9punkt - Die Debattenrundschau

Faschismus-Kolonialismus-Kapitalismus?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.10.2016. Wenn es zwischen Russland und den USA kracht, dann in Syrien, meint Dmitri Trenin in der Welt. Warum sollte Putin auch Kompromisse machen, wenn wir selbst nicht an die universalen Menschenrechte glauben, fragt sich die Zeit. Statt Werten haben wir nur noch eine zur Geldwirtschaft entdifferenzierte Vernunft zu bieten, sekundiert in der NZZ Adolf Muschg. In der New York Times beklagt Chimamanda Ngozi Adichie den Zustand Nigerias. In der Zeit erklärt die Bürgerrechtlerin Michelle Alexander, warum Schwarze in den USA so selten wählen.

Politik

Wenn es zwischen Russland und den USA kracht, dann in Syrien, meint der russische Militärspezialist Dmitri Trenin in der Welt. Aber was will Putin eigentlich? Er will, so Trenin, "den Gegner in eine Lage manövrieren, die für Moskau akzeptabel ist. Das Resultat wäre eine Art der Partnerschaft, die in Form und Inhalt Russland geben würde, was Putin sich wünscht: einen Sicherheitspuffer in der Ukraine und den Großmachtstatus."

In der Zeit, die einen kleinen Schwerpunkt zu Syrien hat, halten Andrea Böhm und Michael Thumann Putins Handeln für allein machtpolitischem Kalkül geschuldet. Gepaart mit einer Verachtung für den Westen, der selbst nicht an seine universalen Werte glaube: "Ob Frankreichs Präsident François Hollande nun droht, den Internationalen Strafgerichtshof einzuschalten, oder Großbritannien mit militä­rischen Schritten in Aleppo droht - für Moskau sind das nichts weiter als rhetorische Nebel­kerzen, um kurzfristige Empörungswellen in der EU Öffentlichkeit zu glätten. Und tatsächlich ist bislang nichts geschehen, was diese russische Sicht der Dinge ins Wanken bringen würde."

In der Berliner Zeitung hat Götz Aly schon vor drei Tagen nicht nur jedes militärische Eingreifen, sondern auch alle Sanktionen gegen Russland abgelehnt. Es führe schließlich nur Krieg gegen den Terror: "Von der syrischen Opposition ist bis heute kein Gesicht, keine demokratische Regierungsalternative auch nur entfernt sichtbar geworden. De facto hat diese Opposition jahrelang mit dem militärisch schlagkräftigen Islamischen Staat gegen Assad kooperiert."

Muhammadu Buhari hatte nach seiner Wahl zum Präsidenten Nigerias eine echte Chance, die notorische Korruption im Land auszumerzen und demokratische Verhältnisse auf allen Ebenen herzustellen. Doch er hat sie vertan, klagt die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie in der New York Times: Korruption, Gewalt und Autoritarismus blühen. "Nigerians who expected a fair and sweeping cleanup of corruption have been disappointed. Arrests have tended to be selective, targeting mostly those opposed to Mr. Buhari's government. The anti-corruption agencies are perceived not only as partisan but as brazenly flouting the rule of law: The Department of State Security recently barged into the homes of various judges at midnight, harassing and threatening them and arresting a number of them, because the judges' lifestyles 'suggested' that they were corrupt."
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Ideen

Für westliche Gesellschaften sind extremistische Muslime eine Herausforderung. Wie kann man heute noch so der Religion verhaftet sein? Und was haben wir dem entgegenzusetzen? Nicht viel, meint der Schweizer Autor Adolf Muschg in der NZZ: "Die Entdifferenzierung der Vernunft zur Geldwirtschaft ist von einer nicht weniger weitgehenden Entsozialisierung der globalen Gesellschaft begleitet. Man kann offensichtlich Konfliktquellen nicht mit Geld verstopfen, ohne zugleich den Boden der Zivilisation auszutrocknen und zu veröden. Wenn westliche Staatsmänner, in Gesellschaft wichtiger Wirtschaftsvertreter, autoritäre Staaten bereisen, ist es eine Pflichtübung, den dortigen Umgang mit Menschenrechten anzumahnen ... Angesichts der westlichen Praxis, der ein - sagen wir - Konfuzianer dann wirklich begegnet, wird er diese Erklärung nicht ernst nehmen müssen. Er kann sich darauf verlassen, dass die Geschäftspartner für ihre erklärten Werte keine Opfer bringen. Ihre Freiheiten sind handel- und verhandelbar."

Im Interview mit dem Tages-Anzeiger kritisiert der krebskranke Schweizer Autor Thomas Hürlimann scharf die neue "Moralschwemme" und das Verschwinden religiöser Symbole aus dem öffentlichen Raum: "Das ist eine Entwicklung, die mich beängstigt. Wir selber holen die Kreuze herunter. Aber wir werden uns noch wundern: Zuerst sterben die Zeichen, dann sterben wir ihnen hinterher. Wenn das Kreuz fällt, fallen auch wir."

Europäische Populisten haben wenig Sympathien für Donald Trump. Der Hauptgrund, meint Ivan Krastev in der New York Times: Als Globalisierungsgegner mache Trump auf sie keine überzeugende Figur. "In our increasingly Anglophone world, Americans have become nakedly transparent to English speakers everywhere, yet the world remains bafflingly and often frighteningly opaque to monolingual Americans. While the world devours America's movies and follows its politics closely, Americans know precious little about how non-Americans think and live. ... Mr. Trump's problem is that while many Americans are ready to believe that America is a prime victim of globalization, the rest of the world is unwilling to go along. After all, the world that many Americans today resent is the world that the Americans made."

Im Freitag empfiehlt Oliver Nachtwey, der selbst gerade einen vielgelobten Band über die "Abstiegsgesellschaft" vorgelegt hat, ein Buch des ehemaligen Chefökonoms der Weltbank, Branko Milanović, über "Die ungleiche Welt": gut lesbar, empirisch elegant und global umfassend. Etwas seltsam hört sich allerdings Milanovics Vorschlag an, wie Migranten im Westen auch in den unteren Schichten leichter akzeptiert werden könnten: "Migranten würden ohnehin diskriminiert, auf dem Arbeitsmarkt wie auch hinsichtlich ihrer staatsbürgerlichen Gleichheitsansprüche. Man könne im Tausch für eine vereinfachte Migration die Diskriminierung auch formalisieren, Migranten quasi offiziell zu Bürgern machen, die höhere Steuern zahlen und weniger Rechte haben. Die Migranten würden sich gegenüber der Lebenslage ihres Herkunftslands besserstellen, und man würde zugleich die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöhen."

Ebenfalls im Freitag empfiehlt Wolfgang Michal Carola Dietzes Studie über "Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858 - 1866"
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Kulturpolitik

Stirnrunzelnd geht Zeit-Kritiker Thomas E. Schmidt durch die Ausstellung "Uncertain States. Künstlerisches Handeln in Ausnahmezuständen" in der Berliner Akademie der Künste. Warum werden künstlerische Zeugnisse von Vertreibungs-, Flucht- und Kriegserfahrungen der heutigen Zeit neben solche aus der Nazizeit gestellt? Ist das alles dasselbe? "Ist die Situation im Westjordanland, auf die sich Taysir Bathiji oder Arkadi Zaides in ihren Foto- und Videoarbeiten beziehen, wirklich mit 1933 vergleichbar? Auch der Protest von Reza Aramesh gegen koloniale Unterdrückung? Richard Mosses Fotos von kongolesischen Dörfern, aufgenommen mit Militär Infrarotfilmen, die Gewalt im Irak, die männliche Aggression - läuft das alles in einen Ursprung zurück: Faschismus-Kolonialismus-Kapitalismus? Nein, es ist nicht alles dasselbe, und es hat auch nicht alles denselben Ursprung 1933."
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Stichwörter: Kolonialismus, Faschismus, Irak

Gesellschaft

 Im Interview mit der Zeit windet sich die schwarze amerikanische Juristin, Bürgerrechtlerin und Autorin Michelle Alexander aus allen Fragen heraus, die die Eigenverantwortung für die unverhältnismäßig hohe Anzahl inhaftierter schwarzer Amerikaner betreffen. Aber sie macht auch sehr deutlich, wie tief die Diskriminierung Schwarzer in den USA verankert ist, die in einigen Bundesstaaten mit den Gefängnisstrafen auch ihr Wahlrecht verlieren: "Lassen Sie es mich am Beispiel des jungen Jarvious Cotton erzählen, von dem ich in meinem Buch berichte:  Sein  Ururgroßvater  war ein  Sklave ohne Wahlrecht, sein Urgroßvater wurde auf dem Weg zur Wahlurne vom  Ku-Klux-Klan erschlagen, sein Großvater durch Einschüchterung am Wählen gehindert. Sein Vater durch die Wahlsteuer und Lese- und Schreibtests. Und er selbst kann in Mississippi nicht wählen, weil er eine Strafe auf Bewährung verbüßt. Unsere ganze Geschichte hindurch bilden sich rassische Kastensysteme, die Afroamerikaner aus der Mehrheitsgesellschaft ausschließen, immer wieder neu."
Archiv: Gesellschaft