9punkt - Die Debattenrundschau

Ansonsten igelt man sich ein

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.10.2016. Auf ZeitOnline trifft Judith Butler eine klare Unterscheidung: Eine öffentliche Versammlung, die keine Diskussionen zulässt, ist ein Mob. In der Berliner Zeitung beschreibt Wilhelm Heitmeyer, wie Populisten Frust in Potenzgefühle umwandeln. In der NZZ weiß der Psychologe Allan Guggenbühl, wie wieder Dynamik in die Gesellschaft kommt: Werft die Jungvögel aus dem Nest! Politico enthüllt, dass Facebook seinen Werbekunden erlaubt, Häuser nur für Weiße anzubieten. Der Guardian berichtet von einem Gerichtsentscheid, nach dem Uber seine Fahrer einstellen muss.

Ideen

Judith Butler propagiert in ihrem neuen Buch die öffentliche Versammlung, bei der Körper öffentlichen Raum besetzen, um ihre Rechte einzufordern ("Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung"). Rina Soloveitchik fragt im Interview für ZeitOnline sehr beharrlich nach, ob dies gleichermaßen für Ägypter, für Occupy und Pegida gelte: "Vielleicht ist es das Wort Versammlung, über das wir nachdenken müssen. Es gibt Massenversammlungen, Massenbewegungen, Massenunruhen und den Mob. Der Mob ist das, wovor wir Angst haben. Wir haben das Gefühl, der Mob sei gewaltbereit, innerhalb des Mobs wird nicht diskutiert oder verhandelt. Bei der Versammlung ist das anders. Hannah Arendt sah die Versammlungen in Griechenland und Rom als wichtigen Moment am Anfang einer Demokratie... Wir müssen in der Lage sein, zwischen Versammlungen zu unterscheiden: Zwischen denen, die reflektiert und einschließend sind und versuchen, Formen der demokratischen Partizipation und Debatte vorzuleben. Und eben jenen, die die Demokratie aufgeben."

In der taz verteidigt Martin Reichert Friedenspreisträgerin Carolin Emcke gegen ihre Kritiker: "Eigentlich wird ihr zum Vorwurf gemacht, dass sie das Richtige sagt, dass sie eine predigende Moralsuse ist. Klassenkeile für Emcke, die mal wieder den schönsten Aufsatz von allen geschrieben hat und nun auch noch einen Preis dafür bekommt."
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Internet

Für große Empörung sorgt bereits ein Bericht von Julia Angwin und Terry Parris Jr. auf Propublica, wonach Facebook seinen Werbekunden erlaubt, Schwarze, Asiaten und Latinos als Zielgruppe auszuschließen, wie sie am Beispiel einer Werbung zeigen können, auf das sie im Kundenportal gestoßen sind: "Das Angebot zielte auf Facebook-Mitglieder, die ein Haus suchten und schloss jeden aus, der eine 'Affinität' für schwarze, asiatische oder hispanische Amerikaner zeigte. Als wir Facebooks Ausschluss-Optionen dem prominenten Bürgerrechtsanwalt John Relman zeigte, schnappte er nach Luft und sagte: 'Das ist erschreckend und absolut illegal. Das ist ein klarer Verstoß gegen das Fair Housing Gesetz.'"
Ein Sprecher von Facebook erzklärte, sie hätten die Kategorie "ethnische Affinität" zwei Jahre zuvor als Teil eines "multikultureller Werbung" eingeführt.

Im Guardian berichtet Hilary Osborne von einem wegweisenden Urteil, nachdem ein britisches Gericht dem Dienst Uber untersagt hat, seine Fahrer als selbstständig zu deklarieren und ihnen nicht einmal den Mindestlohn zu zahlen: "Der Mintnahme-Dienst kann nun von seinen 40.000 Fahrer in Britannien verklagt werden, die derzeit kein Anrecht auf Urlaubsgeld, Pensionen oder andere Arbeitnehmerrechte haben." Uber hat bereits Berufung gegen das Urteil eingelegt.

Weiteres: Groß ist die Freude bei Markus Beckedahl auf Netzpolitik, dass Günther Oettinger zum EU-Haushaltskommissar aufsteigt: "Das ist die Chance, jemand Kompetentes zum Digitalkommissar zu machen!" Bestürzend einseitig nennt Ingo Dachwitz allerdings ebenfalls auf Netzpolitik, wie die Medienkonvergenz-Kommission bisher das Verbot von Werbeblockern behandelt hat, nämlich strikt im Sinne von Verlegern anderen "Stakeholdern",  nicht aber Verbraucher- oder Datenschutzorganisationen. 
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Religion

In der FAZ fürchtet Christian Geyer wieder um die theologische Zuverlässigkeit von Papst Franziskus, der mit seinen moderneren Auffassung der Ehe "die katholische Sakramentenordnung" mit "pastoralem Federstrich" auszuhebeln drohe. Holger Christmann berichtet ebenfalls in der FAZ, wie sich der Streit um den Jerusalemer Tempelberg in der Unesco wieder einmal zuspitzt.
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Gesellschaft

Im Interview mit Arno Widmann in der Berliner Zeitung weist der Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer darauf hin, dass Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus bis in die Mitte der Nuller Jahre eigentlich abgenommen hatten: "Wir hatten ihn gemessen mit Fragen nach Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und autoritärer Aggression. Danach stellte sich ein Potenzial von 20 Prozent in der Bevölkerung heraus. Zwischen 2009 und 2011 stiegen bei diesem Potenzial die wahrgenommene Einflusslosigkeit als ein Grundelement von Wut, die Bereitschaft an Demonstrationen teilzunehmen sowie die individuelle Gewaltbereitschaft deutlich an. Das war vor dem Aufkommen von Pegida oder AfD. Die Mobilisierungsakteure haben es geschafft, die individuellen Ohnmachtsgefühle in kollektive Machtgefühle zu verwandeln."

Der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl wundert sich gar nicht, dass die Jugend heute keine Lust mehr auf Rebellion hat, so verwöhnt wie sie heute ist. An der mangelnden Dynamik, meint Guggenbühl, seien aber auch die Älteren schuld, die ihre jungen Vögel nicht aus dem Nest schubsten: "Die ältere Generation hat die Aufgabe, Grenzen zu markieren, Widerstand zu leisten, Debatten und emotionale Aufregungen zu provozieren, damit die Jugend die Selbständigkeit proben und in der Abgrenzung die Individualität schärfen kann."
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Medien

Dem Guardian geht es trotz heftigen Sparkurses kaum besser, berichtet Alex Spence auf Politico: "After a summer of steep job losses, staff in the Guardian newsroom are anxious about their future, but there may be worse to come. The loss-making paper is burning through cash at an alarming rate - £48 million in negative cashflow in the first half of the latest financial year, according to internal figures seen by Politico - and insiders say they're gravely concerned despite management's assurances that costs are being brought under control."

In der SZ meldet Hans Hoff, dass die Öffentlich-Rechtlichen um die Senkung der Rundfunkgebühren herumkommen, aber nicht mehr um die Strukturreformen, die jetzt sogar die Ministerpräsidenten einfordern: "Sie stört vor allem, dass die großen Anstalten im warmen Schatten ihres Verfassungsauftrages vor allem dem Prinzip folgen, stets nur das zu verändern, was sie unbedingt verändern müssen. Ansonsten igelt man sich ein in einer gewissen Uns-kann-doch-keiner-was-Mentalität." Joachim Huber weist im Tagesspiegel allerdings darauf hin, dass ARD und ZDF säumigen Gebührenzahlern jetzt allerdings als "milderes Mittel" Inkasso-Unternehmer auf den Hals hetzen.

Weiteres: In der SZ staunen David Pfeifer und Katharina Riehl, wie es die neuen Magazine zu Mindstyle oder Achtsamkeit - Happinez, Flow, Happy Way, Ma Vie, Herzstück - schaffen, die Welt draußen zu halten und sich nur dem Ich zu widmen.
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