, Il Mare, 1958. Kunstmuseum Winterthur.

Als "Reise ins Licht" feiert Philipp Meier in der NZZ eine Schau mit Bildern des italienischen Malers Antonio Calderara im Kunstmuseum Winterthur: "Calderaras Weg von der gegenständlichen Malerei zur Abstraktion ist der Weg vom beleuchteten Objekt zum Licht selber. 'Luce' ist der Schlüsselbegriff für seine Malerei, die geradezu aus sich heraus leuchtet. Für die oft kleinformatigen Tafelbilder auf Holz bediente sich der Maler einer Technik der Tafelmalerei, die aus zahlreichen immer wieder abgeschliffenen Lasuren besteht. So beginnen die Farben zu leuchten."

Nach dem gestrigen Porträt zu Wolfgang Tillmans feiert heute Adrian Searle im Guardian die große Schau des Fotografen in der Tate Modern: "There is music. There is dancing. Bewilderment is part of the pleasure, as we move between images and photographic abstractions. Tillmans asks us to make connections of all kinds - formal, thematic, spatial, political. He asks what the limits of photography are. There are questions here about time, place, belonging, voyeurism, affection, sex. After a while it all starts to tumble through me."

Besprochen wird die Ausstellung "Yokohama. Als die Bilder leuchten lernten" im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst (SZ).
Archiv: Kunst

Film


Neues von der Berlinale: Aki Kaurismäkis "Die andere Seite der Hoffnung" erobert die Herzen der Kritiker im Sturm. Uneins sind sie sich jedoch bei Andres Veiels Dokumentarfilm über Joseph Beuys: Athletische Kompilationsleistung oder doch bloß hemmungslose Hagiografie? Dies und mehr - in unserer Berlinale-Presseschau.

Aus dem alltäglichen Kinobetrieb: Für den Standard unterhält sich Michael Pekler mit James Schamus über dessen Verfilmung von Philip Roths "Empörung". In Berlin wurden neue Studien zum Thema "Gender und Film" präsentiert, berichtet Silvia Hallensleben im Tagesspiegel.

Paul Verhoevens "Elle" startet jenseits der Berlinale nun endlich auch in den deutschen Kino. Isabelle Huppert wächst in dem Film laut FAZ-Kritiker Bert Rebhandl über sich hinaus: "Isabelle Huppert war schon vorher die vielleicht größte europäische Schauspielerin. Mit 'Elle' aber hat sie eine Rolle gefunden, die ihrer Persona noch einmal neue Facetten verleiht und sie zugleich abrundet, wie eine Summe aus all den Erfahrungen, die sie mit ihren Rollen seit 'Loulou' oder 'Der Saustall', seit den siebziger Jahren schon, gemacht hat. Michèle Leblanc ist eine Figur, die nahezu alles enthält, was in ein heutiges Leben passen kann." In der SZ weist Tonias Kniebe darauf hin, dass keine Amerikanerin die Rolle der Michèle spielen wollte, die sich nach einer Vergewaltigung weigert, Opfer zu sein.


Isabelle Huppert in "Elle"

Archiv: Film