Efeu - Die Kulturrundschau

Das Publikum lachte durch

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20.10.2016. Auf ihrem neuen Album gelingt der schwedischen Band Meshuggah die Versöhnung von Musik und Mathematik mit den Mitteln des Metal, jubelt die Welt. Bei René Polleschs "Volksbühnen-Diskurs Teil 1" erleben die Kritiker Schrumpfen als kulturpolitischen Protest. Uneins sind sie sich in der Bewertung von Johannes Nabers düsterer Märchenverfilmung "Das kalte Herz": schaurig-schön oder lauwarm und bequem? Düsseldorf könnte sein Herz verlieren, mahnt die FAZ angesichts von Abriss- und Neubauplänen des Schauspielhauses.

Bühne


Tapferste Kommunikationsschleifen: Trystan Pütter, Milan Peschel und Martin Wuttke im "Volksbühnen-Diskurs Teil 1" (Foto: Leonore Blievernicht)

"Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc. Kurz: Volksbühnen-Diskurs. Teil 1: Ich spreche zu den Wänden" lautet der Titel des ersten Teils von René Polleschs neuer Arbeit an (noch) Castorfs ihr eigenes Verglühen zelebrierender Volksbühne. Zu sehen gibt es dabei: Drei Gestalten in roten Stramplern und "das Thema, wenn es denn eines gibt", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel, "ist die Volksbühne. Stück und Theater beschäftigen sich exklusiv mit sich selbst. 'Ich fand es ganz toll, aber ich habe nichts verstanden', heißt das Mantra. ... Das Publikum hockt auf dem harten Boden und amüsiert sich. Es ist durchtrainiertes Volksbühnenpublikum. Wer sich zufällig nicht auskennt in den Befindlichkeiten des Hauses, hat keine Chance. Der geistige Raum, das Theatererleben wird freiwillig geschrumpft. Das wissen sie und wollen sie, und sie machen Außenstehende dafür verantwortlich. Schrumpfen als kulturpolitischer Protest."

"Das Publikum lachte durch", meldet auch Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung, der ebenfalls nicht ununterhalten von dem Abend nach Hause kam. "Das Nicht-Verstehen wird verlässlich durch dem Umstand verstärkt, dass über weite Strecken des Diskurses zwei der drei Spieler gleichzeitig verschiedene Sachen sagten. Und dies auf eine so verdammt komische Weise, dass sowohl der Einzelne als auch das Publikum über das virtuos Doppelt-gesprochen-Unverständliche die vergleichsweise einfach gestellte Frage längst wieder vergessen hat. Was herrlichste Wutausbrüche und tapferste Kommunikationsschleifen zur Folge hat."

Entsetzt nimmt FAZler Andreas Rossmann zur Kenntnis, dass Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel angesichts steigender Kosten bei der Sanierung des Schauspielhauses Düsseldorf dessen Abriss und Neubau, womöglich auch an anderer Stelle, ins Gespräch bringt: Ein "Skandal", so Rossmann und spekuliert über Hintergründe: "Der Gründgens-Platz und die Tiefgarage, die die Verschiebungsspirale anstieß, gehören bereits einem Investor, und so liegt die Vermutung nahe, dass sich seine Begehrlichkeiten auf das Grundstück dahinter erstrecken. Der Ausverkauf der Stadt hat begonnen, Düsseldorf könnte sein Herz verlieren."

Weiteres: Für die taz spricht Timo Lehmann mit Georg Nussbaumer und "Alf"-Erfinder sowie Beuys-Sammler Tom Patchett, die gemeinsam an einem Theaterstück über Joseph Beuys arbeiten, bei dem alle Figuren Hasenkostüme tragen.

Besprochen werden eine Wiener Aufführung von Christoph Willibald Glucks Oper "Armide" (FAZ), Thomas Jollys Inszenierung von Francesco Cavallis "Eliogabalo" an der Paris Oper (Welt) sowie Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" und Gogols "Die Nase" am Schauspiel Hamburg (SZ).
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Literatur

Im Aufmacher des Zeit-Feuilletons findet Adam Soboczynski das neue Buch der Friedenspreisträgerin Carolin Emcke "Gegen den Hass" in seinem Beharren auf rassistischen und geschlechtlichen Kränkungen ziemlich soßig: "Man hat das ungute Gefühl, dass bei Emcke abgeleitete Oberflächenprobleme als zentrale begriffen werden, während die sozialen hard facts ganz in den Hintergrund rücken."

Weitere Artikel: Dirk Knipphals (taz), Joachim Güntner (NZZ) und Gerrit Bartels (Tagesspiegel) flanieren übers Gelände der Frankfurter Buchmesse. Im Freitag führt Thomas Hummitzsch durch die lateinamerikanische Gegenwartsliteratur. Auf Tell bietet der Übersetzer Frank Heibert einen Einblick in die Probleme, die sich ihm bei der Arbeit an Don DeLillos neuem Roman "Null K" stellten. Sabine Vogel spricht in der Berliner Zeitung mit dem Lyriker Ulf Stolterfoht über die Beschwerlichkeiten, einen Lyrikverlag zu führen. Sieglinde Geisel denkt auf Tell über Trivialliteratur und Guilty Pleasures nach. In der FR stellt Olaf Velte die Altaquito Publikationen vor. Anna Steinbauer besucht für die SZ Albert Eibls in Wien ansässigen Verlag Das Vergessene Buch, der sich auf Wiederveröffentlichungen von Romanen vom Anfang des 20. Jahrhunderts spezialisiert hat. Für die NZZ besucht Marta Kijowska das einstige Gut des polnischen Schriftstellers Jaroslaw Iwaszkiewicz. Elfriede Jelinek zum Siebzigsten gratulieren Verena Mayer (SZ),Daniela Strigl (NZZ) und Irene Bazinger (FAZ). Außerdem unterhält sich Barbara Villiger Heilig in der NZZ mit dem Regisseur Nicolas Stemann über Jelinek als Theaterautorin.

Besprochen werden unter anderem Imre Kertészs "Der Betrachter - Aufzeichnungen 1991-2001" (Tagesspiegel), John le Carrés Autobiografie "Der Taubentunnel" (FR, unsere Besprechung hier), Nathan Hills "Geister" (Freitag), Leon de Winters "Geronimo" (SZ) und Hermann Kinders Roman "Porträt eines jungen Mannes aus alter Zeit" (NZZ).

Mehr aus dem literarischen Leben auf:

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Kunst

Besprochen werden die Ausstellung "Barock - Nur schöner Schein" im Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim (taz) und die Ausstellung "Der Spiegel der Anderen" in der Galerie Kunstpunkt in Berlin (Tagesspiegel).


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Stichwörter: Der Spiegel

Musik

Michael Pilz ist in der Welt hin und weg von "The Violent Sleep of Reason", dem neuen Album der schwedische Band Meshuggah, die seit dreißig Jahren an der Versöhnung von Musik und Mathematik mit den Mitteln des Metal arbeiten: "Bevor jetzt wieder einer kommt und sagt, Musik sei eben erst Musik, wenn man sie nicht berechnen könne, muss man nur beim Hören des nobelpreiswürdigen Meisterwerks zwei schlaue Schriften lesen: 'Harmoniegefühl und Goldener Schnitt' von Friedrich Bösenberg, der bereits 1911 vorrechnete, dass nichts schöner klingt als eine Quinte oder, wie man sie im Metal nennt, ein Powerchord. In 'Swing Ratios and Ensemble Timing in Jazz Performance', einem Aufsatz von 2002, beschreibt der Schwede Anders Friberg die im Swing wirkenden Algorithmen. Aber eigentlich muss man nur ganz genau hinhören, um zu wissen, dass Musik die Sprache der Mathematik ist und die Welt, wenn jeder diese Sprache spräche und verstünde, bestimmt eine bessere wäre."

Hier eine Hörprobe:



In der Zeit würdigt der Autor und klassische Gitarrist Andreas Maier den Liedermacher Wolf Biermann als genialen Gitarristen und Komponisten: Wenn ihn seine Riffs nicht gerade an Motörhead erinnern, dann sind seine Kompositionen "in ihren harmonischen Stellen oft lupenreines 19. Jahrhundert, erste Hälfte, in ihren komplexeren Passagen aber wesentlich moderner, manchmal sogar einfach von Griffmustern ausgehend. Eine der berühmtesten Etüdensammlungen für die klassische Gitarre, nämlich die Douze Études von Heitor Villa-Lobos, dem weltbekannten brasilianischen Komponisten (1887 bis 1959), beruht in Teilen auf derselben Kompositionstechnik."

Weiteres: Simon Tönies berichtet in der SZ von den Donaueschinger Musiktagen (mehr dazu im gestrigen Efeu). In der SZ schreibt Claus Lochbihler zum Tod des Dirigenten Claus Ogerman.

Besprochen wird ein Auftritt von The Cure (taz, Tagesspiegel, Berliner Zeitung).
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Film


Die ganze Finsternis: Frederick Lau und Moritz Bleibtreu in "Das Kalte Herz"

Mit einiger finsterer Bildgewalt hat Johannes Naber Wilhelm Hauffs Kunstmärchen "Das kalte Herz" neuverfilmt. Hier geht es um "die düster glimmende spätromantische Essenz der Geschichte", erklärt Gunda Bartels im Tagesspiegel dazu. Nebenbei werde der Kapitalismus an den Pranger gestellt, was den Film sehr heutig mache: "Hier ist die Harmonie des Erdenlebens an sich zerbrochen, die paradiesische Einheit von Mensch und Natur für immer verletzt, ganz ohne christlichen Adamsapfel im Garten Eden. Die Industrialisierung und mit ihr der Raubbau zum Zweck gieriger Profitmaximierung - das ist der wahre Sündenfall."

"Auf dem Umweg über die schwarzromantische Ästhetik des deutschen Stummfilms der Zwanziger rettet er die ganze Finsternis und das Subversive des Munk-Märchens in die Gegenwart", staunt auch Elmar Krekeler in der Welt: "Das ist kein Kinderfilm. Das ist auch kein Märchenfilm. Das ist großes Kino."

Tilman Spreckelsen von der FAZ ist hingegen nicht ganz so angetan von diesem "angestrengt düsteren" Film und erst recht nicht von dessen hinzugedichteter Liebesgeschichte, die den Film eher lähme: "Der Aufwand ist groß, die Kostüme nett, der Wald düster, und wer Splatterfilme mag, kommt wahrscheinlich ein wenig auf seine Kosten. Aber all dies ist so lauwarm und bequem, dass dem Text, dem Stoff und eigentlich auch dem Film der Zahn gezogen wird. So dass wir über uns und unsere Zeit rein gar nichts erfahren." Für die SZ bespricht Fritz Göttler den Film. In der taz spricht Jenni Zylka mit dem Regisseur.

Weiteres: Andreas Busche schreibt im Freitag über die restauriert wiederveröffentlichten Agfacolor-Melodramen, die Veit Harlan in Nazi-Deutschland gedreht hat. In der taz empfiehlt Fabian Tietke eine im Berliner Zeughauskino gezeigte Reihe mit Filmen aus den deutschen Kolonien.

Besprochen werden Pierre Bismuths Kunst-Dokumentarfilm "Where is Rocky II?" (taz), Bruno Dumonts Sozialgroteske "Ma Loute" (NZZ), Dani Levys Komödie "Die Welt der Wunderlichs" (NZZ), Gavin O'Connors "The Accountant" (Welt), Jeremy Saulniers auf DVD veröffentlchter Horror-Thriller "Green Room" (taz) und der neue "Bridget Jones"-Film (SZ, Tagesspiegel, Tages-Anzeiger).
Archiv: Film