9punkt - Die Debattenrundschau

Wo schon das Fahrrad ein Tabu ist

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.10.2016. Nach dem Brexit werden die Tories zu einer Art Regierungs-UKIP: Unternehmen sollen ausländische Mitarbeiter melden, Experten, die nicht Briten sind, werden angeblich nicht mehr konsultiert. Das Brexit-Fieber wird "heiß, irrational und hässlich", schreibt der Guardian. Thomas Schmid zieht in seinem Blog eine Lehre aus dem Erfolg der polnischen Proteste gegen das Abtreibungsverbot. Die SZ erzählt die Geschichte der Pakistanerin Qandeel Baloch , die von ihrem Bruder ermordet wurde, weil sie ein Star sein wollte.

Europa

Thomas Schmid zieht in seinem Blog Lehren aus dem Widerstand polnischer Frauen gegen das totale Abtreibungsverbot, das von einer rechtspopulistischen, national-katholischen Regierung betrieben wurde: "Sie waren eben nicht wehrlos. Die Mühelosigkeit, mit der der Protest zustande und zu einem Erfolg kam, beweist, dass der liberale Wandel, auch Wertewandel, in der Gesellschaft gewissermaßen gegenständlich geworden ist. Keine Kraft kann sich einfach über ihn hinwegsetzen und die Gesellschaft in den Opferstatus zurückzuschicken."

Statt nach der Brexit-Entscheidung eine einigermaßen vernünftige Art des Gebarens an den Tag zu legen, gestaltet die britische Regierung den Abschied von der EU nun immer härter, schreibt Jonathan Freedland im Guardian - EU-Ausländer in Britannien bekommen es deutlich zu spüren: "In dieser Woche signalisierte die Regierung ausländischen Ärzten und Studenten, dass sie hier nicht länger erwünscht seien, und sie verwarnte global tätige Unternehmen, dass man sie bloßstellen werde, wenn sie weiterhin auf einen internationalen Pool an Talenten zurückgriffen. Am Freitag teilte die London School of Economics mit, dass die britische Regierung nicht mehr auf nicht-britische Experten zurückgreifen wolle. Das Außenministerium dementierte. Aber der Wunsch, uns von den Ausländern zu befreien scheint zu einem Fieber zu werden: heiß, irrational und hässlich."

Wieviel Karacho in diesem Thema steckt, zeigt sich daran, dass der Artikel über den angeblichen oder tatsächlich geplanten Ausschluss nicht britischer Experten im Guardian 11.000 mal kommentiert wurde!

In der SZ erinnert Alexander Hagelüken an ein Faktum, das inzwischen fast in Vergessenheit geraten ist: Großbritannien selbst "holte in den Nullerjahren massenhaft Osteuropäer ins Land, die die Arbeit erledigten, die Einheimische liegen ließen. Ironischerweise verzichteten die betont liberalen Briten anders als die Deutschen auf die Brüsseler Ausnahmeregel, die die Zuwanderung nach der EU-Osterweiterung ein paar Jahre begrenzt hätte. Die Briten wollten diese Zuwanderer explizit."
Archiv: Europa

Gesellschaft

Erotische Graffitti sorgen in Brüssel für Aufsehen und Diskussionen, medet France Culture auf Twitter.

Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Brüssel

Medien

(Via turi2) Der prominente Autor Constantin Seibt verlässt den Tages-Anzeiger, um ein eigenes journalistisches Projekt aufzubauen, das sich finanziell sogar rechnen soll. Im Gespräch mit Edith Hollenstein von persoenlich.com erklärt er seine Beweggründe für seinen Entschluss, unabhängig zu arbeiten: "Folgt man der Spur des Geldes, wird schnell klar, dass die großen Verlage den Journalismus verlassen: Sie bauen sich in hohem Tempo in Internet-Handelshäuser um. Die einzigen, die noch in den Kauf von Medien investieren, sind Milliardäre - mit oder ohne politische Agenda. In den USA sind das etwa Leute wie Jeff Bezos, Pierre Omidyar oder Warren Buffet."

Leonhard Dobusch von Netzpolitik vertritt den Bereich "Internet" im ZDF-Fernsehrat und berichtet ohne einen Schatten von Kritik von der Legitimationssuche des Senders im Netz. Eine Professorenstudie, die auf Auftrag des Senders die Ausbreitung der Öffentlich-Rechtlichen im Internet flankieren soll, gebe eine unterstützenswerte Entwicklungsrichtung vor. Und Dobuschs Referat liest sich dann so: "Medienvielfalt im digitalen Raum macht öffentlich-rechtliche Medien nicht überflüssig, vielmehr wären diese umso stärker als 'institutioneller Vertrauensanker im komplexen Mediengeschehen' (S. 67) gefordert. Für die Erfüllung dieser Rolle sind jedoch viele der bestehenden Einschränkungen öffentlich-rechtlicher Rundfunkangebote im Internet wie zum Beispiel notwendiger 'Sendungsbezug' kontraproduktiv." Früher waren die knappen Frequenzen Legitimation für die Sender, heute ist es also die Medienvielfalt! Hier die über hundertseitige Studie als pdf-Dokument.

Außerdem: In der NZZ stellt Inga Rogg, das Radio Dange Nwe vor, die "Neue Stimme" vor, das mit Hilfe westlicher NGOs eine neu entsehende Medienlandschaft im Irak mitgestaltet. Und Heiko Zwirner besucht für die Welt eine Ausstellung zu den Nominierten für die Lead Awards 2016 in den Hamburger Deichtorhallen.
Anzeige
Archiv: Medien

Religion

FAZ-Redakteur Patrick Bahners, der selbst ganz gerne als "Islamexperte" ("Die Panikmacher") unterwegs ist, attackierte bereits gestern in der FAZ den Autor und Pädagogen Ahmad Mansour, der ihm zu religionskritisch ist, mit den Worten: "Experte ist kein Ausbildungsberuf." Mansour behaupte, dass schon der in Moscheegemeinden um die Ecke gelehrte Islam, und nicht erst der Salafismus problematisch sei: "Unterstellen wir einmal, dass Mansour damit recht habe: Man sieht sofort, dass die Bekämpfung eines so weit verbreiteten Islamverständnisses außerordentlich schwierig werden müsste, wenn weiterhin die Regeln des Grundgesetzes gelten sollten, wonach der Staat in Glaubensfragen nicht hineinregieren darf. "
Archiv: Religion

Politik

Qandeel Baloch, ein pakistanisches Starlet, Youtube-Star und Verkörperung der Sehnsucht, an einer globalisierten Moderne teilzuhaben und Spaß im Leben zu haben, wurde vor einigen Monaten von ihrem Bruder ermordet, weil sich seine Familie - und welche Hintermänner auch immer - von ihr in ihrer Ehre gekränkt fühlte Unsere Resümees). Tobias Matern legt darüber in der SZ eine große, online multimedial aufbereitete Reportage vor, illustriert mit Fotos von Jakob Herr: "Qandeel stammt aus dem Pakistan jenseits der komfortablen Nische. Ihr Leben beginnt so wie das Leben von Millionen anderen Mädchen im Land. 1990 als Fouzia Azeem geboren, wächst sie in einem kleinen Dorf auf, im Punjab, dem Brotkorb des Landes. Der Vater ist, wie so viele, Bauer. Er hat zwei Frauen, sie ist das jüngste seiner 13 Kinder. Schon als kleines Mädchen ist sie: anders. Sie will den Vater öffentlich umarmen, aber das ziemt sich nicht. Wenn sie sich etwas in den Kopf setzt, verfolgt sie es mit größter Wucht, sie fährt später sogar Motorrad in einem Land, in dem schon das Fahrrad ein Tabu ist für viele Frauen."
Archiv: Politik
Stichwörter: Qandeel Baloch, Pakistan